Sterling, Bruce – Zenith Angle, The

_Spannend, witzig und aktuell: Cyberwar-Thriller_

Der engagierte Science-Fiction-Autor Bruce Sterling, ein alter Freund und Kampfgenosse von William Gibson, erzählt vom Amerika nach den Terrorangriffen des 11. September 2001 und dem nachfolgenden Börsen-Crash. Prof. Derek Vandeveer ist Experte für Computersicherheit und wechselt in eine Regierungsbehörde. Dort gehen ihm die Augen auf, doch ihm soll ein schwarzer Peter untergeschoben werden: die Fehlfunktion eines Spionagesatelliten. Rechtzeitig gewarnt, kann er der Falle zunächst entgehen, doch wer sind die eigentlichen Hintermänner? Sitzt der Feind irgendwo im Mittleren Osten – oder bereits mitten im eigenen Land?

_Der Autor_

Bruce Sterling, der Mitbegründer der Cyberpunk-Bewegung der Achtzigerjahre, ist der Autor von neun Romanen, wovon er einen, [„Die Differenz-Maschine“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1339 zusammen mit William Gibson schrieb. Er veröffentlichte drei Storysammlungen (darunter „A good old-fashioned Future“) und zwei Sachbücher, darunter das bekannte „The Hacker Crackdown“ über die Verfolgung von Hackern und Crackern.

Er hat Artikel für die Magazine Wired, Newsweek, Fortune, Harper’s, Details und Whole Earth Review geschrieben. Den |Hugo Gernsback Award| für die beste Science-Fiction-Novelle gewann er gleich zweimal, u.a. für „Taklamakan“. Er lebt in der Universitäts- und Industriestadt Austin in Texas und hat schon mehrmals Deutschland besucht. Eine seiner Storys spielt in Köln und Düsseldorf.

_Handlung_

Derek „Van“ Vanderveer ist der Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei einem Telekommunikationsunternehmen. Er und seine Frau Dottie, eine Astronomin, sowie ihr kleiner Sohn leben sehr gut von seinem üppigen Gehalt, doch die Einrichtung des neuen Hauses lässt einen Sinn fürs Praktische vermissen und verrät eine gewisse Orientierungslosigkeit.

Als die Anschläge am 11. September 2001 das World Trade Center vernichten und dabei einige wichtige Netzknoten ausschalten, merkt Van, dass eine schwere Krise im Anrollen ist. Er hat ja schon einige Beratungstätigkeiten für Regierungsbehörden erledigt, aber das, was man ihm jetzt anbietet, übersteigt alles Dagewesene: Er soll eine IT-Sicherheitstruppe der Regierung leiten. Da der Luftraum gesperrt ist, fährt er mit Sack und Pack nach Kalifornien, um dort den einzigen Menschen zu suchen, der ihm einen vernünftigen Rat in dieser Krise geben kann: Opa Chuck.

Opa Chuck war in Zeiten des Kalten Krieges beim Industrie- und Militärkonzern Lockheed in der supergeheimen Entwicklungsabteilung, den „Skunk Works“, beschäftigt gewesen. Der hat ein paar geile Storys zu erzählen. Opa Chuck gibt Van einen guten Tipp: Das Angebot annehmen, aber rechtzeitig wieder aussteigen. Mit der Betonung auf „rechtzeitig“.

In seiner neuen Position im National Security Council (Nationaler Sicherheitsrat) ist es unter anderem seine Aufgabe, einen Funktionsfehler in Amerikas wichtigstem Überwachungssatelliten, dem KH-13, zu finden und zu beheben. Der Satellit spürt Terroristenverstecke auf, weil er Objekte erspäht, die nur zehn Zentimeter groß sind. Aber die wahre Aufgabe ist viel komplizierter. Er muss sich in den Agentennetzwerken Washingtons behaupten und selbst ein Spion werden, um zu überleben. Von „rechtzeitig aussteigen“ kann keine Rede mehr sein. Oder doch? Seine Sicht der Dinge verändert sich zunehmend, unter anderem durch ein Widersehen mit seinem alten Studienfreund Tony Carew.

Er schließt sich einer Gruppe von Leuten an, die früher einem geheimen Spezialkommando angehörten, um auf diese Weise einen unbekannten Feind zu bekämpfen, dem er auf die Schliche gekommen ist. Dieser Feind scheint über Zugang zu einer Waffe von ungeheurer Zerstörungskraft zu verfügen. Van muss vom Spion zum Kämpfer werden, um diesen Feind besiegen zu können.

