Laymon, Richard – Rache

Er wollte nur kurz in den Drugstore und ein Päckchen Kondome besorgen, doch nun wartet Sherry, eine junge Aushilfslehrerin, schon mehr als eine Stunde auf ihren Lover Duane. In der korrekten Annahme, dass er sich in der Aussicht auf eine heiße Liebesnacht nicht einfach empfohlen hat, macht sie sich zunehmend besorgt auf die Suche. Die Sommernacht ist heiß, auf den Straßen sieht man kaum einen Menschen. Sherry ist deshalb froh, als sie ein bekanntes Gesicht sieht. Toby Bones sitzt in einer der Klassen, die sie unterrichtet. Er bietet ihr an, auf der Suche nach Duane zu helfen. Sherry nimmt an, zumal sie amüsiert und geschmeichelt bemerkt, dass sich der schüchterne, dickliche Toby zu ihr hingezogen fühlt.

Doch hinter der Maske höflicher Zurückhaltung steckt ein Psychopath. Schon lange brodelt es in Toby. Er ist ein gesellschaftlicher Niemand, ein unattraktiver Außenseiter, den die Mädchen keines Blickes würdigen. In dieser Nacht bricht er alle gesetzlichen und moralischen Brücken hinter sich ab. Toby will sich rächen an der Welt – aber vor allem will er eine Frau: Sherry, die er nicht mehr aus der Ferne verehren sondern sie sich nehmen wird.

Genauso geschieht es und es ist fast zu leicht. Einmal in Tobys Gewalt, gelingt es Sherry nicht, ihm zu entfliehen. Die Stadt scheint verödet, niemand bemerkt ihre Not. Die wenigen Pechvögel, denen sie sich verständlich machen kann, werden von Toby kurzerhand massakriert. Auch der arme Duane hat bereits sein Ende gefunden. Sherry ist auf sich gestellt. Ziellos fährt sie mit einem auch den Rest seiner Kontrolle verlierenden Toby durch die Straßen. Verzweifelt redet sie auf ihn ein, verhandelt, heuchelt Zuneigung, verspricht Gehorsam, selbst als Tobys Übergriffe zunehmend brutaler werden. Sherry weiß genau, dass sie sein letztes Opfer werden soll. Doch sie will leben und schmiedet einen verzweifelten Plan – nur: Wird ihr der irre aber schlaue Toby die Gelegenheit geben, ihn umzusetzen, oder muss sie vorher sterben wie so viele, deren Weg das unfreiwillige Paar kreuzt …?

„Rache“ erzählt eine ganz einfache Geschichte von Entführung, Folter, Mord und natürlich Rache. Autor Laymon berichtet, was geschieht, wobei er keinen Moment die Augen abwendet bzw. kein Blatt vor den Mund nimmt. „Rache“ ist ein finsterer, beklemmender, schmutziger Thriller, der sich einen Dreck um das schert, was heute als politisch korrekt gilt. Stattdessen lotet Laymon zwei kriminalistische Phänomene aus: den Serienmord und die Selbstjustiz.

Der Serienmörder hat es zum Medienstar und zur Kultfigur gebracht. Das „Publikum“ liebt Berichte und „True Crime“-TV-Shows, in denen akribisch die Jagdstrecken möglichst blutig vorgehender Killer nachgezeichnet werden, immer neue, bizarrere Hannibal-Lecter-Klone entspringen den Hirnen einfallsarmer Roman- und Drehbuchautoren. Psychologen und Kriminologen machen sich viele wichtige Gedanken um das Wer und Wieso; gern dürfen auch die Angehörigen der Opfer ins Rampenlicht.

