Verne, Jules – Reise um den Mond

_Von der Mondrepublik und ihren flüchtigen Bewohnern_

Die Eroberung des Erdtrabanten war in der Literatur schon seit der Antike – etwa bei Lukian – ein gängiges Motiv. Die meisten Autoren ließen sich irgendwelche fantastischen Tricks einfallen, um von A nach B zu gelangen, was ihre Geschichte denn auch als Fabel auswies. Doch erst Verne strengte sich an, eine plausible technische Lösung für das Problem der Personenbeförderung zum Erdmond zu suchen. Und er fand sie in Gestalt einer 300 Meter langen Superkanone. Sie funktioniert allerdings auch nur in seiner Geschichte. Das Projektil trägt die drei Insassen bis zum Mond und noch darüber hinaus …

_Der Autor_

Jules Verne wurde 1828 in Nantes geboren und starb 1905 in Amiens. Bereits während seines Jurastudiums schrieb er nebenher, manchmal mit einem Freund, Theaterstücke und Erzählungen. Sein erster Erfolgsroman „Fünf Wochen im Ballon“ erschien 1863. Seine großen Romane waren in der Folge Bestseller. Heute wird er neben H. G. Wells als einer der Begründer der modernen Science-Fiction-Literatur angesehen.

Mit „Die Eissphinx“ schrieb er eine Fortsetzung von E. A. Poes Horrorerzählung „The Narrative of Arthur Gordon Pym“. Sein erster Zukunftsroman „Paris im 20. Jahrhundert“ lag lange Zeit verschollen in einem Tresor und wurde erst vor ca. 20 Jahren veröffentlicht. Die Lektüre lohnt sich, auch wegen der erhellenden Erläuterungen der Herausgeberin.

_Das Hörbuch_

|Der Sprecher: Rufus Beck|

Rufus Beck, geboren 1957, ist Bühnen-, Film- und Fernsehschauspieler und hat als deutsche Stimme der „Harry Potter“-Hörbücher mit seiner vollendeten Sprechkunst die Herzen zahlreicher HP-Fans erobert. Er hat aber auch alle Bücher des Iren Eoin Colfer als Hörbücher aufgenommen, insbesondere die über „Artemis Fowl“.

|Der Komponist und Musiker: Parviz Mir-Ali|

Parviz Mir-Ali, geboren 1967, lebt in Frankfurt/M., wo er als Komponist arbeitet. Er hat unter anderem mit André Heller an „Yume“, mit Matthias Hartmann am Schauspielhaus Bochum und mit Gerhard Mortier an „Deutschland deine Lieder“ (Ruhrtriennale 2002) zusammengearbeitet.

_Handlung_

Den Abschuss aus der Riesenkanone in Florida haben die Mondreisenden mit heilen Knochen überstanden, nur Barbicane hat sich leicht verletzt. Aber wo befinden sie sich? Sind sie noch am Boden, oder am Boden des Ozeans, oder doch im All? Sie haben keinen Knall gehört – wie seltsam. Als sie die Luke öffnen, erkennen sie, sie fliegen im All. Klarer Fall: Wieder einmal muss Captain Nicholl blechen. Er hat eine weitere Wette verloren.

Doch es ist keine Zeit, sich in Sicherheit zu wiegen, denn das All ist alles andere als leer. Bug voraus fliegt ein weiterer Erdtrabant vorbei und eine Kollision droht. Dessen Existenz hat ein Franzose errechnet, und tatsächlich saust er in einer Distanz von 8140 km an der Kapsel vorbei. Endlich wird Barbicane der Grund klar, warum sie keinen Abschussknall gehört haben: Sie sind schneller als der Schall geflogen!

Zu ihrer Verblüffung reicht diese Geschwindigkeit nicht aus. Barbicanes Berechnungen führen Nicholl und Ardan die entsetzliche Wahrheit vor Augen: Sie werden den Mond nicht treffen. Schuld daran sind wieder einmal die trotteligen Astronomen der Sternwarte Cambridge, die – abgehobene Geister, die sie sind – einfach den Luftwiderstand in der Erdatmosphäre außer Acht gelassen haben. Daher ist die Kapsel jetzt 6000 Meter pro Sekunde zu langsam.

Doch wenn sie den Mond verfehlen, wo werden sie dann landen? Werden sie ewig weiterschweben, bis ein glücklicher Zufall sie auf die Jupitermonde verschlägt oder ein Komet ihr kleines Gefährt zerschmettert?

