Barry, Max – Logoland

Max Barry, 1973 geboren, war Computerverkäufer für Hewlett-Packard, bevor er sich dem Schreiben widmete. Sein Debütroman „Syrup“, der hierzulande unter dem Titel „Fukk“ veröffentlicht wurde, wurde laut Verlag ein Bestseller. Für „Logoland“ haben sich demnach bereits Steven Soderbergh und George Clooney („Solaris“) die Rechte gesichert.

Zu „Logoland“ gibt es ein begleitendes Internetspiel des Autors, das man unter der Adresse http://www.nationstates.net findet. Jeder Spieler könne seinen eigenen Staat mit seinen eigenen politischen Idealen kreieren, heißt es in den Buchinfos.

Die Satire schildert eine nahe Zukunft, in der die globalen Multis das gesellschaftliche Leben übernommen haben und alles bestimmen: die neue Weltordnung ist in greifbarer Nähe. Doch freie Marktwirtschaft führt auch in letzter Konsequenz zur schärfsten Auseinandersetzung, wenn keine Regierung mehr vermittelnd eingreift.

Die Welt in wenigen Jahren: Die Vereinigten Staaten von Amerika haben ihr Territorium beträchtlich ausgeweitet. Dazu gehören jetzt die beiden Amerikas, Großbritannien, Indien, Russland, Japan und natürlich Australien. Die USA wiederum gehören keineswegs dem Volk und seiner gewählten Regierung, sondern vielmehr den multinationalen Konzernen – daher der Titel „Logoland“. Nur die EU und der schwarze Kontinent sowie der Orient leisten noch hartnäckigen Widerstand. (Die geografischen Verhältnisse sind auf einer Landkarte im Buch dargestellt.)

Die Konzerne treten als Sponsoren auf. So etwa gibt es Kindergärten und Schulen, die komplett von Mattel oder Microsoft geleitet und finanziert werden. Das Gleiche gilt für Straßen und Gesundheitsdienste: Ohne Cash (= Kreditkarte) kein Service. Die Regierung und die Kommunen sind einfach zu pleite, um diesen Job zu übernehmen. Es gibt nämlich keine Steuern mehr – wozu auch? Auch die Polizei wurde inzwischen privatisiert; das kann groteske Folgen haben. Die National Rifle Association (NRA) bildet inzwischen eine weltweit operierende Privatarmee, die gerne auch „Freischaffende“ engagiert und für jeden, der zahlungskräftig genug ist, Aufträge ausführt.

Hack Nike – alle Mitarbeiter in Logoland tragen automatisch den Firmen- als ihren Nachnamen – hat einen großen Fehler gemacht. Wieder einmal. Hack ist eigentlich für das Merchandising zuständig, doch zum Wasserlassen hat er sich in die Etage der Marketingfritzen gewagt. Dort wird er sofort von John Nike, dem Oberbösewicht des Romans, erspäht und für einen ungewöhnlichen Auftrag rekrutiert. Um seinen Job zu behalten, unterschreibt Hack einfach, was John ihm vorlegt. Wenige Minuten später ahnt Hack bereits, dass auch dies wohl ein Fehler war. Sein ganzes Leben scheint daraus zu bestehen.

Und das ist Hacks Job: Sportschuhhersteller Nike will einen sauteuren Schuh auf den Markt werfen, der pro Paar 2500 Dollar kosten soll. Null problemo, denn die Kids sind verrückt nach Nike’s Produkten. Um die „Street Credibility“ (Glaubwürdigkeit, Prestige) des Nike Mercury zu erhöhen, soll Hack bei der Markteinführung lediglich zehn Teenager töten. Sie starben für ihren Fetisch, soll es später heißen. Doch Hack hat noch nie einen Menschen getötet, könnte das auch gar nicht, wenn er seiner Freundin Violet glaubt.

In Logoland kann er diesen Auftrag ohne weiteres „outsourcen“: Er geht zur Polizei von Melbourne. Senior Sergeant ist auch gar nicht abgeneigt, gegen ein kleines Entgelt von 130 Mille den Job auszuführen. Doch niemand bei der Polizei will sich an so etwas die Finger schmutzig machen, und so wird der Auftrag erneut outgesourct: an die NRA. Die Waffenlobby und Privatarmee hat für so etwas genau die richtigen Leute. Leute wie Billy etwa, die eigentlich nur in Neuseeland Ski laufen wollten, aber dann doch wegen ihrer Zielsicherheit rekrutiert wurden.

Es kommt, wie es kommen muss: Am Tag der Markteinführung der Nike Mercurys werden in Melbournes Einkaufsmeile junge Menschen sterben. Zum Glück gibt es noch die Regierung – so unglaublich das klingen mag. Auch hier gilt das Namensprinzip, wonach ihre Mitarbeiter, die „Agenten“, statt des Familiennamens den Zusatz „Government“ tragen (daher auch der Original-Titel). Jennifer Government ist ein echte Powerfrau, die in jeder Situation automatisch die Leitung übernimmt. Und wie sich herausstellt, hat sie mit John Nike noch ein Hühnchen zu rupfen: Ihre Tochter ist sein Kind, das er nicht haben wollte.

