Roslund, Anders / Hellström, Börge – Bestie, Die

Wieder einmal erobert ein schwedischer Thriller, der mit dem Nordischen Krimipreis ausgezeichnet wurde, die deutschen Bestsellerlisten und wieder einmal erweist sich damit diese Auszeichnung als äußerst verkaufsfördernd. Doch dieses Mal handelt es sich dabei nicht um einen „traditionellen“ nordischen Krimi mit einem Kriminalkommissar in der Hauptrolle, sondern um einen durchaus innovativen und spannend geschriebenen Thriller, der seine Leser zum Nachdenken anregen dürfte.

Auf einem Krankenhaustransport kann der psychopathische Kindermörder Bernt Lund fliehen. Vier Jahre zuvor vergewaltigte, quälte und ermordete Lund zwei neunjährige Mädchen, aber kaum ist er wieder auf freiem Fuße, sucht er sich auch schon sein nächstes Opfer. Dieses Mal schnappt er sich in der Nähe eines Kindergartens die fünfjährige Marie und wiederholt seine grausige Tat.

Maries Vater Frederik sieht rot und stellt seine eigenen Ermittlungen an. Schließlich kann er den Mörder seiner Tochter finden, bevor die Polizei Lund auf die Spur gekommen ist. Frederik erschießt den Kindermörder im festen Glauben, andere Eltern vor dem Schicksal zu bewahren, ebenfalls ihre Tochter zu verlieren. Der anschließende Prozess gegen Frederik wird ein riesiges Medienereignis. Schließlich kommt es zu einem Urteilsspruch, der weit reichende Konsequenzen hat…

Im Fokus der Geschichte steht nicht so sehr die Mordserie bzw. der psychopathische Mörder an sich, sondern die Frage, ob Selbstjustiz als eine Art Notwehr angesehen werden kann. Bernt Lund hatte sich bereits die nächsten beiden Opfer ausgesucht, als Maries Vater seine Rache üben kann. Zwei Leben unschuldiger Kinder konnten also gerettet werden, indem ein Leben – das eines mehrfachen Mörders und Vergewaltigers – ausgelöscht wurde. Ist das Gerechtigkeit? Hat Maries Vater das getan, wozu die Polizei nicht in der Lage war und damit die Welt vor schlimmerem Übel bewahrt? Die Bevölkerung scheint das zu glauben, denn sie steht fest hinter Frederik und feiert ihn als Helden.

„Die Bestie“ wirft viele Fragen auf, die selbstverständlich nicht eindeutig beantwortet werden können – es ist ein moralisches Dilemma, für das es kein Richtig und kein Falsch gibt. Ganz unbeabsichtigt erwischt man sich jedoch häufig bei dem Gedanken, dass Frederik für dieses Verbrechen nicht bestraft werden sollte. Unterstützt werden diese Gedanken insbesondere durch Frederiks sympathisches Wesen. Man kann sich wunderbar in ihn einfühlen und muss unweigerlich mit ihm leiden.

Interessanterweise kommt dieser Thriller dadurch fast ohne die üblichen Verfolgungsjagden und Ermittlungen aus, da Bernt Lund schnell von Maries Vater gestellt werden kann. In der „Bestie“ geht es um viel mehr, und das ist auch der Grund, warum ich das Buch geradezu verschlungen und mich auch gut unterhalten und angeregt gefühlt habe.

Doch ist das Buch trotz dieser überzeugender Ansätze nicht frei von Kritik: Man wird das Gefühl nicht los, als wollten die beiden Autoren mit dem Holzhammer eine Moral in dieses Buch einhämmern. Anders Roslund und Börge Hellström gehen hier meiner Meinung nach einen Schritt zu weit, indem sie dem Leser oftmals eine Meinung vordenken und dadurch eine zwangsläufige Antwort auf die Frage, ob Frederik selbst ein Mörder ist oder als Held gefeiert werden sollte, geben. Ab und an trieft das Buch nur so vor Moral, sodass ich mir gewünscht hätte, die beiden Autoren wären unauffälliger zu Werke gegangen. Irgendwie erscheint es mir etwas zu aufgesetzt, wenn im korrekten Schweden alle Gefängnisinsassen und Schwerverbrecher ganz selbstverständlich so genannte „Schnellficker“ verachten, also Insassen, die wegen Sexualverbrechen verurteilt wurden. Da wird man das Gefühl nicht los, als wollten Roslund und Hellström mit dem ganzen Zaun winken, um auch dem letzten Leser klarzumachen, dass Sexualverbrecher das Widerwärtigste überhaupt sind. Recht haben sie ja, aber darauf bin ich auch ohne ihre Hilfe gekommen.

Schade ist auch, dass die Autoren sich in ihren unterschiedlichen Handlungssträngen geradezu verlieren. Insbesondere anfangs werden so viele verschiedene Handlungsschauplätze aufgemacht, die teils wenig, teils gar nicht adäquat fortgesetzt werden, dass es wirkt, als hätten die beiden Autoren sich nicht gut genug abgestimmt und eventuell den einen oder anderen Handlungsfaden am Ende vergessen – oder was sollte der verheiratete Gefängniswärter, der seit einiger Zeit seine schwulen Neigungen entdeckt hat? Eine wirkliche Rolle hat er leider nicht gespielt. Gerade zu Beginn des Buches verwirren die zahlreichen neu auftauchenden Personen sehr und stören dadurch den Lesefluss.

Insgesamt unterhält „Die Bestie“ sehr gut und bietet auch einige interessante Ansätze, aber dann wirkt mir die Moral doch zu aufgesetzt, um authentisch wirken zu können. Vor allem das Buchende empfand ich als zu abgedroschen und überdramatisiert, dennoch sollte man die Idee, die hinter diesem Buch steckt, würdigen. Wer einmal einen etwas anderen Thriller lesen möchte, der fast ohne die genretypischen Elemente auskommt und dennoch hochspannend ist, der ist bei diesem Buch genau an der richtigen Stelle.

http://www.fischerverlage.de/

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