Silva, Daniel – Loge, Die

Nach dem Erfolg seines Bestsellerromans „Der Auftraggeber“ setzte Daniel Silva seine Geschichte um den israelischen Geheimdienstagenten Gabriel Allon weiter fort. Aktuell ist im |Piper|-Verlag der nunmehr dritte Teil der Allon-Reihe unter dem Titel „Die Loge“ erschienen. Inhaltlich steht die Geheimgesellschaft |Crux Vera| im Mittelpunkt, sodass auch „Die Loge“ wunderbar in den aktuell florierenden Markt der Verschwörungsthriller passt, auch wenn Silvas Werk bereits vor mehr als zwei Jahren im englischsprachigen Original auf den Markt gekommen ist.

Erneut wird der so genannte |Restaurator| bei seiner Arbeit gestört: Dieses Mal restauriert er unter dem Namen Mario Delveccio ein bekanntes Gemälde von Bellini in Venedig, als ihn die Nachricht erreicht, dass sein Geheimdienstkollege Benjamin Stern in München brutal ermordet wurde. Stern hat bis zu seinem Tod an einem Buch gearbeitet, von dem niemand den wahrscheinlich brisanten Inhalt kennt. Doch Allon macht sich auf die Suche nach Sterns Mörder und kommt langsam dem Grund für Sterns Ermordung auf die Spur.

Schon bald verdichten sich die Hinweise auf den Geheimbund „Crux Vera“, dem wichtige Persönlichkeiten angehören und der Verbündete bis in die innersten Kreise des Vatikans aufweisen kann. Die Hetzjagd beginnt, als ein Journalist in London ermordet wird, kurz nachdem dieser Gabriel Allon erzählt hat, was er von Benjamin Sterns Nachforschungen wusste. Allons Weg führt zu einem sagenumwobenen Kloster, wo ihn ein mysteriöser Anruf erreicht, der ihn auf das Verschwinden einer Nonne hinweist, welches die jetzigen Klosterangehörigen gerne vertuschen würden. Bald wird Allon in Rom fast selbst das Opfer eines Attentats. Von diesem Moment an überschlagen sich die Ereignisse, denn ein tödlicher Killer ist Allon auf der Spur, der seinen alten Freund Tariq rächen möchte und der einem feindlichen Geheimdienst nahe steht …

Daniel Silva fügt diesem Roman alles hinzu, was einen rasanten Agententhriller ausmacht. Mit Gabriel Allon hat er einen Charakter geschaffen, der eine Faszination auf den Leser ausübt wie James Bond in seinen Filmen. Allon ist intelligent, verfügt über ein großes Kunstwissen, er ist der vielleicht beste Gemälderestaurator, er ist nahezu perfekt, aber auch tödlich. Seinen ersten Auftritt hatte er im „Auftraggeber“, als er gegen den ebenso umfangreich ausgebildeten Attentäter Tariq al-Harouni antreten musste, der Allon schließlich unterlegen war. Im Auftrag des israelischen Geheimdienstes hat Allon schon zahlreiche wichtige Persönlichkeiten liquidiert und sich dadurch auf Seiten der Pälestinenser viele Feinde geschaffen. Im vorliegenden Roman ist schließlich einer von Tariqs Bekannten hinter ihm her, der Rache ausüben möchte für die Morde an Tariq und Abu Jihad. „Die Loge“ ist somit zwar inhaltlich in sich abgeschlossen, führt die Lebensgeschichte von Gabriel Allon allerdings weiter fort, sodass es sich lohnt, vor der „Loge“ auch die beiden Vorgängerromane zu lesen, um sich ein noch umfassenderes Bild von Allon machen zu können.

