Gephart, Irmgard – Zorn der Nibelungen, Der

Irmgard Gephart, Lehrbeauftragte des Germanistischen Seminars der Universität Bonn, sieht im Nibelungenlied den Prototyp des Grandiosen unter den höfischen Epen, denn nirgends ist das Kollektiv der Helden und höfischen Damen imposanter – und nirgends ist der Untergang erschreckender. In ihrer Studie beschäftigt sie sich mit dem Motiv der Rache, denn im „Nibelungenlied“ rächt sich jeder an jedem, Kränkung und Racheimpulse treiben das Geschehen mit einer unerbittlichen Logik voran. Mit emotionstheoretischen und psychologischen Denkansätzen wird der Text an die Gegenwart herangeholt und dabei seine überzeitliche Modernität aufgezeigt.

Die hauptsächliche Basis ihrer Studie bilden die Denkansätze der Narzissmus-Theorie, welche eine zentrale Position im psychoanalytischen Diskurs einnimmt. Konform dem Stellenwert psychoanalytischer Traumdeutung benennt Gephart aufgrund des anfänglichen Falkentraumes Kriemhild als Falknerin sowie Gunther und Hagen als die zwei Adler als Hauptpersonen des nibelungischen Dramas. Da die männlichen Helden Träume als etwas nicht Beherrschbares ablehnen, bei den Frauen dagegen Gegenstand ernsthafter Erörterung ausmachen, zeigen sich auch hier bereits die Gegensätze zwischen dem Männlichen und Weiblichen, die sich durch das gesamte Epos hindurchziehen. Wobei im Ratschlag der Mutter Kriemhilds Ute diese sich zur Verteidigerin der patriarchalischen Werte macht. Aus männlicher Perspektive findet die Projektion des Unheils bei den Frauen statt, wogegen aus der Position Kriemhilds die Leidensursache auf Seiten der Männer erscheint. Männer und Frauen werden in einer höfischen Welt für einander zu Todesengeln und Unheilsträgern.

Männliches und Weibliches begegnen sich aber in der letzten Zeile der Traumszene noch auf eine andere, eigentümliche, Weise. Der Tod so zahlreicher Helden suggeriert in der mittelhochdeutschen Umschreibung von |“vil maneger muoter kint“| (19,4) die Nähe zu einem mütterlichen Schoß und damit die Erfüllung eines schicksalhaften Kreislaufs, in dem Geburt und Tod mit der mütterlichen und rächenden Frau verbunden werden. Weibliche Übermächte stehen am Beginn und am Ende einer männlich-heroischen Existenz, während die Frau ihrerseits an eine leidbringende Männerwelt gebunden ist – wie die Falknerin an den Falken.

Auch Emotionalität zeigt sich mit Beginn des Epos vornehmlich als negativ gefärbt und weiblich, gegenüber einer positiven, männlich besetzten Welt politischer Machtentfaltung. Aus sozio-biologischer Perspektive gehört „Zorn“ (Titel des Buches) zu den neurologischen, an den Sympathikus gebundenen Primäremotionen, welche die größte Dynamik und Energie freisetzen. Der funktionale Sinn der Wut ist die Befreiung, der Ausbruch aus der Enge, die Beseitigung des Hindernisses oder der Frustration durch einen aggressiven Akt. In der Evolution des Menschen war Zorn wichtig für das Überleben. Da heutzutage Zorn gesellschaftlich weitgehend unerwünscht ist und zum unkontrollierten Verhalten gezählt wird, zeigt sich hieran deutlich, welche mentalen Differenzen uns von der Affektwelt des „Nibelungenliedes“ trennen. Von der Antike eines Aristoteles, der Zorn zu den Lustgefühlen zählte, bis hin zu Thomas von Aquin fand Zorn eine fraglose Würdigung. Sowohl bei den antiken wie den mittelalterlichen Philosophen steht für die Deutung des Zornes der Zusammenhang mit einer zugefügten Kränkung und der berechtigte Impuls nach Rache bzw. Vergeltung im Vordergrund.

