Antonia Hodgson – Das Teufelsloch

Das geschieht:

Als Sohn eines angesehenen Pfarrers standen für Tom Hawkins Laufbahn und Leben eigentlich fest, doch der junge Mann rebellierte gegen die Scheinheiligkeit der Kirche, brach mit dem Vater und führt seither ein lustiges Lotterleben. Auch im London des Jahres 1727 ist dies freilich nur solange möglich, wie es gelingt, das nötige Kleingeld aufzutreiben. Tom hat es übertrieben und steht nun so tief in der Kreide, dass er festgenommen und ins Marshalsea – das gefürchtete Gefängnis für säumige Schuldner – geworfen wird.

Dort führt Direktor William Acton, ein unberechenbarer Psychopath, ein Terrorregime, das Sir Philip Meadows, als Knight Marshal im königlichen Dienst eigentlicher Leiter der Anstalt, geflissentlich übersieht, weil Action den Insassen ihr letztes Geld abpresst: Wer es sich leisten kann, führt im Marshalsea ein beinahe angenehmes Leben. Ist dagegen das Kapital erschöpft, wirft man die Pechvögel über die Mauer auf die „Common Side“, wo Acton die mittellosen und für ihn nutzlosen Gefangenen verhungern lässt.

Da Toms Kapital beschränkt ist, muss er fürchten, bald diesen Weg zu nehmen. Er benötigt dringend Verbündete, gerät dabei jedoch ausgerechnet an Samuel Fleet, einen Buchdrucker, den eine politische Intrige ins Marshalsea brachte. Hier hat er sich einen Ruf als Teufel und Mörder geschaffen, weshalb man ihn in Ruhe lässt. Aktuell soll Fleet den allseits beliebten Captain John Roberts umgebracht haben, der des Nachts auf dem Gefängnishof spukt und Gerechtigkeit fordert.

In seiner Not lässt sich Tom auf einen gefährlichen Pakt ein: Da aufgrund des ungeklärten Mordes eine Gefängnisrevolte droht, soll er für Sir Philip den Täter ermitteln und dafür die Freiheit wiedererlangen. Als Tom stattdessen auf ein Komplott stößt, gerät in Lebensgefahr, denn hinter Gittern ist er ein leichtes Ziel …

Mordermittlungen in der Hölle

Früher war einerseits alles besser, aber andererseits auf jeden Fall schmutziger. Seltsamerweise ist die Vorstellung, der vorneuzeitliche Mensch habe ein allzu entspanntes Verhältnis zur Körperhygiene besessen, unter nur oberflächlich mit der Historie vertrauten Zeitgenossen weit verbreitet. Tatsächlich war der Anteil echter Stinkmorchel, die sich wonniglich im – auch eigenproduzierten – Dreck suhlten, stets verschwindend gering: Der Mensch liebt es durchaus, sauber zu sein, saubere Kleidung zu tragen und in sauberen Räumlichkeiten zu leben. (Staub zählt dieser Rezensent nicht zum Schmutz.)

Gute Historien-Romane brechen den Sudel-Faktor nicht auf ein exotisches Element der Unterhaltung herunter, sondern nutzen ihn zur Beschreibung einer Welt, die zwar fremd aber vor allem vergangen ist. Auch weitere Alltagsaspekte, die heute unverständlich oder gruselig wirken, sollten der eigentlichen Geschichte höchstens als stimmiger Hintergrund dienen; ein Weg, den Antonia Hodgson weidlich nutzt, ohne darüber ins Dozieren zu verfallen oder sich gar in endlosen Auflistungen zeitgenössischer Details zu erschöpfen, die für die Handlung überflüssig sind.

Nichtsdestotrotz geht Hodgsons Geschichte buchstäblich unter die Haut, hat sie doch ein Umfeld gefunden, das Spannung und Spektakel optimal vereint. Es geht um die Aufklärung eines Mordes. Der ‚Detektiv‘ ermittelt nicht im Wettlauf mit der Polizei, sondern erst um seine Freiheit und später um sein Leben: Die Bluttat ereignete sich in einem Gefängnis, und der Ermittler ist ein Häftling.

