Dederichs, Mario R. – Heydrich. Das Gesicht des Bösen

„Das Gesicht des Bösen (1904-1942)“; S. 13-24: Im Bösen ist Reinhard Heydrich (1904-1942) heute eine fast mythische Gestalt. Sein Tod exakt zu dem Zeitpunkt, da der Triumph- und Terrorzug des „Dritten Reiches“ seinen Höhepunkt erreichte, bewahrte ihn vor dem glanzlosen Ende durch Selbstmord oder Henkerstrick, das die meisten anderen Nazi-Fürsten ereilte. So geriet Heydrich nach 1945 quasi „außer Sicht“; der „Hitlergang“ blieben drei zusätzliche Jahre, die Liste ihrer Verbrechen zu verlängern. Doch den organisierten Völkermord und damit die größte Gräueltat der Nazis hatte Heydrich vorbereitet. Auf sein mörderisches Geschick und die dadurch geschaffenen Strukturen konnte die NS-Führungsspitze sich stützen. Heydrichs Opfer erkannten sehr gut den „jungen bösen Todesgott“ und die „Bestie in Menschengestalt“. Die Unbelehrbaren erinnern sich lieber an den bienenfleißigen, schneidigen, korrekten Tatmenschen, der in seiner knappen Freizeit dem Leistungssport frönte und so herrlich die Geige spielte.

„Der Seeoffizier und die Nazis (1904-1932)“; S. 25-72: Wie wird aus einem Menschen ein Monstrum? Der Blick auf Heydrichs Biografie und hier vor allem der Blick auf die frühen und damit prägenden Jahre gibt Antworten. Wie Autor Dederichs verdeutlicht, ist die Geschichte Heydrichs auch die Geschichte der durch den I. Weltkrieg entwurzelten gutbürgerlichen Mitte. Geboren und aufgewachsen unter einem autoritären System, überzeugt vom deutschen Recht auf Vorherrschaft, gewöhnt an einen Wohlstand, der dem braven Untertan „zustand“, musste Heydrich, der zudem eine Offizierslaufbahn eingeschlagen hatte, nach 1918 erleben, wie die von ihm verinnerlichten Werte null und nichtig wurden. Auf die eigene innere Stärke konnte er nicht bauen; sie wurde durch krankhaften Ehrgeiz und Geltungssucht, den Willen, stets „der Beste“ zu sein, „den Gegner“ zu demütigen, zu vernichten, ersetzt oder durch ein emotionales Vakuum erstickt. Wer meint, nichts mehr verlieren zu können, folgt gern dem, der Abhilfe verspricht. So kam Heydrich, inzwischen durch eigenes Verschulden auch als Seeoffizier vor die Tür gesetzt, zu den Nazis.

„Reinhard Heydrichs Machtergreifung (1933-1940)“; S. 73-108: Intelligent, führerhörig, skrupellos, mit enormem Organisationstalent gesegnet – Nazis mit allen diesen Fähigkeiten gab es nur wenige. Kein Wunder, dass Heydrich wie ein Komet am braunen Himmel aufstieg. Bis zum Ausbruch des II. Weltkriegs hatte er es zum schier allmächtigen Chef des Reichssicherheitshauptamtes gebracht, das die zu Recht gefürchtete Geheime Staatspolizei (Gestapo), die Kriminalpolizei und den Sicherheitsdienst (SD) unter einem Dach zusammenführte und eine schrecklich effektive Unterdrückungsmaschine in Gang setzte. Zwar hielt sich Heydrich im Hintergrund, aber an realer Macht war er Hitlers Paladinen Himmler, Goebbels oder Göring praktisch ebenbürtig geworden.

„Der Mord an den Juden wird geplant (1938-1942)“; S. 109-154: Die völkisch-rassistischen Wahnideen seines „Führers“ hatte Heydrich konsequent übernommen. Die Organisation des Mordens an willkürlich kategorisierten „Untermenschen“ in den kriegsbedingt besetzten Ostgebieten nutzte er zum weiteren Machtausbau. 1941 überschritt er die letzte Grenze: Ausgestattet mit einer von Hermann Göring unterzeichneten Ermächtigung zur Durchführung der „Endlösung der Judenfrage“ plante Heydrich die Ermordung von elf Millionen europäischen Juden.

