Holdstock, Robert – The Fetch

_Familiendrama: Gralssuche im Steinbruch_

Als Susan und Richard Whitlock den kleinen Michael adoptieren, ahnen sie nicht, was sie sich damit einbrocken. Denn Michael verfügt über die Fähigkeit, mit Geisteskraft Gegenstände aus Zeit und Raum herbeizuholen – das Fetching. Als Michael sieben ist, erwähnt er, er habe einen Freund, Chalk Boy. Und der hole für ihn die schönen Dinge, mit denen er seinen Vater dazu bringt, ihm die Geschichte vom Fischerkönig vorzulesen. Darin geht es, wie man aus der Parzival-Sage weiß, um die Suche nach dem heiligen Gral …

|Hinweis|

Die Bedeutung von „fetch“ ist dreifach:

1) nach etwas suchen und es zurückbringen
2) der Geist oder die Erscheinung einer lebenden Person
3) Fetisch (im Dialekt der Grafschaft Kent)

_Der Autor_

Robert Paul Holdstock, geboren 1948, begann mit dem Schreiben schon 1968, machte sich aber erst 1976 als Schriftsteller selbständig und schrieb daraufhin eine ganze Menge Genre-Fantasy. Dabei entstanden wenig interessante Trilogien und Kollaborationen an |Sword and Sorcery|-Romanen, unter anderem mit Angus Wells.

Erst 1983 und 1984 taucht das für die Ryhope-Sequenz wichtige Motiv des Vater-Sohn-Konflikts im Roman „Mythago Wood“ auf, für den der Autor den |World Fantasy Award| erhielt. Beide Seiten werden getrennt und müssen wieder vereinigt werden. Das Besondere an dieser emotional aufgeladenen Konstellationen ist jedoch, dass die Bewegung, die dafür nötig ist, in einer Geisterwelt stattfindet: dem Ryhope-Forst.

In Holdstocks keltischer Fantasy befindet sich in diesem Urwald, der dem kollektiven Unbewussten C. G. Jungs entspricht, erstens ein Schacht, der mit weiterem Vordringen ins Innere immer weiter zurück in der Zeit führt. Eines der wichtigsten und furchtbarsten Ungeheuer, Urscumug, stammt beispielsweise aus der Steinzeit. Und zweitens finden bei diesen seelischen Nachtreisen durch die Epochen permanent Verwandlungen, Metamorphosen statt. So verwandelt sich die Hauptfigur Tallis in „Lavondyss“ schließlich in eine Dryade, einen Baumgeist. Das ist äußerst faszinierend geschildert.

Am Ende der Nachtreisen warten harte Kämpfe, die auch in psychologischer Hinsicht alles abverlangen, was die Kontrahenten aufbieten können. Und es ist niemals gewährleistet, dass die Hauptfiguren sicher und heil nach Hause zurückkehren können. Denn im keltischen Zwielicht, das noch nicht durch das christliche Heilsversprechen erleuchtet ist, scheint am Ende des Weges keine spirituelle Sonne, sondern dort wartet nur ewige Nacht. Es ist also die Aufgabe des Autors darzulegen, wie dieses schreckliche Ende vermieden werden kann.

Der MYTHAGO-Zyklus bis dato:

1. Mythago Wood (1984; [Mythenwald,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4139 World Fantasy Award)
2. Lavondyss (1988; [Tallis im Mythenwald)]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4211
3. [The Bone Forest]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4088 (1991; Sammlung)
4. [The Hollowing]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=4161 (1993)
5. Merlin’s Wood (1994, Sammlung inkl. Roman)
6. Ancient Echoes (1996)
7. [Gate of Ivory]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1422 (2000)

Der MERLIN CODEX-Zyklus:

1. Celtika (2001)
2. The Iron Grail (2002)
3. The Broken Kings (2007)
4. Avilion (2008)

http://www.robertholdstock.com

_Handlung_

Susan und Richard Whitlock sind bislang kinderlos geblieben und haben es nun endlich, nicht ganz legal, geschafft, einen Jungen zu adoptieren. Michael ist noch ein Baby, als Susan ihn endlich in Empfang nehmen darf. Warum nur hat seine Mutter ihn fortgegeben? Die steht nämlich draußen vor der Klinik von Dr. Wilson und starrt Susan an. Doch Susan ist es verboten, mit der Mutter Kontakt aufzunehmen. Das wird sich später als Handicap herausstellen. Susan weiß zu wenig über das Baby.

