Evans, Christopher – Schimären

_Intelligente Künstler-Fantasy_

Dieser kluge Künstlerroman ist eine Sammlung von Erzählungen, die aufgrund ihrer chronologischen Reihenfolge und ihres inneren Zusammenhangs 1992 zu einem Buch zusammengefasst wurden. „Schimären“ ist ruhig, nachdenklich und stimmungsvoll.

_Handlung_

Shubi ist ein Naturtalent, was das Erschaffen und Formen von Schimären angeht, die unablässig unsichtbar in der Luft um sie herumgeistern. Sie rechnet sich bessere Chancen im Leben aus, wenn sie vom Lande in die große Stadt zieht und den Bürgern ihre Kunst vorführt. Schon bald verfeinert sich ihr Können, und sie lernt ein weiteres verborgenes Talent an, Neni, der sich später, als er zu Ruhm und Ehre am Hofe aufgestiegen, Vendavo nennen wird. Doch dann erinnert er sich nicht mehr an seine einstige Lehrerin, die sich mit Prostitution sein Studiengeld verdienen musste. Die Künstlerin stirbt einsam und vergessen.

Vendavo ist ein Rebell und erschafft eine Schimäre, die sich wie ein Android verhält und ebenso bezaubernd wie eine junge Frau aussieht. Marael, so heißt das Geschöpf, wird auf Befehl des Herrschern in einen Garten verbannt – denn diese Schimäre löst sich nach ihrer Erschaffung nicht in Luft auf, sondern bleibt farbig und quasi lebendig; eine Verhöhnung des Menschen?

Als die Repessalien des Herrschers nach mehreren Attentatsversuchen zunehmen, baut er eine riesige Brücke, die mit einem Festakt von Vendavo eröffnet werden soll. Die Untergrundbewegung jedoch stürzt am Festtag erfolgreich den König und tötet alle Machthabenden. Vendavo gerät ins Zwielicht: Hat er mit seinem Kunstwerk das bestehende Unrechtssystem gestützt oder verhöhnt? Die Politik der Revolution urteilt über die Legitimität der Kunst. Vendavo behält seinen Kopf, mit knapper Not, aufgrund der positiven Aussage seines Bruders, der in bitterer Armut lebt.

Vendavos bester Schüler hat ihn im Tempel, Vendavos größtem Kunstwerk, vor aller Augen ermordet und sich dann selbst gerichtet. Als die Witwe Kumashs von den Inquisitoren vernommen wird, weiß sie kaum einen Grund zu nennen. War es Absicht oder blinde Verzweiflung? Kumash wird ebenso wie seine Witwe verurteilt, deren Besitz konfisziert wird. Verhängnisvolle Kunst.

In der Koda begraben die Schneemassen einer durch Telekinese, einer neuen Kunst, ausgelösten Lawine die Stadt unter sich, in der der frevelhafte Tempel steht.

_Fazit_

Eine wahrhaft deprimierende Geschichte, die Evans dem Leser auftischt. Wenn der Umschlag nicht in einem sympathischen, freundlichen Himmelblau gehalten wäre, würde man das Buch nur an dunklen Regentagen lesen. Evans sieht den Künstler zunächst als Genie, dessen Können ihm Freude macht und anderen Vergnügen bereitet. Bis es zu Akten des Regelverstoßes und offener Rebellion kommt. Weg- und Schicksalsgefährten bleiben auf der Strecke, bleiben unbeachtet. Das Genie jedoch bleibt à la Nietzsche einsam in seiner eigenbrötlerischen Welt, umgeben von großen Ideen, die manchmal zu einem Triumph werden, manchmal aber auch nicht. Und es gibt immer Neider.

Zum Glück kommt das Lokalkolorit nicht zu kurz, und so spielen mehrere Berufsstände eine Rolle. Vendavo erzählt nie von sich selbst, sein Bild wird von mehreren Seiten von außen gezeichnet, meist von Frauen, seinen eigenen wie auch fremden. Dies verleiht der Erzählung eine wohltuende Objektivität, die die düstere Atmosphäre fast ausgleichen kann.

Der 1951 geborene britische Science-Fiction-Veteran Christopher Evans beschäftigt sich in „Chimären“ mit der Rolle des Künstlers in einem repressiven Herrschaftssystem. Actionfans kommen hier ebensowenig auf ihre Kosten wie Liebhaber von Genre-Science-Fiction, die nach außen gerichtet ist, etwa in der Space-Opera.

|Originaltitel: Chimeras, 1992
Aus dem Englischen übertragen von Christine Strüh|

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