Hausdorf, Hartwig – weiße Pyramide, Die

Der Untertitel dieses Werkes: „Außerirdische Spuren in Ostasien“ lässt bereits darauf schließen, dass es sich hier nicht um Archäologie im eigentlichen Sinne dreht. Autor Hartwig Hausdorf gehört zum Dunstkreis Erich von Dänikens. Dieser ist nun nicht grade unumstritten und Grund für manche Zeitgenossen, aufstöhnend die Augen zu verleiern. Ob seine Götter-aus-dem-All-Theorien nun kompletter Humbug sind oder nicht, das muss im Endeffekt jeder für sich entscheiden. Seine Person sei hier auch nur deswegen explizit erwähnt, da sich der Einband damit schmückt, dass eben jener EvD das Vorwort dazu spendierte.

Der Titel gehört somit in die Rubrik Grenzwissenschaften. Das heißt jenen Literaturzweig, der sich mit allerhand kuriosem Zeug beschäftigt, das a) abseits der Lehrmeinung steht, b) schwer zu beweisen und c) manchmal noch schwerer zu glauben ist. Die Spanne reicht hierbei von UFOlogie über Esoterik und „verbotene Archäologie“ bis hin zur globalen Verschwörungstheorie. Sehr oft hängt das alles auch kunterbunt gemischt zusammen. Unterhaltsam sind solche Publikationen aber meistens auf jeden Fall, und sei’s nur, um manche Behauptungen und Theorien durchzudenken und genüsslich zu zerpflücken oder sich darüber zu amüsieren, wie lächerlich sich so mancher Autor machen kann.

_Zum Inhalt_

Was die wenigsten wissen, ist, dass nicht nur in Meso-Amerika und in Ägypten Pyramiden zu finden sind. Im Reich der Mitte – sprich: China -, aber auch in den umliegenden Staaten Süd-Ost-Asiens sind diverse geheimnisvolle Monumentalbauten anzutreffen, über deren Herkunft man seit der Öffnung dieser Länder für westliche Augen heftig spekuliert. Die besagte „Weiße Pyramide“ steht in der chinesischen Provinz Shaanxi, wurde bereits um die Jahrhundertwende von Reisenden beschrieben und erstmals 1944 von einem amerikanischen Piloten im zweiten Weltkrieg fotografiert. Diese Aufnahme des 300 Meter hohen Monumentalbaus ist unlängst durch alle wissenschaftlichen Zeitschriften und archäologischen Publikationen gegangen und selbstmurmelnd findet sie sich auch hier wieder.

Die Pyramide in der Nähe der Stadt Xiang ist bei weitem nicht die einzige ihrer Art, jedoch mit Abstand die größte davon. Forscher, die das Glück haben, sie aus der Nähe begutachten zu dürfen, sind sehr euphorisch, dass sie tatsächlich unangetastet sein könnte, und hoffen darauf, bei einer weiteren Öffnung der kommunistischen Volksrepublik daran ausgiebig forschen zu dürfen. Sind die ägyptischen und meso-amerikanischen Pyramiden allesamt über die Jahrhunderte und – tausende hinweg ausgiebig gefleddert worden, so verhindert dies allein schon der chinesische Ahnenkult. Denen kommt es kaum in den Sinn, solche Grabmäler (so es denn wirklich welche sind) zu schänden. Leider ist auch dieser Umstand das wohl größte Hemmnis, so dass es Wissenschaftlern immer wieder verwehrt wird, sich intensiv damit zu befassen oder sie gar zu betreten. Bis hierher schon mal interessant, nicht wahr?

