Koushun Takami – Battle Royale

Um die Kampfbereitschaft der Jugend zu testen, müssen sich Schüler gegenseitig umbringen. … – „Japans Antwort auf ‚Der Herr der Fliegen‘“, dröhnt die Werbung, dieses Mal nicht gänzlich die Tatsachen verdrehend; in der Tat geht es darum, wie sich ‚zivilisierte‘ Menschen in einer lebensbedrohlichen Krise verhalten. Die möglichen Reaktionen werden durchgespielt, das Ergebnis ist ein spannendes und grimmiges Werk, das seine Leser ungemütlich distanzeng ans Geschehen bindet.

Das geschieht:

China und Japan haben sich zur „Republik Großostasien“ zusammengeschlossen, die von einer Militärdiktatur regiert wird. Gegner des Regimes werden verfolgt und eliminiert. Den Rest der Welt hat man zum Feind erklärt, sich abgeschottet und ewige Wachsamkeit verordnet. Um den allgemeinen Wehrwillen der Jugend zu testen, hat das Regime das „Programm“ entwickelt. In jedem Jahr werden 50 Klassen der Jahrgangsstufe 9 ausgelost. Diese Schüler werden ohne ihr Wissen an isolierte, vom Militär streng überwachte Orte gebracht. Dort stattet man sie mit Waffen aus und zwingt sie einander umzubringen, bis nur ein Überlebender geblieben ist. Den Sieger erwartet ein Leben in Luxus, die Wissenschaftler des Regimes werten ihre Daten aus.

Aktuell werden 42 Jungen und Mädchen der Shiroiwa Junior High School auf die Insel Okishima transportiert. Dort erwartet sie ihr zynischer ‚Kursleiter‘ Kinpatsu Sakamochi, ein absolut linientreuer Vertreter seines Staates. Er informiert die geschockten Schüler über ihre erzwungene Teilnahme am „Programm“. Aufkeimender Widerstand wird durch Mord geahndet. Sich zu verstecken ist zwecklos; in regelmäßigen Abschnitten werden bestimmte Sektoren von Okishima zu „Verbotenen Zonen“ ausgerufen. Wer sich dort aufhält, stirbt durch die Explosion eines mit Sprengstoff gefüllten Halsrings, der allen Schülern umgelegt wurde. Auf dem Meer verhindern Wachschiffe jede Flucht.

Das „Programm“ beginnt, und zum Entsetzen der besonnenen Schüler fügen sich Freunde und Klassenkameraden dem Terror. Sofort beginnt ein Gemetzel. Allianzen werden geschlossen, Fronten aufgebaut, Versprechungen gemacht, Taktiken entworfen. Doch unter dem allgegenwärtigen Druck zerfallen Moral und Menschlichkeit. Der pure Überlebenswille diktiert das Verhalten. Stetig nimmt die Zahl der Schüler ab, während überall auf der Insel Leichen liegen. Trotzdem gibt es selbst in der Hoffnungslosigkeit Anzeichen dafür, dass der Mensch nicht jeden Menschen brechen kann …

Die Frage des Überlebens

Was macht den Menschen menschlich, d. h. was unterscheidet ihn vom Tier, das primär das Überleben der Art und erst danach das des Individuums zu gewährleisten sucht? Wie dick oder dünn oder stabil ist jene Tünche, die wir „Zivilisation“ nennen und verspricht, atavistische Triebe wie den unbedingten Willen, notfalls auch auf Kosten des Schwächeren zu überleben, abzufedern? Wie ist es um Moral und Solidarität bestellt, werden sie ernsthaft in Frage gestellt?