Schon dies weckt Interesse. Doch Marshalsea ist eine ganz besondere Institution, die stellvertretend für ein Rechtsempfinden steht, das glücklicherweise überwunden ist bzw. höchstens noch von rechtsradikalen u. a. Klotzköpfen befürwortet wird: „Recht“ wurde in dieser Vergangenheit nicht mit „Gerechtigkeit“, sondern mit „Sühne“ im Sinn von „Strafe“ gleichgesetzt. Wie du mir, so ich dir: Dies fasst prägnant zusammen, was demjenigen blühte, der in die Mühlen der Justiz geriet. Wer verurteilt wurde, verlor nicht nur seine (oder ihre) Freiheit, sondern Existenz, Ruf, Würde und oft genug das Leben. Jugend galt nicht als strafmildernd, sodass die volle Härte der Justiz auch Kinder traf.

Druck als Instrument der Besserung

Schuldnern erging es ‚besser‘ als Dieben oder gar Mördern. Sie wurden vor allem festgesetzt, um sie zur Begleichung ihrer Zahlungsrückstände zu animieren. Insofern stellte eine Parallelwelt wie die „Master’s Side“ keine Besonderheit dar: Schulden allein brachten einen Gentleman nicht zu Fall. Nicht einmal die endgültige Zahlungsunfähigkeit sorgte für den Untergang, da die „Common Side“ ursprünglich nicht als Todesfalle geplant war. Männer wie William Acton sahen die Chance, die sich ihnen bot, indem sie Menschen, die ihnen ausgeliefert waren, scheinbar legitim das Geld aus den Taschen zogen.

Hodgson beschreibt Marshalsea eindringlich nicht nur als Hölle auf Erden, sondern auch als Maschine. Sie wird mit dem Blut der Gefangenen betrieben und produziert schmutziges Geld, das jene, die sie warten, ungerührt einstreichen. Dabei entsteht eine Atmosphäre absoluter Menschenverachtung, die ebenfalls an eine Zeit erinnert, als auch ein in Freiheit verbrachtes Leben nur kurz währte. Da Not und Armut als selbstverschuldetes Schicksal galten, durften jene, die es traf, höchstens auf rudimentäre Unterstützung hoffen, die kaum mehr als ein Gefangenendasein ermöglichte.

Im Marshalsea wird dies auf die Spitze getrieben. Schon damit ließe sich ein Buch füllen. Hodgson lässt stattdessen ihren Ermittler in dieser Hölle auf Erden agieren, in der die einzige Konstante die permanente Unsicherheit ist. Faktisch kann Tom Hawkins niemandem trauen. Geld ist der einzige ‚Wert‘ in Marshalsea, wie er selbst rasch feststellt, denn für jede Hafterleichterung muss in blanker Münze bezahlt werden.

Ein Jüngling wird zum Mann

Wie es die Art des Menschen ist, hat sich Tom Hawkins zunächst keine Gedanken über die Folgen seines Lebenswandels gemacht. Hodgson führt ihn als Bruder Leichtfuß ein, der zwar darunter leidet, vom Vater verstoßen worden zu sein, ansonsten aber vor allem lebt, d. h. liebt, spielt und sich treiben lässt. Die Haft wird für Hawkins nicht nur zum Schrecken, sondern zwingt ihn auch zu Erkenntnissen und Entscheidungen, die sich unmittelbar auswirken. Mehrfach wird Hawkins verprügelt, und spätestens eine Nacht, die er in Ketten inmitten verwesender Leichen verbringen muss, lässt ihn notgedrungen reifen, wo er sonst nur noch zerbrechen könnte.