In diesen Zusammenhängen wird Gunther in ungewöhnlicher Weise Siegfried als überlegen dargestellt. Gunther verfügt nämlich über die Mittel, ihn anzustacheln. Auf einer Ebene der Affektsteuerung zeigt er sich damit klar als der Überlegenere, der sich erstens selbst unter Kontrolle hat und zweitens so viel Einsicht in das Affektverhalten seiner Mitmenschen besitzt, dass er sich dieses zunutze machen kann. Siegfried übernimmt dennoch auf der Basis seiner eigenen affektiven Reaktionsbereitschaft die charismatische Führerschaft für den ganzen Wormser Hof.

Bereits mit der ersten Kampfhandlung zwischen den Burgundern und den anstürmenden Dänen und Sachsen inszeniert der Dichter ein Fest der Gewalt, wobei das Wort „bluot“ positiv besetzt ist, was in der Reimpaarung mit „guot“ seinen Ausdruck findet. („Blut ist gut“). Das Nibelungenlied steht klar in Fortsetzung seiner Ursprünge aus der germanisch-mythischen Welt, deren Kriegsgott Wotan ebenso etymologisch mit „Wut“ verbunden ist. Das Blut der Verwundeten ist die lebensspendende Kraft für einen Kriegsgott, der zugleich Todes- und Fruchtbarkeitsgott ist – in einem männerbündischen Lebenszusammenhang, von dem Frauen ausgeschlossen sind. Selbstverständlich entspricht Siegfried auch diesem Fruchtbarkeitsgott, wenn er in der direkten Begegnung mit Kriemhild errötet, denn er trägt auch hier seine Emotionen in ungewöhnlicher Intensität aus, die sich seiner willkürlichen Steuerung entziehen. Genau wie sein Zorn ihn zum charismatischen Kriegshelden macht, verleiht ihm die Liebe eine außergewöhnliche Aura.

Ganz anders auch hier Gunther, den es nicht zur sittsamen höfischen Minne zieht, sondern zu einer gleichberechtigten mystischen Brunhild, die vollkommen der matriarchalischen Welt angehört. Durch den Betrug beim Wettkampf der Brautwerbung (eigentlich ein Dreikampf statt des beabsichtigten Zweikampfes) entledigt sich Siegfried aber seines symbolischen Vaters, der ihn bis dahin in Abhängigkeit gehalten hatte. So wie Gunther aber seine Männlichkeit verkaufte, hat Brunhild ihre weiblichen Instinkte verraten und jeder ist für den anderen nur eine leere Hülle von Status und Macht. Von nun an ist Gunter Bräutigam von Siegfrieds Gnade.

Später kommt der Mord an Siegfried durch Hagen. In den zahlreichen Blutmotiven des „Nibelungenliedes“ mischen sich vielfach christlich-sakramentale Vorstellungen vom Opfertod Christi mit archaischen Vorstellungen blutfordernder und blutgebender Mächte, wobei christliche Vorstellungen von Tod und Wiedergeburt sich mit germanisch-archaischen Vorstellungen eines Blutopfers für göttliche Mächte berühren. Der hinterhältige Mord schreit förmlich nach Rache und Genugtuung. Kriemhild geht es dabei weniger um eine objektive Rache an ihrer Sippe, sondern sichtlich um ihre personale Lust an der Vergeltung. Sie steht vor allem mit Hagen gemeinsam in einer libidinösen Hassbeziehung. Angekommen an Etzels Hof verfallen die Burgunder sehr schnell in eine regressive Infantilität, wo sie in Anklängen eines urtümlichen Mutter-Kind-Szenarios der Angst in der Dunkelheit, des behütenden Schlaflieds durch Volker und der behütenden Wache durch Hagen verfallen. Das geht einher mit Erkenntnissen der Gruppenpsychologie, nach denen Großgruppen in Zeiten der Angst regredieren und sich um ihren Führer scharen.

Kriemhild holt für die Hunnen überraschend ihr gemeinsames Kind mit Etzel – Ortlieb – an die Festtafel, wohl wissend, ihn damit zu opfern und die Eskalation zu provozieren. Das darauf folgende Blutvergießen reicht bis zum Tabubruch, der mit einer quasi-kannibalischen Handlung einhergeht. Die Burgunder trinken das Blut ihrer Feinde, das für sie zum Ersatz für Wein wird. Der Höhepunkt ist schließlich gekommen, wenn Kriemhild Hagen mit Siegfrieds Schwert enthauptet. Zwar wird sie selbst daraufhin von Hildebrand in Stücke gehauen, aber ihre Rache hat sich erfüllt.

http://www.boehlau.de

Schreibe einen Kommentar