_Mein Eindruck_

Die Story erstreckt sich von einem Geburtstag Derek Vanderveers zu seinem nächsten. Doch dieser Geburtstag fällt genau auf den 11. September, und wie jeder weiß, veränderte sich an jenem Tag des Jahres 2001 alles auf ziemlich dramatische Weise. Für Van bedeutet es beispielsweise, dass er sein Vermögen verliert, das er in Aktienoptionen seines Arbeitgebers, des (erfundenen) Telekommunikationskonzerns Mondiale, angelegt hat. Als die Seifenblase der New Economy platzt und die Wall Street crasht, geht auch Mondiale den Bach runter: Fast über Nacht werden rund 45 Milliarden Dollar an Werten vernichtet, u. a. die Ersparnisse von Witwen, wie Van später schmerzhaft zu spüren bekommen wird.

Doch als hätte er eine Vorahnung gehabt, hat Van auf Opa Chuck gehört und einen Regierungsjob angenommen. Der ist zwar mies bezahlt, aber wenigstens sicher. Denkt er zumindest. Leider läuft der Hase fast genauso fies wie in der Wirtschaft. Das Desasterprojekt um den KH-13 sucht einen Sünderbock, und irgendjemand, so prophezeit Freund Tony Carew, werde Van den schwarzen Peter überbringen. Dass er ihn bloß nicht anfasst! Ständig scheitern Projekte wegen der Inkompetenz der Bürokraten im riesig aufgeblähten Apparat der Regierungsbehörden.

Und natürlich gibt es zwischen diesen Behörden auch Grabenkämpfe. Die unterbezahlten Leute sind die meiste Zeit damit beschäftigt, sich den Rücken freizuhalten, statt konstruktiv an gemeinsamen Initiativen mitzuwirken, die sie ihre Kompetenzen kosten könnten. In einem bitteren und schmerzhaften Erkenntnisprozess muss Van erkennen, dass der unter der Bush-Administration ausgerufene „Krieg gegen den Terror“ lediglich eine weitere Seifenblase ist. Sie dient nur dazu, Gelder zu beschaffen und sie den Dutzenden von Sicherheitsbehörden, darunter das Heimatschutzministerium, in den unersättlichen Rachen zu schaufeln, vielleicht in der frommen Hoffnung, es könnte etwas Sinnvolles dabei herauskommen. Doch Politik ist neuerdings stets symbolisch – so auch das neue Ministerium.

Nichtsdestotrotz verbrennt sich Van am schwarzen Peter KH-13 die Finger. Er hat sich dumm angestellt und es wie in seiner alten Firma gemacht: den Fehler gefunden und es anderen überlassen, ihn zu beheben. Das war dumm, und Van weiß es. Nicht nur hat er jetzt einen Luftwaffengeneral zum Feind, sondern auch noch zwei Einbrecher von einer Konkurrenzbehörde in seiner Wohnung. Van fasst es nicht: Diese Spezialeinheiten-Heinis wollen ihn, den Meister aller Sicherheitsmaßnahmen, abhören?! Bloß gut, dass Mike Hickok, sein neuer Freund, selbst bei den Spezialeinheiten war und diese Figuren kennt. Dennoch sieht sich Van zu einem Faustkampf veranlasst, als die anderen seinen Werkzeugkasten partout nicht herausrücken wollen: Was – ein Computerheini will kämpfen? Die Jungs lachen sich schlapp und glauben es erst, als er einem von ihnen die Fresse poliert.

Diese Tat, die ihn für Wochen zur Gesichtschirurgie ins Hospital verbannt, macht ihn ironischerweise zum Helden von Washington, ach was – zum Helden der gesamten Sicherheitsgemeinde. Als müsste ein Mann erst zuschlagen, um sich als Cowboy und Hüter der Sicherheit beweisen zu können. Erst dann glauben es auch die letzten Sesselpupser in den Behörden.

Was noch viel ironischer ist: Alle diese Sicherheitsheinis haben einen blinden Fleck. Und nur Van in seiner kritischen Distanz erkennt, dass es diesen blinden Fleck überhaupt gibt. Der Feind ist schon längst im Lande und hat sich ein scheinbar harmloses Objekt ausgesucht, das sich dennoch, wenn man intelligent und rücksichtslos genug ist, zu einer Waffe umfunktionieren lässt. Aber Van hätte nie im Leben geglaubt, dass sein bester Freund dazu fähig wäre …

|Die Sprache|

Wer sich nicht gut mit amerikanischem Englisch auskennt, sollte die Finger von diesem Buch lassen. Das gilt auch für Übersetzer. Ich habe mich an vielen Stellen gefragt, wie ich so eine merkwürdige Redewendung ins Deutsche übertragen würde und mir dabei jedes Mal den Kopf zerbrochen.

