Kurt Vonnegut – Schlachthof 5

So geht das: schwarze Komödie über den Krieg

Billy Pilgrim, amerikanischer Veteran des 2. Weltkriegs, überlebte 1945 den „Feuersturm“ in Dresden als Kriegsgefangener im „Schlachthof 5“. Nach dem Krieg lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern als wohlhabender Optiker in Ilium, New York. Doch dann geht sein Sohn mit den „Green Berets“ nach Vietnam – und Pilgrim selbst wird auf überraschende Weise zum „Pilger zwischen den Zeiten“. Kurt Vonnegut hat den alliierten Bombenangriff auf Dresden selbst miterlebt. Sein Roman wurde zu einem Kultbuch der Anti-Vietnam-Bewegung und nicht nur verfilmt, sondern auch zu einer Oper verarbeitet (siehe unten).

Der Autor

Der amerikanische Autor Kurt Vonnegut jr. wurde 1922 am Tag des Waffenstillstands von Compiègne, dem 11.11., geboren. Wie man seinem Namen schon entnehmen kann, ist er deutscher Abstammung. Seine Eltern lebten in Germantown, einem Ortsteil von Indianapolis, und entsprechend war auch sein Umfeld von deutschen Traditionen geprägt.

Wenn es nach Familientradition gegangen wäre, dann hätte auch Kurt Architekt werden müssen. Doch da die Branchenaussichten schlecht waren, zog er zunächst den Militärdienst vor. Allerdings wurde er erst 1944 in den Einsatz geschickt. Er wurde mit seinem Bomber abgeschossen und kam in Kriegsgefangenschaft nach Dresden. Dort erlebte er im Februar 1945 den alliierten Bomberangriff, der die Stadt in Schutt und Asche legte. Dies erzählt er eindrucksvoll in seinem verfilmten Roman „Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug“ sowie in „Mutter Nacht“.

Nach seiner Rückkehr in die USA heiratet Kurt am 1.9.1945 seine Jugendliebe Jane Marie Cox, zieht mit ihr nach Chicago, um Anthropologie zu studieren, beginnt als Reporter zu arbeiten und zieht 1947 nach Schenectady an der Ostküste, um als Public-Relations-Mann für den Konzern General Electric zu arbeiten. Das ist eine ganz neue, ganz andere Welt für ihn. Dass sein Bruder Bernard in der Forschungsabteilung arbeitet, hält Kurt nicht davon ab, die Atomwaffenproduktion des Rüstungskonzerns aus tiefstem Herzen abzulehnen. Ab 1949 betrachtet er sich als Schriftsteller und verkauft die ersten Storys und Artikel. Er kündigt den GE-Job 1951 und zieht nach Cape Cod, Massachusetts.

Bis heute hat Vonnegut über ein Dutzend Romane geschrieben, Dutzende von Kurzgeschichten veröffentlicht sowie einige Theaterstücke produziert. Einiges davon wurde aufgeführt, verfilmt, in eine Oper (Schlachthof 5) umgearbeitet und vieles mehr. In den neunziger Jahren erklärte Vonnegut, er wolle nicht mehr schreiben. Zuletzt erschien auf Deutsch im Jahr 2006 jedoch das Erinnerungsbuch „Mann ohne Land“ (Pendo-Verlag, München und Zürich, 170 Seiten, 16,90 EU).

Der Sprecher

Jan Josef Liefers wurde am 8. August 1964 in Dresden geboren. Nach seiner Tischlerlehre an der Semperoper studierte er von 1983 bis 1987 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Sein Bühnendebüt gab er 1987 am Deutschen Theater Berlin. 1989 dann sein erster Kinofilm: „Die Besteigung des Chimborazo“. 1999 führte Liefers das erste Mal Regie, in der SAT.1-Produktion „Jack’s Baby“, für die er auch die Musik schrieb und die im Jahr 2000 mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Die Lesung wurde 2004 vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) produziert. Regie führte Ralf Becher, Ton und Schnitt besorgte Susanne Bronder, die Redaktion für das Booklet oblag Claus-Ulrich Bielefeld, Frank P. Erben und Silvia Vormelker.

