Thiemeyer, Thomas – Magma

Südtiroler Alpen, Mai 1954: Professor Mondari entdeckt auf einem privaten Bildungsausflug zufällig eine Anomalie in einem Riff-Fazies des beginnenden Jura. Mitten im Kalzit steckt eine perfekte Kugel aus einem grauen, metallischen Material, das seine Kompassnadel verrückt spielen lässt. Selbst seinem Diamantschleifer widersteht das Material, es lässt das kostbare Werkzeug platzen. Der wütende Professor bearbeitet die Kugel mit Hammer und Meißel – bis ein leuchtender Riss entsteht. Gleißendes Licht und sengende Hitze verbrennen Montari zu Staub.

|50 Jahre später …|

Etwas tickt. Im Pazifik, genauer gesagt im Challenger-Tief, einer der tiefsten Stellen des Marianengrabens (ca. 10900 m). Bisher waren mehr Menschen auf dem Mond als in diesen tödlichen Tiefen. Das Bedrohliche daran ist, dass es sich bei dieser Gegend um eine Subduktionszone handelt, in der sich kontinentale Platten reiben und vulkanische Aktivitäten häufen.

Das Ticken ist mit heftigen Beben verbunden; Tsunamis drohen, die verheerende Folgen für Pazifikstaaten haben würden. Die Ursache ist mysteriös, Anlass zur Sorge ist gegeben: Die Erdstöße sind regelmäßig. Alle zwei Stunden und achtundvierzig Minuten bebt es im Pazifik, und das Epizentrum ist nicht wie zu erwarten unter dem Challenger-Tief, sondern direkt auf dessen Grund!

Die amerikanische Marine ist besorgt, in Zusammenarbeit mit Japan will man die |Shinkai 11.000| hinabschicken, um die Ursache zu erkunden. An Bord befindet sich die risikobereite und privat in komplizierten Verhältnissen lebende Geologin Dr. Ella Jordan, die das Office of Naval Research mitten aus ihrer Vorlesung geholt hat. Mit Joacquin Esteban ist auch der Geheimdienst an Bord, aus gutem Grund: Er weiß von dem anonymen Drohanruf, den Ella erhalten hat, der ihr rät, nicht an Bord zu gehen, denn das U-Boot werde untergehen. Wie passt der unsympathische und fachlich offensichtlich unqualifizierte Schweizer Geologe Konrad Martin in das Bild, ein Mann mit einer wasserdichten Identität, der aber scheinbar keinerlei Vergangenheit besitzt?

Die Fahrt der |Shinkai| scheitert tatsächlich beinahe an Sabotage und man kann sich nur mit Mühe und Not retten, doch Ella kann zuvor noch etwas entdecken: Eine 200 Meter große Kugel am Grund der Challenger-Tiefe, von der die Erdstöße ausgehen.

Professor Martin offenbart sich schließlich Ella und lädt sie in zu einem Besuch bei Helène Kowarski am Lago Maggiore ein, der Leiterin der streng geheimen Kowarski-Labors, die dem CERN (Lew Kowarski war ein Atomphysiker und am Aufbau des CERN beteiligt) nahestehen. Versteckt tief unter der Erde in einem Berg wird die Kugel aus dem nach griechischer Mythologie „Adamas“ (das Unbezwingbare) genannten Material untersucht, die Francesco Montari vor Jahrzehnten entdeckt hat. Man scheint einen Weg gefunden zu haben, sie gefahrlos zu öffnen, ohne den Verteidigungsmechanismus zu aktivieren. Doch nicht alle Mitwisser sind damit einverstanden. Der seit der Erfindung der Atombombe verbitterte Atomphysiker Elias Weizmann warnt davor, diese Kugel zu öffnen. Er hält sie für ein Krebsgeschwür, das man besser nicht anrühren sollte, für die Büchse der Pandora; er hat noch das Grauen in Erinnerung, das Oppenheimers Bau der Atombombe auslöste.

Doch die Zeit drängt. Überall auf der Welt, von der Antarktis über Costa Rica, von Neuseeland bis ins russische Tunguska findet man dutzende kleiner Kugeln, die Beben auslösen und beginnen, sich mit der großen am Grund des Challengertiefs zu synchronisieren. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn die Beben werden immer stärker, Vulkane brechen aus und schleudern Staub in die Atmosphäre. Der Effekt dieser Synchronisierung würde dem des Gleichschritts über eine Brücke entsprechen und fatal enden: Der Weltuntergang steht bevor.

Zeitgleich zu Beginn der Beben registrierte das Radioteleskop von Effelsberg eine Supernova im Orion, der Beteigeuze zum Opfer fiel. Marten Enders und seine Assistentin Jan Zietlow entdecken, dass die von dem explodierten Stern ausgehenden Neutrinos in einem bestimmten Rhythmus eintreffen: Zwei Stunden und achtundvierzig Minuten. Eine außerirdische Macht scheint hinter den Ereignissen zu stecken – und scheinbar kann man die Kugeln auch deaktivieren! Es scheint ein Intelligenztest zu sein, mit der gesamten Menschheit als Einsatz. Das Ei des Kolumbus zu finden, liegt an Ella Jordan, die von Konrad Martin unterstützt wird, der offensichtlich mehr über die Kugeln weiß als jeder andere Mensch. Der Countdown läuft …

_Von Afrika in die Tiefen des Pazifik_

Thomas Thiemeyer (* 1963) hat den Schauplatz seiner Romane gewechselt. Aus dem in der Sahara spielenden Bestseller [„Medusa“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=482 und dem dunklen Dschungel im finstersten Herzen Afrikas in „Reptilia“ stößt er in „Magma“ in die ebenso fantastischen und abenteuerlichen Tiefen des Ozeans vor, die letzten noch weitgehend unerforschten, geheimnisvollen Flecken unserer Erde. Mehr noch als bei seinen Vorgängern kann er hier mit dem seinem Studium der Kunst und der Geologie zu verdankenden Wissen glänzen. „Magma“ ist dennoch eher ein Abenteuerroman denn ein Wissenschaftsthriller; der Leser lernt auf angenehme Weise nebenbei noch ein wenig über Geologie und Tektonik.

