Sylvain Neuvel – Giants. Sie sind erwacht (Themis Files 1)


Entdeckungsreise und Polit-Thriller: aufregende Science Fiction

Ein elfjähriges Mädchenfindet beim Spielen im Wald eine riesige Hand aus Metall. Siebzehn Jahre später ist dieses Mädchen eine der besten Wissenschaftlerinnen ihrer Zeit und Leiterin einer streng geheimen Operation: Dr. Rose Franklin soll das Rätsel um die mysteriöse Hand lösen. Denn diese Hand liegt bereits seit 6000 Jahren in der Erde vergraben. Doch wer hat sie gebaut? Was bedeuten die seltsamen Zeichen, die in das Metall geritzt sind? Und wo ist der Rest des Körpers? (Verlagsinfo)

Der Autor

Sylvain Neuvel wurde in Quebec City, Kanada, geboren und studierte Sprachwissenschaft in Montreal und Chicago. Er arbeitete u. a. als Softwareentwickler, Journalist und Übersetzer, bevor er das Schreiben für sich entdeckte. Seine lebenslange Faszination für Roboter inspirierte ihn zu seinem ersten Roman „Giants“, der in den USA bereits ein Erfolg ist. Der Autor lebt mit seiner Familie in Montreal. Er baut gerade an einer Nachbildung von R2-D2. (Verlagsinfo)

Handlung

Die elfjährige Rose Franklin ist der erste Mensch, der auf die Spur der Riesen in der Erde stößt. Nach einem hektischen Tag spaziert sie in den nahen Wald in Deadwood, South Dakota, wo sie ein türkisfarbenes Leuchten entdeckt. Als sie darauf zugeht, gibt die Erde unter ihr nach. Sie erwacht aus ihrer Bewusstlosigkeit, als sie am Boden einer 15 Meter tiefen Grube liegt – auf der Fläche einer riesigen Hand aus Metall.

Dieses Erlebnis prägt fortan ihr Leben und sie lässt sich zur Physikerin ausbilden. Sie will eine Frage beantworten: Warum hat nie jemand zuvor diese bemerkenswerte Hand gefunden, warum lag sie sechstausend Jahre in der Erde vergraben und wer hat sie gebaut? Natürlich hat sofort das Militär die sieben Meter große Hand und alle fünfzehn Metalltafeln in der Grube geborgen und irgendwo versteckt.

Erst an der Uni von Chicago erhält Rose wieder Zugang zu diesen Artefakten. Sie erhält von der National Security Agency (NSA) Geld, um Experten anzuheuern und Tests durchzuführen. Was sie aber am dringendsten benötigt, sagt sie ihrem Interviewer, sind Mitarbeiter, die zu ungewöhnlichen Denkansätzen fähig sind. Denn wie soll man etwas enträtseln, für das es keinerlei Vorlage oder Parallele gibt?

Entdecken

Chief Warrant Officer Kara Resnik, eine Pilotin, ist solch ein ungewöhnlicher Mensch. Der zu der Hand gehörende Unterarm hat die Helikopterpilotin in der südöstlichen Türkei vom Himmel geholt. Denn die Art und Weise, wie der Motor zweimal ausfallen konnte, bevor der 20-Millionen-Flugapparat auf die Erde knallte, ist ihr ein Rätsel. Ist ein elektromagnetischer Impuls, ein EMP, schuld daran? Und warum hat nie jemand zuvor diesen Unterarm aus 80-prozentigem Iridium entdeckt? Schließlich buddeln im Nahen Osten Archäologen seit Hunderten von Jahren in der Erde Mesopotamiens.

Bei näherer Betrachtung kommt Rose Franklin ein Verdacht und sie spannt ihre neue Mitarbeiterin Kara ein, mit Hilfe eines neuen Verfahrens die übrigen Körperteile aufzuspüren: Sie versprüht radioaktives Argon-37 über dem Land. Kara mag zwar ein schwieriger Charakter sein, doch mit ihrem Kollegen Ryan Mitchell kommt sie gut klar – solange er sich keine männlichen Schwachheiten einbildet.

Die Radioaktivität des Argon-37-Feenstaubs weckt die verborgenen Körperteile förmlich aus der Erde – mit verheerenden Folgen für alles, was sich über ihnen an der Erdoberfläche befindet: Aus 300 Metern Tiefe schießt das Teil in eine Tiefe von nur noch 15 Metern und reißt dabei alles nieder, was sich darüber befindet. Als bei einem solchen Vorfall ein kleines Mädchen ums Leben kommt, macht sich Kara bittere Vorwürfe. Wie viele Menschen sollen denn noch für das Geheimnis des metallenen Riesen sterben? Dass der Riese eindeutig weibliche Körperformen aufweist, tröstet sie nicht im geringsten.

Verstehen

Nicht in Ryan Mitchell verliebt sich Kara Resnik, sondern in den kanadischen Sprachwissenschaftlicher Vincent Couture. Der Doktorand ist richtiger Nerd und Geek, aber er kommt darauf, was die rätselhaften Zeichen auf den Tafeln zu bedeuten haben: Es sind mathematische Symbole. Sie stehen für die Ziffern eins bis sieben, so dass man im Oktal- statt in unserem Dezimalsystem zu rechnen hat. Es gibt Zeichen für falsch, richtig und vieles andere mehr. Wenn man sich erst einmal eingearbeitet hat, ist das Verstehen ganz leicht.

Zwei Helme sind entdeckt worden. Natürlich muss man sie aufsetzen, aber wer würde so etwas schon riskieren? Nun, Kara ist tollkühn genug. Sie schreit sofort auf, die Schmerzen in ihrem Kopf sind kaum auszuhalten. Doch ihr seit dem Absturz lädiertes Auge wurde geheilt, nicht zerstört. Die Ärzte sind ratlos, doch Kara setzt den Helm erneut auf: Er scheint sich auf ihre Gehirnwellen eingestimmt zu haben. Auf einmal kann sie ihre Umgebung in mehreren transparenten Schichten als Hologramm „sehen“.

Als sie ihren Blick auf den „Oberkörper“ der Riesin richtet – er wurde unter großen diplomatischen Verwicklungen im Ausland geborgen – entdeckt sie so den Hohlraum mit der Steuerkapsel darin. Hier ist das Kontrollzentrum, und der sechzig Meter große Koloss, der mittlerweile in einer unterirdischen Raketenbasis in Denver, Colorado, liegt, ließe sich theoretisch mit den Knöpfen des Steuerpults bewegen. Fragt sich nun, wozu diese Riesin in der Lage ist.

Waffen

Dr. Rose Franklin braucht immer noch den Kopf der Riesin. Von dem namenlosen Kontrolleur des Projekts erfährt sie, dass dieser sich am Grunde der Beringstraße zwischen Russland und Alaska befinde. Der Kontrolleur setzt via Marine-Ministerium zwei Atom-U-Boote in Marsch, mit Kara Resnik an Bord des einen. In der Beringstraße entdecken sie, dass die Russen den Kopf – angeblich handelt es sich um einen Reaktor-Prototyp – vor ihnen gefunden haben. Keiner will angreifen.

Diese Patt-Situation wird erst kritisch, als eine russische Korvette naht. Kara Resnik übernimmt das Kommando und befiehlt, zwei Torpedos auf den Kopf zu feuern. Die heftige Reaktion des Artefakts auf den Beschuss zeigt, über welche unglaublichen Waffen die Metall-Riesin verfügen würde, wenn man sie komplett zusammensetzen würde.

Der menschliche Faktor

Vincent Couture setzt sich – ebenfalls unter Schmerzen – den zweiten Steuerhelm auf und löst auf diese Weise Ryan Mitchell ab, der im Laufe der Monate geradezu überflüssig wird. Als Ryan merkt, wie ihm Vincent schließlich sogar Kara ausspannt, kommt es bei ihm zu einer gewalttätigen Kurzschlussreaktion….

Mein Eindruck

Ich habe diesen neuen SF-Roman in nur zwei Tagen gelesen. Das liegt nicht nur daran, dass die vielen Interviews nur wenig Text enthalten, sondern weil die Story ganz schön spannend ist und mit zahlreichen unerwarteten Wendungen aufzuwarten weiß. Man merkt es der Geschichte an zahlreichen Stellen an, dass der Autor etwas von seiner Materie versteht, denn er ist sowohl Softwareentwickler als auch Sprachwissenschaftler. Also ist seine Figur Vincent Couture, der Linguist, quasi sein Alter Ego in der Story.

Der Witz an der Story ist ja, dass Menschen nicht wie bei Jack McDevitt zu anderen Himmelskörpern fliegen müssen, um Alien-Artefakte aufstöbern zu können „Gottes Maschinen“ usw.), sondern diese Artefakte im Boden unter unseren Füßen detektieren können. Natürlich stellen sich dabei viele Fragen, wie etwa, warum sie nicht bei einem Erdbeben oder ähnlichen zerstört oder beschädigt wurden. Dass man sie jetzt erst findet, liegt an der Tiefe, in der sie vergraben wurden: 300 Meter – dort wird höchstens mal nach Öl gebohrt.

Offene Fragen

Einer der drängendsten und offensichtlichsten Fragen wie im ersten Band der Reihe indes nie beantwortet: Welche Eigenschaft in Rose Franklin ist der auslösende Faktor, der die Metallhand zum „Auftauchen“ veranlasste? Oder auf welche Weise brachte Kara Resnick das Artefakt in der Türkei zum „Auftauchen“? Bei beiden Vorfällen wurde keine Radioaktivität eingesetzt – oder so, dass uns der Autor durch die Stimmen, die er benutzt, nichts davon verlauten lässt.

Die Beantwortung dieser Fragen zu umgehen, ist leicht: Der ganze Roman besteht nicht aus einer durchgehenden Erzählung aus einem Guss, sondern aus den Interviews, Tagebuchnotizen, Reports und anderen Dokumenten, die als „Files“ in diesem Dossier zusammengefasst sind. Anhand der Nummerierung der Files wird dem aufmerksamen Leser deutlich, dass zwischen Files große Lücken bestehen.