Handlung

Zunächst kommt der Autor des Buches selbst zu Wort, um zu erklären, wie er dazu kam, dieses Buch zu schreiben. Sein Alter Ego wird der später in seinem Buch auftauchende Billy Pilgrim sein. Der Autor war 1945 beim Brandbombenangriff auf Dresden dabei. 1967 besuchte er er die Stadt nochmals: Es sah nicht viel anders aus als Dayton, Ohio. Der Autor besucht 1964 in Begleitung seiner Töchter den ehemaligen Kriegsgefangenen Bernard O’Hare. Dessen Frau Mary jedoch behandelt zwar die beiden Mädchen liebevoll, doch deren Vater äußerst kühl. Doch worüber ärgert sie sich nur derartig?

Dann platzt sie heraus: „Ihr wart doch nur kleine Kinder im Krieg! Und wenn ihr davon erzählt, dann so, als wärt ihr Männer gewesen!“ Sie wirft ihnen also Verlogenheit vor, doch sie fürchtet etwas anderes noch mehr: Eine Heldenfabel könnte entstehen, die andere ermutigt, in den Krieg zu ziehen, weil das ja alles so ein Abenteuer ist. Der Autor verspricht ihr, dass sein Buch weder mit Sinatra noch mit John Wayne verfilmt werden wird und dass er es „Der Kinderkreuzzug“ nennen werde. Von da an sind sie die dicksten Freunde. (Es folgt eine erklärende Passage darüber, was unter „Kinderkreuzzug“ zu verstehen ist.)

Der Roman „Der Kinderkreuzzug“ (ausnahmsweise erdchronologisch erzählt)

„Hört! Billy Pilgrim hat sich von der Zeit gelöst!“ Er bewegt sich aus dem Jahr 1945 ins Jahr 1941 und von da an zum Jahr 1963. Billy beteuert, das sei keineswegs lustig. Jedes Mal habe er Lampenfieber, wenn er unerwartet in einem anderen Jahr auftrete. Er stellt sich sein Leben wie ein Kontinuum, eine Einheit vor, in der er sich nach Belieben bewegt. Das hat er von den Tralfamadorianern gelernt, die ihn eines Tages in ihrer fliegenden Untertasse zu ihrem Planeten entführt haben, um ihn dort mit der Schönheitskönigin Montana Wildhack zu paaren. Danach kehrte er zur Erde zurück, um die Botschaft über das, was er auf Tralfamadore gelernt hat, über Radiosendungen und Zeitungsartikel zu verbreiten.

Doch bevor er entführt wird und zurückkehrt, muss er erst einmal durch die Hölle des Zweiten Weltkriegs. Billy ist erst 22, als er im Winter 1944 als Kaplansassistent zur US-Armee stößt. Es war in der folgenden Zeit, als er sein irdisches Zeitgefühl vollständig verlor. Durch die Ardennenoffensive der deutschen Wehrmacht wird sein Trupp vollständig zersprengt und Billy landet als ver(w)irrter Wanderer bei drei anderen GIs, zwei Spähtruppler und ein Infanterist namens Roland Wary, der ihm das Leben rettet.

Gefangenschaft

Roland Wary liebt Folterwerkzeuge. Er hat selbst ein dreikantiges Messer dabei, das auf jeder seiner drei Seiten eine Blutrinne aufweist. Merke: Wary ist, wie sein Vater, ein Waffenfetischist. Und seine drei Infanteristen nennt er „Die drei Musketiere“. Er denkt sich bereits die heldenhaften Taten aus, die er gegen die Deutschen begehen wird, da überrascht ihn ein kleiner Trupp deutscher Soldaten, der ihn und Billy gefangen nimmt. Vielleicht hätte er besser auf die Umgebung achten sollen. Die Spähtruppler geben den Löffel ab, doch Wary und Billy müssen ohne Stiefel (Wary hat wunderschöne Stiefel) durch den Schnee marschieren. Vom Kriegsgefangenensammelpunkt geht’s weiter zu einem Rangierbahnhof. Hier staut sich ein inzwischen breiter Strom von amerikanischen Kriegsgefangenen (POW: prisoner of war).

