Max Allan Collins – Gangsterbräute 1934

collins heller02 gangster 1934 cover kleinDas geschieht:

Chicago im Sommer des Jahres 1934: Die USA befinden sich weiterhin im Würgegriff der Weltwirtschaftskrise. Auch die Geschäfte von Nate Heller, einem ehemaligen Polizeibeamten, der sich vor einiger Zeit als Privatdetektiv selbstständig gemacht hat, gehen schlecht. Deshalb übernimmt er gern den an sich reizlosen Auftrag, eine des Ehebruchs verdächtige junge Frau zu beschatten – und gerät erneut in eine faule Sache, der das FBI und Chicagos korrupte Polizei ebenso einschließt wie Frank Nitti, der in der Nachfolge Al Capones über das organisierte Verbrechen der Stadt herrscht.

Der Mann, mit dem besagte Dame ihren Gatten tatsächlich betrügt, könnte John Dillinger sein, ein berüchtigter Bankräuber, der sehr erfolgreich der Polizei und dem FBI nicht nur mehrfach entkam, sondern manches saure Schnippchen geschlagen hat. J. Edgar Hoover, Chef des FBI, hat deshalb die Parole ausgegeben: Stellt Dillinger – und legt ihn um! Der „Staatsfeind Nr. 1“ ist damit zum Abschuss freigegeben. Heller will sich an dieser Treibjagd nicht beteiligen, obwohl ihn Nitti, dem er im Vorjahr das Leben gerettet hat, wissen lässt, dass auch er ein gewaltsames Ende Dillingers forciert; der Gangster lässt das Gesetz nervös und übereifrig agieren und stört dadurch Nittis Geschäfte, die keine öffentliche Aufmerksamkeit vertragen.

Heller ahnt inzwischen, dass ein „Dummy“ die Rolle Dillingers spielt. Als dieser von der Polizei in eine Falle gelockt und ermordet wird, gilt der Gangster als tot. Heller scheut den nutzlosen Kampf für eine unerwünschte Wahrheit und stürzt sich in einen neuen Fall, der ihn – die Welt ist klein – direkt unter Dillingers Spießgesellen bringt: Er soll eine durchgebrannte Tochter finden, die sich ausgerechnet der Barker-Karpis-Bande angeschlossen hat. Mit Nittis Hilfe lässt sich Heller hier einschleusen und findet mehr heraus, als seiner Gesundheit zuträglich ist …

Ein Gauner wird zum Ärgernis

Frank Nitti, in den 1930er Jahren Herrscher über Chicagos Unterwelt, hatte im Gegensatz zu Al Capone eine wichtige Lektion gelernt: Das Gesetz kannst du nicht besiegen. Du musst es stattdessen dort schmieren, wo es möglich ist, und es ansonsten in Ruhe lassen. Also wurden munter Konkurrenten umgelegt, während Polizisten (weitgehend) tabu blieben. Die Balance zu halten war schwierig, doch es gelang, solange sich beide Seiten an die ‚Regeln‘ hielten. Als dritte Partei kam die Presse ins Spiel, die nicht mit allzu deutlichen Hinweisen auf die Koexistenz von Polizei, Justiz und Stadtverwaltung mit dem organisierten Verbrechen angestachelt werden durfte, denn dies hätte die Öffentlichkeit alarmiert und den Staat oder die Regierung womöglich dazu gebracht, dem Filz den Krieg zu erklären; Capones Untergang war ein warnendes Beispiel.

John Dillinger stellte in diesem Spiel einen echten Störenfried dar. Er war kein Mitglied einer Gang, sondern ‚selbstständig‘. Mit diversen Kumpanen reiste er über Land und machte sehr erfolgreich in Banküberfällen. Dabei war er geschickt genug, sich zum modernen Robin Hood zu stilisieren, indem er stets nur das Geld der Bank stahl und die anwesende Kundschaft ungeschoren ließ. Die Presse liebte Dillinger, der zudem gern den furchtlosen Desperado gab, der trickreich der Polizei entrann und notfalls seine Spießgesellen aus dem Gefängnis befreite. Dillinger war ein Ärgernis – für die Polizei und für das FBI, die gleich mehrfach kläglich dabei versagten, den „Staatsfeind Nr. 1“ zu stellen, aber auch für das organisierte Verbrechen in Chicago, denn in dieser Stadt machte Dillinger zwischen seinen Coups gern Ferien. Vor allem das FBI suchte ihn hier und brachte Unruhe in die Unterwelt. Dillinger war lästig und musste weg. Am 22. Juli 1934 wurde ihm vor dem „Biograph“-Kino eine Falle gestellt, und FBI-Beamte legten ihn wie angeordnet um.

