Cussler, Clive – Troja-Mission, Die

Die Abenteurer-Familie Pitt – Vater Dirk, Sohn Dirk jr. sowie Zwillingsschwester Summer – stößt einmal mehr auf einen finsteren Strolch, der nach der Weltherrschaft giert, und löst ganz nebenbei ein historisches Rätsel: In der Karibik meuchelt giftiger Schlamm das Meeresgetier, was umgehend die „National Underwater & Marine Agency“ (NUMA) auf den Plan ruft. Dirk Pitt der Ältere, Direktor für Spezialprojekte, stößt auf den Großkonzern „Odyssey“, dessen stets anonymes Oberhaupt, der mysteriöse „Specter“, in allerlei zweifelhafte Machenschaften verwickelt ist. Man munkelt von üblen Verstößen gegen Gesetz und Glauben; ganz oben auf der Liste steht womöglich terroristischer Verrat gegen den Fackelträger der freien Welt, die Vereinigten Staaten von Amerika!

Was diese sich selbstverständlich nicht gefallen lassen. NUMA-Admiral Sandecker, der noch stets auf die „Rechte“ ausländischer Strolchstaaten gepfiffen hat, setzt seine inoffiziellen Umwelt-Agenten in Marsch. Gut so, denn Pitt und sein alter Kumpel Al Giordano entdecken deutliche Hinweise darauf, dass sich „Odyssey“ mit Unterstützung rotchinesisch-kommunistischer Arbeitsameisen unter dem Dschungel von Nicaragua quer durch Mittelamerika gräbt. Es ist der heimlich entsorgte Aushub, der Wale und Tunfische mit dem Bauch nach oben treiben lässt, aber schlimmer noch ist das eigentliche Anliegen dieses Projekts (das den Lesern dieser Zeilen selbstverständlich verschwiegen werden soll). Hier darf also nicht gefackelt werden! Zwar sind den US-Streitkräften oder der CIA leider die Hände gebunden und die Nicaraguaner notorisch ahnungslos oder korrupt, aber ohnehin braucht es nur zwei richtige Kerls wie Dirk & Al, um das Lumpennest auszuheben.

Derweil haben Dirk der Jüngere und Schwester Summer vor der Küste der Dominikanischen Republik ein versunkenes Grabmal entdeckt. Es ist angefüllt mit Schätzen und Artefakten, die vor mehr als drei Jahrtausenden im keltischen Europa entstanden. Offenbar waren weder die Wikinger noch Kolumbus die Ersten, die den Atlantik überquerten. Mit Hilfe von NUMA-Hightech lässt sich der Verdacht erhärten, dass eigentlich dem legendären Griechen Odysseus dieser Lorbeer gebührt! Wieso auch nicht, stellt sich doch weiterhin heraus, dass Troja beileibe nicht in Kleinasien, sondern im grünen England gelegen hat …

Während Dirk jr. und Summer der archäologischen Sensation nachspüren, machen Dirk sr. und Al „Spector“ und seinen Spießgesellen die Hölle heiß. Wer hätte gedacht (eine rhetorische Fragen, denn eigentlich weiß es jede/r Leser/in), dass es zwischen der sagenhaften Irrfahrt des Odysseus und der „Odyssey“-Organisation eine Verbindung gibt? So treffen sich Vater und Kinder bald wieder beim finalen Kampf gegen Unwetter hexende Druiden und Menschen opfernde Amazonen, während die Welt vor dem ökologischen Kollaps steht …

Eine ideale Welt ist nach Clive Cussler zwar keine ohne Strolche, Dummköpfe oder Anwälte. Trotzdem ist es eine bessere, denn sie belohnt die Klugen, Unerschrockenen, Neugierigen, welche weder nur Geld scheffeln noch auf der faulen Haut liegen wollen, sondern forschen, sammeln, schützen oder anderweitig positiv zum Wohle der Menschheit aktiv sind.

