Louise Walters – Dem Glück so nah

Roberta liebt Bücher – sie arbeitet in einem kleinen, charmanten Bücherladen und findet immer wieder in alten Ausgaben Postkarten, Notizen oder andere Lebenszeichen fremder Menschen. Eines Tages öffnet sie einen Koffer ihrer Großmutter, der randvoll ist mit Büchern. In einem der Bücher liegt ein Brief ihres Großvaters – datiert auf eine Zeit, in der dieser eigentlich hätte schon tot sein müssen. Roberta begibt sich auf Spurensuche nach weiteren Briefen und besucht schließlich auch ihre 109 Jahre alte Großmutter Dorothy, die in einem Heim lebt.

Der andere Handlungsstrang widmet sich Dorothys Geschichte, die im Zweiten Weltkrieg spielt. Sie ist mit einem Mann verheiratet, den sie nicht wirklich liebt und der sie auf einem Heimatbesuch sogar vergewaltigt. Dorothys Leben ist hart und geprägt von zahlreichen Fehlgeburten. Doch dann scheint alles gut zu gehen. Sie wird schwanger und kann das Kind austragen. Erfüllt sich damit ihr Glück?

Und wie geht es Roberta? Sie ist heimlich in den Besitzer des Buchladens verliebt, hat aber eine Affäre mit einem verheirateten Mann. Als die betrogene Ehefrau im Buchladen eine Szene macht, sieht Roberta sich gezwungen, ihren Job schweren Herzens zu kündigen.

So nah und doch so fern

„Dem Glück so nah“ heißt der Roman treffend, denn für beide Hauptfiguren ist das Glück stets nah, aber doch so fern. Immer wieder greifen sie danach und scheitern dann wieder. Auf der einen Seite steht Dorothy, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs lebt, mit Entbehrungen kämpfen muss, aber vor allem etliche Fehlgeburten zu überstehen hat. Nichts wünscht sie sich mehr als ein Baby, dem sie all ihre Liebe schenken kann. Denn ihr Mann Albert ist nicht das, was sie sich eigentlich gewünscht hat. Der schreckliche Höhepunkt der Ehe ist eine Vergewaltigung während eines Heimaturlaubes. Danach kehrt Albert nicht wieder zurück. Stattdessen ist da der Pole Jan, in den Dorothy sich still und heimlich verliebt. Und auch Jan scheint Gefühle für Dorothy zu entwickeln. Langsam nähern die beiden sich an, und doch weiß der Leser bereits zu Beginn des Buches aus einem Brief von Jan an Dororthy, dass auch diese Liebe nicht im Glück enden wird.

Auf der anderen Seite ist Roberta, Dorothys Enkelin, die in der Jetztzeit lebt und in einem kleinen Buchladen für Liebhaber arbeitet. Immer wieder findet sie Notizen und Karten in alten Büchern, die sie liebevoll in die verschiedenen Regale einordnet. Im Laden arbeitet auch noch Jenna, die eine Affäre mit dem Ladenbesitzer Philip hat. Was dieser nicht ahnt: Jenna ist schwanger und bittet ihre Kollegin Roberta, sie zu einer Abtreibung zu begleiten. Als Robertas Affäre auffliegt, fürchtet sie um Philips freundschaftliche Gefühle für sie.

Das gesamte Buch ist geprägt von Dramen, Schwangerschaften, Fehlgeburten, Liebeskummer und dem unerfüllten Wunsch nach einem Kind. Immer wieder passieren schreckliche Dinge, die das Leben der zwei Hauptcharaktere aus den Bahnen werfen.

Leider wachsen einem beide Frauen nicht ans Herz. Roberta wirkt oftmals schier herzlos und kalt, an sie kommt man gar nicht heran, aber auch Dorothys Gefühle kann man meist nicht nachvollziehen. Selbst nach der Vergewaltigung wünscht sie sich nichts mehr als ein Kind von ihrem Mann, und als die Monatsblutung schließlich einsetzt, ist die Enttäuschung wieder groß. Wieder hat es mit dem Kinderwunsch nicht geklappt, auch wenn es das Ergebnis einer Vergewaltigung gewesen wäre.

Roberta agiert noch unüberlegter – ihre Kündigung kommt praktisch aus dem Nichts. Außerdem fragt man sich die ganze Zeit, welchen Sinn sie in der Affäre gesehen hat und warum sie ihre Kollegin Jenna, mit der sie überhaupt nicht befreundet ist, zu der Abtreibung begleitet. Nichts passt zusammen. Man kann nie verstehen, warum die beiden Frauen das tun, was sie eben tun.

Darüber hinaus ist die Geschichte ein einziges Hin und Her. Die Autorin springt zwischen den Geschichten und auch innerhalb der beiden Geschichten in der Zeit. Das stört den Lesefluss erheblich und verwirrt auch immer wieder. Man findet sich einfach nicht zurecht. Zwischendurch tauchen zudem immer wieder Fundstücke aus alten Büchern auf, die mit der eigentlichen Handlung nichts zu tun haben und völlige Fremdkörper bleiben.

Der Klappentext verspricht „einen tief bewegenden, warmherzigen Roman mit einer Prise Nostalgie“, doch leider konnte mich die Geschichte nicht wirklich bewegen, und von Warmherzigkeit war auch keine Spur. Ganz im Gegenteil, besonders Roberta wirkt meist ziemlich gefühlskalt und so, als könnte nichts an sie herankommen.

Schade

Ich bin mit diesem Buch nicht warm geworden. Ich konnte mich nicht einlesen, mich nicht in die Figuren hineinversetzen und hatte an keiner Stelle im Buch das Gefühl, unbedingt weiterlesen zu müssen. Zwar beantwortet die Autorin manche Fragen aus Dorothys Geschichte sehr spät, sodass man meinen könnte, dass diese offenen Fragen einen bei Laune halten, aber leider ist das nicht der Fall. Irgendwann ist es einem fast egal, was Dorothy damals geschehen ist.

Und dabei steckt so viel Potenzial in der Geschichte. Die Grundidee gefiel mir immerhin so gut, dass ich nach Lesen des Klappentextes unbedingt das ganze Buch lesen musste. Zu gern wollte ich wissen, welchem Geheimnis Roberta auf der Spur ist, was ihre Großmutter im Krieg erlebt hat und wie ihr Großvater einen Brief nach seinem Tod schreiben konnte. Die Auflösung mancher Rätsel folgt zwar, aber auch sie überzeugt nicht auf ganzer Linie, sodass ich insgesamt leider nur zwei Sterne vergeben kann.

Taschenbuch: 352 Seiten
ISBN-13: 978-3404172085

www.luebbe.de

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