Ishiguro, Kazuo – Alles, was wir geben mussten

Kazuo Ishiguro hat mit „Was vom Tage übrigblieb“ einen Weltbestseller abgeliefert, der nicht nur mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle verfilmt sondern obendrein mit dem |Booker Prize| ausgezeichnet wurde. Erneut auf die Long List für den |Booker Prize| 2005 hat Ishiguro, der in Nagasaki geboren wurde und seit 1960 in London lebt, es mit seinem neuesten Roman geschafft. „Alles, was wir geben mussten“ heißt das Werk und wird nicht umsonst von Kritikern und Presse gleichermaßen vollmundig gelobt.

„Alles, was wir geben mussten“ ist auf den ersten Blick eine ganz gewöhnliche Internatsgeschichte. Doch der Schein trügt. Die Kinder sind keine gewöhnlichen Kinder, auch wenn man ihnen das nicht ansieht. Sie spielen Fußball, gehen jeden Tag zum Unterricht und erleben genau wie andere Kinder die Tücken der Pubertät. Und doch ist das Internat Hailsham etwas ganz anderes, als man auf den ersten Blick denken mag. Die Lehrer werden hier Aufseher genannt und den Kindern, die allesamt keine Eltern haben, wird schon von früh auf bewusst gemacht, dass sie etwas Besonderes sind. Sie sollen später „spenden“ und „betreuen“. Darauf soll Hailsham sie vorbereiten, doch was die Kinder sich darunter vorzustellen haben, sagt ihnen keiner so recht.

In Hailsham wachsen auch Kathy, die die Geschichte aus ihrer Sicht erzählt, und ihre besten Freunde Ruth und Tommy auf. Sie wachsen gut behütet auf, bleiben aber nicht nur in Hailsham, sondern auch später von der Außenwelt größtenteils abgeschnitten. Kathy hat eine ebenso ungewöhnliche wie auch erschütternde Lebensgeschichte zu erzählen, als sie mit einunddreißig auf ihre Jugendjahre zurückblickt …

„Alles, was wir geben mussten“ ist ein Roman, der es in sich hat. Auf den ersten Blick noch ein harmloses Stück Jugend- und Internatsgeschichte, entpuppt sich der Roman mit fortschreitender Seitenzahl zunehmend als moralischer Abgrund. Ishiguro greift einen Themenkomplex auf, der gerade in ethischer Hinsicht viele Fragen aufwirft. Man ahnt es schon beim Lesen der Inhaltsbeschreibung. Die Kinder in Hailsham sind keine normalen Waisenkinder. Und schon nach wenigen Kapiteln erlangt man zunehmende Gewissheit. Sie sind Klone, erschaffen, um als lebende Ersatzteillager für die Medizin zu dienen. Die Kinder wissen um ihr Schicksal und wissen es gleichzeitig nicht.

Ihre ganze Jugend dient dazu, sie auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Das lernen die Kinder schon früh. Ob sie sich aber der Tragweite des Ganzen bewusst sind und ob sie wirklich begreifen, wer und was sie sind, das darf natürlich bezweifelt werden. Sie ahnen es vielleicht, aber damit umzugehen, sich der Konsequenzen bewusst zu werden, das zeigt ihnen niemand. Ihr Leben ist streng vorgezeichnet. Weil sie wertvoll und wichtig sind, werden sie entsprechend sorgsam behütet.

Entsprechend seines Themas ist „Alles, was wir geben mussten“ ein Roman, der den Leser intensiv beschäftigt. Lebhaft skizziert Ishiguro seine Figuren, und gerade weil der Leser anfangs noch genauso ahnungslos ist wie die Kinder, gerade weil die grausame Realität erst dann komplett entblättert wird, wenn man die Protagonisten schon längst in sein Herz geschlossen hat, trifft einen ihr Schicksal besonders hart. Man lernt sie als Kinder kennen, ist nicht in der Lage, sie nicht als vollwertige Menschen zu sehen und ist dann zutiefst getroffen von dem, was ihnen bevorsteht, wenn sie erwachsen sind. Gerade die Ahnungslosigkeit, mit der die Kinder ihrem Schicksal entgegentreiben, lässt die bittere Realität umso härter erscheinen.

