Block, Lawrence – Verluste

_Das geschieht:_

Mit Mickey Francis „Mick“ Ballou verbindet Privatdetektiv Matthew Scudder eine lange, enge und seltsame Freundschaft, denn der irischstämmige Gangsterboss ist ein brutaler Mann, der nicht nur in New York City viele Feinde grausam zu Tode brachte. Doch als Freund ist Ballou jemand, auf den man sich unbedingt verlassen kann, was Scudder schon mehrfach das Leben gerettet hat.

Nun soll er Ballou helfen, nachdem der zwei seiner ‚Angestellten‘ tot in einem Lagerhaus fand, wo sie Diebesgut abholen sollten. Dort wurden sie regelrecht hingerichtet. In der Tat glaubt sich Ballou seit einiger Zeit herausgefordert und bedroht, ohne seinen Gegner namhaft machen zu können. Scudder lässt vergeblich seine Verbindungen spielen. Als er schon aufgeben will, wird er von zwei Strolchen überfallen, bedroht und aufgefordert, Ballou seinem Schicksal zu überlassen. Als sie anfangen, ihn zwecks Festigung dieser Botschaft zu verprügeln, wehrt sich Scudder und kann seinen Peinigern eine Lektion erteilen.

Damit ist auch er auf die Todesliste des unsichtbaren Verfolgers gerutscht. Nur einem Zufall verdankt es Scudder, dass er einem Mordanschlag entkommt, bei dem stattdessen einer seiner ältesten Freunde auf der Strecke bleibt. Einen Tag später besucht er Ballou in dessen Kneipe, als ein Überfall mit Schnellfeuergewehr und Bombe erfolgt.

Obwohl ihm die Polizei im Nacken sitzt, schweigt Scudder eisern, während er seine Nachforschungen neu aufnimmt. Endlich hat er Erfolg, doch der Mann, der buchstäblich Ballous Kopf will, ist definitiv seit über dreißig Jahren tot. Das hält Scudder und Ballou nicht davon ab, privat mit dem scheinbaren Geist abzurechnen …

_Das Gesetz muss draußen bleiben_

Angesichts der Tatsache, dass auf den 300 (immerhin eng bedruckten) Seiten dieses Romans 28 Menschen ihr Leben gewaltsam lassen (falls ich richtig gezählt habe), trifft das originale „Everybody Dies“ den Nagel eher auf (oder die Kugel in) den Kopf als der deutsche Titel. Andererseits passt auch „Verluste“ zu dem gleichzeitig ultrabrutalen und wehmütigen Geschehen.

Der Plot ist eher Nebensache; primär der kritische und im Krimi die gespiegelte Realität suchende Leser sollte ihn nicht zu ernst nehmen. Eine Fehde dürfte sich nicht nur angesichts der erwähnten Opferstrecke kaum so problemlos und vor allem polizeifrei durchexerzieren lassen wie von Block geschildert. Gerade zwei Szenen widmet der Verfasser der genretypischen Konfrontation zwischen dem Detektiv und den offiziellen Ordnungshütern, doch das wirkt eher pflichtschuldig und bleibt folgenlos für die Handlung.

Die spielt in jener Grauzone, in die Autor Block die Alltagswelt seines dienstältesten Serienhelden im Laufe der Jahre verwandelt hat. Scudder begann 1976 in „The Sins of the Fathers“; dt. „Mord unter vier Augen“) noch recht konventionell zu ermitteln. Der Ex-Cop, der nach einem fatalen Fehlschuss zu saufen begann, war in seiner menschlichen Schwäche bei unvermindert ausgeprägten kriminologischen Fähigkeiten durchaus eine Klischeefigur des Krimi-Genres. Diese Ebene verließ Scudder erst allmählich, oder besser ausgedrückt: Die Figur wurde im Denken und Handeln vielschichtiger.