Jenseits dieses Rummels lauert die schmutzige Realität. Psychopathische Attacken sind keine kriminalistischen Planspiele, sondern direkte Angriffe auf Leib und Seele. „Rach“ schildert genau das in einfachen, deutlichen, drastischen Worten, ohne „literarische“ Ambitionen und damit auch ohne Ablenkungen. Dadurch bleibt jederzeit klar, dass hier ein nackter, erbarmungsloser Kampf auf Leben und Tod stattfindet. Jegliche Würde, jegliche Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Sherry und Toby lassen die Masken fallen – die eine will erst überleben und dann Rache, der andere endlich seinen unterdrückten Trieben freien Lauf lassen. Daran ist nichts Heroisches, Sherry keine verkappte Leistungssportlerin mit Nahkampfausbildung, die zielsicher zurückschlagen wird, Toby kein Täter, dem per Diskussion rational beizukommen wäre. Auf ein wunderbares Hollywood-Happy-End darf man nicht hoffen, daran lässt der Verfasser keinen Zweifel.

Laymon lässt kein Entrinnen zu. Hin und wieder gelingt Sherry eine „kleine“ Flucht, die jedoch im Nichts öder Parkplätze oder verlassener Hinterhöfe endet. Sherry ist nicht schnell genug bzw. Toby zu brachial in seinem Amoklauf. Die wenigen Menschen, die in dieser Sommernacht unterwegs sind, scheren sich wenig umeinander. Bald gibt es Sherry gänzlich auf, Aufmerksamkeit zu erregen: Entweder hilft ihr niemand – und wer ihr hilft, wird sterben, denn bevor es ihr gelingt, dem potenziellen Retter die Situation zu verdeutlichen, taucht schon Toby auf und macht kurzen Prozess. Ihren Kampf müssen Sherry und Toby unter sich ausfechten, und es wird nur eine/r überleben.

Sherrys Fluchtversuche enden auch deshalb im Nichts, weil sie völlig unvorbereitet und arglos in Tobys Falle tappt: Der Durchschnittsbürger schaut sich gern die zahlreichen „Vorsicht, Strolche!“-Sendungen im Fernsehen an, kann oder will aber nicht begreifen, dass ihm oder ihr jederzeit ein ähnliches Schicksal blühen könnte. In äußerster Not muss Sherry den Umgang mit einem Psychopathen lernen. Fehler werden schmerzhaft bestraft. Vor allem begreift Sherry ihre völlige Hilflosigkeit. Niemand will oder kann ihr helfen. Retten kann sie sich nur selbst. Die vertraute Welt, in der sie sich tagsüber so selbstsicher bewegt, hat sich in ein Labyrinth verwandelt, das sie mit einem Ungeheuer teilt. Die Nacht ist Tobys Welt. Wenigstens für einige Stunden ist er der absolute Herrscher.

Die Lehre, die Sherry aus ihrer Horrornacht zieht, ist folgerichtig: Hilf dir selbst, denn dir wird niemand helfen. „Hilfe“ bedeutet in diesem Fall auch „Rache“: Sherry will keine Polizei, Toby soll nicht vor Gericht; sie wünscht keine peniblen, öffentlichen Schilderungen ihres Martyriums, und der Justiz vertraut sie nicht. Also nimmt sie das Recht in die eigene Hand – und wird selbst zur Kriminellen, die zudem noch zwei Halbwüchsige manipuliert, damit sie ihr zur Seite stehen.

Toby ist kein organisierter Täter, er hinterlässt überall Spuren. Er wird letztlich scheitern, man wird ihn fassen oder erschießen. Toby ist sich dessen dunkel bewusst, doch hier und jetzt ist es ihm völlig egal. Die Zukunft hat er aus seinem Lebenskonzept gestrichen. Immer haben „die Anderen“ – die Klügeren, Hübscheren, Reichen – bekommen, was ihm ebenfalls zusteht, wie er glaubt. Für ihn blieben nur Tritte, Hohn und Beschimpfungen. Wenn er nicht teilhaben darf, dann holt er sich eben, was er will, und pfeift auf die Konsequenzen. Endlich kann Toby bestimmen, was geschieht. Das macht ihn zum gefährlichsten Menschen überhaupt, denn er hat nichts zu verlieren und wird sich jeden noch so perversen Wunsch erfüllen.