Die Realität beweist immer wieder die Aktualität dieser Fragen. Wissenschaftlich und akademisch aber auch künstlerisch haben sich Menschen mit ihnen beschäftigt. Romane füllen viele Regalmeter. Immer wieder wird ein Titel genannt, der auch in der Werbung für „Battle Royale“ nicht vergessen wird: 1954 verfasste William Golding (1911-1993) „Lord of the Flies“ (dt. „Herr der Fliegen“): Auf einer einsamen Insel strandet eine Gruppe sechs- bis zwölfjähriger Schulkinder. In der Krise zerfällt das soziale Regelwerk, das ihnen anerzogen wurde; der Urmensch kommt zur Vorschein, der überleben will, und sei es auf Kosten jener, die in diesem ‚Wettbewerb‘ nicht mithalten können. Golding führt die Mechanismen dieses Niedergangs mit der Intensität eines wahrlich genialen Schriftstellers vor; nicht ohne Grund verlieh man ihm 1983 den Nobelpreis für Literatur. Die zeitgenössischen Leser waren erschüttert, dass er Kinder als Protagonisten wählte, die als Repräsentanten einer naturgegebenen Unschuld galten.

Koushun Takami, ein Kind der wesentlich zynischeren zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hat die Korrumpierbarkeit auch der Jugend längst verinnerlicht. Er geht einen Schritt weiter: Was wäre, wenn auf Goldings Insel als weiterer Faktor eine Macht ins Spiel käme, welche die Gestrandeten gezielt zu aggressivem, asozialem Verhalten anhielte oder sogar zwänge?

Die Gangart wird härter

Nun ist Takami kein k ein Schriftsteller, der annähernd Goldings Format erreichte. (Die deutsche Übersetzung leistet ihm weitere Bärendienste mit ihrem gequält ‚authentischen‘ Jugendslang à la „Geschnallt?“, „Schnackelt‘s?“ oder „Männo!“.) Seine Stil ist simpel, die Story ist es auch – scheinbar, denn tatsächlich geht der Verfasser raffinierter vor als man zunächst annimmt. Die einfache Sprache nennt die Dinge beim Namen. Es gibt kein Drumherum, keine Ausflüchte, keine Wortspielereien. Unbarmherzig wird der Leser mit dem Geschehen konfrontiert. Dessen Brutalität teilt sich ihm (oder ihr) ungefiltert mit. Auch die Perfektion der Falle, in der sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 9-B gefangen sehen, wird von Takami immer wieder herausgestellt. Den jungen Menschen bleiben keine Auswege. Sie werden aufeinander gehetzt und müssen für sich entscheiden, ob sie mittun.

Genau dieser Prozess wird vom Verfasser in allen Varianten durchgespielt. Resignation und Selbstmord, Verzweiflung und Aufstand, Mitläufertum sowie die radikale Entscheidung, das „Spiel“ zu spielen: Takami ‚verbraucht‘ viele Protagonisten, bis er den Menschen entweder seiner Menschlichkeit entkleidet oder ihn in der Hoffnungslosigkeit triumphieren lässt.

Kritik und Unbehagen

Wie üblich mokier(t)en sich Kritiker über die intensiv geschilderten Grausamkeiten. Sie übersehen eine Kritik, die Takami – zugegeben nicht gerade subtil oder gar künstlerisch – an realen Missständen übt. Hier ist es vor allem der suppressive Zug der japanischen Gesellschaft. Die Disziplin steht über allem, das Individuum verschwindet hinter den Forderungen der Gemeinschaft. Selbstmord unter Schulkindern, die dem Druck und den Erwartungen nicht mehr gewachsen waren, ist in Japan ein reales, gern tot geschwiegenes Phänomen – wo gehobelt wird, fallen halt Schwächlinge …

Die Geschichte hat darüber hinaus bewiesen, dass diese ausgeprägte Eigenheit der asiatischen Kultur die Menschen folgsam macht, was Diktaturen begünstigt; Japan hat diese dunkle Seite im II. Weltkrieg unter Beweis gestellt, Nordkorea tut es noch heute. Beide Länder und ihre Geschichte/n werden von Takami thematisiert.

Sicherlich ist „Battle Royale“ als Roman zu lang geraten. Viermal 10 ausführlich geschilderte Tode wären nicht nötig gewesen, um auf den Punkt zu kommen. Freilich schwebte Takami keine primär didaktische Geschichte vor. „Battle Royale“ sollte auch oder vor allem ein spannender Roman sein. Dem ist auch ein Finale geschuldet, das die wenigen Überlebenden einen Ausweg finden lässt, der wenig überzeugend wirkt und dem widerspricht, was Takami viele Seiten so nachdrücklich in Szene gesetzt hat. Allerdings ist das Finale nicht unbedingt happy, sondern offen; es lässt Spielraum für eine Fortsetzung des „Spiels“, die zumindest im Film inzwischen stattgefunden hat.

