Mooney, Chris – Missing

_Spannender Entführungskrimi: Nicht ohne meine Tochter!_

Die kleine Sarah ist überglücklich. Obwohl es ihre Mutter verboten hat, darf sie endlich auch zum Schlittenfahren. Wie ihre Freundinnen, auf dem großen Hügel der Stadt. Der Vater hat es erlaubt. Denn so richtig ernst nimmt der die Angst seiner Frau nicht, die alles untersagt, was „riskant“ ist. Doch plötzlich ist Sarah spurlos verschwunden.

Fünf Jahre später liegt ihr vermeintlicher Entführer im Sterben. Obwohl dem ehemaligen Priester auch das Verschwinden anderer Mädchen angelastet wird, hat die Polizei seine Schuld nie beweisen können. Sarahs Vater, der nicht an ihren Tod glaubt, versucht verzweifelt, den „Täter“ zum Reden zu bringen, bevor es zu spät ist. (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Chris Mooney, aufgewachsen in Lynn, Massachusetts, ist laut Verlag einer der erfolgreichsten neuen amerikanischen Thrillerautoren. [„Victim“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5226 sorgte in den USA für großes Aufsehen. Er lebt mit seiner Familie in Boston und veröffentlichte mit „Secret“ den nächsten Roman um Darby McCormick.

_Der Sprecher_

Boris Aljinovic, geboren 1967 in Berlin, war nach dem Schauspielstudium an der Hochschule „Ernst Busch“ am Berliner Renaissance-Theater und am Staatstheater Schwerin engagiert. Es folgten zahlreiche Rollen in Film und Fernsehen, so etwa 1999 in „Drei Chinesen mit dem Kontrabaß“ und 2004 in Otto Waalkes‘ Filmerfolg „Sieben Zwerge – Männer allein im Wald“. Seit 2001 spielt er den Kommissar Felix Stark an der Seite von Dominic Raacke im Berliner „Tatort“. Der Schauspieler lebt in Berlin. Er liest eine gekürzte Fassung.

Regie führte Gabriele Kreis im Eimsbütteler Tonstudio, Hamburg Januar 2009.

_Handlung_

Mike Sullivans Leben ist von Verlusten gekennzeichnet. Als er acht Jahre alt war, verließ seine Mutter seinen Vater Lou und verschwand grußlos nach Paris, von woher sie stammte. Sie schickte von dort lediglich eine Postkarte. Bevor sie ging, schenkte sie Mike eine Goldkette mit einem Anhänger des Hl. Antonius, der für verlorene Dinge zuständig ist.

1999 verliert Mike seine sechsjährige Tochter Sarah. Entgegen dem Verbot seiner Frau Jessica nimmt er Sarah mit zum Schlittenfahren. Aber es herrscht dichtes Schneetreiben auf dem Rodelhügel. Mike gibt Sarah in die Obhut von Paula, der Tochter seines besten Freundes Bill O’Malley, der zugleich Sarahs Taufpate ist. Doch Minuten später taucht Paula ohne Sarah auf. Die Suche nach dem Mädchen fördert nur ihre Brille zutage – sie hat sie verloren, neben ihrem Schlitten. Er bittet zwei Polizisten um Hilfe, doch sie berichten ihm, dass sein Vater Lou in der Stadt Bellham gesehen worden sei. Ob er sich wohl Sarah geschnappt hat? Als Jessica davon erfährt, reagiert sie erst ängstlich, dann wütend auf Mike. Das verheißt nichts Gutes für ihre Ehe.

Der zehnjährige Sammy Pinkerton, Sohn eines Polizisten, war ebenfalls auf dem Rodelhügel. Er gibt zu Protokoll, dass Sarah mit einem großen Mann fortgegangen sei, der ihr eine Decke um die Schultern legte. Sammy dachte, er sei Sarahs Vater. Im Schneetreiben konnte das nicht so genau sehen. Als Mike von dieser Aussage erfährt, besuchte er Detective Merrick von der Kripo. Es ist ja immerhin möglich, dass ein Gewaltverbrechen oder eine Entführung vorliegt.

|Fünf Jahre später|

Anno 2004 leben Jessica und Mike getrennt. Es ist der Jahrestag von Sarahs Verschwinden. Im Gegensatz zu Jess hat Mike die Hoffnung nicht aufgegeben, Sarah wiederzufinden, und legt einen Strauß Flieder auf dem Hügel, wo Sarah verschwand, nieder. Dann geht er zu seiner Therapeutin Dr. Rachel Tyler, die ihn nach Frank Jona fragt, dem mutmaßlichen Mörder Sarahs und zweier anderer kleiner Mädchen. Der ehemalige katholische Priester ist krebskrank und wird bald sterben.

Mike hat ihn einmal attackiert, als er angetrunken war. Er ist jetzt aber seit zwei Jahren trocken, arbeitet als Handwerker, doch er muss sich weiterhin auf gerichtliche Anordnung hin von Jona und seinem Haus fernhalten. Mikes Bewährungshelfer nimmt ihm regelmäßig eine Urinprobe ab. Der Richter hat Mike fünf Jahre Bewährung aufgebrummt, aber wenigstens hat Jona auf eine Anzeige verzichtet. Mike hat Kontakt zu Rose Giroux, der Mutter der verschwundenen Ashley. Rose hat ihm und Jess viel geholfen, und er hält sie über Jona auf dem Laufenden. Mike behauptet, Jona habe auch Caroline Lanville auf dem Gewissen.

Diese unerträgliche Lage, die über Jahre hinweg in der Schwebe gewesen ist, gerät eines Tages in Bewegung. Detective Francis Merrick von der Kripo führt Mike zu einer Fundstelle. Da hängt eindeutig Sarahs kleiner Anorak – über einem Holzkreuz. Eine Zeugin hat Frank Jona neben dem Kreuz zusammenbrechen sehen. Doch statt Jona zu verhaften, wartet Merrick die DNS-Tests ab. Am Abend taucht Lou, Mikes Vater, bei ihm auf. Er hat Jonas Haus verwanzt und weiß alles über ihn, z. B. dass er zwei Leibwächter hat und eine Pflegerin. Mike weigert sich, ihm ein Alibi zu geben, für was auch immer.

Am nächsten Tag ruft Merrick an: Auf Frank Jona ist ein Brandanschlag verübt worden, bei dem durch eine Verwechslung nicht Jona, sondern einer seiner Leibwächter schwer verletzt wurde. Ob Mike ein Alibi habe? Sein Haus wird durchsucht, doch Mike war bei Bill O’Malley. Als der Leibwächter seinen Verletzungen erliegt, gerät Mike dennoch unter Mordverdacht. Mike bittet die Rechtsanwältin Samantha Ellis, die vor 15 Jahren seine Sommerliebe war, um Hilfe: Kann sie ihm die Laborberichte des FBI beschaffen? Sie kann sogar mehr als das – sie engagiert für ihn eine Privatdetektivin, Nancy Childs. Im Laborbericht sind Blutflecken erwähnt.

Wenige Tage später wecken ihn die Stimme Sarahs und das Bellen seines Hundes Fang. Beide laufen in den nahen Wald. Wieder hört er Sarahs kindliche Stimme. Warum klingt sie immer noch wie vor fünf Jahren? Sie ist doch schon elf. Da entdeckt er den Kassettenrekorder neben einem Baum. An dem Baum baumelt Frank Jona …

Während Lou Sullivan wegen des Brandanschlags verhaftet wird, beginnt Mike mit Nancy Childs und Samantha Ellis seine eigene Ermittlung. Schon bald stößt er auf beunruhigende Zusammenhänge, die bislang noch niemand gesehen hat …

_Mein Eindruck_

Der Autor legte mit „Victim“ einen fulminanten Thriller als Debüt vor, dem mit „Secret“ ein weitaus weniger überzeugendes Sequel folgte. Dabei bemerkte ich zum ersten Mal die Abneigung des Autors gegen den Katholizismus in Neu-England. Angesichts der großen irischen Gemeinde in Boston gibt es dort auch viele Katholiken.

Offenbar hat der Autor negative Erfahrungen mit ihnen gemacht und eine Art Feindbild aufgebaut. Dieses kommt auch in „Missing“ negativ zur Geltung. Ich weiß ja nicht, welcher Konfession der Autor angehört, aber er muss ja nicht gleich eine bestimmte Konfession angreifen. Allerdings wirkt dadurch sein Vermissten-Thriller umso realistischer.

Es geht um eine Organisation aus der christlich-fundamentalistischen Ecke, die Kinder entführt, um sie bei Mitgliedern ihrer Organisation heranwachsen zu lassen. Der Grund besteht darin, dass die Mütter der Entführten zuvor haben abtreiben lassen und sich so als „gute Mütter“ disqualifizierten. Jedenfalls in den Augen dieser Superchristen. Mike Sullivan kann es kaum fassen, dass auch seine Jessica in diese Kategorie fallen soll. Nun ja, auch Jessica hatte wie er ein Leben vor der Ehe …

Mindestens ebenso spannend wie diese Ermittlung fand ich jedoch Mikes Nachforschungen in der eigenen Familie. Lebt seine Mutter noch – oder hat sein Vater sie bei seinem Besuch in Paris getötet? Sie ist wie Sarah eine in Mikes Leben schmerzliche vermisste Person – auch ihr gilt der Titel „Missing“. Lou ist in Mikes Augen bis zuletzt eine zwielichtige Gestalt, halb Verbrecher, halb Marinesoldat, und auf jeden Fall ein Rabenvater, der Mike im Stich ließ. Bis jetzt jedenfalls.

Als er den Spuren seiner Mutter folgt, die offenbar in Bostons bestem Viertel eine Affäre unterhielt, kreuzen sich die Spuren seiner Mutter mit der anderen Ermittlung. Alles scheint mit allem verknüpft zu sein. Und Nancy Childs, die er ebenfalls auf diesen Fall angesetzt hat, wundert sich, wieso ihr Klient ihr ständig in die Quere kommt. Aber als es darauf ankommt, können sie wenigstens parallel ermitteln.

Bevor alles gut wird, muss es erst einmal viel schlimmer werden. Unvermittelt entwickelt das letzte Drittel des Romans richtige Actiondramatik, in der Mike alles abverlangt wird, was er aufbieten kann. Und natürlich im unwahrscheinlichsten Moment.

|Der Sprecher|

Dass Boris Aljinovic einen „Tatort“-Kommissar spielt, gereicht ihm in vielerlei Hinsicht zum Vorteil. Die Aufgabe, die verschiedenen Figuren stimmlich und sprachlich auf erkennbare Weise zu charakterisieren, bewältigt der Sprecher mit Bravour – ohne sich jedoch zu Karikaturen hinreißen zu lassen. Ich bewundere, wie es ihm gelingt, die einzelnen Figuren auseinanderzuhalten und stets die gleiche Ausdrucksweise für die jeweilige Figur zu finden.

Die Männer sprechen völlig anders als die Frauen, nicht nur rauer und weniger emotional, sondern auch voller Andeutungen, insbesondere Lou Sullivan. Die Cops klingen irgendwie alle gleich, nämlich hart und autoritär, was in scharfem Kontrast zu dem einfühlsamen Mike Sullivan steht. Eine große Ausnahme bildet der todkranke Frank Jona. Da er Asthmatiker ist, spricht ihn Aljinovic mit einem ständigen Keuchen und Röcheln, was besonders in der Begegnung Jonas mit Mike dramatische Ausmaße annimmt. Denn Mike würde den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter ja am liebsten verrecken lassen.

Die Frauen haben stets die gleiche höhere Stimmlage, so dass man sie leicht von den männlichen Figuren unterscheiden kann. Die Rechtsanwältin Samantha Ellis ist nicht die taffe Karrierefrau, wie man erwarten würde, sondern so hilfreich und einfühlsam wie eine Krankenschwester – allerdings ohne professionelle Distanz. Sie würde am liebsten Mike gleich wieder in die Arme schließen.

Völlig anders hingegen ihre Privatdetektivin Nancy Childs. Die Schnüfflerin ist taff, wenn es drauf ankommt, und einfühlsam in den seltensten Momenten. In scharfem Kontrast dazu steht Terry Russell, die Krankenpflegerin Frank Jonas, die ein verhuschtes, nervöses Wesen an den Tag legt. Aber das ist möglicherweise nur Tarnung. Man sollte auf der Hut sein. Am besten gefiel mit der französische Akzent von Mikes Mutter, den Aljinovic wunderbar nachahmt.

Alle Figuren verändern ihre Redeweise außerdem je nach Situation. Mal flüstern, mal schreien sie, mal sind sie abgeklärt, mal aufgeregt. Einmal gibt es Rundfunknachrichten, dann erklingt wieder Sarahs kindlich hohe Stimme. Alles in allem dürften sich von diesem Vortrag eher Frauen angesprochen fühlen, aber ich fand mich auch ganz gut unterhalten.

_Unterm Strich_

Vordergründig geht es in diesem Thriller darum, vermisste Menschen zu finden. Aber das eigentliche Thema besteht darin, wie Mike Sullivan es schafft, sein zerbrochenes Leben wieder zu kitten. Er muss parallel zu Polizei und Privatdetektivin zwei Ermittlungen durchführen und das Äußerste geben, um zum Erfolg zu gelangen. Die Ausgangslage ist sowohl emotional als auch kenntnisreich geschildert, und auch über sein Seelenleben erfahren wir viel, so dass wir ihn uns gut als Individuum vorstellen können.

Die Begründung für die Kindesentführung erinnert mich an einen Krimi namens [„Schwesternmord“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1859 von Tess Gerritsen. Auch dort geht es um eine geheime Organisation, die mit Kindern Profite machen will. Doch Mooneys Superchristen sind noch viel schlimmer, weil sie nicht nur die Kinder entführen, sondern sie auch noch in einer völlig anderen Kultur als Superchristen erziehen. Das erinnert an den Bestseller „Nicht ohne meine Tochter“, der in den achtziger Jahren für Furore sorgte. Das Thema ist in Zeiten der Globalisierung stets virulent.

|Das Hörbuch|

Mit den vorherigen Sprechern der Thriller von Chris Mooney war ich nicht hundertprozentig zufrieden, aber Boris Aljinovic, der schon drei Romane des Schweden Åke Edwardson vorgetragen hat, hat mich nicht nur gut unterhalten, sondern auch emotional bewegen können.

Als Erzählerstimme nimmt er sich völlig zurück, und nur in den Dialogen der Figuren zeigt er seine wahre Kunst. Er erweckt die Figuren wirklich zum Leben. Besonders die verhuschte Terry Russell konnte ich mir gut vorstellen, denn solche scheinbar passiven alten Frauen gibt es jede Menge. Und sie sind manchmal zu allem fähig.

|Originaltitel: Remembering Sarah, 2004
Aus dem US-Englischen übersetzt von Michael Windgassen
286 Minuten auf 4 CDs
ISBN-13: 978-3869090061|
http://www.chrismooneybooks.com
http://www.hoerbuch-hamburg.de

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