Peper, Rascha / Ecke, Andreas – Visions of Hanna

Ein Verlag, dessen Programm sich hauptsächlich mit dem Meer in all seinen Formen beschäftigt? Das klingt auf den ersten Blick wie ein Tummelplatz für Seemannsgarn, doch „Visions of Hanna“ von der Niederländerin Rascha Peper ist weit davon entfernt.

An und für sich spielt das Meer in dem Roman auch nur eine Nebenrolle. Die „Hauptrolle“ kommt der lebenslustigen Mittdreißigerin Hanna zu, die vor zwei Jahren bei einem Schiffsunfall ums Leben kam. Seitdem liegt ihre Leiche in dem gesunkenen Schiff auf dem Meeresboden vor der marokkanischen Küste.
Währenddessen geht das Leben weiter, wenn auch in veränderter Form. Gerard, der in Hanna seine Traumfrau sah, lebt in New York, wo er als Strömungsforscher arbeitet. Er kann Hanna einfach nicht vergessen.

Robin dagegen, der Gerard Hanna ausgespannt hat, kann nicht damit leben, dass sie dort auf dem Meeresboden liegt, obwohl sie sich vor diesem verhängnisvollen Urlaub getrennt hatten. Er stellt eine Expedition auf die Beine, die nach dem Wrack und Hannas Leiche tauchen will.

Hannas Nichte, die fünfzehnjährige Emma, die gerade mitten in der Pubertät und den damit verbundenen Hormonverwirrungen steckt, verehrt ihre Tante auf eine gewisse Art und Weise und möchte Robin bei der Bergung ihrer Leiche behilflich sein. Sie gibt ihm Geld und dabei ihr Herz. Sie verliebt sich in den über zwanzig Jahre älteren Mann, doch obwohl er sich auch zu ihr hingezogen fühlt, lässt er es nicht zu, dass sie ihn verführt. Lange leidet sie an diesem Schmerz, doch dann drängt sich ihr Klassenkamerad Sai Kho in ihr Leben …

Der pensionierte Schneider Alphons LeCoultre, Hannas Vater, der neben seiner Tochter auch seine Frau zu beklagen hat, verbringt seine alten Tage damit, an die Toten zu denken und einen letzten Anzug für den Ministerialbeamten van Waardenburg zu schneidern, der zufällig der Konkurrent seines Schwiegersohns ist.

Herr van Waardenburg kennt Hanna überhaupt nicht. Er hat genug mit seiner heimlichen Obsession zu kämpfen, in fremde Häuser einzusteigen und sich dort an der Unterwäsche der Hausdame zu vergnügen.
Und dann wären da noch die blauen Gummientchen, die Gerard ins Meer hat setzen lassen, um die Strömungen zu erforschen …

Und was hat das jetzt mit Hanna zu tun?, fragt man sich. Zu Recht. Der Klappentext offeriert eigentlich eine sehr interessante Konstellation. Eine tote Frau, die trotz ihrer Abwesenheit immer noch Einfluss auf Menschen hat, die ihr nahe stehen. Schön und gut. In gewissem Sinne stimmt das auch, aber der einzige wirkliche Einfluss, den sie hat, ist der auf Robin, der sie unbedingt bergen möchte und außerdem mit ihrer Nichte zu kämpfen hat. Der gewissenhafte Gerard verschwendet zwar den einen oder anderen Gedanken an seine Ex, doch im Großen und Ganzen wird hauptsächlich von seinem Leben in New York erzählt, bei dem ein großer Wassertank auf dem Dach seines Hauses eine wichtige Rolle spielt. Nicht besonders interessant, wie auch die meisten anderen Perspektiven.

Aber was ist denn das Besondere an Hanna? Eine weitere Frage, bei der es mich wundert, dass sie nur so unbefriedigend beantwort wird. Da der Frau eine derartige Wichtigkeit zugewiesen wird, verstehe ich nicht, dass ihr Wesen, ihre Art nur sehr vage umrissen wird. Nirgends ist von einem besonderen Charisma oder Ähnlichem die Rede. Im Gegenteil scheint sie eine normale Mittdreißigerin zu sein. Manchmal vielleicht ein bisschen wankelmütig, was ihre Liebschaften angeht, aber ansonsten eine normale Frau.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Roman keinen linearen Plot hat. Er erzählt vielmehr Abschnitte aus dem Leben der oben genannten Protagonisten, die nur selten wirklich aufregend sind. Oft werden Tätigkeiten wie Robins Taucherei oder LeCoultres Schneiderei bis ins kleinste Detail beschrieben, was zwar eine gute Recherche beweist, aber unnötig in die Länge zieht. Mit der Zeit gewinnt die Geschichte stellenweise, zum Beispiel bei den Verwicklungen zwischen Emma und Robin, an Fahrt, kommt jedoch nicht besonders weit.

Man muss Frau Peper anrechnen, dass sie ihre Figuren authentisch zeichnet. Besonders die fünfzehnjährige Emma ist sehr beeindruckend, weil sie die Pubertät wirklich gut verkörpert. Auch die anderen Personen haben ihren Reiz, auch wenn es hin und wieder an Ecken und Kanten fehlt. Von Hanna wollen wir jetzt gar nicht reden. Wenn ein Buch schon keine ordentliche Handlung hat, sollten wenigstens die Figuren überzeugen, doch auch hier kann Peper nicht wirklich gewinnen. Authentisch ja, aber trotzdem nicht herausragend.

Der Schreibstil reißt auch nicht vom Hocker. Alltägliche, nüchterne Sprache ohne großartige Ausarbeitung trifft auf teilweise sehr komplexe Satzbauten, die das Lesen nicht immer einfach machen. Verbunden mit der bereits erwähnten Langatmigkeit entwickelt sich der Stil zu einem lähmenden Gift für das gesamte Buch, das sicherlich auch seine guten Seiten hat. Einige der Perspektiven, besonders die von Emma und Robin, sind durchaus interessant zu lesen, weil in ihnen etwas passiert. Gerards Gedanken zu Gummienten können dagegen nicht mithalten und so ist „Visions of Hanna“ ein durchwachsenes Buch.

Durchwachsen deshalb, weil es Spannung, schön gezeichnete Personen und flüssig lesbaren Schreibstil auf zu unterschiedlichen Ebenen serviert. Zwischen der Perspektive eines Gerards und der einer Emma liegen einfach Welten. Auf der einen Seite der vierzigjährige Langweiler, der sich mit Gummienten und Vermietern herumschlagen muss, auf der anderen der Teenager, der erste sexuelle Erfahrungen sammelt. Ich gehe so weit, Frau Peper zu empfehlen, doch mal ein Jugendbuch zu schreiben, denn mit Emma hat sie mein Herz gewonnen. Vielleicht kann ich die Seiten mit den langweiligen Perspektiven einfach herausreißen. Sie haben schließlich keine Bedeutung für die so gut wie nicht vorhandene Handlung.

http://www.marebuch.de/

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