Menschen in der Arena: die Guten

42 Schüler lässt Verfasser Takami im blutigen Wettstreit gegeneinander antreten. Der Umfang seines Romans ermöglicht es, jedem zumindest eine kurze Lebensgeschichte zu gönnen. Es gibt kein Kanonenfutter, Takami schildert Individuen, deren Tod vom Leser eine Reaktion fordert.

Nichtsdestotrotz schälen sich einige ‚Helden‘ heraus. Da sind als Repräsentanten der ‚Guten‘ Shuya Nanahara, Noriko Nakagawa und Shogo Kawada. Shuya und Noriko verkörpern männliche bzw. weibliche ‚Normalmenschen‘, die dem Terror nichts als ihre unbeirrbare Moral entgegensetzen: Man darf sich dem Regime nicht beugen, nicht mitspielen, sondern sich ungeachtet möglicher Repressalien zusammenschließen, Widerstand leisten, Gewalt verweigern. Shogo ist der Rebell, der sich ebenfalls dem Regime entgegen stemmt, ohne jedoch dessen Methoden gänzlich abzulehnen: Er kämpft, stellt Fallen, geht in die Offensive, fordert nicht nur Gerechtigkeit, sondern Rache; Shogo hat bereits Verwandte und Freunde an das Regime verloren. Anders als Shuya und Noriko denkt er deshalb nicht an Flucht ins sichere Ausland. Shogo will das „Spiel“ überleben und die Insel verlassen, um unterzutauchen und dann gegen den „Diktator“ und seine Schergen vorzugehen. Er rechnet sich keine echte Chance aus, diesen Kampf zu gewinnen aber er will ihn führen.

Nur mit ihm verbündet können die Gutmenschen Shuya und Noriko das „Programm“ überstehen. Shogo lehrt sie die Drecksarbeit des Tötens, übernimmt diesen Job stillschweigend meist selbst, weil er sich selbst als schon Verlorenen und Versehrten sieht und in seine Freunde ein Leben projiziert, das ihm selbst unmöglich geworden ist.

Menschen in der Arena: die Bösen

Eine weitere Hauptperson ist Kazuo Kiriyama. Takami formt ihn zum perfekten Instrument des Regimes, das freilich seinen Wert eigentlich einbüßt: Kazuo ist kein Gefolgsmann des „Diktators“, sondern eine seltsame Laune der Natur, ein Psychopath ohne Gefühle, der ohne innere Bewegung einfach beschließt, die ‚Prüfung‘ zu bestehen. Ihm liegt nichts daran; Kazuo, der überaus erfolgreich mordet, findet nicht einmal Gefallen an seinen Taten. Er ist ein Roboter aus Fleisch und Blut, der sich quasi selbst programmiert hat. Die Figur widerspricht im Grunde der Intention des Autors. Kazuo wäre in jeder Gesellschaft zu fürchten. Das Regime hat ihn nicht wirklich geformt, weil es nie wirklich zu ihm durchdringen konnte.

Wahrlich Furcht erregend wirkt indes Kinpatsu Sakamochi, der seiner Aufgabe als Kursleiter voller Überzeugung nachgeht. Er kann fühlen und könnte sich dem Regime verweigern, will und wird dies jedoch gar nicht: Sakamochi ist ein treuer Diener seines Herrn, was ihm dieser mit gewissen Privilegien honoriert, so lange er funktioniert: Er gehört zu den Zahnrädern, die den Schrecken in Bewegung halten.