_Die menschliche Meta-Ebene_

Wobei Block vor allem in moralischer Hinsicht konsequent einen Sonderweg eingeschlagen hat. Scudder ist ein Mann, der sich vom ethischen Primat der gesellschaftlichen Mehrheit abgekoppelt hat und sich an Regeln hält, deren Alltagstauglichkeit er real erfahren und überprüft hat. Stimmen diese Regeln mit dem geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetz nicht überein, werden sie von ihm nur insoweit berücksichtigt, dass ihn die Missachtung nicht ins Gefängnis bringt.

Was eigentlich einen kriminellen Opportunisten auszeichnen müsste, wirkt bei Scudder durchaus überzeugend. Er hat das Gesetz für sich von allen politisch, juristisch oder medial verursachten Überwucherungen befreit und auf ein erprobtes Grundwerk zurückgebaut, das Selbstjustiz, Notwehr ohne polizeiliche Überprüfung oder die Freundschaft zu einem Kapitalverbrecher zulässt.

Womit die Liste der Gesetzesverstöße, derer sich Scudder allein in „Verluste“ schuldig macht, noch längst nicht abgeschlossen ist. Dem muss man sich als Leser beugen oder die Lektüre aufgeben. Leicht wird das aber nicht fallen, denn Scudder hat gute Gründe, um seinen persönlichen Weg zu begründen. Dass man darüber hinaus seine sehr brutalen Racheaktionen billigt, liegt daran, dass es stets nur echten Abschaum erwischt. Das funktioniert mit dieser Präzision nur im Roman und verärgert hier den Gutmenschen, an dessen Adresse sich Blocks Scudder-Geschichten sehr offensichtlich nicht richten.

_Das Alter als Summe von Entscheidungen_

Er mag sich versöhnlich gestimmt fühlen, wenn er zur Kenntnis nehmen kann, wie breit der Raum ist, den Block seinen Protagonisten zum Philosophieren (und Räsonieren) lässt. „Verluste“ ist der 14. Roman der Scudder-Serie. Seinen Detektiv lässt der Autor chronologisch altern, so dass Scudder in diesem 1998 veröffentlichten Buch auf eine mehr als drei Jahrzehnte währende ‚Literaturgeschichte‘ zurückblickt. Da New York City sein permanenter Standort blieb, wird jede Fahrt durch diese Stadt per se zu einer Erinnerungstour.

Das Alter spielt eine katalytische Rolle. Viele Figuren gehören zum Stammpersonal der Scudder-Serie. Sie haben viel und oft gemeinsam durchgemacht, was tiefe Spuren hinterlassen hat. Scudder selbst spürt, dass seine Kräfte nachlassen. Den Anschluss an die digitale Welt der Gegenwart hat er hoffnungslos verloren. In seiner Arbeit hält er sich an eine klassische und zeitlose Ermittlungspraxis, für die er nicht unbedingt einen Computer oder ein Handy benötigt. Wenn das nicht mehr reicht, greift Scudder auf ein kleines aber bewährtes Netzwerk von Helfern zurück.

Wenn das Ende näher rückt, beginnt der Mensch sich zu fragen, was er aus seinem Leben gemacht hat. Nicht nur Scudder denkt so. Mehrfach weist er darauf hin, dass „Verluste“ eigentlich Mick Ballous Geschichte erzählt. Der alternde Schwerverbrecher wird von besagter Frage gequält, weil ihm die Antworten nicht gefallen. Für eine Weile zieht er sich sogar in ein Kloster zurück, aber Block ist kein Gartenzwerg-Moralist: Ballou ist und bleibt Ballou. Ebenso geläutert wie notfalls mordlüstern kehrt er in die Geschichte zurück.

_Schweigen wäre manchmal wirklich Gold!_

Lakonie und Redseligkeit sind zwei Eigenschaften, die nicht nur auf den ersten Blick schwer zusammenkommen. Fast gelingt Block dieses Kunststück, wenn er seine Figuren ausgiebig über ihre Gefühle sprechen lässt, ohne sie dadurch der Lächerlichkeit preiszugeben. (Anmerkung: Nicht die Gefühle sind dabei das Problem, sondern das schauerlich oft fehlende Talent von Schriftstellern, diese adäquat zu schildern.) Ballou und Scudder erschießen Strolche, ohne zu fackeln, Gattin Elaine gestattet ihrem Matthew das Fremdgehen – oh ja, sie sind alle erfahren und weise und cool genug, um sich über die Klippensprünge ihrer Leben auslassen zu können.