|Lehm|

Zunächst scheint alles in Ordnung zu sein, doch als immer wieder Erde auf dem Säugling in seiner Wiege zu finden ist, vermutet die genervte Susan, dass Michaels Mutter ihnen doch ihr Baby missgönnt. Aber auch Richard kann keinen Eindringling finden, und Türen, die er fest verschlossen zu haben glaubte, gehen wieder auf. Susan verrät Richard nichts über die kleine magische Zeremonie, die sie zuvor bei Michael heimlich vorgenommen hat. Sie ehrt das Brauchtum ihrer ungarischen Tanten und hat eine kleine Puppe aus rotem Lehm gefertigt, damit alles Böse, das in dem Kind wohnen könnte, in die Puppe fahre. Dabei hat sie Michael mit dem Lehm bedeckt. Nun wundert sie sich, wenn Michael immer wieder mit Erde bedeckt ist. Aber sie verrät Richard nichts.

|Dreck|

Die Entwicklung kommt nach Michaels Taufparty zu einer Krise. Ein ganzer Berg von Erde, Schlamm, Gewürm und scharfen Gegenständen landet mitten in Michaels Schlafzimmer. Die Masse ist so schwer, dass sie die Bodendielen zum Brechen bringt und der Dreckberg in den Raum darunter stürzt. Mit Mühe können die entsetzten Eltern noch ihr Baby finden.

Sie tauschen das geerbte Haus mit ihren besten Freunden, den Hansons, die nur wenige Straßen weit entfernt wohnen. Ruckinghurst in Kent, unweit der Kanalküste, ist ein Dorf. Endlich kehrt wieder Ruhe ein, und Michaels Eltern kommen zum Schluss, dass es Michael selbst gewesen sein muss, der den Erdrutsch verursacht hat. Seine Mutter hätte so etwas niemals zustande gebracht. Als Richard, ein Fotograf bei archäologischen Arbeiten, sich an seine Pflicht erinnert und den im nahen Kalksteinruch entsorgten Dreckberg durchsucht, stößt er auf Gegenstände, die nur einen Schluss zulassen: Es war ein Schrein, den Michael teleportiert hat. Komplett mit einem frisch geopferten toten Hund …

|Puppen|

Als Michael sieben ist, hat er ein kleines Schwesterchen bekommen, Carol, das Susan selbst geboren hat. Die kleine Carol wird richtiggehend verhätschelt, wohingegen Michael unter Vernachlässigung zu leiden beginnt. Weil seine Mutter selbst gerne Puppen herstellt und alte restauriert, benutzt er seine neu entdeckte Fähigkeit des Fetchings, um ihr schöne Gegenstände zu bringen: eine Goldstatuette aus Ägypten, ein normannisches Teufelskreuz aus Byzanz und vieles mehr. Als sie und Richard ihn fragen, woher er diese schönen Dinge hat, antwortet er nur, dass Chalk Boy sie ihm gebracht habe. Als ein französisches Medium namens Francoise Jeury den Eltern dieses Phänomen der Apportation erklärt, erkennen sie, dass Michael und Chalk Boy ein und dieselbe Person sein müssen und dass Chalk Boy pure Einbildung ist. Aber warum hat dann Michael im Steinbruch ein imaginäres Schloss errichtet und in einem Schacht tote Tiere gesammelt?

|Reichtum|

Richard gelingt es nicht, eine permanente Stelle beim Britischen Museum zu erlangen, und zwar deshalb, weil in seinen Unterlagen steht, dass er einmal – wie alle anderen auch – eine Pfeilspitze von einer Ausgrabungsstätte gestohlen habe (nur dass er sich eben erwischen ließ). Um den Einkommensverlust auszugleichen, bietet Richard seinem ordentlich bestallten Kollegen Jack Goldman die Goldstatuette zum Weiterverkauf an. Als Michael weitere Objekte „apportiert“, gelangen die Whitlocks über zwei, drei Jahre hinweg zu einem gewissen Wohlstand. Einmal gelingt es Michael sogar, sich mit Hilfe einer Geschichte seines Vaters – der sich an eine Story von Rudyard Kipling erinnert – in die Zeit zu versetzen, als am Hadrianswall noch römische Soldaten stationiert waren. Und das ohne Chalk Boy!

