Wallner, Michael – Blutherz

Zurzeit ist Hochsaison für die romantische Vampirliteratur. Als literarischer Vorreiter gilt hierbei Bram Stokers „Dracula“, der mit spitzen Zähnen, mystischer und geheimnisvoller Aura, seiner Unsterblichkeit und einen ziemlich niedrigen Sonnenschutzfaktor auf die Jagd nach Blut zum Urvater der Vampire geworden ist.

Doch auch das Rad der Zeit dreht sich in der Fantasy-Literatur weiter, und so gibt man den Fürsten der Dunkelheit viel Raum und Zeit, sich zu entwickeln, sei es nun zum Bösen oder zum Guten hin. Die Grundkonzeption eines Vampirs gleicht aber allzu oft einer Schablone und einem Klischee, an dem der Großteil der Urheber nicht vorbeizukommen scheint.

Der klassische, aber auch der moderne Vampir ist und bleibt von attraktiver Erscheinung, eine gewisse Erotik ist ihm ebenso von Vorteil wie auch sein Wissen oder seine Körperkraft. Es gibt noch einige Grundeigenschaften, und sie alle findet man bei diesen Schattengestalten meist gesammelt wieder. Doch einige Eigenschaften und Fähigkeiten sind variabel, z. B. die Sonnenschwäche oder die Aversion gegenüber christlicher Symbolik.

Doch die Kunst der Verführung beherrschen sie alle, und sie setzen diese auch stets ein, um ihr Ziel zu erreichen, aber nicht immer ist dies das Trinken von Blut.

Im Verlag |cbt| ist mit Michael Wallners „Blutherz“ ein weiterer Vampirroman dieser Ausrichtung erschienen und richtet sich erkennbar an die etwas jüngere Leserschaft.

_Kritik_

Samantha Halbrook ist erst 17 Jahre jung, als sie die Stelle als Lernschwester in einer Londoner Klinik antritt. Endlich hat sie ihre eintönige Heimat Lower Liargo an der schottischen Grenze liegt hinter sich gelassen. Das Stadtleben in einer Metropole wie London verspricht Abwechslung und Aufregung, und genau das ist Samanthas Erwartungshaltung.

Als Samantha eines Abends vom attraktiven und jungen Taddeusz Kóranyi in einem exklusiven Club eingeladen wird, staunt sie nicht schlecht. Der geheimnisvolle Mann übt eine gewissen Faszination aus, und auch er scheint Interesse an Samantha gefunden zu haben. Aber warum wirkt er dann verwirrt und völlig aus dem Konzept gekommen, als Samantha ihm spontan einen Kuss gibt?

„Teddie“ verschwindet genauso schnell, wie er Samanthas Leben betreten hat, und sie findet sich mit dieser flüchtigen Begegnung ab, bis sie eines Tages eine offizielle, sehr formelle Einladung unter ihrer Zimmertür findet. Schon als sie die eindrucksvolle Villa der Familie Kóranyi betritt, wird ihr klar, dass diese reich und mächtig sein muss.

Valerian Kóranyi begrüsst Samantha wie eine alte Freundin und stellt sie den anderen Gästen offiziell als Teddies Freundin vor. Samantha ist immer verwirrter: erst diese Distanz, und nun soll sie offiziell ein Teil der Familie Kóranyi sein.

Valerin macht seinen ältesten Sohn Teddie zum Nachfolger des Familienunternehmens und überlässt ihm die wirtschaftlichen Geschicke. Als Richard, Teddies jüngerer Bruder, am Tisch eine kleine Szene veranstaltet, wird die ganze Situation noch geheimnisvoller. Richard scheint erstaunt über die Anwesenheit Samanthas zu sein, doch diese hat nicht die Gelegenheit, Fragen zu stellen.

Doch es bleibt nicht bei dieser einen Begegnung mit Richard, denn er versucht immer wieder, Samantha vor einer Bedrohung zu warnen, und beobachtet sie. Samantha, die sich in Teddie verliebt hat, wird nach der ersten gemeinsam in Leidenschaft verbrachten Nacht schwanger. Schon in den ersten Tagen und Wochen stellt Samantha fest, dass die Schwangerschaft zeitlich viel schneller verläuft als normal und so die Lage recht kompliziert wird.

Als Richard sie über seine Familie aufklärt und beweisen kann, dass sie die Braut eines Vampirs geworden ist, sucht sie nach einem Ausweg für sich und ihr ungeborenes Kind. Doch Valerian Kóranyi und sein Sohn Teddie wissen schon über die nächsten Schritte der Flüchtigen Bescheid, die sie quer durch Europa führen werden …

_Kritik_

Vampire stehen momentan in der phantastischen Literatur hoch im Kurs. Die Grundidee, dass sich eine junge Frau in einen geheimnisvollen Mann verliebt und wenig später feststellen muss, dass dieser ein Vampir ist, ist wahrlich nichts Neues mehr. In „Blutherz“ greift auch Autor Michael Wallner zu sattsam bekannten und allzu bewährten Mitteln, doch gelingt es ihm noch, seinem Roman in Grundzügen den nötigen Biss zu verpassen.