Das Lager

Auf der Zugfahrt im Güterwaggon muss Billy stehend schlafend, denn Wary hat die anderen POWs gegen ihn aufgehetzt, ja, er hat sogar Paul Lazaro dazu verpflichten können, sich für ihn an Billy zu rächen. Denn Wary stirbt auf der zehntägigen Fahrt an Wundbrand. Aber wer ist Billy Pilgrim? In der Dusche der Entlausungsbaracke sind ja alle nackt. Im ersten Stalag (kurz für POW-Lager) empfangen Briten die abgerissenen und ausgemergelten Amis. Die Briten sind nicht nur durch einen Trick bestens versorgt, sondern haben sogar ein Theater. Allerdings sind die Kerzen (was sie nicht ahnen) aus Menschenfett und (was sie genau wissen) eine Flucht völlig zwecklos. Der Krieg kann aber nicht mehr lange dauern. Schließlich sind sie ja schon seit fünf Jahren hier. (Und immer wieder fühlt sich Billy losgerissen durch die Zeit gewirbelt.) Es dauert nur wenige Wochen, bis sich die Briten in einen eigenen Lagerbereich zurückziehen und zu den Amis eine Grenzlinie ziehen.

Dresden 1945

Im Januar 1945 ergeht der Befehl an die hundert Amis, sich zu sammeln: Sie würden nach Dresden gebracht. Das sei eine offene Stadt, die noch nicht bombardiert worden sei, denn dort gebe es keinerlei Industrie. Sie würden dort also sicher sein. Als der Zug im Bahnhof eintrifft, sieht Billy die Silhouette der Stadt und glaubt, er sei im Himmel gelandet: So etwas hat er in Amerika noch nicht gesehen. Diese Verspieltheit der Architektur, das Licht, die vergoldeten Dächer. Ein anderer (der Autor) meint, es sei wie ein Freilichtkino. Unwirklich. Alle Häuser sind völlig intakt. Nicht zu fassen.

Ein paar Zwangsrekrutierte, darunter ein Opa und sein Enkel, nehmen die Kriegsgefangenen als Wachen in Empfang und lassen sie mitten durch die Stadt marschieren. Billy trägt die silbernen Schuhe Aschenputtels und die himmelblaue Toga des Theaterhimmels, außerdem einen Muff, um die Hände warmzuhalten. Er sieht komisch aus, wie eine Hauptattraktion aus dem Operettentheater, und die Arbeiter lachen ihn aus. Das macht ihm nichts aus, denn er weiß aus seinen Zeitreisen, dass Dresden am 13. Februar in Schutt und Asche versinken wird. Dabei werden 130.000 Menschen sterben, die meisten im Feuersturm, mehr als in Hiroshima.

Er selbst wird erst exakt 31 Jahre später in Chicago sterben, wo ihn bei einem Vortrag über die UFOs der Tralfamadorianer ein Laserstrahl niederstrecken wird. Doch dann wird er bereits auf Tralfamadore einen Sohn gezeugt haben. Die schöne Mutter wird das Filmstarlet Montana Wildhack sein, das die Tralfamadorianer ebenfalls entführt haben, um Billy zu paaren. Beide sitzen im Zoo, von Millionen Aliens bestaunt. Werden sie sich paaren?

Nein, Billy hat keine Angst vor dem Tod, denn der ist, wie er von den Tralfamadorianern weiß, nur eine Illusion und schon längst festgelegt. Worüber Billy weint, das sind die misshandelten Pferde, die er am Tag nach der Vernichtung Dresdens sieht. Wie konnte man ihnen das nur antun? Die Erde hat sich in die Oberfläche des Mondes verwandelt, und Mondmenschen stolpern zwischen den grauen, qualmenden Hügeln diesen fremden Planeten herum. Doch Billy weint um die Pferde. So geht das.

Mein Eindruck

Wie man sieht, wird das eigentliche Großereignis, der Bomberangriff auf Dresden, erst ganz zum Schluss erzählt. Denn es ist nicht einfach, ein derartiges Erlebnis, wie es Billy Pilgrim widerfährt, in eine normale Biografie einzubauen. Wie erzählt man ein Leben, in dem so etwas vorkommt? Chronologisch – dann ist es nur ein Erlebnis neben vielen anderen, die gleichwertig erscheinen. Aber das wäre eine schwere Fehldarstellung. Dresden kann man nicht mit einer Hochzeit oder einer Geburt vergleichen, allenfalls mit Hiroshima. Oder mit der Entführung auf einen fremden Planeten.