|Fischerkönig und Gral|

Richard hofft auf mehr Beute. Und erzählt seinem Sohn als Anreiz mehr Geschichten. Michaels Lieblingsgeschichte gilt dem Fischerkönig. Darin lebt ein kranker alter König in einem Ödland, und aus diesem beklagenswerten Zustand kann ihn nur der heilige Gral erlösen, so dass er genest und das Land wieder erblüht. Den Gral müssen Arthurs Ritter suchen. Doch wie sieht der Gral aus – das ist das Problem. Die Legende besagt, dass es sich um den Kelch handle, aus dem Jesus beim letzten Abendmahl seinen Jüngern zu trinken gegeben habe.

Doch ein Kelch kann alle mögliche Formen haben, denkt sich Michael, und beginnt in dem Land, das ihm Chalk Boy gezeigt hat, danach zu suchen. Es ist das Land, das vor Millionen Jahren dort existierte, wo sich jetzt Kent und die Kanalküste befinden. Im Meer schnappen Fischechsen nach Beute und langhalsige Plesiosaurier („Meeresdrachen“) bedrohen den unvorsichtigen Strandwanderer. Am Strand, den Michael stets durch einen imaginären Tunnel erreicht, steht tatsächlich ein klappriges Holzgerüst. Ist dies der Schrein, in dem der Gral zu finden ist?

|Chalk Boy|

Mittlerweile ist Michael schon zehn Jahre alt. Seine Eltern haben sich Urlaubsreisen geleistet und ihr Haus ausgebaut. Doch schon ein halbes Jahr lang hat Michael keine „Beute“ mehr „apportiert“, er ist kein braver kleiner Hund mehr, der seinen Herrchen Beutestückchen anschleppt, um getätschelt zu werden. Richard hat schwere Sorgen und erzählt seinem Sohn keine Geschichten mehr, Susan kümmert sich nur noch um Carol, die sie wie eine ihrer Puppen herausputzt und verhätschelt. Als Susan erfährt, dass Richard in ein Tourismusprojekt eine halbe Million gesteckt hat, die er gar nicht besitzt, kommt es zu einem handfesten Ehekrach. Richard gelobt, vom Alkohol die Finger zu lassen, sich zu bessern und mehr zu arbeiten.

Da gute Vorsätze nicht reichen, um die Schläger der Geschäftspartner von Michael fernzuhalten, dessen Talent Richard dummerweise an Jack Goldman verraten hat, muss Richard die persönlichen Geschenke verkaufen, die Michael aus Liebe gemacht hat. Es ist der ultimative Verrat, und als Michael dies erkennt, übernimmt sein Alter Ego Chalk Boy die Kontrolle. Und Chalk Boy ist gar nicht nett, Chalk Boy weiß, wie man Verrat bestraft. Aber Chalk Boy braucht Hilfe, um den Gral zu holen …

Doch woher kommt Chalk Boy?

_Mein Eindruck_

Ob es nun die Fähigkeit des Fetchings oder Apportierens nun tatsächlich gibt oder nicht, ist für die eigentliche Aussage des Romans unerheblich. Mit den erprobten Mitteln des phantastischen und des psychologischen Romans versucht der Autor, mehrere Aussagen zu machen, und ich finde, dies gelingt ihm in relativ geglückter Weise. Auf diese Weise wird auch Chalk Boy von einem Popanz zu einem psychischen Phänomen, das man verstehen kann.

Der Autor stellt sowohl die Erlebniswelt Michaels als auch die seiner Eltern und seiner jüngeren Schwester aus deren jeweils subjektiver Sicht dar. Das ist die beste Methode, um dem Leser einen tiefen Einblick in die jeweilige Erlebnis- und Gefühlswelt zu gewähren. Auf diese Weise wertet der Autor nicht, was die Figuren erfahren (höchstens durch seine Auswahl), und die Wertung bleibt dem Leser überlassen.