„Alles, was wir geben mussten“ ist ein Lehrstück in Sachen Fremdbestimmtheit. Durch die stetige Einflussnahme von Beginn an treten die Kinder schicksalsergeben ihrer Zukunft entgegen. Aufbegehren gibt es nur im Kleinen, im Großen fügen sie sich alle in das ihnen aufgezwungene Schema. Und so wirft der Roman auf sehr vielschichtige Weise moralische Fragen auf. Die ethische Frage nach einer Rechtfertigung des Klonens ist dabei nur ein Aspekt, wenngleich sicherlich der wichtigste. Ishiguro vermag sich dieser Frage aber durch seinen feinfühligen Umgang mit den Figuren von verschiedenen Seiten zu nähern. Vor allem die persönliche Ebene ist dabei wichtig. Er betrachtet die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder vor dem Hintergrund dieser Problematik und zeigt, wie sie um die Unbeschwertheit ihrer Kindertage betrogen werden, um einem höheren Zweck zu dienen.

Die wissenschaftliche und technologische Komponente tritt dabei in den Hintergrund. Ishiguro konzentriert sich voll und ganz auf die Figuren und als Gegenpol dazu auf die Gesellschaft. Was dabei besonders beeindruckt, ist, wie realistisch Ishiguro das Thema angeht. So, wie er es schildert, von der gesellschaftlichen Komponente und von moralischer Seite her, wäre es durchaus vorstellbar. Nichts wirkt überzeichnet. Alles erscheint so, wie man es sich in der Realität tatsächlich vorstellen könnte.

Und so zeichnet sich „Alle, was wir geben mussten“ eben auch dadurch aus, dass das Buch vom moralischen und ethischen Standpunkt aus gerade deswegen so viel Stoff zum Nachdenken liefert, weil Ishiguro es in einen so leicht vorstellbaren gesellschaftlichen Rahmen steckt. Im Kleinen wie im Großen, in den Figuren wie auch in den äußeren Rahmenbedingungen wirkt alles bis ins Mark im Rahmen des theoretisch Möglichen und das macht die Angelegenheit dann auch ein bisschen unheimlich.

So fiebert der Leser mit den Figuren, ohne dass Ishiguro sich irgendwelcher Effekthascherei bedienen müsste. Das Gefühlsleben der Protagonisten, ihre Sicht der Welt und ihr langsames Begreifen dessen, was da vor sich geht, sind für sich genommen fesselnd und aufwühlend genug. „Alles, was wir geben mussten“ ist Lektüre, die zu Herzen geht, zum Nachdenken anregt und ganz hervorragend als Diskussionsgrundlage dient.

Sprachlich ist Ishiguros Werk faszinierend schlicht gestrickt. Er bedient sich einer recht einfachen Sprache und erzählt aus Sicht der Kathy, als würde sie in ihrer Erinnerung kramen, die sie nach und nach vor dem Leser ausbreitet. Den Kern seiner Thematik fasst Ishiguro geradezu mit Samthandschuhen an. Einschlägige Fachbegriffe tauchen kaum auf. Nur selten ist vom Klonen direkt die Rede. Die Sprache, die die Kinder in Hailsham lernen, verschleiert die Dinge und steht damit im harten Kontrast zur Wirklichkeit. Der Leser als derjenige, der die Hintergründe erahnt, weiß auch so genug Bescheid, und der Moment, an dem auch für die Protagonisten die Fassade bröckelt, wirkt dadurch besonders hart.

Zusammenfassend kann man „Alles, was wir geben mussten“ wirklich nur jedem ans Herz legen. Ein Roman ohne unnötige Effekthascherei, der sich ganz auf seine Protagonisten konzentriert und dabei so schwerwiegende moralische und ethische Fragen aufwirft, dass man noch eine ganze Weile daran zu knabbern hat. Ein wenig verstörend, aber auch schön erzählt Ishiguro eine ungewöhnliche Jugendgeschichte. Erschreckend, nachdenklich stimmend und zutiefst berührend. Ein leiser, aber gleichzeitig immens kraftvoller Roman, der im Gedächtnis haften bleibt.

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