Bevor der ‚neue‘ Tom Hawkins die Szene betritt, findet der unbedarfte Jüngling einen ‚Freund‘, der es freilich in sich bzw. faustdick hinter den Ohren hat. Samuel Fleet ist ein angenehm zwielichtiger Charakter, dessen Motive die Verfasserin verborgen hält. Zudem weist Fleet ein breites Spektrum fragwürdiger bis abstoßender Angewohnheiten auf, was ihn als Figur erst recht interessant macht, sodass der Leser wirklich überrascht und schockiert ist, als Fleet seinem Schicksal begegnet.

Auch sonst zwingt das Marshalsea Menschen zum engen Zusammenleben, die besser viel Raum zwischen sich lassen sollten. Auf diese Weise schürt Hodgson ein Klima, das dem Inneren eines Dampfkochtopfes gleicht, dessen Ventil zudem nur sporadisch funktioniert. Dummerweise dürfte Tom Hawkins zu denen gehören, die es bei einer Explosion auf jeden Fall und sehr früh erwischen würde. Neben seinen Nachforschungen ist er deshalb damit beschäftigt, sich seine Peiniger mit Versprechungen, Drohungen und Lügen fernzuhalten – ein Seiltanz, den die Autorin ungemein spannend zu inszenieren weiß.

Ein Fall mit Vorgeschichte und Folgen

Was und wer Captain Roberts den Tod brachte, hält Hodgson erstaunlich lange in der Schwebe. Immer wieder gerät Hawkins in Sackgassen oder verfällt Irrtümern, was aufgrund seiner Unerfahrenheit als Detektiv und der Umgebung, in der er ermittelt, logisch wirkt. Natürlich ahnt der Leser bald, dass hinter Roberts Ende mehr als ein Streit unter Gefangenen oder ein Racheakt des bösartigen Direktors steckt. Obwohl Hodgson krimitraditionell Andeutungen einstreut, die auf den Mörder hinweisen, tappt man erfreulich im Dunkeln. Die Auflösung wird zur echten Überraschung.

Begleitet wird Tom Hawkins von einer Fülle gut gezeichneter, markanter Figuren. Noch besser: Die Autoren drischt kein Stroh, indem sie die Story etwa um eine Lovestory ‚bereichert‘, die in diesem Umfeld keinerlei Berechtigung hätte, sondern skizziert entsprechende Anwandlungen für jene, die auf derartige Duseleien nicht verzichten wollen. Auf fünf Tage verdichtet Hodgson ihre Geschichte, die an Turbulenz und Tempo ständig zunimmt, bis der Topf tatsächlich platzt und Trümmer wie Schrapnells auf die Hauptfigur zufliegen, die ihnen verzweifelt ausweichen und dabei die letzten Indizien zur Klärung eines Kriminalfalls zusammenfügen muss: So kann und sollte ein Historienkrimi ablaufen!

Autorin

Antonia Hodgson wurde 1971 in Derby, einer Stadt in den englischen Midlands der Grafschaft Derbyshire, geboren. Sie studierte Englische Literatur an der University of Leeds und begann nach ihrem Abschluss für verschiedene US-Buchverlage zu arbeiten.

Als Hodgson an ihrem ersten Roman arbeitete, entschied sie über jene Bücher, die der Verlag Little, Brown veröffentlichte, weshalb sie das Manuskript anonym an Hodder & Stoughton schickte, um Voreingenommenheit oder den Vorwurf von Vetternwirtschaft zu vermeiden. Die Maske fiel, nachdem Hodgson mit „The Devil in the Marshalsea“ (dt. „Das Teufelsloch“) – dem ersten Band einer inzwischen fortgesetzten Reihe um Tom Hawkins, der im England des frühen 18. Jahrhunderts Kriminalfälle klärt – 2014 einen „Endeavour Historical Dagger Award“ der „Crime Writers Association“ gewann.

Taschenbuch: 490 Seiten
Originaltitel: The Devil in the Marshalsea (London : Hodder & Stoughton 2014; Boston : Mariner Books/Houghton Mifflin Harcourt 2014)
Übersetzung: Katharina Volk
www.knaur.de

eBook: 607 KB
ISBN-13: 978-3-426-42236-6
www.knaur.de

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