Beispielsweise enthält sich der Autor jeder Wertung dessen, was Chalk Boy anrichtet. Es reicht völlig aus zu schildern, wie sich das entsetzliche Geschehen in den Gesichtern und Bewusstseinen der Betroffenen spiegeln, um dem Leser zu vermitteln, wie sich eine Aktion niederschlägt. Die vierköpfige Familie ist das ganze Universum, das für die Aussagen der Geschichte nötig ist.

|Vater und Sohn|

Wie zwei Jahre später in „The Hollowing“ spielt der Autor die problematische Beziehung eines Vaters zu seinem – hier adoptierten – Sohn durch. Der Vater begeht unbewusst den schwerwiegenden Fehler, seinen Sohn als einen Fremdkörper zu betrachten und ihm nur Liebe zu geben, wenn dieser ihm dafür einen Preis apportiert, als wäre das Kind ein braves Hündchen. In der Folge fühlt sich Michael wie sein eigener Schatten, der keine Seele hat. Das gibt er Francoise Jeury gegenüber deutlich zu. Aber wenn Chalk Boy bei ihm ist, sei er in der Lage zu handeln und in seinem (imaginären) Schloss zu herrschen, als wäre er der Fischerkönig.

Der Sündenfall ist unausweichlich, als das einzige persönliche Geschenk, das Michael seinem Vater aus Liebe gemacht hat (ein kostbares goldenes Ei aus Kreta), zu einer Ware gemacht und verkauft wird. Als auch die Mutter dies mit dem Teufelskreuz tut, ist Michaels Enttäuschung und Wut über diesen doppelten Verrat grenzenlos.

|Der Fischerkönig|

Der plötzliche Reichtum der Whitlocks erinnert an die Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“ sowie an „Rumpelstilzchen“. Es ist klar, dass dabei nichts Gutes herauskommen kann. Die Geschichte vom Fischerkönig ist grundlegend für das Verständnis der weiteren Entwicklung, aber der Autor macht es uns leicht, beides nachzuvollziehen. Wenn Michael der Fischerkönig ist, der das Land = seine Familie erlösen will, dann braucht er unbedingt den Gral = seine apportierten Beutestücke dafür, denn er hat keine Ritter, die ihm helfen könnten.

Um ein Haar zu spät erkennt Francoise Jeury, um was es sich bei dem Gral, den Chalk Boy/Michael haben will, in Wahrheit handelt (und ich werde es nicht verraten). Würde Chalk Boy den Gral wirklich erhalten, dann würde dies das Ende der Existenz Michaels bedeuten, zumindest seiner psychischen. Nur noch die Psyche Chalk Boys wäre übrig, um Michaels Körper zu bewohnen. Und würden Michaels Eltern diesen Geisterjungen lieben können? Wohl kaum.

|Horror und Magie|

Da der Autor auch sehr gut in Fantasyromanen bewandert ist – er hat über ein Dutzend davon unter mehreren Namen geschrieben -, kann er auch Horrorelemente auf überzeugende Weise beschreiben. Das bedeutet nicht, dass nun tote schwarze Katzen auf der Türschwelle liegen. Nein, der Autor kennt sich auch hervorragend mit Masken und Totems aus, welche er selbst mit Eifer sammelt (vgl. die Masken in „Lavondyss“). In der fulminanten Horrorszene, die das letzte Drittel des Romans dominiert, fetcht Michael / Chalk Boy riesige Totempfähle, Masken, abschreckende Puppen usw., um sie um das Elternhaus zu platzieren, einen Totempfahl rammt er seinem Vater mitten durchs Arbeitszimmer. (Die Symbolik dürfte offensichtlich sein.)

Das Bemerkenswerte daran ist nicht der Akt an sich, sondern seine Wirkung auf die Eltern. Weder Susan noch Richard sind in der Lage, der magischen Wirkung der Fratzen zu entgehen. Sie fühlen sich plötzlich schwindlig oder erleiden Herzrasen, Übelkeit und Atemnot. Das ist bemerkenswert, denn es zeigt, dass symbolische Magie funktioniert, solange die Betroffenen auch daran glauben. Und dazu gehört auch Francoise Jeury, die ja mit Michael enge Bekanntschaft gemacht hat. Es gibt nur ein probates Mittel gegen diese Magie, und Michael / Chalk Boy zeigt es dem einzigen Menschen, der ihm etwas bedeutet, seiner Schwester Carol. Es handelt sich um einen einfachen Kinderreim, den man wie ein Mantra wiederholen muss.

|Familiendrama|

Wie man sieht, ist „The Fetch“ keineswegs ein Roman über Horror oder übernatürliche Phänomene, sondern über Vorgänge in einer stinknormalen Mittelklassefamilie, die ein wenig aus dem Rahmen fallen. Die Vorgänge könnten überall stattfinden, und wahrscheinlich machen viele Eltern die angeprangerten Fehler, doch sie in einem realistischen Roman zu schildern, wäre heute einfach stinklangweilig. Es ist bereits tausendmal in Romanen über das Erwachsenwerden geschrieben worden, so etwa in „The Secret Language of Cranes“ über das Aufwachsen eines Homosexuellen.