Wer sich diesem hehren Ziel widmet, der kommt vielleicht sogar in den Himmel, der hier NUMA heißt: eine stets mit den modernsten Geräten ausgestattete, von Fördergeldsorgen freie, weil durch die Regierung klaglos mit Mitteln überschüttete, nur der reinen Wissenschaft verpflichtete Einrichtung.

Wenn irgendwo in den Fluten der Weltmeere ein Tintenfisch hustet, springen Männer wie Dirk Pitt umgehend in ein Flugzeug oder Wunderschiff, um sich vor Ort „umzusehen“. Über staatliche Kontrollen und Sparschweinereien sind sie gänzlich erhaben; notfalls lässt Admiral Sandecker die Rubel rollen – seine Schatulle scheint unerschöpflich zu sein.

Ein Traum für kleine und große Jungs also, der dadurch komplettiert wird, dass NUMA-Mitarbeiter nicht nur forschen, sondern auch Schätzen und Ganoven hinterher jagen, von denen es über und unter Wasser mehr als genug gibt. Was hat Mr. Pitt auf dieser und für diese Erde nicht schon alles geleistet! Die „Titanic“ hat er gehoben, dazu diverse andere prominente Wracks und sogar Atlantis entdeckt. Nun komplettiert das antike Troja die Liste seiner Erfolge, obwohl er als wahrer Mann stets bescheiden abwinkt. Dirk Pitt kann ja nichts dafür, dass er immer wieder in grandiose Abenteuer verwickelt wird; das brockt ihm sein geistiger Vater Clive Cussler ein.

Der scheint seine Dirk-Pitt-Serie inzwischen vor allem deshalb fortzusetzen, weil er Geld für sein Lieblingsspielzeug benötigt: die echte NUMA, eine Kreation Cusslers, dem der Erfolg die Möglichkeit bot, sein eigener Admiral Sandecker zu sein. Zwar erreicht die reale NUMA nicht einmal annähernd die Dimension des fiktiven Vorbilds, aber sie ist sehr aktiv – und teuer im Unterhalt.

Schaumschlägerei nach Schema F bestimmt jedenfalls schon lange die Handlung eines typischen Cussler-Romans. Die Logik schlägt erst Purzelbäume und verabschiedet sich bald gänzlich aus dem Geschehen. Was sich „Specter“ da ausgedacht hat, um die Welt unter die postkeltische Knute zu zwingen, muss man einfach mit viel Humor nehmen (und wünscht sich, dass auch die wirklichen Möchtegern-Diktatoren dieser Erde sich so dämlich aufführen …). Kann man die fast schon genial absurde Story akzeptieren, stellt sich schnell der Spaß an dieser altmodischen Abenteuerpistole ein.

Wobei es dauert, bis sich der eigentliche Plot herausschält. Cussler reiht zunächst lieber spannende Episoden aneinander, mit denen sich zudem wunderbar Seiten schinden lassen. Technobabbel à la James Bond und größenwahnsinnige, aber letztlich völlig sinnfreie Gaunertücken werden durch wüste Actionszenen ergänzt. Dazwischen halten die Protagonisten gern gelehrte Vorträge zu mancherlei naturwissenschaftlichen und historischen Modethemen, wie wir sie aus „Galileo“ und anderen TV-Sendungen kennen.

Aus Thesen, die Cussler ganz besonders gut gefallen, schmiedet er im NUMAversum Realitäten. So ist Iman Jacob Wilkens mit seiner ab 1991 in „Where Troy Once Stood“ beschriebenen „Entdeckung“ Trojas im vorzeitlichen England keineswegs jene archäologische Sensation geglückt, die Cussler offenbar darin sieht. Dies liegt nicht am von Kryptohistorikern gern geäußerten Vorwurf, das etablierte wissenschaftliche Establishment unterdrücke – verkrustet und eifersüchtig, wie es angeblich (und manchmal tatsächlich) ist – geniale Querdenker, sondern am gesunden Menschenverstand, der auf mehrfach überprüften Fakten (so rudimentär sie denn auch sind) bestehen sollte.