Was wäre, wenn … nicht?

Hier setzt Collins‘ fiktive Fortsetzung ein. Schon viele Zeitgenossen fragten sich, ob der Mann, der vor dem „Biograph“ starb, tatsächlich John Dillinger war. Zu viele Fragen blieben offen, zu offensichtlich waren diverse Vertuschungen. Wie es stattdessen hätte sein können, beschreibt Collins in „Gangsterbräute 1934“, seinem zweiten Band der fabelhaften Nate-Heller-Serie, der (trotz des blöden deutschen Titels) wieder ein Highlight des Genres Historienkrimi darstellt.

Kongenial setzt der Verfasser die mit „Chicago 1933“ begonnene Chronik seiner Hauptfigur fort. Heller gerät einmal mehr in die Mühlen der großen Politik, die im Chicago dieser Ära stets ein schmutziges und gefährliches Geschäft ist. Das organisierte Verbrechen bestimmt die Geschicke der Stadt mit, und die Verwaltung duldet es, solange die Vertreter des Volkes ihren Schnitt machen. Auch die Polizei ist korrupt; die Zeiten sind schlecht, die Moral verkommt. Wo Menschen in Millionenzahl auf der Straße leben müssen, hält man lieber die Hand auf als ihr Schicksal teilen zu müssen.

Harte Kerle in harten Zeiten

John Dillinger wählte eine anderen aber ‚klassischen‘ Weg: Er nahm sich gewaltsam, was ihm, wie er meinte, zustand. Gemeinsam mit farbenfrohen Gestalten wie Clyde Borrow & Bonnie Parker, George „Machine Gun“ Kelly, George „Baby Face“ Nelson oder den Barker-Boys gehörte er zu den letzten Outlaws. Planen, zuschlagen, weiterziehen, erneut zuschlagen – nach diesem Schema lief es ab, nur dass man inzwischen nicht mehr auf Pferden in die Stadt ritt, sondern Automobile benutzte. Die unendliche Weite nur dünn besiedelter Landstriche und die Abwesenheit einer Technik, die es heute leicht macht, Autos und Menschen zu orten, ließ sie einige Jahre durchaus erfolgreich operieren. Die traditionelle Feindseligkeit der Landbevölkerung, die mit der Polizei und dem Gesetz vor allen dann zu tun bekam, wenn man ihre überschuldeten Farmen beschlagnahmte, förderte die Chance zum Untertauchen: Auch Verbrecher wurden nicht verraten, wenn sie ‚den Feind‘ schädigten. Das Gesetz hatte das Nachsehen; bis in die 1930er Jahre genügte es, nach einem Raubzug die Staatsgrenze zu passieren – weder das FBI noch die Polizei durfte den Verbrechern in einen anderen Staat folgen.

Dennoch arbeitete die Zeit gegen diese schlecht oder gar nicht organisierten Kriminellen. Sie ließen sich am Ort ihrer Verbrechen oder auf der Flucht in Feuergefechte verwickeln, wurden gejagt, fanden niemals Ruhe. Ihre Lebenserwartung war kurz, sie wussten es und lebten entsprechend. Max Allan Collins lässt Dillinger einen Ausweg finden, doch er stellt klar, dass es sich um eine Fiktion handelt. Sämtliche Outlaws, die Nate Heller im Verlauf seiner Ermittlungen trifft, nehmen ein böses Ende. Die modernen Zeiten erreichen letztlich auch das Hinterland.

Es trifft – hoffentlich – immer nur die anderen

Dabei wurde auf beiden Seiten wenig Rücksicht genommen. Collins stellt klar, dass die Weltwirtschaftskrise nicht nur finanzielle Not, sondern auch eine Verrohung von Moral und Sitte bedeutete. Jeder war sich selbst der Nächste in einem Land, deren Bewohner Scheitern mit persönlicher Unfähigkeit gleichsetzten und Elend folgerichtig selbst ‚verschuldet‘ war. Wer fiel, blieb liegen; nur wenige fühlen sich zur Hilfe verpflichtet. Die Depression entlarvte den amerikanischen Traum als Illusion, was allerdings nur jene verinnerlichten, die ihm zum Opfer fielen. Die nicht betroffen waren, wehrten mit Händen und Füßen die Unglücklichen ab, die zurück ins Boot wollten.