Und so bedient sich der gewitzte Erzähler Vonnegut eines Kunstgriffs, der in der modernen Literatur keineswegs ungewöhnlich ist. Er vermeidet es, das Leben Billy Pilgrims von A bis Z zu erzählen, sondern präsentiert Billys Leben so, wie er es selbst wahrnimmt: als ein Kontinuum, das ihm jederzeit zur Verfügung steht. Sein Tod ist ihm bereits bekannt, also braucht er sich nicht davor zu fürchten, da er ja unvermeidlich eintritt.

Eine Collage: Über Dresden zu reden

Die Anordnung der Szenen aus diesem Leben scheint willkürlich dem Assoziationsprinzip zu folgen, doch wer genauer hinschaut, wird merken, dass dem Höhepunkt (Dresden) etliche Episoden vorgeschaltet sind, welche die Bedeutung dieses Ereignisses hervorheben. Da ist Copeland Rumford, 70, der General a.D., der mit Billy im gleichen Krankenzimmer wie dieser liegt und nun über Hiroshima und Dresden ein Buch schreiben will. Als Billy lapidar und leise, wie es seine Art ist, sagt, er sei dort gewesen, glaubt ihm der General kein Wort. Wie, was? Wie kommt dieser Knilch dazu, so etwas zu behaupten? Und wer ist der Knilch überhaupt?

Man kann eben über den Horror von Dresden nicht einmal sprechen wie über eine Hochzeit oder Geburt. Nein, man muss sich als Zeuge sogar beglaubigen, damit man ernst genommen wird. Billy stellt sich als steinreicher Optiker vor, der eine wohlanständige Frau (Valencia Merville) geheiratet und zwei Kinder hat, Robert (in Vietnam) und Barbara (verheiratet). Dennoch muss die 23-jährige Frau Lily des siebzigjährigen Ex-Generals quasi dolmetschen, so als würden Rumford und Billy zwei verschiedene Sprachen sprechen statt Englisch. Rumford erklärt Billy dennoch für geistig derangiert: Er habe Echolalie und wiederhole lediglich, was er, Rumford, ihm vorsage.

Entfremdung

Billys vorherrschender Zustand war im Krieg und danach jener der Entfremdung. Er wird mit 19 in ein fremdes Land verschleppt, in ein fremdes Lager gesteckt und landet schließlich in einem Disneyland an der Elbe, wo ihm die fremdeste aller Erfahrungen zuteil wird: die Zerstörung der Außenwelt. Das Ausmaß dieser Erfahrungen ist schwer vorzustellen, doch der Autor unternimmt alle Anstrengungen, die grotesken, ja absurden Aspekte dieser Verschiebung darzustellen und zu diskutieren.

Hier wird geredet, bis die Wände wackeln, und alle möglichen Zeugen und Kommentatoren treten auf. Sogar Eliot Rosewater aus dem Lazarett anno ’48 (ein späterer Held Vonneguts) und Kilgore Trout, der spinnerte Autor von SF- und Sex-Schundromanen, treten auf. Diesen Romanen entnimmt Billy einige der verrücktesten Theorien und Szenarien, allesamt satirisch. Die Collage wirkt hier am verrücktesten, am ausgelassensten, doch die Satire verdeckt nicht den Ernst, der dahintersteckt. Der Narr muss scherzen, will er die Wahrheit sagen.

Die Sache mit den sieben menschlichen Geschlechtern

Die ultimativen Kommentatoren sind allerdings die Tralfamadorianer. So fremdartig wie die Erdoberfläche nach dem Bombenangriff ist auch ihr Planet. Sie haben fünf Geschlechter und behaupten Billy gegenüber, den sie entführt haben und in den Zoo stecken, die Menschen hätten sicherlich nicht weniger als sieben Geschlechter. Ob Billy das wüsste? Billy verneint und erhält eine Erklärung. Immerhin befinden sich vier der Geschlechter in der vierten Dimension, so dass er sie mit seinen ärmlichen Sensoren nicht wahrnehmen könne.