Als Grundlage eines Romans ist es legitim, Troja falls nötig auf den Mond zu verlegen. Cussler meint es indessen ernst, so wie seine Interpretation des Trojanischen „Pferdes“, das er uns sogar in einer Rekonstruktionszeichnung präsentiert. Einfach als weiteres Element der Unterhaltung goutiert, tragen solche Spekulationen indessen zum Lesespaß bei.

Dirk Pitt = James Bond: Die Gleichung stimmt, und dies nicht nur, weil beide Supermänner rastlos im Dienst des Guten über den Globus gaukeln. Das ist ihr Leben, mehr benötigen sie nicht. Wein, Weib & manchmal Gesang bekommen sie ohnehin gratis dazu; es steht ihnen als Helden quasi zu und wird freigiebig gewährt.

Neuerdings wird Clive Cussler vom unpassenden Drang getrieben, seinem Dirk Pitt Charakter und „Tiefe“ zu verleihen. Deshalb hat er ihm (wie Donald Duck) zwei bereits erwachsene Nachkommen auf die Türschwelle gelegt. Dirk jr. und Summer sind selbstverständlich ebenso ansehnlich und mutig wie ihr Erzeuger. Damit steht notfalls eine neue Generation von Pitt-Bulls bereit, die über die Weltmeere wachen.

Denn Papa Dirk knacken angeblich plötzlich die Knochen. Erstaunlich zwar, weil er dennoch weiterhin Übermenschliches leistet (und erst hinterher stöhnt), doch der beinharte Abenteurer wird weicher, denkt sogar über Heirat und Rückzug an den Schreibtisch nach. (Keine Sorge, das meint er nicht wirklich so!)

Wie angestaubt die Pitt-Romane tatsächlich sind, verraten Cusslers Frauenfiguren. Möchte man boshaft sein und dem Feminismus einen echten Bärendienst erweisen, so beauftrage man Männer wie Clive Cussler, einen Roman mit Frauen in vielen Hauptrollen zu verfassen. Das Ergebnis geht entweder durch Mark und Bein oder erschüttert nachhaltig das Zwerchfell – kommt darauf an, ob man es ernst oder mit Humor nimmt.

Womöglich ist Cussler ja davon überzeugt, mit seinen postmodernen Druidenhexen faszinierende Übertäterinnen erschaffen zu haben. In der Tat morden und tücken sie, dass ein eine wahre Wonne ist. Das macht ihr Treiben freilich nicht weniger rätsel- und lachhaft. Und was es mit „Specter“ wirklich auf sich hat, das merkt noch der dümmste Leser beinahe auf Anhieb …

Geboren wurde Cussler 1931 im sonnigen Alhambra im US-Staat Kalifornien. Abenteuerlustig will er schon immer gewesen sein, ist mit der Airforce in den Koreakrieg gezogen (wenn auch als Mechaniker und Bordingenieur, nicht als Pilot, wie uns mancher Klappentext weismachen möchte …). Seinen Hang zur positiven Ausschmückung konnte Clive Cussler in den Jahrzehnten entwickeln, die er an der Spitze zweier sehr erfolgreicher Werbeagenturen verbrachte; selten fehlt in seiner Vita der Hinweis, dass er dafür sogar in Cannes preisgekrönt wurde.

1973 versuchte er sich als Schriftsteller. Fast unbemerkt erlebte Dirk Pitt in „The Mediterranean Caper“ sein erstes Abenteuer. Doch erst Opus Nr. 3 brachte den eigentlichen Durchbruch, nachdem Cussler sich seiner Erfahrungen aus der Werbebranche bediente und Hightech mit Spektakel zum Hochgeschwindigkeits-Thriller mischte: „Hebt die Titanic!“ war 1976 ein Bestseller (der 1980 sogar verfilmt wurde, aber zu Cusslers Kummer einen oberen Rang auf der Liste der schlechtesten Filme aller Zeiten belegt) und machte seinen Verfasser zum reichen Mann.