Der Kritik gefällt so etwas, denn es verleiht dem Krimi ‚literarische‘ Qualitäten, die er zwar nicht nötig hat, die ihn aber offenbar trotzdem adeln, wenn sie denn gefunden werden. Wahrscheinlich schreibt Block ohnehin, wie und was er für richtig hält. Unabhängig davon hätte er die Flut der Lebensbeichten eindämmen sollen. Es irritiert, wie rasch man lernt, während des Lesens das Nahen jener Stellen zu erkennen, an denen Block den Gang herausnimmt und seine Figuren im Leerlauf schwadronieren lässt.

Angesichts der Generalqualitäten dieses Buches ist das freilich eine lässliche Sünde. Mit seiner Scudder-Serie hat Lawrence Block als Schriftsteller einen Punkt erreicht, an dem er seinem Publikum zuverlässig Lesestoff einer Qualität liefert, die anscheinend zu gut für die Buchfabriken und Bestsellerlisten dieser Welt ist. Peinlich viele Jahre wurden nicht nur die Scudder-Romane nicht mehr in Deutschland verlegt. Die bunte Welt der Kleinverlage ermöglicht nun Blocks Rückkehr. Zwei weitere Scudder-Bücher hat der Autor nach „Verluste“ noch geschrieben. Genügt diese Info als Wink mit dem Zaunpfahl?

_Der Autor_

Lawrence Block, geboren am 24. Juni 1938 in Buffalo (US-Staat New York) gehört zu den Schriftstellern, die nicht zwischen „Literatur“ und „Krimi“ unterscheiden und trotzdem – oder gerade deshalb – ein Werk von bemerkenswert konstanter Qualität vorlegen. Das ist umso erstaunlicher, als Block ein ungemein fleißiger Autor ist und Kunst und Quantität sich angeblich ausschließen.

Noch während seines Studiums veröffentlichte Block 1957 erste Kurzgeschichten. Ab 1959 arbeitete er u. a. Kolumnist und sichtete für einen Verlag eingehende Manuskripte, bevor er freier Schriftsteller wurde. In einem halben Jahrhundert entstanden mehr als 50 Romane und 100 Kurzgeschichten. Block schrieb unter Pseudonymen wie Jill Emerson, Chip Harrison, Paul Kavanagh oder Sheldon Lord und schuf bisher fünf Serien, unter denen die um den Regierungsagenten Evan Tanner (1966-1998), den auf Kunstraub spezialisierten Dieb und unfreiwilligen Privatdetektiv Bernie Rhodenbarr (ab 1977) und vor allem die um den Privatdetektiv und Alkoholiker Matthew Scudder (ab 1976) feste Bestandteile der Kriminalliteratur sind.

Für seine Arbeit wurde Block mit allen wichtigen Preisen ausgezeichnet. Neben seinen Kriminalromanen verfasst er auch Softpornos, Artikel und Sachbücher (u. a. über das Schreiben) und hat das Drehbuch zum Tobe-Hooper-Splatter „The Funhouse“ (1981, dt. „Kabinett des Schreckens“) geschrieben.

Über seine Arbeit informiert Lawrence Block auf der ausgezeichneten Website: http://www.lawrenceblock.com.

_Impressum_

Originaltitel: Everybody Dies (New York : William Morrow & Co. 1998/London : Orion 1998)
Dt. Erstausgabe: Februar 2008 (Shayol Verlag/Funny Crimes 3906)
Übersetzung: Katrin Mrgulla
296 Seiten
EUR 14,90
ISBN-13: 978-3-926126-75-7
http://www.shayol.biz

_Mehr von Lawrence Block auf |Buchwurm.info|:_

[„Abzocker“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5378 (Hörbuch: Hard Case Crime)
[„Falsches Herz“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5707

Schreibe einen Kommentar