Wolfe, Gene – Mythgarthr 1 – Der Ritter

Der Amerikaner Gene Wolfe (* 1931) ist ein sehr innovativer Autor, der, obwohl er bereits seit 1970 Romane schreibt, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, in Deutschland eher unbekannt ist. „Mytgarthr 1 – Der Ritter“ ist der erste Teil der zweibändigen Mythgarthr-Saga; der zweite Band „Der Zauberer“ ist für Juli 2006 angekündigt.

Wolfe macht seinen Ruf alle Ehre: In der Erzähltechnik eines Briefromans mischt er höfischen Artusroman mit einem historischen Ritterroman im Stile von Walter Scotts „Ivanhoe“ und nordischer Saga. Ein junger Amerikaner schläft in einem englischen Wald ein und erwacht in einer anderen Welt: Mythgarthr, der magischen Welt der Menschen. Er verliert sich zunehmend in dieser fremden Welt, ständig wiederkehrende Erinnerungsfetzen an seine Herkunft bewegen ihn jedoch, seine Taten für seinen Bruder Ben niederzuschreiben.

Aus dem Knaben ist Sir Able of the High Heart geworden – ein junger Ritter noch ohne Schwert, Land, Lehensherrn und vor allem noch ohne Ruhm und Ehre und eine seiner würdigen Dame. Überraschend wenig denkt Able über eine Rückkehr nach und was ihn nach Mythgarthr verschlagen haben könnte, denn ganz im Stile eines höfischen Romans wird ihm förmlich eine „Aventiure“ aufgedrängt: Er muss sich des ihm versprochenen Schwerts Eterne würdig erweisen und seine geliebte Dryade Disiri retten. Um zu einem echten Ritter zu werden, tritt Able in die Dienste Herzog Marders ein. Dieser ist der Lehensherr Sir Ravds, des ersten Ritters, der Ables Qualitäten erkennt und ihn unter seine Fittiche nimmt. Genauso wie Ables vermeintlicher Bruder Bold Berthold (er hält Able für seinen Bruder und erinnert sich an ihn – Able ist sich nicht sicher, ob er wirklich sein Bruder ist, da er nicht aus Mythgarthr stammt) dient diese Figur dazu, dem Leser die Besonderheiten Mythgarthrs vorzustellen.

Mythgarthr entspricht dem Midgard nordischer Sagen, der Heimat der Menschen. Es existieren auch Varianten von Asgard, Muspelheim und Niflheim, Walvater Odin und seine wilde Jagd eingeschlossen. Wolfe bedient sich freigiebig bei griechischen bis keltischen Mythen, wobei Elemente des klassischen höfischen Romans und der Edda jedoch dominieren. Able wird in ein Abenteuer gedrängt, er strebt nach den klassischen Werten eines Ritters. Sein Handeln und Denken ist körperlich geprägt; bis auf die gelegentlichen Erinnerungsfetzen erschließt sich seine Gedankenwelt aus seinen Taten und Dialogen, innere Handlung und Psychologisierung, wie in modernen Romanen üblich, darf man nicht erwarten. Wenn Wolfe Ables Gemütszustand verdeutlichen will, lässt er ihn in direkter Rede zu Wort kommen. Ebenso verzichtet Wolfe gelegentlich auf das Breitwalzen epischer Schlachtszenen; so beschränkt er Ables Bericht an seinen Bruder schon einmal auf die knappe Aussage, dass der Kampf so grauenhaft war, dass er ihn jetzt nicht wiederholen möchte.

„Der Ritter“ ist, ganz wie der Titel verheißt, eine romantische Rittergeschichte in einer Fantasiewelt, die mit ihren fremdartigen Wesen, Geistern und Dämonen begeistert. Die Faszination ergibt sich aus der Interaktion dieser Geschöpfe untereinander. Das Verhältnis zwischen einem christlichen Ritter, einer Elfe sowie dem nordischen Göttervater Odin ist alles andere als reibungslos und einfach. Auffallend ist, wie oft Rittertugenden gepriesen, dann aber von Able und anderen Rittern ständig gebrochen werden. Es wird gelogen und betrogen, dass sich die Balken biegen, trotz aller lauteren Ansätze – ein ironischer Seitenhieb in Richtung des höfischen Romans.

Die 564 Seiten des Buches sind in 69 dementsprechend kurze Kapitel unterteilt, man kann es also sehr gut häppchenweise genießen. Das Problem liegt in der anfangs schwachen Handlungsführung. Den Begegnungen mit zahllosen Fabelwesen und Abenteuern fehlt der rote Faden, erst ab der Mitte des Buches zeichnet sich ein Ziel ab. Der von Wolfe gewählte Erzählstil ist gewöhnungsbedürftig; der junge Ritter redet anfangs wie ein kleines Kind, wenn er seinem Bruder Ben berichtet. Je weiter Able voranschreitet auf seinem Weg zum Rittertum, desto selbstsicherer und erwachsener wird jedoch auch der Erzähler.

Die Übersetzung von Jürgen Langowski ist exzellent, er hat den Zauber und Reiz von Wolfes Stil erhalten. Er hat gut daran getan, sprechende Namen wie Able of the High Heart oder Bold Berthold und die Namen einiger prinzipiell übersetzbarer Orte und Schwerter nicht zu übersetzen. Die Sprechweise eines Ritters, Elfen, Knechts oder Bauern stets stimmig wiederzugeben, ist ihm hervorragend gelungen.

„Der Ritter“ ist ein anspruchsvoller, aber lohnender Fantasy-Roman für alle Leser, die plakativer Epik im Format eines „Herr der Ringe“-Abklatsches überdrüssig sind. Allerdings müssen sie für Wolfes ungewöhnliche Erzählweise offen sein. Wer dies erfüllt, wird von Wolfe mit einem fantastischen Ritterroman verwöhnt, der reich an Mythen und Abenteuern ist. Am Ende des Romans kommt es zum Kampf zwischen Able und dem Drachen Grengarm – mit einem überraschenden Ausgang. Da es sich um einen Doppelroman handelt, wird die Rettung Disiris wohl erst im Folgeband „Der Zauberer“ abgeschlossen werden.

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