Billy in seinem Zookäfig erhält eine Gefährtin, auf dass die Sache mit den drei Geschlechtern sogleich aufgeklärt werde: Montana Wildhack, eine „Schauspielerin“ aus Palm Springs. Und siehe da: nach neun Monaten findet sich ein Neugeborenes ein, welches die These vom dritten Geschlecht sogleich anschaulich belegt. Neun Monate, so schnell geht das, und so schnell wächst die Menschheit, dass es sie bald nicht mehr auf ihrem Stammplaneten halten werde, warnt Billy seine Entführer.

Ob sie nicht fürchteten, dass die Menschen eines Tages Krieg gegen sie führen könnten, will er wissen. Sie sagen, sie hätten damit kein Problem, denn eines Tages würden sie selbst den Untergang des Universums durch eine versehentliche Sprengung herbeiführen. Und bis dahin würden sie die Erde einfach ignorieren. Der Zeitbegriff der Tralfamadorianer kann ganz schön verwirrend sein und offenbar überträgt er sich auch auf Billy.

Die Notwendigkeit der Komik

Nachdem Billy nun all dies erfahren und der Autor es uns mitgeteilt hat, betrachten wir Dresden mit anderen Augen. Jetzt ist kein Anlass mehr zu großem menschlichem Drama und deshalb ist auch die Exekution von Billys Gefährten wegen Plünderung (anders als im Film) keine große Sache „sub specie aeternitatis“, unter dem Aspekt der Ewigkeit. Ja, es ist sogar Anlass zu Komik: Billys Aufzug als orientalisches Aschenputtel erinnert an Operettentheater. Die Stadt selbst wirkt vor ihrer Zerstörung unwirklich, wie eine Kulisse aus einem Historienfilm von Walt Disney.

Allerdings ist diese Komik dazu angetan, dem Leser bzw. Hörer das Lachen im Halse stecken bleiben zu lassen. Erst im maximalen Kontrast zwischen Horror und Komik tritt das Ausmaß des Grauens, das Dresden bedeutet, deutlich und ermessbar hervor. Dresden war schlimmer als Hiroshima: 130.000 Tote in zwei Nächten (eine Angabe Vonneguts, die umstritten ist: die Schätzungen liegen zwischen 35.000 und 200.000 Opfern).

Diese Zahl war vor den vorbereitenden Szenen – eigentlich vor dem halben Buch – einfach nur unermesslich. Niemand kann sie sich vorstellen. Man kann sich zehn Tote vorstellen, vielleicht sogar Hunderte, aber dann gibt der Verstand auf. Erst durch die unmittelbare Teilhabe an dieser Erfahrung, die der Autor mit 22 selbst am eigenen Leib erlebte, ist zu vermitteln, was Dresden in Wahrheit bedeutete: die totale Niederlage des Menschen, seine Zerstörung, exemplifiziert an Billy Pilgrim. Und deshalb weint Billy um die blutenden Pferde. Denn sie sind unschuldig wie der Rest der Schöpfung und müssen doch unter dem leiden, was der Mensch seinesgleichen antut. Was wird er dann erst mit der Welt anstellen, wenn er sie erst im Griff hat? (Wir wissen es inzwischen.)

Der Sprecher

Der Sprecher hat ein feines sprachliches Gespür und verfügt über eine Menge Sinn für Ironie und Humor. Deshalb fällt es ihm leicht, die irrsinnigen Passagen, an denen das Buch überreich ist, mit vollem Ernst vorzulesen (alles andere wurde eh geschnitten). Wenn er eine Frau zu sprechen hat, so hebt Liefers ein wenig die Stimme und wird etwas sanfter. Seine Darstellungskraft erweckt die Figuren nicht zum Leben, wie es etwa Rufus Beck gelingt, doch das ist bei „Schlachthof 5“ auch gar nötig und sogar überflüssig. Dies ist schließlich kein Kinderbuch, auch wenn „Kinderkreuzzug“ draufsteht. Man kann es aber auch nicht mit Grabesstimme vortragen, denn es ist zuweilen sehr lustig.

