Kuttner, Sarah – anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart, Die

Sarah Kuttner, ihres Zeichens arbeitslose TV-Moderatorin, veröffentlichte bereits 2006 ein Büchlein mit ihren gesammelten Kolumnen aus |SZ| und |Musikexpress| unter dem Titel „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“. Anscheinend mit so viel Erfolg, dass der |Fischer|-Verlag ein Jahr später die Fortsetzung „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ auf den Markt wirft.

Das Konzept bleibt gleich. Neben ein paar netten Schwarzweißkollagen finden sich im ersten Teil des Buches die |SZ|-Kolumnen, im zweiten Teil die Kolumnen aus dem |Musikexpress|. Während das Schriftwerk aus der |Süddeutschen| sehr viel Alltägliches und damals aktuelle Ereignisse verarbeitet, geht es in den |Musikexpress|-Kolumnen zumeist um popkulturelles Gedankengut. Wesentlich interessanter ist allerdings Ersteres, was auch daran liegt, dass Kuttner nicht einfach nur drauflos schreibt, sondern von der |SZ|-Redaktion ernste bis sinnentleerte Fragen gestellt bekommt und darauf eigentlich immer sinnentleert antwortet. Der Leser bekommt den Humor der kurzzeitigen Moderatorin in kleinen Häppchen serviert, während die |Musikexpress|-Kolumnen ab und an etwas langatmig werden können – auch wenn sie normalerweise nicht über zweieinhalb Seiten hinausgehen.

Nun ist es mit Madame Kuttner so: Entweder mag man sie oder man mag sie nicht. Ihr Humor ist sicherlich gewöhnungsbedürftig. Eloquent, manchmal richtig doof und vor allem simpel mit viel Wortwitz. Kuttner blödelt nicht wirklich ladylike, aber genau das macht oft den Reiz aus, dass sie Dinge sagt, die man aus dem Mund einer Frau so nicht erwarten würde. Trotz allem hält sie noch ein gewisses Niveau, indem sie Wissen und ein sicheres Händchen für gehobeneren Wortschatz beweist.

Was den einen oder anderen sicher stören wird, ist Kuttners Hang zur totalen Sinnlosigkeit. Sehr oft bastelt sie sich etwas zusammen, das einzig und alleine ihrer Fantasie entspringt. Während ihre Kolumnen über weite Strecke einen gewissen satirischen Hauch haben, fehlt dieser an solchen Stellen gänzlich.

Eine weitere Frage, die bleibt, ist, ob es überhaupt notwendig war, eine Fortsetzung zu „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“ herauszubringen. Das „Pilotbuch“ sprudelte damals angenehm frisch, doch in „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ hat man das Gefühl, dass Frau Kuttner abgebaut hat. Ihr Gebabbel ist nicht mehr so witzig und wirkt stellenweise geradezu angestrengt. Abgesehen davon ist das Konzept des Buches natürlich nicht neu und wird durch einen zweiten Band sicherlich nicht interessanter.

Für den eingefleischten Kuttner-Fan ist das Buch sicherlich ein Muss, doch wer die junge Dame nur „irgendwie witzig“ findet, der sollte lieber zu „Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens“ greifen und vergessen, dass „Die anstrengende Daueranwesenheit der Gegenwart“ überhaupt existiert. Es ist halt nicht nur bei Fernsehserien so, das nicht alles, was einmal funktioniert hat, unbedingt einer Neuauflage bedarf.

http://www.fischerverlage.de/

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