Haubold, Frank W. – Schatten des Mars, Die

Die Menschheit in einer nahen Zukunft: Die Welt steht im Zeichen von Krieg und Zerstörung. Martins Freund Steve kommt im Kindesalter mit seinen Eltern bei einem Terroranschlag ums Leben. In Gedenken an seinen Freund, der davon träumte, Astronaut zu werden, widmet sich Martin ebenfalls der Raumfahrt. Bereits in seiner Jugend konstruiert er zusammen mit seinen Freunden Jeff und Nikos eine Rakete, später führt ihn sein Weg zur Air Force.

In Deutschland erleidet auch Julius Fromberg einen schlimmen Verlust, als seine Freundin Julia nach einem Sturz auf dem Heuboden stirbt. Julis widmet sein Leben der Forschung. Er studiert Informatik und spezialisiert sich auf die Entwicklung künstlicher Intelligenzen. Sein Traum ist die Erschaffung eines Bewusstseins, das seiner geliebten Julia zum Verwechseln ähnlich sieht und ihren Platz einnehmen kann. Seine Forschungen machen beeindruckende Fortschritte, doch bald muss Julius einsehen, dass ihn sein Ziel vor ein moralisches Dilemma stellt.

Währenddessen kehrt die gefeierte russische Primaballerina Lena, die mittlerweile zum Star des American Ballet Theatre in New York geworden ist, mit inzwischen 46 Jahren für einen Auftritt in ihre Heimat zurück. Ihre Reise beginnt verheißungsvoll mit dem Wiedersehen ihres Jugendfreundes und endet dramatisch mit einem Anschlag während der Aufführung. Lena überlebt, verliert jedoch beide Beine.

Die Wege dieser Menschen führen sie schließlich auf den Mars. Martin ist der erste Mensch, der den roten Planten betritt, der von da an von immer mehr Menschen besiedelt wird. Julius Fromberg entwickelt die Rummdogs, die als mechanische Spürhunde fungieren. Die gläserne Stadt, ein mystischer Ort unter der Oberfläche des Mars, bedeutet für viele Menschen neue Hoffnung …

Altmeister Ray Bradbury und seine [Mars-Chroniken]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1294 standen unzweifelhaft Pate für diesen Roman, der sich aus einer Reihe von Erzählungen zusammensetzt. Die Besiedelung des Mars ist das Oberthema, der Fokus liegt jedoch vor allem auf der Entwicklung verschiedener menschlicher Schicksale.

|Bunte Schicksale in mehreren Handlungssträngen|

Der Astronaut Martin, der geniale Erfinder Julius und die Balletttänzerin Lena sind die drei zentralen Gestalten des Werkes. Sie alle haben schwere Schicksalsschläge erlitten, die ihr Leben deutlich geprägt haben. Martin muss in früher Jugend nicht nur den Tod seines Freundes verwinden, sondern auch den des schwerkranken Vaters. Der einstige Marine verliert aufgrund seiner Krankheit nicht nur die Arbeit, sondern zieht sich auch mehr und mehr von seiner Familie zurück. Der zwölfjährige Martin gibt die Hoffnung auf eine Heilung lange Zeit nicht auf, muss jedoch miterleben, wie sich sein Vater zu einem körperlichen Wrack wandelt, das nur noch am seidenen Faden im Leben schwebt. Eine verwirrende Begegnung mit einer Wahrsagerin auf einem Jahrmarkt nimmt die schweren Prüfungen voraus, die ihm in Zukunft bevorstehen. Die Welt, in der Martin heranwächst, ist geprägt von Krieg und Gewalt, doch bei alldem lässt er nie sein großes Ziel, den Mars, aus den Augen.

