Clark, Mary Higgins – Requiem für einen Mörder

_Ladykrimi: Vorsicht, Schlafmittel!_

Der Kurzkrimi in Kürze: Der Anwalt Jack Carroll ist davon überzeugt, dass der auf frischer Tat ertappte William Koenig ein psychopathischer Serienmörder ist. Noch während Carrol nach Beweisen sucht, schmiedet Koenig Pläne, um sein blutiges Werk zu vollenden.

_Die Autorin_

Mary Higgins Clark wurde 1928 in New York City geboren. Nach der Highschool besuchte die Tochter irischer Einwanderer eine Sekretärinnenschule. Ab 1949 arbeitete sie als Stewardess bei der PanAmerican Airline. Ein Jahr später heiratete sie Warren Clark, den sie schon seit ihrem 16. Lebensjahr kannte. 1964 verstarb ihr Ehemann unerwartet an einem Herzinfarkt und hinterließ sie mit fünf Kindern. Zu diesem Zeitpunkt begann Clark, Radio-Scripts und Bücher zu schreiben. Schon ihr erster Thriller „Where are the children?“ (1975) wurde ein großer Erfolg und änderte ihr Leben. Seitdem sind ihre Bücher regelmäßig in den Bestsellercharts.

_Der Sprecher_

Andreas Sippel arbeitet seit seinem Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart als Rezitator und als Sprecher in Hörfunk und Dokumentarfilmen (u. a. „37°“). Er ist der Erzähler in der Reihe „Erlebnis Ballett“ der Bayerischen Staatsoper. An der Fachakademie für Schauspiel und Regie Otto-Falckenberg in München unterrichtet er das Fach Bühnensprache. Er ist Gastdozent an der Akademie für Gesprochenes Wort Stuttgart und an der Universität Ca’Foscari in Venedig. (Verlagsinfo)

_Handlung_

Jack Carroll, Stellvertretender Bezirksstaatsanwalt von Westchester County nahe New York, betritt das Gefängnishospital, in dem William Koenig einsitzt. Er will Koenig als Serienmörder überführen, doch dieser ist trickreich und, was Jack nicht weiß, bereitet seinen Ausbruch vor. Zuletzt versuchte William eine junge Frau namens Emily Winters zu erwürgen – er muss einen Job zu Ende bringen.

Immerhin scheinen die Sicherheitsvorkehrungen des Hospitals ausreichend zu sein, denkt Jack. Und die neue Psychiaterin Dr. Stein, Ende 50, scheint sich von dem charmanten Koenig nicht um den Finger wickeln zu lassen wie ihre naive Vorgängerin. Dr. Stein glaubt nicht, dass Koenig alle zehn Morde, derer Jack ihn überführen will, schuldig ist. Dennoch stimmt etwas mit Koenig eindeutig nicht.

Dass Koenig überhaupt in einem Hospital für geisteskranke Kriminelle untergebracht ist, hat nämlich einen guten Grund. Und der macht sich im Gespräch mit ihm, das Jack und Dr. Stein beginnen, schnell bemerkbar. „Also, Mr. Koenig: Warum haben Sie versucht, Emily Winters zu erwürgen?“ will Jack wissen. Nun ja, meint Koenig, ich war in einem meiner früheren Leben Simon Guinness und wurde im Jahre 1708 wegen der Falschaussage einer gewissen Kate Fellowe gehängt. Kate Fellowe ist die frühere Inkarnation von Emily Winters. Beide haben rotes Haar und sehr blaue Augen. Koenig verlangt nach Gerechtigkeit, daher muss Emily sterben.

Von den früheren Leben weiß Koenig angeblich durch Selbsthypnose. Das quittiert Dr. Stein mit dem skeptischen Heben einer Augenbraue. Er würgte Emily vor drei Jahren und wie er behauptet, würde er es wieder tun. Koenig hat einen muskulösen, durchtrainierten Körperbau, doch sein Gesicht ist unscheinbar, bis auf die fast farblosen Augen. Mit wenigen Utensilien könnte er sich wirkungsvoll verkleiden. Dr. Stein und Jack haben nicht die Absicht, ihn in nächster Zeit zu entlassen. Aber Jack hat auch keine Beweise und kehrt unverrichteter Dinge in sein Büro zurück. Er kann Koenig nicht verknacken, weil dieser offensichtlich unzurechnungsfähig ist.