Die Nate-Heller-Krimis, die in den 1930er Jahre spielen, zeichnen die Hilflosigkeit und den Zorn der Verlierer und die Rücksichtslosigkeit und – manchmal – Scham der Gewinner nach. Nur in diesem Umfeld sind die von Collins entworfenen Plots möglich. Dass sie im Gegenzug ebenso spielerisch wie eindringlich über das historische Umfeld informieren, trägt zur Qualität der Serie bei.

Ein Detektiv wird zum Chronisten

In dieser gnadenlosen Welt ist Nate Heller im Vorjahr 1933 als ‚Spielverderber‘ aufgefallen, der sich an den krummen Geschäften der Stadtverwaltung ebenso wenig beteiligen wollte wie an den kriminellen Aktivitäten der korrupten Polizei. Auch als Sündenbock ließ er sich nicht verheizen. Dieses Mal missbraucht man ihn als nützlichen Dummkopf, der einer Verschwörung den Erfolg bringt, die so geschickt eingefädelt wurde, dass Heller sie nicht mehr stoppen kann, nachdem er endlich durchschaut, was er ungewollt angerichtet hat.

Heller ist kein Heiliger, auch ihn haben die harten Zeiten gebeugt aber nicht gebrochen. Nach wie vor ist er der „true detective“, ein Mann mit festen moralischen Grundsätzen, die ersetzen, was das Gesetz offenbar nicht mehr leisten kann oder will. Heller möchte keine Mitschuld an einem Attentat tragen, auch wenn das Opfer John Dillinger heißt. Dafür darf er keine Dankbarkeit erwarten – nicht einmal von Dillinger, der selbst Teil des Komplotts um seinen ‚Tod‘ ist.

Collins lässt zahlreiche reale Personen der Zeitgeschichte auftreten. Er hat genau recherchiert und ansonsten keine Furcht, Lücken mit der eigenen Vorstellungskraft zu füllen. Er profitiert dabei von den Erkenntnissen, die in den Jahrzehnten nach den Ereignissen gewonnen wurden. Collins bemüht sich um Objektivität. Er unterscheidet zwischen den ‚Guten‘, den ‚Bösen‘ und den ‚Opfern‘, aber er macht stets deutlich, wie seine Figuren in diese Rollen schlüpften bzw. gezwungen wurden. Sogar der gern als verrückter, schießwütiger Killer geschilderte „Baby Face“ Nelson gewinnt bei Collins menschliche Züge.

Irgendwie überleben und dabei anständig bleiben

Worauf man allerdings nicht hoffen kann, ist Gerechtigkeit – nach Collins ein abstraktes oder besser behauptetes Ideal, das nur mit Leben erfüllt werden kann, wenn sich möglichst viele Menschen an die ihm zu Grunde gelegten Regeln halten. Im Chicago des Jahres 1934 sind diese eindeutig in der Minderheit. Heller bemüht sich sein Scherflein beizutragen, doch die meiste Zeit wirkt er wie ein Blatt Papier, das die Zeitläufe vor sich hertreiben. Das passt gut zu seinem Charakter, wie Collins ihn entwarf, ist aber auch dem Genre geschuldet: Die Konstanten eines Historienkrimis stehen fest. Der Autor kann historisch verbürgte Ereignisse nicht bzw. nur dort ändern, wo die Überlieferung lückenhaft ist. Deshalb darf Collins Dillinger ein zweites Leben schenken, jedoch nicht z. B. Al Capone zum Bürgermeister von Chicago ernennen, weil das nachweislich nie geschehen ist.

Heller ist es vergönnt hinter die Kulissen zu schauen und das dort Entdeckte zu kommentieren. Dies ist seine hauptsächliche Aufgabe, so dass es nicht verwundern sollte, dass wir ihn nur nebenbei von seiner üblichen Arbeit erzählen hören. Heller überprüft durchaus Scheckbetrüger, beschattet Ehebrecher, sucht nach Taschendieben. Ihn dies tun zu sehen, ist jedoch uninteressanter als ihn als Chronisten und Führer durch eine seltsame, fremde, bedrohliche und doch faszinierende Vergangenheit zu begleiten.