_Mein Eindruck_

|Eine Mondfahrt, die ist lustig|

Nun, so weit kommt es bekanntlich nicht. Der Autor hat das Motto ausgegeben „Eine Mondfahrt, die ist lustig“. Weil der schwärmerische Franzmann nicht darauf geachtet hat, dass nicht zu viel Sauerstoff in die Atemluft gerät (sie haben dafür einen Gasaustauschapparat), geraten unsere drei Lunatiker in einen lustigen Gasrausch, der sie von allerlei Luftschlössern auf dem Erdtrabanten fabulieren lässt, darunter natürlich auch von einer Mondrepublik. Wie könnte es auch bei Republikanern wie Franzosen und Amis anders sein, haben doch die meisten anderen Staaten immer noch diese drögen, völlig überholten Monarchien.

|Der Trabantentrabant|

Auch das regelmäßige Frühstücken lässt sich Ardan nicht vermiesen, und lediglich die Tatsache, dass einer seiner zwei Hunde das Zeitliche segnet, stimmt ihn etwas traurig. Zu seiner Verblüffung begleitet der aus hygienischen Gründen im Weltraum bestattete Hundekörper das Projektil wie ein eigener Trabant. Richtig lustig wird auch dies, als die Kapsel zum Trabanten des Erdtrabanten wird, und dabei selbst von einem Trabant umflogen wird. Selbstredend hieß der Hund von Anfang auch so: „Trabant“. (Der andere Hund heißt „Diana“, nach der römischen Mondgöttin.) Wer will, kann sich mit infantilen Sprachspielen austoben.

|Die Kardinalfrage|

Die Kardinalfrage ist jedoch: Ist der Mond bewohnt und wenn nicht, ist er wenigstens bewohnbar? Bei ihrer Umrundung finden die drei Forscher so manches Phänomen, das den irdischen Wissenschaftlern und Mondguckern Kopfzerbrechen bereitet, so etwa Rillen und womöglich Kanäle. Ardan vermeint auch einmal, Ruinen zu erblicken. Während ihm die Mondoberfläche wie eine Märchenlandschaft erscheint, hegen die beiden Amis eine weitaus prosaischere Betrachtungsweise. Sie frönen dem „verdammten Positivismus“, wie Ardan klagt. Der Einschlag eines Meteoriten, der zum Glück von einer direkten Kollision mit der Kapsel absieht, erhellt die Mondoberfläche wie ein Feuerwerk. Doch als der „Lichtspuk“ vorüber ist, meinen sie, einen Traum gesehen zu haben …

Die Euphorie wird vom prosaischen Barbicane im Handumdrehen wieder vertrieben. Er erklärt, dass der Mond zugleich älter als die Erdoberfläche sei, aber auch die Zukunft der Erde darstelle. Sie werde in, äh, ungefähr 400.000 Jahren den absoluten Kältetod sterben. Na, dann ist ja noch ein wenig Zeit für ein Frühstück, seufzt der Franzose erleichtert.

Natürlich wird allmählich die verdrängte Frage, wo bzw. ob sie landen werden, ein wenig relevant. Um so mehr, als sie den Himmelskörper komplett umrundet haben und nun vor der Wahl stehen, entweder zu landen, bis in die Unendlichkeit zu segeln oder zurück zur Erde zu fallen. Leider würde der Aufprall auf der Erde sie auf jeden Fall umbringen. Oder?

Der Autor gibt mit diesem Roman schon den Rahmen vor, wie künftig die Annäherungen an fremde Welten beschrieben werden: entweder ganz nüchtern nach Art amerikanischer Militärs und Ingenieure – oder so romantisch verklärend und vermenschlichend wie der Franzose es tut. Erst Frank Herbert wird 1965 mit seinem Roman „Der Wüstenplanet“ eine weitere Herangehensweise einführen: die wissenschaftlich fundierte Space-Opera, wobei die relevante Wissenschaft in diesem Fall die Ökologie ist.

Welche Tücken die physikalischen Gesetze für den damit unvertrauten Menschen bereit halten, müssen auch die Kameraden Barbicanes erfahren, die zur Bergung der Kapsel herbeigeeilt sind, sie aber tagelang vergeblich suchen. Sie haben einfach simpelste Fakten außer Acht gelassen. Dieser Umstand aber sorgt für gehörige Spannung, bangt das Publikum – egal ob Leser oder Hörer – um den Verbleib der Mondfahrer. Nur wer genauso schlau ist wie der Autor, wird von diesem Finale angeödet sein, da er ja schon alles weiß.