Schriftstellerisch ist „Magma“ ebenso ein Sprung ins kalte Wasser, der aber geglückt ist. Im Gegensatz zu „Medusa“ wurde das Spielfeld auf den gesamten Erdball und viele unterschiedliche Personen ausgeweitet, von der in [„Reptilia“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1615 verwendeten Ich-Perspektive hat sich Thiemeyer ebenso verabschiedet. Aus den Blickwinkeln vieler über alle zahlreichen Handlungsorte verteilter Personen treibt er die Handlung voran und erlaubt dem Leser so zu kombinieren und gleichzeitig am Schicksal der betreffenden Person teilzuhaben. So meint Marten Enders, seine attraktive Studentin Jan Zietlow wäre in ihn verliebt, und hält ihr gegenüber eine etwas peinliche Rede, dass er ein verheirateter Mann wäre und sich kein Abenteuer erlauben dürfe. Dummerweise ist diese Verliebtheit nur Einbildung; aus Jans Sicht erfahren wir, dass sie ihn lieber in diesen Glauben lässt, da sie nicht riskieren will, vom Observatorium versetzt zu werden, weil sie Enders auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt hat, denn ihre Verliebtheit ist nur eine Wunschprojektion Enders.

Auch die anderen Charaktere, allen voran Ella Jordan, haben ihre jeweilige persönliche Geschichte, die in den großen Rahmen des Rätsels der unzerstörbaren Kugeln eingebettet ist. Ein wenig erinnert diese Erzählweise an die beliebte Serie „Akte X“, wobei die Charaktere Thiemeyers wesentlich glaubhafter und weniger getrieben erscheinen, einschließlich des verbitterten Weizmann, ein Bösewicht, dessen Motive weitgehend nachvollziehbar sind; er ist vielmehr eine tragische Figur, denn seine Versuche, das Schlimmste zu vermeiden, enden stets in einem Desaster, kosten Menschenleben und verhindern dennoch keine weitere Erforschung der Kugeln, was Weizmann nur noch verzweifelter und gefährlicher macht. Nicht alles ist jedoch so gut gelungen; die geschiedene und problematische Figur Ella wird am Ende ein geradezu traumhaftes und bemühtes Happy-End erleben, bei dem nur noch der Hund zu einer stereotypisch glücklichen Familie fehlt.

Davon abgesehen können die Charaktere jedoch durchweg überzeugen, sie fügen sich nahtlos in die Handlung ein und ergänzen sie vortrefflich um eine persönliche Komponente im großen Ganzen. Hier punktet der Autor erneut, denn die Geschichte ist gut durchdacht und abwechslungsreich. Dabei verliert man nie die Handlung aus dem Blick; ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen, kein Kapitel war langweilig und ich habe es in einer Nacht förmlich verschlungen. Anspielungen auf die griechische Mythologie (im Prolog erzählt Hesiod von der Nachkommenschaft des Uranos, den Titanen, Kyklopen und Hekatoncheiren, die Uranos verhasst sind und deshalb von ihm in der Tiefe der Erde im Tartaros gefangen gehalten werden, bis Gaia ihnen eine Sichel aus dem grauen Metall Adamas gibt, mit der sie entkommen und ihren Vater Uranos entmannen können) und Teile der Handlung, die an in Mystery-Serien beliebten Orten wie der Tunguska spielen, runden ein rundum gelungenes Mystery-Abenteuer ab. Beängstigend und faszinierend zugleich ist auch die Verwandlung, die einer der Charaktere an diesem Ort durchmacht – Lovecraft hätte es nicht besser gekonnt. Einen humorvollen Seitenhieb auf den beliebten Governator Kaliforniens konnte sich Thiemeyer nicht ersparen: |“Es ist soeben eine Meldung hereingekommen, dass an der Westküste der USA eine Kugel gefunden wurde. Der Gouverneur von Kalifornien hat Befehl gegeben, sie zu zerstören. Und das, obwohl ich die Warnung herausgegeben habe, die Kugeln in Ruhe zu lassen. Eine unerhörte Schlamperei. Kommen Sie, das Ereignis wird live im Fernsehen übertragen.“|

_Fazit:_

Thomas Thiemeyer hat sich selbst übertroffen. Ein höherer Spannungs- und Mysteryfaktor als in den Vorgängern gekoppelt mit einem unglaublichen Erzähltalent machen „Magma“ zu einem Pageturner erster Güte. Das Titelbild hat er als Illustrator selbst beigesteuert; im Gegensatz zu vielen seiner Konkurrenten kann er sowohl mit gefälliger Verpackung als auch zum Inhalt passender Umschlaggestaltung punkten.

In einem [Interview]http://www.buchwurm.info/artikel/anzeigen.php?id=74 mit |Buchwurm.info| hat Thiemeyer bereits sein nächstes Projekt angekündigt: Es wird eine Fortsetzung zu „Medusa“ geben.

Website des Autors: http://www.thiemeyer.de/
Website zu „Magma“: http://www.droemer.de/magma/

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