Julius Fromberg ist schon als Kind ein Einzelgänger, der sich mit Technik auseinandersetzt. Soziale Kontakte werden für ihn erst interessant, als er Julia kennenlernt. Ihr früher Tod ebnet den Weg für seine Forschungen zu künstlicher Intelligenz, die in der Erschaffung der Rummdogs münden. Vor allem im ersten Teil berührt der spürbare Verlust seiner kaum gelebten Jugendliebe, die ihn in einem schweren Zwiespalt führt. Die gleiche Emotionalität erreicht der Handlungsstrang um die Tänzerin Lena, deren Rückkehr in ihre Heimat in einem dramatischen Schock endet und die dennoch nicht zum letzten Mal getanzt hat. So liebevoll ihre Einführung gestaltete ist, sodass sich der Leser über das Wiedersehen mit Jugendfreund Sergej freut, so sehr trifft einen dann die harte Wendung, welche die aufkeimende Romantikstimmung drastisch zerstört.

Eine weitere kleine Rolle spielt die Agentin Miriam Green, deren Weg sich mehrfach mit dem Schachweltmeister Nikolai Borodin kreuzt, den sie einst ausspionieren musste. Einen kurzen Beitrag steuert Autorin Heidrun Jänchen mit der kompakten Erzählung „Adrienne“ bei – die sich beinah nahtlos in die anderen Geschichten einfügt -, in der eine Mutter um ihr früh verstorbenes Kind trauert und auf dem roten Planeten eine Möglichkeit zur Bewältigung ihres Kummers erhält.

Es sind traurige Schicksale, die man als Leser präsentiert bekommt, allerdings durchsetzt mit Augenblicken der Hoffnung und des Glücks. Jeder Lebensweg verläuft unvorhersehbar, und was bleibt, ist der Wunsch, dass jede Figur am Ende das finden möge, was sie sich erträumt. Passend zum anspruchsvollen Inhalt ist die edle Ausstattung der limitierten Ausgabe. Der Roman ist in Leinen gebunden und mit einem Schutzumschlag versehen und innen ergänzen zahlreiche ausdrucksstarke Schwarzweiß-Illustrationen von Björn Lensig den Inhalt, während Brita Seifert das Titelgemälde schuf.

|Nur kleine Schwächen|

Wer sich eine detaillierte, womöglich gar techniklastige Schilderung der Mars-Besiedelung wünscht, wird von diesem Roman sicher zumindest teilweise enttäuscht werden. Die Spannung aufgrund der Unvorhersehbarkeit definiert sich eher als Teilnahme am Schicksal der Charaktere, und temporeiche Szenen tauchen nur selten auf. Stattdessen dominiert eine nachdenkliche bis melancholische Atmosphäre mit teilweise traumartigen Sequenzen. Es ist ein stilles Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte.

Aufmerksamkeit erfordern allein schon die verschiedenen Handlungsstränge, die einander rasch abwechseln, und auch die Form eines Episodenromans ist gewöhnungsbedürftig. Innerhalb mancher Episoden fällt zudem ein kleiner Bruch zwischen den poetischen Innenperspektiven und der nüchternen Informationsvermittlung auf, wenn recht unverwoben ein paar neutrale, erklärende Sätze eingeschoben werden. Das fällt umso mehr auf, da der Großteil des Werkes aus einer bilderreichen Sprache mit stimmungsvollen Elementen besteht.

_Als Fazit_ bleibt ein sehr stimmungsvoller Episodenroman über die Besiedelung des Mars, der sich nicht auf die technische Seite, sondern auf das Schicksal der Hauptcharaktere konzentriert. Ein leises SF-Werk, das sich vor allem an anspruchsvolle Leser richtet, und zugleich eine Hommage an Ray Bradburys berühmte [Mars-Chroniken.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1294

_Der Autor_ Frank W. Haubold, Jahrgang 1955, studierte Informatik und Biophysik. Seit 1989 veröffentlicht er in unterschiedlichen Genres. 1997 erschien sein Episodenroman „Am Ufer der Nacht“. Weitere Werke sind u. a. die Geschichtensammlungen „Der Tag des silbernen Tieres“ (mit Eddie M. Angerhuber), „Das Tor der Träume“, „Das Geschenk der Nacht“ und aktuell [„Wolfszeichen“.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4716 Parallel dazu gab er mehrere Anthologien heraus.

http://www.frank-haubold.de/
http://www.edfc.de/

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