Am Mercury Day also versucht Jennifer Government den Mord an zehn Teenagern zu verhindern und die Drahtzieher des Anschlags ausfindig zu machen. Wird es ihr gelingen?

So viel zu den ersten 50 Seiten. Der Rest des Buches wird noch wesentlich besser. Denn John Nike hat kapiert, was die ultimative Konsequenz aus der neuen Weltordnung ist: Krieg. Und warum sollte er nicht als neuer Weltpräsident daraus hervorgehen? Es kommt eben auf das richtige Marketing an, und dafür ist er mit seiner Guerillataktik genau der richtige Mann. Wenn nur nicht Jennifer Government wäre, seine Nemesis.

Im Verlauf der Handlung kristallisiert sich heraus, dass es in Logoland USA zwei konkurrierende Treuegesellschaften gibt, also etwas wie „Miles & More“ von der Lufthansa. United Alliance hat 500 Mio. Mitglieder, Team Advantage „nur“ 290 Mio. Mitglieder. Die beiden Systeme ersetzen die alten Machtblöcke Kapitalismus vs. Sozialismus, denn wer dem einen Block angehört, bekommt keine Services vom anderen Block. Und Konzerne wie IBM oder Nike gehören entweder dem einen oder dem anderen Block an. So kommt es, dass im turbulenten Finale des Romans ein Geschäft von Burger King im Auftrag von McDonald’s von der NRA per Raketenangriff pulverisiert wird. Geschäft ist eben Krieg. Buchstäblich. Man sollte das Wort „Konsumterror“ endlich ernst nehmen.

Die Tatsache, dass die Kapitel und ihre Unterabschnitte äußerst kurz sind und an die Dimensionen eines James-Patterson-Krimis erinnern, trägt stark zur Lesbarkeit des Buches bei. Die einzige Möglichkeit, mit dem Lesen innezuhalten, bilden die fünf großen Buchteile: eine Pause von immerhin zwei bis drei Seiten. Da der Text zu 90 Prozent aus Dialog besteht, liest sich der Roman wie das Drehbuch zu einem noch nicht realisierten Film.

Dieser Film, den ja Clooney & Soderbergh planen, würde wesentlich weiter über die schöne neue Konsumwelt von „Minority Report“ hinausgehen. In der von Spielberg adaptierten Vision des Jahres 2054 wird jeder Bürger per Netzhautabtastung erkannt und sofort mit personalisierten Lokal-Services bestürmt: „Besuchen Sie The Gap!“ „Nutzen Sie unsere halbstündigen Sonderangebote jetzt, Mister Anderton!“ In Logoland könnte Mr. Anderton mit seiner Treuekarte nur noch bei bestimmten Herstellern kaufen. Alle seine Bewegungen würden von Videokameras überwacht und aufgezeichnet, seine Kreditwürdigkeit würde in Sekundenschnelle feststellbar sein. Die Wunder der EDV machen dies bereits jetzt möglich. Auch der Computervirus, der im Buch von einem Konzern gegen den anderen eingesetzt wird, wäre wohl bereits jetzt möglich. Immerhin hat sich der Autor kompetent beraten lassen, wie man aus seiner eloquenten Danksagung erfährt, und vermeidet erfolgreich die gröbsten Schnitzer.

Eine ganze Reihe von Near-future-Szenarien wie „Logoland“ existiert bereits, und einige davon sind sogar satirisch aufgezogen. Doch leider fehlt ihnen einerseits der Biss und die Glaubwürdigkeit der Vision, weil sie sich nur auf bestimmte Ausschnitte der beschriebenen Realität beschränken. Zum anderen kommt häufig die menschliche Wärme zu kurz und die Möglichkeit, dass sich Menschen im Laufe der Zeit grundlegend ändern können. Schließlich sind Menschen doch lernfähig, oder?

Es gibt in Logoland einige Figuren, die sich radikal ändern, meist zum Besseren. Dazu gehört Hack Nike. Am Anfang nur ein Jammerlappen und Loser, wie er im Buch steht, entwickelt er sich durch die Fürsorge und Liebe einer Frau, Claire, zu einem Rebellen, der sich sogar gegen John Nike zu behaupten vermag. Wer hätte das gedacht. Wie in einem Roman von John Brunner (ich denke an „Der Schockwellenreiter“ und „Schafe blicken auf“) wird er zu einem Aktivisten, der seine Mitmenschen zu mehr Bewusstheit verhelfen will: Er manipuliert Werbeplakate und überfällt sogar einen McDonald’s. Leider hat er es auch in Nike Town schwer, den Kids, die bereits alles gewöhnt sind, was an Promotion auf sie losgelassen wird, klarzumachen, dass er keine Werbefritze ist, sondern ein Kritiker. Erst als die Kids bemerken, dass er KEINE LOGOS trägt, ist er glaubwürdig!