_Das Hörbuch_

Rufus Beck ist ja am bekanntesten dafür, über mindestens 125 Stimmen zu verfügen. (Wahrscheinlich eine Untertreibung.) Anders als in seinen Lesungen von Harry-Potter- und Artemis-Fowl-Büchern hält er sich bei Jules Verne etwas zurück. Das heißt aber nicht, dass all die Sprecher nicht mehr voneinander zu unterscheiden wären – im Gegenteil. Der pingelige Nicholl ist ebenso gut herauszuhören wie der beflissene Maston und der würdevolle Barbicane. Alle jedoch beherrscht die Stimme Michel Ardans. Er „schbrischd“ stets mit französischem Akzent, und zwar nicht nur in der Aussprache der Wörter, sondern auch im Tonfall. Da kann die Stimme schon mal ziemlich in die Höhe schnellen. Es ist ein Vergnügen, ihm zuzuhören. Wenn man kein Ingenieur ist.

_Die Musik_

Ich weiß ja nicht, auf welchem vielseitigen Instrument der Komponist Parviz Mir-Ali seine Musik produziert hat, aber sie passt genau in die damalige Zeit: Es klingt wie eine Dampforgel oder, wie man damals sagte, ein Orchestrion. Wir hören verschiedene Kombinationen aus Bläsern (viel Tuba), Marschtrommeln und Flöten. Laut Booklet handelt es sich dabei um Kompositionen des bekannten amerikanischen Musikers John Philip Sousa, der auch von einigen Autoren der Science-Fiction-Szene geschätzt wird.

Was hier aber so martialisch klingt, das tönt doch mitunter eher verspielt, so als befände sich der Hörer auf einem Jahrmarkt statt bei einem Truppendefilee. Aber in Amerika ist der Übergang fließend, wie man in vielen Hollywoodfilmen sehen kann. Diese Musik ist stets in den Pausen, aber auch als Auftakt und Ausklang zu hören.

Dies gilt jedoch nur für die Szenen, die am Anfang und im letzten Drittel auf der Erdoberfläche stattfinden. Alle anderen Szenen weisen eine ruhige Sphärenmusik auf, die es durchaus mit den ruhigsten Kompositionen von Pink Floyd aufnehmen kann – oder mit Gustav Holsts Planeten-Suite, wenn man Klassik lieber mag.

_Unterm Strich_

Nicht nur, weil das Hörbuch mit gut drei Stunden wesentlich kürzer ist als sein Vorgänger „Von der Erde zum Mond“, vergeht die Zeit beim Anhören wie im, ähem, Flug. Auch die zahlreichen Wechselfälle des Schicksals sorgen für Abwechslung und Spannung. Die Entdeckungen über die Irrtümer bei den Berechnungen, die Sprachspielereien, der Gasrausch und schließlich der Meteoriteneinschlag mit seinem Feuerwerk – für die Unterhaltung der Lunatiker und ihres Publikums ist jedenfalls bestens gesorgt.

Was nun die Voraussagen über die Bewohnbarkeit des Mondes angeht, so hält sich der Autor immer ein Hintertürchen offen. Haben oder haben sie nicht Wälder und Ozeane gesehen, als das „Feuerwerk“ explodierte? Vermutlich war’s nur ein Traum – oder nicht? Spätere Autorengenerationen werden sich alles Mögliche in dieser Hinsicht einfallen lassen. Bei H. G. Wells leben die „Seleniten“ natürlich nicht auf der gefährdeten Oberfläche, sondern in Höhlen und Tunneln unter der Oberfläche. Daher heißt sein Roman ja auch „First Men in the Moon“, und nicht „on the Moon“.

Und was das Vorhandensein von Wasser als Voraussetzung für Leben anbelangt, so fabuliert Wells‘ literarischer Nachfolger Stephen Baxter in seinem rasanten Roman „Anti-Eis“ von der Existenz von Wassereis – allerdings nur auf der Rückseite des Erdtrabanten, wo man’s bekanntlich nicht sieht. Ansonsten ließen sich Autoren wie Heinlein, Asimov, Clarke und Jack Vance etliche Möglichkeiten einfallen, um die kahle Oberfläche interessant zu machen. Bei Niven schließlich zerbricht der Erdtrabant daran, dass er seinem Muttergestirn zu nahe kommt: „Inconstant Moon“. Die Gravitationskräfte lassen eben nicht mit sich spaßen. Das müssen – zu ihrem Vorteil – auch Vernes Mondfahrer anerkennen.

Die inszenatorische Leistung ist bei Sprecher Rufus Beck und Komponist Parviz Mir-Ali ebenso gut gelungen wie im Vorgänger „Von der Erde zum Mond“, so dass der Hörer durchaus zufrieden sein kann. Lediglich der hohe Preis von 23,90 Euronen für drei CDs trübt die Freude etwas.

|Umfang: 221 Minuten auf 3 CDs|