Liefers hat an manchen Stellen Mühe mit der krorrekten Aussprache englischer Ortsnamen wie etwa Martha’s Vineyard in Massachusetts. Das Manko teilt er mit vielen deutschen Sprechern und bei ihm hält es sich deutlich in Grenzen.

Die Übersetzung

… erscheint mir völlig veraltet zu sein. Kein Wunder, denn sie stammt aus dem Jahr 1970. Immer wieder tauchen Formulierungen und Bezeichnungen auf, die so nicht stimmen können. So nennt der Übersetzer Kurt Wagenseil wiederholt die amerikanische High School eine „Hochschule“ statt sie korrekt als Oberschule zu bezeichnen. Eine Hochschule ist das mitnichten.

Das Booklet

… erweist sich als sehr hilfreich beim Verständnis des Buches. Der Autor wird nicht nur in seiner Biografie vorgestellt, sondern auch in seiner literarischen und geistesgeschichtlichen Bedeutung erfasst. Er hat sich immer wieder als engagierter Humanist erwiesen. In seinen satirischen Romanen wie „Katzenwiege“ warnt er vor verrückten Wissenschaftlern und Politikern, die es zwar alle gut meinen – für irgendwen zumindest – dabei aber jede Menge Unheil anrichten, so etwa die komplette Vereisung der Welt.

Neben dem Booklet sei auch auf die CD-Hüllen hinwiesen. Sie sind alle sind mit Zitaten aus dem Text bedruckt. Auf dem Booklet selbst ist der unglaublich lange Untertitel der Buchausgabe zu sehen, der eine konzise Zusammenfassung des Inhalts darstellt.

Unterm Strich

Ob dies nun die endgültige Darstellung des unglaublichen Romans von Vonnegut ist, wage ich nicht zu entscheiden. Ich kann mir sowohl Geräusche als auch Musik dazu schlecht vorstellen. Wie würde man die Geräusche des Bombenangriffs reproduzieren? Wahrscheinlich genau wie in jedem x-beliebigen Dokufilm über diese Katastrophe. Dann kann man sie eigentlich auch weglassen und den Zuhörer sich die Geräuschkulisse dazudenken lassen. Und wer unbedingt die Musik haben will, der gehe, bitte schön, in die inzwischen geschriebene und aufgeführte Oper zum Buch.

Liefers trägt das Drama Billy Pilgrims sowohl mit der nötigen Ernsthaftigkeit als auch mit einem unterschwellig spürbaren Sinn für die Ironie und Absurdität vieler Szenen vor. Aber es gibt viele Szenen voll Zärtlichkeit, so etwa zwischen Billy und seiner Frau Valancia und mit Monatana Wildhack. Hier ist Liefers Vortrag ganz zurückgenommen, langsam und leise, so dass man sich der Besonderheit der gezeigten Gefühle bewusst wird. Der Hörer muss ein Gespür für die feinen Unterschiede mitbringen, aber auch Sinn für Humor.

Das Buch sollte jeder gelesen haben, denn es ist ein unentbehrliches Dokument für den Wahnsinn des 20. Jahrhunderts, und dieses Hörbuch, als Ersatz für die Lektüre, hilft dem Verständnis desjenigen, der Vonnegut kennen lernen möchte. Und es ist immer noch besser als die Verfilmung, die auf der visuellen Ebene mehr und zugleich anderes ausdrückt als das Buch, dabei aber auch einiges unterdrücken muss.

Übrigens wurde Vonneguts Buch auf einem Schulhof in Drake, North Dakota, öffentlich verbrannt. Seine Bücher wurden in den siebziger Jahren ohne Angaben von Gründen aus Schulbibliotheken verbannt: Sie seien anstößig. Etwa 30 Jahre später wurde Vonnegut von New York öffentlich geehrt und erhielt zahlreiche Auszeichnungen. So geht das. Friede!

312 Minuten auf 4 CDs
Originaltitel: Slaughterhouse 5 or The Children’s Crusade, 1969
Aus dem US-Englischen übersetzt von Kurt Wagenseil
www.der-audio-verlag.de