War Toby schon immer ein Psychopath oder hat ihn sein trostloses Leben dazu „gemacht“? Es gibt einen kurzen Texteinschub, aus dem hervorgeht, dass es beim Tod seiner Eltern nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Darüber hinaus verhindert Laymon auch diesen Versuch einer rationalen Erklärung. Diese Frage ist irrelevant. Toby handelt – und als Resultat seiner Taten sterben Menschen. Wieso er das tut, darüber werden später Kriminalisten, Anwälte, Psychologen und Medienvertreter ausgiebig diskutieren. Für Sherry wird es dann allerdings zu spät sein. Die brutale Eindeutigkeit dieser Erkenntnis schmerzt vor allem Gutmenschen. Laymon schildert ohne Heuchelei eine Situation, in der Gewalt scheinbar nur durch Selbstverleugnung, Erniedrigung und Gegengewalt gekontert werden kann. Zudem lauert sie nach Laymon in den meisten Menschen und wartet auf ihre Gelegenheit: Toby ist selbst überrascht, als er unter denen, die er mit Waffengewalt in seinen Bann bringt, immer wieder freiwillige Komplizen findet. Sie nehmen die Gelegenheit wahr, ihren eigenen sadistischen Anwandlungen zu folgen, und „entschuldigen“ es damit, dass sie von Toby gezwungen werden.

Aber auch diejenigen, die Tobys Terror überlebten, sind gezeichnet. Sie haben die Gewalt kennen und durchaus lieben gelernt. „Die Macher“ nennen sie sich und warten geradezu darauf, dass in ihrer Anwesenheit jemand über die Stränge schlägt: Sie werden ihm oder ihr eine Lektion erteilen und sich der Macht erfreuen, die sie sich anmaßen – genauso, wie sie es gelernt haben.

Für dieses eigenwillige Finale wird man Laymon hassen, denn manche Wahrheit schmerzt. Das ist Laymon freilich gewöhnt, denn das Verhalten von Menschen in Extremsituationen hat er in seinen Romanen immer wieder zum Thema gemacht. „Rache“ ist eine tour de force durch die ganz finsteren Gefilde der Seele. Daran teilzunehmen, macht keine Freude, ist aber faszinierend: Der Mensch ist halt ein Voyeur; auch das ist eine bittere Medizin, die Richard Laymon großzügig austeilt.

Richard Carl Laymon wurde 1947 in Chicago, Illinois, geboren, wo er auch aufwuchs. Ein Studium in Englischer Literatur begann er an der Willamette University, Oregon, und schloss es mit einem Magistertitel an der Loyola University, Los Angeles, ab. Anschließend arbeitete Laymon u. a. als Schullehrer, Bibliothekar sowie Rechercheur für eine Anwaltskanzlei.

Als Schriftsteller debütierte Laymon 1980 mit den Psychothrillern „Your Secret Admirer“ und „The Cellar“ (dt. „Haus der Schrecken“). In den folgenden beiden Jahrzehnten veröffentlichte er mehr als 60 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Dabei beschränkte er sich nicht auf die Genres Horror und Thriller, sondern schrieb u. a. auch Romanzen oder Westernromane. Laymons Erfolg hielt sich in den USA lange in Grenzen; seine eigentliche Fangemeinde hielt ihm in Europa die Treue. Dafür dürften seine ungeschminkt derben und an blutigen Effekten nicht sparenden, die puritanische Sexfurcht der US-Gesellschaft ignorierenden und anklagenden Geschichten verantwortlich sein. Dennoch wurden Laymon-Werke mehrfach für renommierte Buchpreise nominiert. Im Jahre 2000 wurde „The Travelling Vampire Show“ mit dem „Bram Stoker Award“ für den besten Horrorroman des Jahres ausgezeichnet.

Den Preis konnte Richard Laymon nicht mehr selbst in Empfang nehmen. Er starb völlig überraschend am 14. Februar 2001 an einem Herzanfall. Über sein Leben, vor allem jedoch über sein Werk informiert die Website http://www.ains.net.au/~gerlach/rlaymon2.htm.

http://www.heyne-hardcore.de

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar