Lee Child – Ausgeliefert

Das geschieht:

Jack Reacher, ehemaliger Elitesoldat und Militärpolizist, nun Türsteher in einem Musikclub in Chicago, will einer jungen Frau behilflich sein und gerät in eine Entführung! Drei Männer zwingen ihn, gemeinsam mit der Frau in einen Lieferwagen zu steigen. Reachers unfreiwillige Gefährtin heißt Holly Johnson, 27 und arbeitet für das örtliche Büro des FBI. Sie ist aber auch die Tochter von General Johnson, Vorsitzender der Vereinigten Stabschefs und damit ranghöchster Soldat der Vereinigten Staaten und das Patenkind des Präsidenten! Entsprechend fällt die Reaktion der Behörden aus. FBI Abteilungsleiter McGrath und die Agenten Brogan und Milosevic bilden nur die Spitze eines vielköpfigen Ermittlungsteams. Es nimmt die Spur der Kidnapper auf, die eher durch ihre Brutalität als durch kriminelle Professionalität auffallen.

Das verwundert nicht, als sich herausstellt, wer hinter der Entführung steckt: Beau Borken ist der „Kommandant“ der „Montana Militia“. In dieser militanten Gruppe fanden jene zusammen, für die sich der amerikanische Traum nicht erfüllt hat, die mit der Gegenwart einer globalisierten Alltagswelt nicht zurecht kommen und die sich nach der Zeit zurücksehnen, als der redliche, einfache und natürlich weiße Mann das Sagen hatte.

Borken ist eine charismatische Führernatur, die an Cäsarenwahn leidet. Sein Ehrgeiz geht sogar so weit, sich von den Vereinigten Staaten loszusagen und sich zum Herrscher eines eigenen ‚Landes‘ auszurufen. Die Entführung des Patenkindes des Präsidenten soll ihm die nötige Publicity sichern. Mit Jack Reacher hat die „Montana Militia“ allerdings ahnungslos einen Mann entführt, der weder willens noch gewohnt ist, sich der Gewalt zu beugen. Dabei muss er gleich an mehreren Fronten kämpfen: gegen den unberechenbaren Borken, gegen das Militär, gegen die Behörden, die ihn irrtümlich für einen der Kidnapper halten und gegen einen Maulwurf in den Reihen des FBI, der Borken über die Aktivitäten seiner Gegner stets auf dem Laufenden hält. Daher ist die Miliz gewarnt, als ihr Schlupfwinkel von Regierungskräften entdeckt und eingekreist wird. Ein erbitterter Kampf bricht los, in dem sich Jack Reacher als Zünglein an der Waage erweist …

Stell(ver)treter des kleinen Mannes

Jack Reacher ist wieder da. Zum zweiten Mal ist der heimatlose Ex Soldat, der seine ihm fremde Heimat bereist und kennenlernen möchte, zum falschen Zeit am falschen Ort. Er, der nur seine Ruhe haben möchte, gerät in ein wahnwitziges Intrigenspiel, das lange undurchschaubar bleibt. Weil dies den Leser einschließt, ist „Ausgeliefert“ ein Thriller, der an Dichte und Spannung kaum zu überbieten ist. Trügerisch ruhig, fast dokumentarisch schildert Lee Child eine tarantinoeske Welt, in der die Gewalt wie selbstverständlich zum Alltagsleben gehört.

Der deutsche Titel ist insofern irreführend; weder Jack Reacher noch Holly Johnson sind ihren Entführern jemals wirklich ausgeliefert. Vom ersten Augenblick ihrer Gefangenschaft machen sie sich mit der Gelassenheit des wahren Profis daran, ihren Peinigern nicht nur zu entkommen, sondern sie auch auszuschalten. Dass die harte Schale der FBI Beamtin dabei bald einige Sprünge bekommt, gehört zum Repertoire des Action Thrillers: Selbst in der politisch korrekten Welt der Gegenwart muss die weibliche Hauptrolle dem Helden stets unterlegen sein, damit er sie retten kann, was der Handlung zugute kommt und ihn im Finale noch strahlender dastehen lässt.

Das handwerkliche Talent des Autors erweist sich als willkommener Rettungsanker, als dem starken Anfang die enttäuschende Auflösung folgt: wieder einmal die Mär vom irren Bösewicht, der nach der Weltherrschaft greift! Da nützt auch das solide Fundament nichts, auf das Child seine Story setzt: Zwischen zwölf und 46 Millionen US Bürger würden eher einer Miliz folgen als der rechtmäßig eingesetzten Regierung, liest man da, und angesichts der Recherche, die „Ausgeliefert“ erkennen läßt, glaubt man dem Autor das.

Einfach noch härter zurückschlagen!

Wie verhält sich eine Regierung, wenn ein Viertel ihrer Bürger sich gegen sie wenden würde? Holly Johnsons Entführung entwickelt sich erwartungsgemäß rasch zum Politikum, das den Behörden die Hände bindet. Die daraus resultierenden Verwicklungen werden pflichtschuldig angedeutet, geraten dann aber in den Hintergrund, denn die realistische Rekonstruktion eines Geiseldramas à la Waco ist Childs Anliegen nicht. Action, Action und noch einmal Action das ist der Treibstoff, der seine Feder fliegen lässt! Hat der Leser es geschafft, sich über die zahlreichen verschenkten Ansätze zu einer etwas tiefgründigeren Geschichte hinwegzutrösten, kommt er (oder sie) aber durchaus auf seine Kosten, denn Child versteht etwas von seinem Job.

Freunde wird er sich unter den Literaturkritikern freilich nicht machen. Das liegt nicht nur daran, dass Unterhaltung für diesen Menschenschlag per se etwas Verdächtiges ist. Schlimmer noch: Child arbeitet auch in seinen Gewaltszenen, an denen er nicht spart, mit ausgesprochener Liebe zum Detail. Mit beinahe fetischistischer Inbrunst widmet er sich den zahlreichen im Einsatz befindlichen Feuerwaffen und entwickelt dabei eine Poesie, die in eigenartigem Kontrast zum Gegenstand seiner Bewunderung steht.

Der Vorwurf der Gewaltverherrlichung greift hier allerdings zu kurz; er ist heute ohnehin eher zum Pawlowschen Reflex verkommen, der den entsprechend dagegen gepolten Kritikern den Schaum der Entrüstung vor den Mund treten lässt. Dabei ist Gewalt für Child nichts Positives, sondern etwas, das für bestimmte Menschen zum Alltag gehört. Sie haben gelernt, damit im Guten wie im Bösen umzugehen, und wenden sie ebenso lakonisch wie folgerichtig an: Profis eben.

Keine Zeit für Charaktere

Wo die Kugeln tief fliegen, bleiben die Charaktere besser flach. „Ausgeliefert“ stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Jack Reacher kommt, killt und geht, ohne eine innere Entwicklung zu durchlaufen. Das macht ihn zum idealen Serienhelden, und die Vereinigten Staaten sind groß, das Potenzial an Kriminellen, Spinnern und Möchtegern-Diktatoren ist gewaltig! Viele weitere Abenteuer hat Child sein Ein Mann A Team inzwischen durch und überleben lassen, die weitgehend denselben Mustern folgen.

Ebenso austauschbar sind die übrigen Figuren. An ihrer Spitze steht der nur scheinbar dämonische Beau Borken, der zunächst und erfolgreich zum Genie des Bösen stilisiert wird, doch rasch zum Allerwelts-Schurken (Blofeldfaktor 5) degeneriert, sobald Child ihn persönlich auftreten lässt. Wie Borken zum Herrn eines eigenen ‚Staates‘ aufsteigen konnte, bleibt angesichts seiner offensichtlichen Unfähigkeit rätselhaft. Dass es Menschen wie Borken in der Realität gibt, sei jedoch unbestritten; offenbar haben sie etwas an sich, das sich nicht in Worte fassen lässt, jedenfalls nicht durch einen Schriftsteller wie Lee Child.

Das ändert nichts daran, dass Thriller wie dieser solche überlebensgroßen Bösewichte benötigen. Wenigstens auf dem Papier sollen sie ausnahmsweise für ihre Untaten büßen, während sie in der Realität meist davonzukommen scheine. In dieser Hinsicht muss sich der Leser keine Sorgen machen: Wenn Reacher weiterzieht, hinterlässt er zwischen den Trümmern die Leichen der Schurken.

Autor

Lee Child wurde 1954 im englischen Coventry geboren. Nach zwanzig Jahren Fernseh-Fron (in denen er u. a. hochklassige Thriller-Serien wie „Prime Suspect“/„Heißer Verdacht“ oder „Cracker“/„Ein Fall für Fitz“) betreute, wurde er 1995 wie sein späterer Serienheld Reacher ‚freigestellt‘.

Seine Erfahrungen im Thriller-Gewerbe gedachte Child nun selbstständig zu nutzen. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ging er generalstabsmäßig an. Schreiben wollte er für ein möglichst großes Publikum, und das sitzt in den USA. Ausgedehnte Reisen hatten ihn mit Land und Leuten bekannt gemacht, sodass die Rechnung schon mit dem Erstling „Killing Floor“ (1997, dt. „Größenwahn“ aufging. 1998 ließ sich Child in seiner neuen Wahlheimat nieder und legt seither mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks in jedem Jahr ein neues Reacher-Abenteuer vor; zehn sollten es ursprünglich werden, doch zur Freude seiner Leser ließ der anhaltende Erfolg Child von diesem Plan Abstand nehmen.

Man muss die Serie übrigens nicht unbedingt in der Reihenfolge des Erscheinens lesen. Zwar gibt es einen chronologischen Faden, doch der ist von Child so konzipiert, dass er sich problemlos ignorieren lässt. Jack Reacher beginnt in jedem Roman der Serie praktisch wieder bei null.

Aktuell und informativ präsentiert sich Lee Childs Website.

Taschenbuch: 512 Seiten
Originaltitel: Die Trying (London : Bantam Press/Transworld Pub. Ltd. 1998)
Übersetzung: Heinz Zwack
http://www.heyne-verlag.de

eBook: 682 KB
ISBN-13: 978-3-641-09260-3
http://www.heyne-verlag.de

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