Silva, Daniel – Zeuge, Der

Gabriel Allon is back – endlich! Daniel Silva hat geschafft, was nur wenigen Autoren vergönnt ist – er hat mit seiner Hauptfigur Gabriel Allon einen Charakter geschaffen, der einen Roman schon fast alleine bestreiten kann. Der ehemalige Agent des israelischen Geheimdienstes, der eine überaus bewegte Vergangenheit hat, dessen Frau und Sohn einst in Wien einem Bombenattentat zum Opfer gefallen sind und der einige Zeit später fast selbst dem dafür verantwortlichen Attentäter unterlegen gewesen wäre, ist ein dermaßen faszinierender Charakter, dass ich ohne zu zögern immer wieder zu einem Allon-Thriller greifen würde. Unter dem Namen Allon ist er allerdings nur den wenigsten Menschen bekannt, in die Herzen seiner Thrillerfans hat er sich als der berühmte Restaurator Mario Delvecchio gespielt, der einen Bellini zu alter Schönheit erwecken kann wie wahrscheinlich kein anderer. Und genau in dieser Rolle treffen wir ihn zu Beginn des vorliegenden Romans wieder an.

Doch zunächst werden wir Zeuge eines Attentats in der österreichischen Hauptstadt Wien, wo Allons alter Freund Eli Lavon fast sein Leben verliert. Zwei seiner Mitarbeiterinnen hatten allerdings nicht ganz so viel Glück wie Lavon, sie überleben den Anschlag nicht. Da auch Lavon für den israelischen Geheimdienst arbeitet, wird schnell Ari Schamron auf den Plan gerufen, der zwar nicht mehr aktiv im Dienst ist, aber trotzdem noch alle Fäden im Hintergrund zu ziehen scheint. Und wenn Schamron auftritt, dann ist auch Allon nie weit, denn Schamron hat schon immer gern sein bestes Pferd aus dem Stall ins Getümmel geschickt. So nimmt Allon eine neue Identität an und reist zurück nach Wien, wo er alles andere als willkommen ist. Das merkt er auch schnell, als seine wahre Identität erst einmal aufgedeckt ist und er immer mehr Menschen trifft, die ihn gern so schnell wie möglich außer Landes wissen würden. Doch vorher trifft er noch auf den Juden Max Klein. Dieser hatte vor einiger Zeit Kontakt aufgenommen zu Lavon, weil er im Café Central einen ehemaligen NS-Schergen wiedererkannt hat, der im zweiten Weltkrieg maßgeblich an den Gräueln des Todesmarsches aus Birkenau beteiligt war.

Noch kann Allon die einzelnen Hinweise nicht zu einem Ganzen zusammenfügen, doch führen immer mehr Spuren in die NS-Zeit, erst recht, nachdem Max Klein ermordet aufgefunden wird und klar ist, dass er offensichtlich mit seiner Anfrage bei Lavon in ein Wespennest gestochen hat. Bei seinen Recherchen findet Allon die Wahrheit über den mysteriösen Mann aus dem Café Central heraus, der inzwischen unter neuem Namen lebt und gerade in Österreich wegen seiner rechtsradikalen Vergangenheit nichts zu befürchten hat. Wieso also hat er das Attentat auf Lavon veranlasst, wenn ihm selbst doch keine Gefahr droht?

Bald muss Allon eine weitere schlimme Entdeckung machen, denn unter den Zeichnungen seiner Mutter findet er ein Gesicht, das ihm verdächtig bekannt vorkommt – nämlich dasjenige des Mannes aus dem Café Central. Doch woher kannte seine Mutter diesen Kriegsverbrecher? Einige Überwindung kostet es Allon, bis er in die Zeugenaussage seiner Mutter schaut, in der sie von ihrer Zeit im Arbeitslager berichtet und von dem Todesmarsch aus Birkenau, den sie zwar mehr oder weniger lebend überstanden hat, nach dem sie innerlich jedoch fast tot war und sich anschließend schreckliche Vorwürfe machte, weil zwei Freundinnen vielleicht durch ihre Schuld erschossen wurden. Die persönliche Verbindung treibt Gabriel wie besessen an, doch ist er nicht nur der Jagende, auch sein Gegenspieler hat Attentäter auf den Plan geschickt, die nun hinter Gabriel her sind …

Wieder einmal begeben wir uns mit Gabriel Allon zusammen auf eine Hatz durch zahlreiche Länder. Silvas Buch beginnt wie gewohnt mit einem wahren Knalleffekt, nämlich mit einem Bombenanschlag. Das ist sicher nichts Neues, sorgt aber trotzdem dafür, dass man schon vom ersten Kapitel an das Buch kaum aus der Hand legen kann. Und es dauert auch nicht lange, bis Silva uns die ersten Hinweise auf die Gründe für das Attentat gibt. Schon als Allon in Wien seine Nachforschungen beginnt, wird klar, dass die Hintergründe im Zweiten Weltkrieg zu finden sind. Nach und nach finden wir an Allons Seite heraus, was sein Widersacher vorhat.