„Battle Royale“ – der Film

„Battle Royale“ entwickelte sich auf dem japanischen Buchmarkt rasch zum Bestseller, was die örtliche Filmindustrie umgehend aufmerken ließ. Schon kurz nach der Veröffentlichung 1999 stand fest, dass der renommierte Regisseur Kinji Fukasaku den Roman nach einem Drehbuch seines Sohnes Kenta verfilmen würde. 2000 kam „Battle Royale“ in die Kinos und erregte wegen der radikalen Umsetzung des Buches einige Aufregung und Kritik, wobei allerdings anerkannt wurde, dass trotz diverser Änderungen und Vereinfachungen, die der Umfang der Vorlage erforderlich machte, nicht die (von den Medien ohnehin in ihrer Drastik aufgebauschten) Splatter-Effekte im Vordergrund standen. Der Erfolg von „Battle Royale“ ermöglichte es dem Regisseur mit diversen Darstellern noch einmal ins Studio zurückzukehren und einige Szenen nachzudrehen, die das Geschehen vertieften, erläuterten und offen gebliebene Fragen beantworteten.

Während Autor Koushun Takami von einer Fortsetzung seines offen endenden Romans bisher Abstand nahm, griffen die Fukasakus den Faden 2003 mit „Battle Royale II – Requiem“ wieder auf: Vier Jahre nach dem Desaster der ersten „Prüfung“ zwingt das Regime 42 Schülerinnen und Schüler zum Angriff auf die Inselfestung der „Wilden Sieben“, einer Terroristengruppe, die dort ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat und gegen die Regierung agiert. Kinji Fukasakus, der wiederum inszenierte, erlag noch während der Dreharbeiten einem Krebsleiden; die Regie übernahm Sohn Kenta.

„Battle Royale II“ ist wie so häufig eine Fortsetzung ohne die Eindringlichkeit des Originals geworden. Die Bildsprache lässt wiederum nicht an Deutlichkeit zu wünschen übrig, doch die bekannten Tricks einer Geschichte, die nicht wirklich Neues zu bieten hat, werden offensichtlich: Die Spielregeln wurden verschärft, die Spieler sterben noch grausamer als zuvor.

Während Autor Takami an den „BR“-Filmen wenig oder gar nicht beteiligt war, arbeitete er eng mit dem Zeichner Masayuki Taguchi für die Umsetzung seines Romans zur Manga zusammen, die genretypisch das Buch seitenzahlmäßig weit in den Schatten stellt. Rund um Buch und Film wuchern darüber hinaus zahlreiche Merchandising-Triebe, die dem Hardcore-Fan Puppen, Shirts und anderen Schnickschnack liefert.

Autor

Koushun Takami (bzw. Takami Kôshun, wie der Name im Japanischen lautet) wurde 1969 in Amagasaki, einem kleinen Ort in der Präfektur Hyogo bei Osaka auf der Insel Honshu, geboren. Er wuchs auf der Insel Shikoku in der Präfektur Kagawa auf, ging später nach Osaka, wo er an der dortigen Universität Literatur studierte. Zwischen 1991 und 1996 arbeitete Takami für die Nachrichtenagentur Shikoku Shimbun, für die er u. a. Artikel in den Bereichen Politik und Wirtschaft verfasste sowie als Polizeireporter tätig wurde.

In seiner Freizeit versuchte sich Takami als Schriftsteller; er hatte an diversen Kursen für kreatives Schreiben teilgenommen. 1996 gab er die journalistische Tätigkeit auf und arbeitete intensiv an seinem Debütroman. Wegen des kontroversen Inhalts wurde „Battle Royale“ aus einem Literaturwettbewerb verbannt – willkommene Werbung für das Werk, das rasch zum Bestseller wurde, der 2000 verfilmt (Fortsetzung 2003) und mit Takami als Co-Autor zur Manga umgearbeitet wurde.

Als Schriftsteller hat Takami nach „Battle Royale“ nichts mehr veröffentlicht. Schon seit längerem schreibt er an einem neuen Roman, über dessen Inhalt er sich ausschweigt.

Taschenbuch: 624 Seiten
Originaltitel: Battle Royale (Tokyo : Ota Shuppan 1999)
Übersetzung: Jens u. Akiko Altmann
http://www.heyne-hardcore.de

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