Wer hat diese Lücken veranlasst, etwa durch Löschung? Wir erfahren nie die „ganze Wahrheit“, sondern bekommen nur Einblicke auf die eigentlichen Vorgänge gewährt. Den gewaltigen Rest muss unsere Vorstellungskraft durch Extrapolation beitragen. Wir verbinden quasi die Punkte in einem Malen-nach-Zahlen-Bild.

Kontrolleur oder Manager?

Das ganze Projekt um die Riesin führt zu internationalen Verwicklungen und erstreckt sich über zwei US-Präsidentschaften von jeweils vier Jahren. Es dauert also ziemlich lange. Dennoch agiert ein für uns unsichtbarer Manager oder Kontrolleur, der offenbar mal für die CIA gearbeitet, das Projekt über Jahre hinweg. Er ist namenlos und nur durch die Beschreibungen der Projektbeteiligten, wie Rose oder Kara, können wir erschließen, ob er ein freundlicher oder schädigender Einfluss ist.

Allein schon durch seine jahrelange Beteiligung dürfte klar sein, dass er den Beteiligten freundlich gesonnen ist. Er hält die nervenden Sicherheitsberater des jeweiligen US-Präsidenten auf gebührendem Abstand. In diesen Wortgefechten wird klar, dass der Roman in Wahrheit auch ein Polit-Thriller ist. Letzten Endes muss die Frage geklärt werden, wer diese unglaublich mächtige Superwaffe, die im Projekt zusammengesetzt und funktionsfähig gemacht worden ist, besitzt oder kontrolliert. Ein Vorfall auf dem Flughafen von Denver veranschaulicht das Problem auf drastische Weise. Ist es wirklich eine gute Idee, den Roboter in der tiefsten Stelle des Atlantiks zu versenken?

Ausblick

Aber auch unser „Freund“ weiß nicht, wer hinter Mister Burns steckt, der keine Augenbrauen aufweist. Dieser mysteriöse Besucher weiß ungewöhnlich viel über die Erbauer des Riesenroboters. Nein, er heißt nicht Klaatu oder sonst wie. Dennoch macht er beunruhigende Andeutungen, dass die Erbauer zurückkehren könnten, um sich zu holen, was sie hier auf Erden zurückgelassen haben. Ich hoffe, diese Fortsetzung wird bald auch bei uns veröffentlicht.

Die Übersetzung

S. 105: „Nutze die Macht, Luke!“ Aus welchem bekannten Film könnte dieses Zitat wohl stammen?

S. 223: „STAR WARS trifft HERR DER RINGE.“ Diese Beschreibung dürfte die Natur der Riesin ziemlich gut auf den Punkt bringen.

S. 254: Die englische Bezeichnung „Great Lakes“ hätte man auch als „große Seen“ übersetzen können, ähnlich wie auf S. 414 den Ausdruck „To be continued“ als „Fortsetzung folgt“.

S. 259: Grammatikfehler. „Aber es ist mir lieber, er arbeitet an (einem Schiffsmodell), als er liegt den ganzen Tag im Bett.“ Korrekt sollte es heißen: „als dass er den ganzen Tag im Bett liegt.“

S. 300: „Das Gerät, der Roboter [wurde] von technologisch und kulturell hoch entwickelten Wesen aus dem All gebaut, um die Erde gegen andere Aliens zu verteidigen, richtig?“ Das Wörtchen „wurde“ fehlt im Text.

S. 352: „die Aktionen von drei Leuten [zu] koordinieren zu müssen.“ Einmal „zu“ reicht völlig aus.

Unterm Strich

Ich habe den Roman in nur zwei Tagen gelesen. Ich fand ihn spannend, anrührend, einfallsreich und politisch erfreulich kritisch und engagiert. Außerdem wird immer wieder belegt, dass der Autor, trotz seines relativ geringen Alters, bestens in seiner Materie Bescheid weiß. Dass der Text aus Tagebuchnotizen, Reports und Interviews besteht, die erhebliche Lücken aufweisen, tut der Geschichte keinen Abbruch, sondern animierte mich vielmehr dazu, meine Vorstellungskraft zu aktivieren, um die Lücken selbst zu füllen. Raffiniert.

Der Leser benötigt keine Vorkenntnisse über Sprachwissenschaft, Softwareentwicklung oder den „militärisch-industriellen Komplex“ (Eisenhower) der USA. Er muss nur STAR WARS und Peter Jacksons HERRN DER RINGE kennen, und wer kennt diese Filme nicht? Was wirklich nötig ist, sind Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen. Wer nämlich die verhängnisvolle Dreiecksgeschichte zwischen Kara, Ryan und Vincent nicht nachvollziehen kann, der verpasste die menschliche Seite dieser Geschichte. Und das wäre nun wirklich ein Jammer.

Für die Fehler im Text, die auf die Kappe des Übersetzers gehen, gibt es ebenso Punktabzug wie für die vielen offenen Fragen (siehe oben).

Taschenbuch: 416 Seiten
Info: Sleeping Giants, 2016
Aus dem US-Englischen von Marcel Häußler
www.heyne.de
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