_Meinung_

Wie es sich für einen Däniken-Jünger gehört, bleibt es aber nicht bei der sachlichen Betrachtung der nüchternen Tatsachen. Es kommt nämlich schon – wenn nicht bereits mit Lesen des Untertitels – im Vorwort des Selbigen der Verdacht auf, dass sich das Buch darauf stürzen wird, wie angebliche Götter aus dem All diese weltweiten Monumente als Zeichen für die Menschheit hinterlassen haben. Diese Thematik ist nicht neu und wird von diversen Pseudo-Wissenschaftlern, Publizisten mit Sendungsbewusstsein vertreten. Das heißt im Umkehrschluss nun nicht, dass die ganze Zunft kollektiv an BSE leidet, es gibt durchaus auch einige ernst zu nehmende, sachliche Autoren darunter, die sich so ihre Gedanken über die Entwicklung auf Erden machen.

Hier ist die titelgebende Pyramide als solche schon recht schnell gar nicht mehr Thema, sondern vielmehr diverse Geschichtchen und andere seltsame Funde in Asien, die der Autor natürlich (!) Aliens in die eventuell vorhandenen Schuhe schiebt. So begleiten wir Hausdorf zu verschiedenen Fundstätten kurioser Artefakte und alter, kultureller Überlieferungen aus sämtlichen Gegenden rund um China, als da wären: Mongolei, Wüste Gobi, Tibet und auch Japan. Hier versucht er anhand von Storys und deren Interpretation nachzuweisen, dass die dortige Kultur (und auch sonst auf unserem Planeten) nicht oder nur zum Teil von uns Homo sapiens sapiens abstammt, sondern maßgeblich auf dubiose E.T.s zurückgeht.

Damit jedoch nicht genug, denn ehe sich’s der Leser versieht, landen wir bei – vermutlich bis an den Kragen der Kutte zugedröhnten – tibetischen Mönchen, die Abduktionen (Entführung durch Außerirdische) erfahren haben wollen. Was Drogen nicht alles bewirken können. Gegen Ende des Buches freuen wir uns, auch noch über diverse Entführungsanekdötchen (auch aus Deutschland) informiert zu werden, welche noch nicht so lange zurückliegen. Was das alles mit der Pyramide zu tun hat? Äh, ja nun … Nix! Um zu illustrieren, wohin die Reise thematisch geht, hier die Kapitelauflistung:

1 Söhne der gelben Götter:
Ein besonderes Erbe von den Vätern aus dem All?

2 Baian-Kara-Ula:
Eine Bestandsaufnahme

3 Im Tal der Weißen Pyramide:
Stätten, die für Besucher tabu sind

4 Der große Unterschied:
Drache ist nicht gleich Drache

5 Tibet, Dach der Welt:
Sind die Astronautengötter noch unter uns?

6 Geheimnisse der Mongolei:
Schreckensklöster im Lande der Dämonen

7 Inselreich von göttlicher Abkunft:
Wo Dogus und Kappas an die Besucher aus dem All erinnern

8 UFOs in China:
Vom Feind der Doktrin zum Mittelpunkt des Interesses

9 Unheimliche Begegnung der Vierten Art:
Wer experimentiert an den Entführten herum?

10 Licht am Ende des Tunnels:
Steckt hinter all den Absurditäten ein Plan?

Nun, wir sehen: Was die Pyramide angeht, steht da nur wenig auf dem Programm. Und nichts, was nicht längst aus Zeitschriften, wie der |PM|, |National Geographic| oder der |GEO| längst bekannt ist. Zudem stützen sich diese Publikationen auf wesentlich greifbarere Ergebnisse. Leider nimmt der Teil über archäologische Funde auch nur einen sehr geringen Platz im Buch selbst ein und dient vielmehr als Transportmedium für die darauf folgenden, wüstesten Alien-Theorien, die Däniken-Jünger so gern pflegen. Hierbei setzt Hausdorf weniger auf Fakten denn auf Interpretationen und Mutmaßungen, die er anhand von Bildern und (ziemlich schlechten) Zeichnungen zu untermauern versucht.