Ebenso positiv entwickelt sich der Börsenmakler Buy Mitsui. Er schafft gerade noch sein Plansoll und hat nach dem Nike-Town-Zwischenfall, in den er gerät, eine Art Burnout. Er kann sich zu nichts mehr aufraffen, das nach Geschäft riecht. Nicht einmal einen 45er Colt kann er richtig bedienen, um sich damit umzubringen. Über Umwege wird er von Jennifer Government quasi als Babysitter und Ersatzvater ihrer Tochter Kate adoptiert. Im Beisammensein mit dem Mädchen und in der Fürsorge blüht er richtig auf. Als Kate von John Nike entführt wird, muss er all seinen Einfallsreichtum aufbieten, um die Lage, d.h. sein Leben zu retten.

John Nike hingegen ist so ‚was von zielbewusst und skrupellos, dass er schon wieder als Verkörperung des Bösen erscheint. Dieses Urteil würde ihm aber keine Gerechtigkeit widerfahren lassen: Er ist lediglich ein zielbewusster Marketingheini, der weiß, was auf dem Personalmarkt gebraucht wird und was er dadurch erreichen kann. Er erklärt zum Beispiel den US-Präsidenten für abgesetzt, weil der eh nichts zu sagen habe. Es lebe das freie Spiel der Marktkräfte! Der Rest des Buches besteht daraus aufzuzeigen, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Sie sind keineswegs angenehm: NRA-Heckenschützen, Virenattacken und NRA-Raketenangriffe sind die nunmehr legalisierten Auswüchse des „Laissez-faire“, das John Nike erklärt hat.

Kostprobe gefällig? John Nike: „Demokratie ist ein einziger Schwachsinn, Li.“ [NRA-General] Li setzte sich. „Wir beim Militär haben schon immer die Demokratie abgelehnt.“ – „Sehr vernünftig“, sagte John. „Also gut, reden wir über Panzer.“

Natürlich wird „Logoland“ das, was eine Satire seit jeher beabsichtigt: eine Warnung an die Lebenden. Durch absichtliche Übertreibung von bestehenden Entwicklungen und Auswüchsen entsteht ein Zerrbild, in dem sich eine mögliche Zukunft abzeichnet, wenn keine Maßnahmen eingeleitet werden, um sie zu verhindern. Manche Satiren übertreiben es (s.o.) in dieser Hinsicht, sind bierernst oder gar statisch. „Logoland“ schafft es gerade noch, auf dem Teppich zu bleiben. Sein Dystopia ist bereits zum Greifen nahe. Amerikanisches Expansionsstreben hat sich im Irak wieder einmal bewiesen. Aber geografische Expansion ist nichts gegen die globale Expansion der US-Konzerne, auch und gerade in Deutschland. Und diese Konzerne sind keineswegs Freunde der Gewerkschaften, sondern operieren – wie mehrfach im Roman – nach dem Prinzip „hire and fire“.

Neben der Funktion des Warnschildes soll eine Satire aber noch mehr können: Es sollte Spaß machen, sie zu lesen. Die überspitzten Dialoge und die grotesken Verhältnisse, die der Autor schildert, liefern so manchen Aha-Effekt und lassen den Leser manchmal, besonders am Anfang, lauthals auflachen. Bis irgendwann der Punkt kommt, an dem man der Groteske Glauben schenkt und einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Spätestens dann sollte der Roman auch spannend werden. Und das ist „Logoland“ ebenfalls – bis zur letzten Seite des Hauptteils. (Der Epilog beleuchtet das weitere Schicksal von John Ex-Nike.) Ich zumindest habe das leicht lesbare Buch in zwei Tagen verschlungen.

„Logoland“ ist beides: ein actiongeladener, geradezu rasanter Wirtschaftsthriller, aber auch eine Charakter- und Gesellschaftsstudie. Der schier atemlose, dialoglastige Text macht das Lesen leicht, doch sollte man dabei die zahlreichen intelligenten und mitunter witzigen Ideen nicht übersehen, die dem australischen Autor eingefallen sind.

Statt an Philip K. Dick hat mich „Logoland“ weitaus mehr an den Schotten Irvine Welsh („Trainspotting“) und den Manchester-Briten Jeff Noon („Alice im Automatenland“, „Gelb“, „Pollen“, „Nymphomation“) erinnert: der gleiche Einfallsreichtum, der gleiche Mut zur Groteske, nur diesmal übertragen auf die Wunderwelt der Globalwirtschaft. Logoland, wir kommen!

_Michael Matzer_ © 2003ff