Aber diese Phänomene in ein phantastisches Ambiente einzubetten, verlangt nicht nur Einfallsreichtum – das ist ja die Grundvoraussetzung fürs Schreiben -, sondern auch ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen in die Psyche eines Kindes. Wie spricht ein Kind über Geister, wie über Ritter? Zum Glück hat der Autor selbst Kinder und weiß, dass Kinder in beiden Realitäten leben können, der hiesigen und der des Traums, dabei aber genau unterscheiden können, was echt ist und was nicht. Michael de Larrabeiti, der bekannte Autor der Borribles-Romane, hat mir dieses kindliche Erleben im [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=86 bestätigt.

|Im Limbus|

Auf bemerkenswerte Weise gelingt es dem Autor, nicht nur die Kinderpsyche auf bewegende Weise zu schildern, sondern auch das emotional höchst angespannte Innenleben von Susans und Richards Ehe. Susan liebt Richard, jedenfalls so lange, wie er noch weiß, wer er ist. Doch genau dies verliert er aus dem Blick, als er sich in das Finanzprojekt versteigt und einem „Rumpelstilzchen“ zum Opfer fällt.

Erst als er eines Morgens in Schottland als seelisches und körperliches Wrack in einem fremden Hotel aufwacht und Jack Goldman ihm die Freundschaft kündigt, weiß er wieder, wo er steht. Er war im Limbus, dort, wo Michael die meiste Zeit gelebt hat. In jenem Zwischenreich, das laut Bibel für jene Seelen reserviert ist, die sich nicht zwischen Himmel und Hölle entscheiden können. Es ist sozusagen der transzendente Wartesaal. Michael / Chalk Boy demonstriert seinen Eltern mit seiner Totemfeldaktion, dass sie sich genau dort befinden. Sie sind von der Welt abgeschnitten, in einen Käfig gebannt von seiner Magie, die nur auf sie einwirken kann. Zu ihrem Glück kapieren sie die Lektion.

_Unterm Strich_

Ich habe „The Fetch“ jetzt ein zweites Mal gelesen, und wieder in nur zwei Tagen. Das Buch ist enorm spannend, sehr bewegend und voller Überraschungen. Außerdem hat der Autor seine Sprache und seinen Erzählstil gegenüber Werken aus den siebziger Jahren durch seine Mythago-Wood-Romane stark verbessert. Daher ist die Geschichte sehr flüssig und anschaulich zu lesen, ohne dabei ins Schwafeln zu geraten. Der Leser muss stets mitdenken und sich die Szenen selbst vorstellen, was ihn durchaus herausfordert, so etwa dann, wenn Michael / Chalk Boy wieder mal einen Ausflug in die Anderwelt unternimmt. Leser mit nervösem Magen seien vor manchem grausigen und unappetitlichen Detail gewarnt.

Es hilft, sich auf die Kenntnis der Märchen „Von dem Fischer un syner Fru“ sowie „Rumpelstilzchen“ stützen zu können, auch die Sage vom Fischerkönig (wie etwa im Parzival-Epos) wird benötigt. Die Intertextualität dieses Romans erstreckt sich auch auf die Gralslegende und die Sagen um König Artus. Es ist eben alles zum Teil „Matter of Britain“, wie es die „Encyclopedia of Fantasy“ bezeichnet. Das macht den besonderen Reiz des Buches als phantastischer Roman aus.

Die andere Hälfte besteht im psychologischen Roman, der bedeutsame und einleuchtende Aussagen über die Beziehung zwischen Kindern und Eltern macht. Dies macht das Buch längst nicht zu einem Jugendbuch, wie man vermuten könnte, sondern zu einem Roman für Erwachsene. (Was nicht bedeutet, dass darin Sex vorkäme.)

Fazit: Ein Volltreffer.

Schade, dass Buch immer noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde. Vielleicht wird es als einfach zu britisch angesehen. Aber man sollte es sowieso im Original lesen, um alle Bedeutungen von „fetch“ mitzubekommen.

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