John Wyndham – Die Triffids

Der aktuelle Band der Heyne-Reihe „Meisterwerke der Science Fiction“ verlegt den 1951 in England erschienen Roman „The Day of the Triffids“ in schöner Aufmachung und bestätigt damit seinen Status als ein Meilenstein des Genres. Vor dem Hintergrund des Zeitalters und der apokalyptischen Drohung des Atomkrieges traf Wyndham genau den Nerv der Zeit. Dazu kommt eine Prise unkontrolliertes biologisches Experiment und daraus eine zweite Bedrohung für die Reste der Menschheit, auch wenn zu jener Zeit sicherlich die einfachen postapokalyptischen Szenarien noch nicht ausgelutscht waren. Romane wie „Luzifers Hammer“ erschienen erst in den Siebzigern und feilten detailliert an einer barbarischen Welt am Rande des Abgrunds. Wyndham umschiffte diese Klippen durch die Erschaffung der Triffids und hielt sich nur in kurzen beiläufigen Passagen mit ihrer Problematik auf. Die Triffids sind der Garant dafür, dass es wenig zu marodierenden, jegliche Menschenrechte verachtenden oder gar kannibalistischen Gruppierungen kommt, sondern das Hauptaugenmerk auf die sozialen Strukturen gelenkt wird.

Für die Menschen dieser Zeit hatte es jüngst gravierende Entwicklungen gegeben und die Balance der Atommächte war nicht kontrollierbar. England sah sich in eine ungewöhnlich passive Rolle gedrängt, die Sicherheit, die seine Bürger aufgebaut und in den Nachkriegsjahren erhofft hatten, schwand und machte der allgegenwärtigen Furcht Platz. In diese Situation platzte Wyndham mit seiner Dystopie einer weltumfassenden Katastrophe, die anfangs als Naturgewalt geschildert wird, bevor ihr später genau die Befürchtungen der Menschen jener Zeit als Urheber anvermutet werden, nämlich geheime, außer Kontrolle geratene Spezialwaffen.

Außerdem schafft es Wyndham, das unsterbliche London in wenigen postapokalyptischen Jahren und doch absolut glaubhaft zerbröckeln zu lassen und es, entgegen der Lebensart dieser Zivilisation, seines Status als Bollwerk ebenjener Zivilisation zu berauben, ja vielmehr, unnachgiebig seine Schwächen und seine Hilflosigkeit klar auf den Punkt zu bringen – sicherlich ein Vorgehen, das den stolzen Engländern Atemlosigkeit und Grauen bescherte.

Aus heutiger Sicht und unabhängig der damaligen Zustände liest sich der Roman wie ein flottes Stück dystopischer Unterhaltung, das man schwer in unsere Zeit verankern kann aufgrund seines geringen Umfangs, der daraus resultierenden kurzen Anrisse einiger Problematiken, die sich unter den Einflüssen heutiger Ziegelsteinliteratur weniger ausgefeilt geben, als man es gewohnt ist. Auch nicht mehr häufig anzutreffen sind die trotz der geringen Dicke aufgezeigten philosophischen Tendenzen, die Wyndham seinem Werk zugrunde legt und gerade seinen Ich-Erzähler in verschiedenen Gedankengängen oder Dialogen darbieten lässt. Hierin offenbart sich, dass diese Geschichte nur als Auslöser und Transporter für die Zukunftsvision – unter den unbeschreiblichen Zuständen jener Zeit entstanden und extrapoliert – dient und es hier weniger als heute üblich um die Charakterisierung der einzelnen Protagonisten und ihr Innenleben geht.

Wyndham vermutet eine unkontrollierte, als Satellit platzierte Waffe als Auslöser einer weltumspannenden Blindheit – nur die wenigen Menschen, die zum Zeitpunkt des Geschehens nicht die vermeintlichen Kometen beobachteten, blieben verschont und finden sich in einer zusammengebrochenen Welt ohne jegliche Infrastruktur wieder, in der es zu überleben, sich zu organisieren und menschlich zu bleiben gilt. Als zusätzlichen Faktor gerät ein biologisches Experiment außer Kontrolle, und die bewegungsfähigen, mit Giftgeißeln ausgestatteten Pflanzen, die Triffids, sorgen für einen ständig zu führenden Abwehrkampf der letzten Sehenden – die Blinden sind weitgehend schutzlos den lauernden Aggressoren ausgeliefert.

Gleich zu Beginn entsteht eine grandiose Situation, während der der Protagonist Bill Masen, von einer Triffid vergiftet, um sein Augenlicht fürchtet, da er eine entsprechende Behandlung über sich ergehen lassen musste und nun niemand erscheint, um ihm den Augenverband abzunehmen. Als er es schließlich selbst wagt, muss er erkennen, dass er einer der wenigen Londoner ist, die nicht erblindet sind! Großartige Parabel, eigentlich der Höhepunkt der Geschichte.

Insgesamt liest sich der Roman heute sehr flott und unterhaltsam, das verstörende Bild entfaltet sich erst im Kontext mit der Entstehungszeit. Die zügige, auf den Punkt steuernde Schreibweise hebt ihn gegen heutige Weitschweifigkeit angenehm ab, und die philosophische Betrachtung einer möglichen Gesellschaftsumordnung unter katastrophalen Bedingungen ist glaubhaft, wenn auch befremdlich in ihrer Ausrichtung. Aber wie einer der Protagonisten es ausdrückt, sind ethische und moralische Vorstellungen abhängig von den Umweltbedingungen, die das Überleben der Spezies bestimmen.

Broschiert, 300 Seiten
ISBN 13: 978-3-453-52875-8
Originaltitel: The day of the Triffid

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