Was bedeutet zum Beispiel die Phrase: „way ahead of the curve“? Ist hier die Südkurve gemeint? Nein, hier ist die Kurve des Lebenszyklus eines bestimmten Produkts oder einer Branche gemeint, z. B. in der Computersicherheit. Diese Kurve sieht aus wie die Gauß’sche Verteilungskurve (Glockenform) mit einem langen Schwanz. Als Experte befindet sich Van stets an der vordersten Front der Entwicklung, die die Kurve beschreibt: „ahead of the curve“ bedeutet also schlicht und ergreifend „den anderen (weit) voraus sein“.

Von den zahlreichen Abkürzungen will ich hier gar nicht anfangen, von NRO, NSA, FBI und CIA oder wie sie alle heißen. Das wird nicht immer und überall ausgeschrieben und erklärt, aber doch sehr oft – zum Glück. Den Rest muss man eben googeln. Ein Glossar wurde nicht für nötig gehalten, schließlich gibt es ja Google und die Wikipedia.

_Unterm Strich_

„The Zenith Angle“ war mir eine erfrischende Wohltat im Science-Fiction-Einerlei, das hierzulande publiziert wird (einzige Ausnahme: Philip K. Dick, aber wer liest den schon?). Das Buch ist vergleichsweise superaktuell (2001-2002, geschrieben 2004), befasst sich mit andauernd akut relevanten Themen wie Terrorismusbekämpfung, Informationskrieg, Computer-Sicherheit und der amerikanischen Politik. Sogar Microsoft bekommt sein Weg weg. Sterling hat Biss, wenn er diese Dinosaurier-Politik und -Firmen auseinander nimmt, für hohl befindet und zum alten Eisen wirft.

Er erweist sich als menschlich engagiert, wenn er Vans Kampf um seine eigene Zukunft beschreibt, seinen Einsatz für die Familie und für seine – nicht mehr ganz so idealistischen – Werte. Der Prozess seiner Desillusionierung ist folgerichtig, bewegend und ohne Kompromisse beschrieben. Von Idealismus keine Spur. Selbst alte und hochverehrte EDV-Pioniere wie James Cobb bleiben von dem kalten Licht, mit dem Sterling sie betrachtet, nicht verschont. Cobb, der bei Bell Labs bahnbrechende Ideen hatte, arbeitet nun – nach dem Crash – in einer Schmalspurbehörde der Regierung und genießt die Krümel, die vom schwarzen Budget für ihn abfallen. Denn natürlich hat sich auch seine Altersversorgung beim Crash von 2001 in Wohlgefallen aufgelöst.

Der Autor des Kultbuches „The Hacker Crackdown“ weiß genau, wovon er redet. Die Sicherheitsfunktionen, die Hackerattacken, die er erwähnt (wahrscheinlich sogar seine Analysen, die er als Reden auf Konferenzen verbreitet), sind alle authentisch. So sehr, dass ich mich nach einer Weile fragte, was denn daran eigentlich Science-Fiction sein sollte: Das gibt es doch alles schon! In der Tat, so ist es. Was neu ist und futuristisch klingt, hängt alles mit einer Idee von James Cobb und dem Weltraumteleskop zusammen, an dem seine Frau Dottie arbeitet. Näheres soll aber nicht weiter verraten werden.

Man weiß nicht, ob man am Schluss lachen oder weinen soll: Der Humor ist so finster, die Wahrheiten so grimmig, dass man das Fürchten lernt. Wie Sterlings Kollege Charles Stross schreibt: „buy it, read, be very afraid!“ Hab ich mich gefürchtet? Nein, denn das meiste wusste ich schon, aber es war trotzdem so eine aufregende, lustige und spannende Lektüre, dass ich die 340 Seiten in nur zwei Tagen bewältigt habe.

Übrigens besteht keinerlei Anlass, mit dem Finger auf die Amis zu zeigen. Van erhält am Schluss einen Hilferuf aus Europa. Auch hier sollen sich die Sicherheitsbehörden zusammenraufen, doch leider fehlt völlig die Orientierung, wohin die Reise gehen soll. Van ist auf der ganzen weiten Welt wahrscheinlich der Einzige, der sich sowohl an der realen Cyberwar-Front als auch mit den Behörden auskennt. Van Vandeveer to the rescue!

Ach ja: Der Titel bezieht sich auf den Winkel, in dem ein Satellit wie der KH-13 über der Erdoberfläche steht, bezogen auf den Betrachter. Denn wenn die Stärke der USA in der Spionage mit Hilfe ihrer Satelliten liegt, so dürfen diese im „Krieg gegen den Terror“ keinesfalls außer Acht gelassen werden.