„Blutherz“ ist für Jugendliche Leser geschrieben und die Handlung daher auch aus der Perspektive von Samantha erzählt. Die junge Frau ergibt sich aber nicht ihrem Schicksal und mausert sich stattdessen von einem stillen Mauerblümchen zu einer selbstbewussten Frau, die offen gegen die dunklen Mächte ankämpft, und das mit beachtlichen Erfolg.

„Blutherz“ bietet dem Leser allerdings auch kein neues Konzept, keine waghalsigen und spektakulären Szenen, die den Leser aufschrecken. Das tragische Schicksal und die unerwartete Hilfe eines Verbündeten, in diesem Falle die des Bruders ihres angehimmelten Liebsten, lassen den Leser schon frühzeitig wissen, was der Roman an Dramatik zu bieten haben wird.

„Blutherz“ wirkt besonders am Anfang düster und geheimnisvoll, auch spannend, aber leider zu keiner Zeit wirklich überraschend. Samanthas Vergangenheit und familiärer Background bleiben bis zum Ende hin verborgen; die Handlung explodiert dann aber in einem Showdown, dessen Tempo zu hoch angesetzt ist.

„Teddie“ als vampirische Schlüsselfigur wirkt nur als Verführer, steht aber stets im Schatten seines Vaters Valerian, der doch nicht gewillt ist, das Ruder der Familie an seinen Sohn abzugeben. Er spielt den ‚bösen‘ Part recht gut, der eigentlich seinem Sohn hätte überlassen werden sollen. Richard Kóranyi, der etwas schwächliche Bruder, wächst ebenso über sich hinaus wie Samantha und entwickelt sich zum stillen Helden.

Michael Wallners Stil verändert sich mit der Handlung. Anfangs spannend und unterhaltsam, vollzieht sich zur Mitte hin ein erzählerischer und stilistischer Bruch. Das Tempo steigt zwar rasant an, doch die Protagonisten laufen hinterher und verrennen sich in diversen Klischees. Positiv zu sehen sind Samanthas Erfahrungen und Begegnungen im Krankenhaus; dieser Part ist realistisch und einfühlsam beschrieben, und Michael Wallner beleuchtet auch das Thema Organspende und die Überlebenschancen bei Patienten, die auf ein Spenderorgan warten. Auch der Missbrauch und der Handel mit Organen werden hier realistisch dargestellt.

Im weiteren Verlauf von „Blutherz“ bekommen es Samantha und Richard übrigens mit Anhängern einer Sekte zu tun, die den Vampiren wohl zu Diensten sind, aber dieser Abschnitt war überflüssig für die Handlung und inhaltlich teilweise unlogisch.

Samanthas Motivation, ihr Heil in der Flucht nach vorn zu suchen, bringt sie in ihrer Entwicklung deutlich weiter; nicht nur ihr Selbstbewusstsein steigt, sondern auch ihr Verhältnis zu Teddie, den sie trotz allem liebt, verändert sich, und auch ihre Haltung gegenüber Richard, der ihr treu zur Seite steht, bleibt nicht ohne Komplikationen.

_Fazit_

„Blutherz“ von Michael Wallner ist vor allem ein Jugendbuch und spricht eher Mädchen ab 14 Jahren an. Der nötige ‚Biss‘ allerdings fehlt dem Buch; zwar sind die Protagonisten einfallsreich und originell eingesetzt, auch wenn sich der Autor so manchen Klischees bedient, auch der Anfang des Romans ist vielversprechend, aber leider vollzieht sich nach Einführung der Hauptpersonen ein Bruch, der viele Fragen einfach nicht beantwortet und manche Ereignisse unlogisch dastehen lässt.

Michael Wallner ist sicherlich ein sehr guter Autor von Jugendromanen, das hat er zuletzt mit [„Zeit des Skorpions“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=5174 bewiesen, doch hier erweckt er den Eindruck, als wäre er mit sich und seiner Erzählung selbst nicht zufrieden. „Blutherz“ verfügt über einen flotten Stil und genretypische Protagonisten, die anfangs verzaubern und später enttäuschen. Das Ende verrennt sich in einem undurchschaubaren Fiasko, und es bleiben eine Menge Fragen übrig, die niemand je beantworten wird. „Blutherz“ ist ein in sich abgeschlossener Roman, allerdings hat man sich wohl die Hintertür offen gelassen um eine mögliche Fortsetzung zu schreiben.

„Blutherz“ ist leider nicht überzeugend; die Chance war ganz klar vorhanden, etwas Besonderes zu verfassen, im zweiten Teil wird diese aber endgültig vertan, so dass die Lektüre letzten Endes nur von durchschnittlicher Qualität bleibt.

|Empfohlen ab 14 Jahren
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 320 Seiten
ISBN-13: 978-3-570-16046-6|
http://www.randomhouse.de/cbjugendbuch/

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