In „Der Zeuge“ vervollständigt Daniel Silva das Bild von seinem Hauptprotagonisten weiter. Im Vordergrund steht dessen Familiengeschichte und insbesondere die tragische Vergangenheit seiner Mutter, die die Gräuel des Todesmarsches nie vergessen konnte und es nicht übers Herz gebracht hat, ihrem Sohn die Wahrheit über die damaligen Ereignisse zu beichten, obwohl sie sich genau das damals vorgenommen hatte. Doch Teile der Wahrheit findet Allon über die Zeugenaussage seiner Mutter heraus, die ihn tief bewegen und erschüttern. Erst jetzt kann er verstehen, was seine Mutter durchgemacht haben muss. Diese Erkenntnis treibt ihn noch weiter an, macht ihn noch entschlossener und lässt ihn noch rücksichtsloser handeln. An seiner Seite treffen wir erneut Chiara, mit der er in Venedig glücklich zusammen lebt. Die beiden wollen heiraten, doch da ist ja noch Leah, die schwer verletzt und geistig weggetreten das Bombenattentat überlebt hat und nun ihr Dasein in einem Krankenhaus fristet, aber kein Wort mehr mit ihrem Mann wechselt. Allon will ihr von der geplanten Hochzeit berichten, doch findet er keine Gelegenheit dazu. Das wiederum führt zu Zwistigkeiten mit Chiara, die aber nichtsdestotrotz fest an seiner Seite steht und ihn in allen Situationen professionell unterstützt und ihm sogar das Leben rettet.

Seinen Gegenspieler lernen wir unter verschiedenen Namen kennen, doch im Zweiten Weltkrieg war er unter dem Namen Erich Radek bekannt. An den Massenmorden an den Juden und der Leichenverbrennung trägt er eine so große Schuld, dass er nach dem Krieg untertauchen und einen neuen Namen annehmen musste, doch inzwischen ist er ein bekannter und angesehener Mann, der über einiges Vermögen verfügt und vor allem noch einige dunkle Geheimnisse hat, die er am liebsten vergessen haben möchte. Radek entfaltet leider nicht die gleiche Ausstrahlung wie Allon; neben unserem Thrillerhelden verblasst Radek, zumal Allon ihm meist einen Schritt voraus zu sein scheint. Leider schafft Silva es nicht mehr, Allon einen ebenbürtigen Gegner zu verpassen, wie wir ihn in „Der Auftraggeber“ einst kennengelernt haben.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht aber nicht Radek alleine, sondern vielmehr eine geheime Aktion, die unter dem Kürzel „1005“ geführt wurde. Diese Ziffernkombination spielt im vorliegenden Thriller noch eine weitere Rolle, sie ist nämlich das Passwort zu einem prall gefüllten Schweizer Konto. Leider verblasst dieser Handlungsstrang ein wenig neben der Jagd von Allon auf Radek. Äußerst gelungen sind aber die Rückblicke in die Vergangenheit, die erneute Auseinandersetzung mit dem NS-Regime, die Verurteilung der Kriegsverbrechen und des Rechtsradikalismus, wobei man Silva hier durchaus vorwerfen mag, dass er die Dinge oftmals schwarzweiß zeichnet und wenig zwischen Gut und Böse unterscheidet. Insbesondere die Österreicher kommen hier nicht besonders gut weg.

Insgesamt ist „Der Zeuge“ ein ausgesprochen kurzweiliger und spannender Roman, der von der ersten Seite an zu packen weiß und den Leser erst dann los lässt, wenn dieser die letzte Seite ausgelesen hat. Zwar entfaltet die Geschichte keine solche Faszination wie beispielsweise „Der Auftraggeber“, allerdings mag dies an Allons schwächerem Gegenspieler liegen, der zu wenig an Profil gewinnt. Laut Silvas Nachwort ist mit dem „Zeugen“ nun die Trilogie rund um den Holocaust abgeschlossen, sodass man gespannt sein darf auf den Folgeroman „Der Schläfer“, der sich aber selbstverständlich wieder rund um Gabriel Allon dreht.

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[„Der Engländer“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=3849

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