Am nächsten Tag bringt Koenig einen Wärter und einen Pfleger um und entkommt in dessen Verkleidung aus dem Hospital. Schnurstracks fährt er zu Emilys Domizil in einer privat bewachten Siedlung und dringt, ohne gesehen zu werden, ins Haus ein. Niemand daheim. Simon Guinness macht es sich gemütlich und wartet, bis Kate Fellowe von ihrem Studentenjob als Kellnerin nach Hause kommt. Der Strick wartet bereits auf sie.

Doch die Begegnung verläuft etwas anders als erwartet, denn Emily Winters hat sich in drei Jahren verändert und ist in Sachen Parapsychologie nicht untätig gewesen. Sie hält eine Überraschung für Simon Guinness bereit …

_Mein Eindruck_

Dies ist gutes altes Krimihandwerk, wie man es von Clark seit über 30 Jahren gewohnt ist. Aber diesmal hat die Geschichte wenigstens einen netten Twist: Die Hauptfigur ist vielleicht, vielleicht aber auch nicht unzurechnungsfähig insofern, als sich Koenig für eine Reinkarnation hält. Und seine Opfer natürlich auch. Und alle müssen ihre Rechnung zahlen, o ja! Dafür wird er schon sorgen. Ein Psychopath und Serienmörder muss also nicht unbedingt Hannibal ‚The Cannibal‘ Lecter heißen, um einerseits gefährlich zu sein – und doch in gewisser Weise frei.

Der Showdown ist das beste an der Geschichte. Man sollte nicht meinen, dass die Studentin Emily einem Serienmörder vom Kaliber Koenigs Paroli bieten könnte, aber manchmal schlägt eben Geistesgegenwart tumbe Muskelkraft (soll ja auch Schwarzenegger passiert sein). Emily hat sich, wie gesagt, mit Parapsychologie auseinandergesetzt und eine eigene frühere Inkarnation gefunden. Diese ist Simon Guinness wohlbekannt und übt eine erstaunliche Wirkung auf ihn aus.

Der Schluss kommt für den von Dan Brown & Konsorten verwöhnten Schmökerkonsumenten doch recht abrupt und fast etwas unvermittelt. Deshalb heißt es also auf-passen, um nichts zu ver-passen. In der Kürze liegt eben manchmal die Würze.

_Der Sprecher_

Sippels Vortrag ist zwar sehr verständlich und zeichnet sich durch eine deutliche Aussprache aus, aber er bleibt farblos. Obwohl er er versucht, wenigstens William Koenig eine individuelle Sprechweise zu verleihen – tief und langsam – bleiben alle Figuren blass und kaum unterscheidbar. Es fiel mir nicht leicht, dem Fortgang der Handlung zu folgen.

_Unterm Strich_

Fans von Clark, Elizabeth George, Ann Granger und Agatha Christie und wie die Ladycrime-Exponenten alle heißen – sie finden ein gefundenes Fressen. Ich selbst fand manche Aspekte hübsch ironisch, aber da ich wesentlich härte Kost gewohnt bin – etwa Slaughter, Gerritsen und Connelly – entlockte mir die Geschichte selbst nur ein herzhaftes Gähnen. Auch der Sprecher ist nicht dazu angetan, den Hörer aus dem Sessel zu reißen und ihm zu applaudieren. Sippel ist ebenso ein zuverlässiges Schlafmittel wie Mary Higgins Clark.

|Originaltitel: Haven’t we met before?, 2000
Aus dem US-Englischen übersetzt von H. Roberts
55 Minuten auf 1 CD|
http://www.hoerverlag.de

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