Hartwig Hausdorf ist bestimmt ein viel gereister Mann (der bekundet, in der Reisebranche tätig zu sein) und sein schreiberisches Talent sowie Sendungsbewusstsein möchte ich ihm nicht in Abrede stellen, aber um dieses heikle und kontroverse Thema unters Volk zu bringen, bedarf es doch schon einer stichhaltigeren Beweiskette, die weniger angreifbar ist als die Seine. Daran ändern auch seine Quellenangaben nichts, die stammen wiederum nämlich ebenfalls von teils sehr fragwürdigen Autoren und Organisationen.

Man muss hier bewussten Etikettenschwindel unterstellen. Zwar ist die Überleitung zu modernen Entführungen durch angebliche Aliens geschickt gemacht, doch immer wieder stellt sich die Frage, was das denn nun mit der Pyramide als solches zu tun hat. Der ganze Krempel hat in einem Buch mit diesem Titel eigentlich nichts verloren. Punkt. Okay, der Autor präsentiert einige archäologische Funde aus Asien, doch verliert er sich alsbald in kruden Phantasien, die nur noch nachvollziehbar sind, wenn man sich zuvor jahrelang in einem abgeschiedenen Bergkloster mächtig die Kante gegeben hat. Offenheit für Denkanstöße in diese Richtung in allen Ehren, doch – wie hier – hinter jedem Busch ein Alien an den nicht vorhandenen Haaren hervorzuzerren, halte ich für arg übertrieben.

Wer kann schon nachprüfen, was an den Geschichten irgendwelcher tibetanischen Mönchen dran ist, die sich im Hochland Himalayas irgendeinen Nonsens aus den Fingern gesogen haben und sich jetzt wohl noch ins Fäustchen lachen, dass sie wieder einem Alien-verrückten Europäer einen von Darth Vader erzählt haben. Auch den japanischen Mythos der mysteriösen „Kappas“ (Wesen, die aussehen wie Froschmänner) sofort eifrig irgendeinem E.T. anzukreiden, ist ganz amüsant zu lesen. Ausschließen kann und soll man ja nie eine Möglichkeit, doch beweisen lässt sich indes anhand einiger krakeliger Felszeichnungen nichts und muss daher ins Reich der Spekulation verbannt werden.

Gewiss, man nun von (UFO-)gläubiger Seite entgegenhalten, dass unser ganzes gesellschaftliches Wertesystem, welches ebenfalls auf Interpretationen entweder der Bibel, des Korans oder des Talmud oder-weiß-der-Henker-was beruht, ebenso angreifbar ist. Korrekt. Alles eine Sache der Sichtweise. Dagegen kann man auch nichts einwenden, die volle Wahrheit über so manchen (Irr-)Glauben wird wohl kaum jemand herausfinden. Allerdings halte ich das Suchen auf Biegen und Brechen nach Aliens als Erklärung der göttlichen Vorsehung für genauso dogmatisch und verwerflich wie anderen religiös kolorierten Fundamentalismus.

_Fazit_

Wenngleich ich bereits vorher wusste, worauf ich mich bei der Lektüre einlasse, habe ich doch mehr Information zur Weißen Pyramide vorausgesetzt. Die wird aber nur am Rande behandelt und dann plötzlich jeder müffelnde Pinkelstein eines mongolischen Ureinwohners eifrig zum außerirdischen Artefakt erhoben – das find ich dann doch um Lichtjahre am Thema vorbeigeschossen. Amüsant, aber weitgehend unbrauchbar. Gut und flüssig zu lesen ist das Buch schon, was aber nicht verwundert, schließlich ist es für die breite Masse verfasst und nicht an einen elitären, intellektuellen Zirkel gerichtet. Noch ein paar Bildchen dazu und fertig ist die extrem löchrige Beweisführung auf tönernen Füssen: Die Aliens waren es! Was? Egal, was.

_Die Buchdaten auf einen Blick:_
LangenMüller / Herbig 1994
3. Auflage 2002
240 Seiten Hardcover, 31 Schwarzweiß-Fotos / 3 Zeichnungen
ISBN: 3-7844-2482-1
Preis: um 10 Euro
http://www.herbig.net/

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