Autor

Max Allan Collins wurde 1948 in Muscatine, US-Staat Iowa, geboren. Er entwickelte als Kind ein ausgeprägtes Interesse an Comics, entdeckte aber auch generell seine Liebe zur Populärkultur: zum Thriller, zur Musik, zum Fernsehen und zum Film. In den ersten beiden Jahren als Student arbeitete Collins als Reporter. Ab 1971 unterrichtete er Englisch an einem College. 1977 gab er dies auf und etablierte sich als freier Schriftsteller. Sechs Jahre zuvor hatte er seinen ersten Roman verkaufen können: „Bait Money“ (dt. „Köder für Nolan“) wurde zugleich das Debüt seines ersten Serienhelden Nolan, der als professioneller Dieb ständig mit der Polizei wie mit der Unterwelt in Konflikt gerät.

1975 schuf Collins seine bisher bekannteste und erfolgreichste Figur. Ursprünglich war der Privatdetektiv Nathan Heller als Held einer Comic-Serie geplant, die jedoch ihre Premiere nicht erlebte. Die aufwändigen Recherchen versetzten den Schriftsteller in die Lage, Heller 1983 mit „True Detective“ (dt. „Chicago 1933“) einen ebenso voluminösen wie eindrucksvollen ersten Auftritt zu verschaffen. Wie selten zuvor im Genre gelang Collins die Einbettung des klassischen Schnüfflers in das historische Umfeld der frühen 1930er Jahre.

Im Comic-Bereich feierte Collins erste Erfolge als Texter für den Klassiker „Dick Tracy“, der seit 1931 läuft. Collins führte die Serie an ihre Ursprünge zurück und zu neuem Ansehen. Er textete auch für „Batman“ und schuf mit dem Zeichner Terry Beatty die erfolgreiche Comic-Serie „Ms. Tree“ um eine weibliche Privatdetektivin

1990 entdeckte Collins ein neues Betätigungsfeld: Als Dick-Tracy-Spezialist wurde er engagiert, das Buch zum Film von und mit Warren Beatty zu verfassen. Auch zwei Fortsetzungen flossen aus seiner Feder. Seitdem schreibt Collins immer wieder „tie-ins“ – u. a. für alle „CSI“-TV-Serien –, die durch ihre sorgfältige Machart und ihre Lesbarkeit auffallen.

Die Nathan Heller Serie:

(1983) True Detective (Chicago 1933 – Bastei-Lübbe-Verlag Nr. 13015)
(1984) True Crime (Gangsterbräute 1934 – Bastei-Lübbe-Verlag Nr. 13036)
(1986) The Million Dollar Wound (Gangsterkrieg 1942 – Bastei-Lübbe-Verlag Nr. 13104)
(1988) Neon Mirage (Las Vegas 1946 – Bastei-Lübbe-Verlag Nr. 13261)
(1991) Dying in the Post War World [Storys] (kein dt. Titel)
(1991) Stolen Away (Kidnapping – Bastei-Lübbe-Verlag Nr. 13460)
(1994) Carnal Hours (kein dt. Titel)
(1995) Blood and Thunder (Blut und Donner – DuMont Noir Nr. 17)
(1996) Damned in Paradise (kein dt. Titel)
(1998) Flying Blind: A Novel about Amelia Earhart (kein dt. Titel)
(1999) Majic Man (kein dt. Titel)
(2001) Angel in Black (kein dt. Titel)
(2001) Kisses of Death (kein dt. Titel)
(2002) Chicago Confidential (kein dt. Titel)
(2011) Bye-bye, Baby (kein dt. Titel)
(2011) Chicago Lightning: The Collected Nathan Heller Short Stories (kein dt. Titel)
(2012) Target Lancer (kein dt. Titel)
(2012) Triple Play. A Nathan Heller Casebook [Storys] (kein dt. Titel)
(2013) Ask Not (kein dt. Titel)

Taschenbuch: 361 Seiten
Originaltitel: True Crime (New York : St. Martin’s Press 1984)
Übersetzung: Jürgen Langowski
http://www.luebbe.de

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