1979 erfüllte sich Cussler einen Traum und gründete seine private NUMA. Die ist zwar nicht so groß und mächtig wie ihr literarisches Vorbild, aber mindestens ebenso aktiv. Sie leistet das, wovor sich die echte Marine drückt, und forscht legendären Schiffswracks hinterher. Auch wenn „Dr.“ Clive Cussler mit seinem Ehrentitel (verliehen von der |State University of New York|) ein wenig verschwenderisch umgeht und der historische Wert ihrer Arbeit manchmal etwas fragwürdig ist, lohnt die Website der NUMA (www.numa.net) auf jeden Fall einen Besuch; u. a. hat man das Wrack des Geisterschiffs [„Mary Celeste“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=296 entdeckt.

Es läuft weiterhin gut für Clive Cussler. Dabei bedeutete der „Titanic“-Triumph in gewisser Weise schon das Ende des Schriftstellers Clive Cussler: Er hat in einem Vierteljahrhundert keinen Grund mehr gesehen, vom einmal entdeckten Erfolgsrezept auch nur ein Jota abzuweichen. Stattdessen baute er die Dirk-Pitt-Serie zum Franchise aus. Er liefert inzwischen „Ideen“ für Thriller-Klone, die von anderen Autoren umgesetzt werden. Die „Numa-Akten“ schreibt (seit 1999) Paul Kemprecos, die „Oregon-Chroniken“ seit 2003 Craig Dirgo. Um die Fans bei der Stange zu halten, gibt es „Gastauftritte“ der jeweiligen Helden in den Serien der „Kollegen“.

Da Cussler nicht jünger wird, holt er sich inzwischen auch für sein Flaggschiff Unterstützung an Bord: „Black Wind“, das 18. Pitt-Abenteuer, verfasste er gemeinsam mit Sohn Dirk (!), so dass grundsätzlich kein Anlass besteht, dem lukrativen NUMAversum ein Ende zu setzen, auch wenn Cussler sr. oder Dirk Pitt einst in den Ruhestand treten.

Die Romane von Clive Cussler erscheinen im |Goldmann|- bzw. |Blanvalet|-Verlag:

Dirk-Pitt-Serie

01. Der Todesflieger (1973; „The Mediterranean Caper“ aka „Mayday!“)
02.: Eisberg (1975; „Iceberg“)
03. Hebt die Titanic! (1976; „Raise the Titanic!“)
04. Der Todesflug der Cargo 03 (1978; „Vixen 03“)
05. Um Haaresbreite (1981; „Night Probe!“)
06. Im Todesnebel (1983; „Pacific Vortex“)
07. Tiefsee (1984; „Deep Six“)
08. Cyclop (1986; „Cyclops“)
09. Das Alexandria-Komplott (1988; „Treasure“)
10. Die Ajima-Verschwörung (1990; „Dragon“)
11. Operation Sahara (1992; „Sahara“)
12. Inka Gold (1994; „Inca Gold“)
13. Schockwelle (1996; „Shock Wave“)
14. Höllenflut (1997; „Flood Tide“)
15. Akte Atlantis (1999; „Atlantis Found“)
16. Im Zeichen der Wikinger (2001; „Valhalla Rising“)
17. Die Troja-Mission (2003; „Trojan Odyssey“)
18. Black Wind (2004; noch kein dt. Titel)

Die Numa-Akten

01. [Das Todeswrack]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=16 (1999; „Serpent“)
02. Brennendes Wasser (2000; „Blue Gold“)
03. Flammendes Eis (2002; „Fire Ice“)
04. Tödliche Beute (2003; „White Death“)
05. Lost City (2004; noch kein dt. Titel)

Die Oregon-Chroniken

01. Der goldene Buddha (2003; „Golden Buddha“)
02. Sacred Stone (2004; noch kein dt. Titel)