In fast unübertroffen rasanter Weise erzählt Daniel Silva seine Geschichte. An keiner Stelle verliert er Zeit mit unnötigen Beschreibungen, nirgends hält er sich länger auf und lässt seinen Lesern somit kaum Zeit zum Durchatmen. Gleich im ersten Kapitel werden wir Zeuge des Mordes an Benjamin Stern, und dann müssen wir auch nicht mehr lange auf Allons ersten Auftritt warten. In ähnlichem Tempo wie Dan Brown packt Silva seine Leser und entführt uns an bekannte Orte Europas. So verfolgen wir die handelnden Figuren nach Rom, Venedig, London, aber auch nach München, an den Gardasee und in die Schweiz. Die Kapitel sind dabei übersichtlich kurz gehalten und widmen sich verschiedenen Handlungssträngen, die fast immer an unterschiedlichen Orten spielen. Durch die schnellen Wechsel von einem Ort zum anderen, von einem Schauplatz zum nächsten, steigt die Spannung stetig an, sodass man das Buch am liebsten nicht mehr aus der Hand legen möchte. Langeweile kommt hier wirklich nirgends auf, auch wenn Silva natürlich keine große Literatur abliefert. Er will unterhalten und tut dies auch. Nie bläht er seine Geschichte auf und gaukelt uns wichtige Inhalte vor, wo es keine gibt.

Die Charakterzeichnung ist dabei bewusst überzeichnet. Daniel Silvas Helden sind nahezu perfekte Tötungsmaschinen, die mit jeder Waffe umgehen können, sofort jede Kleinigkeit wahrnehmen, ein lückenloses Erinnerungsvermögen haben und noch aus den ausweglosesten Situationen herausfinden. Dabei verkleiden sie sich immer so geschickt, dass man sie kaum wiedererkennen kann. In diesem Zusammenhang gefallen Silvas Charaktere gut, da sie durch ihre Perfektion und ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten eine ganz eigene Faszination ausüben. Allon erinnert dabei zu weiten Teilen an James Bond, da auch er seine vorzeigbaren Seiten hat und sich für Frauen sowie Kultur interessiert.

Daniel Silva erschafft in seinen Romanen eine ganz eigene Welt, in der feindliche Attentäter aufeinander treffen und sich ein Wettlauf gegen die Zeit abspielt. In der „Loge“ bekommen wir darüber hinaus eine Geheimgesellschaft geboten, die Verbündete in den wichtigsten Kreisen Roms und der Vatikanstadt hat. Im vorliegenden Roman liegt die Papstwahl nach dem Tod des Polen nicht lange zurück, und netterweise heißt Benjamin Sterns Haushälterin Frau Ratzinger, obwohl Silva natürlich vor mehr als zwei Jahren noch nicht wissen konnte, dass auch unser aktueller Papst diesen Namen trägt. Thematisch entwickelt „Die Loge“ keine solche Faszination wie Dan Browns Kirchenthriller, hier werden keine kryptischen Rätsel gelöst. Bei Daniel Silva steht die Verfolgungsjagd im Vordergrund, seine Romane gewinnen durch die Figur des Restaurators. Die aufgedeckte Sensationsgeschichte in diesem Buch ist schnell durchschaut und rahmt meiner Meinung nach das Buch hübsch ab. Allerdings gehen die kirchlichen Hintergründe nicht weit genug in die Tiefe, als dass man „Die Loge“ auch in die Riege der vatikanischen Verschwörungsthriller zählen könnte.

Dennoch: „Die Loge“ entführt seine Leser für einige sehr unterhaltsame Stunden in eine Welt voller Intrigen und Attentäter, die aufeinander losgelassen werden. Silvas Erzählstil ist spartanisch und rasant (dabei aber an keiner Stelle so trivial und stümperhaft wie etwa bei Matthew Reilly), er hält sich nicht lange mit Nebensächlichkeiten auf, sondern schildert nur das Offensichtliche und erzeugt dadurch ein unglaubliches Tempo. An einigen Stellen blitzt dabei feiner Humor auf, der die Geschichte etwas auflockert. Wer gerne Dan Brown liest, der sollte es mit Daniel Silva versuchen und mit dem „Auftraggeber“ beginnen, in welchem Gabriel Allon seinen bisher fasznierendsten Gegenspieler hatte. Dies ist der einzige Punkt, an dem man eventuell bei Silvas aktuellem Buch ein paar kleine Abstriche machen muss. Allons Gegener haben etwas nachgelassen. Dennoch überzeugt Daniel Silva auch mit diesem Roman und lässt uns dem nächsten Gabriel-Allon-Roman entgegenfiebern!

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