„Der Statthalter (1941-1942)“; S. 155-184: Den Zenit seiner Macht erreichte Heydrich im Dezember 1941. Hitler ernannte ihn zum „Reichsprotektor Böhmen und Mähren“ und damit zum quasi unumschränkten Herrscher über fast sieben Millionen Menschen meist tschechischer Staatsangehörigkeit. Seine übrigen Ämter übte Heydrich weiterhin aus. Während er jeglichen tschechischen Widerstand gegen die Fremdherrschaft rigoros und grausam verfolgen ließ, verfeinerte er die Methoden des Holocausts. Der Gipfel war damit noch nicht erreicht: „Falls der Alte Mist bau“, werde er ihn beseitigen, soll Heydrich 1941 gesagt haben (S. 181/82) – und er meinte damit Adolf Hitler, den zu ersetzen er sich inzwischen sehr gut vorstellen konnte …

„Das Attentat (1942)“; S. 185-212: Doch zu sicher hatte sich der neue Herr „seiner“ Tschechen gefühlt und arrogant (oder todessüchtig?) auf Maßnahmen zur persönlichen Sicherheit verzichtet. Am 27. Mai 1942 geriet Heydrich in eine dilettantisch gestellte Attentatsfalle des tschechischen Widerstands. Seinen Verletzungen ist er wenige Tage später erlegen.

„‚Das eiserne Herz‘ und die Unverbesserlichen (1942 bis heute)“; S. 213-250: Die Rache der Nazis war fürchterlich und kostete wiederum unzählige unschuldige Menschen das Leben. Heydrich bekam ein pompöses „Heldenbegräbnis“. Dem Niedergang Nazideutschlands und den Nürnberger Prozessen war er entkommen. So blieb seine wahre Rolle im „Dritten Reich“ der breiten Öffentlichkeit verborgen. Dieses Unwissen nutzten seine Familie und „Arbeitskollegen“, um nach 1945 abzutauchen, sich „Persilscheine“ ausstellen zu lassen oder eigene Schuld auf den Verstorbenen abzuwälzen. Autor Dederichs folgt mühsam der Spur der Heydrich-Gattin, der Kinder, der großen und manchen kleinen Rädchen im heydrichschen Mordapparat. Er rekonstruiert einmal mehr das deprimierende Bild einer Bundes-„Republik“, die nach 1945 die Nazi-Vergangenheit nicht aufarbeitete, sondern verdrängte und sich in den Wiederaufbau flüchtete.

Mehrere nützliche Anhänge runden das Werk ab. Da sind die obligatorischen Anmerkungen (S. 251-271), die Bibliografie und der Bildnachweis, welche die Quellen offen legen, aus denen Dederichs schöpfte; auch Spielfilme, die mehr oder weniger korrekt die Person und den düsteren Mythos Heydrich dramaturgisieren, werden aufgelistet. Ein ausführliches Personenregister erleichtert die gezielte Suche nach Zeitgenossen und Zeitzeugen. Darüber hinaus gibt es zwei kurze Artikel („Heydrichs Umfeld“, „Staatsschutz im Dritten Reich“) sowie eine „Chronik des Völkermords“, die zusätzliche Hintergrundinformationen zur manchmal recht komplexen Materie liefern.

Selten ist es der Fall, dass einem Menschen das Böse buchstäblich ins Gesicht geschrieben steht. Auf Reinhard Heydrich trifft der alte Spruch, sonst zur Phrase verkommen, zweifelsfrei zu. Deshalb sehen wir sein hageres Raubvogelgesicht mit den eiskalten Augen auf dem Cover; es illustriert perfekt den Untertitel: „Das Gesicht des Bösen“.

Ein wenig sprunghaft liest sich das Werk im Zusammenhang; es liegt an seiner schwierigen Entstehungsgeschichte. Mario R. Dederichs hatte für das Magazin „Stern“ im Oktober 2002 die vierteilige Serie „Heydrich – Die Macht des Bösen“ verfasst, dafür ausführlich recherchiert und bisher wenig oder gar nicht Bekanntes über Heydrichs Leben, Werdegang und Ende entdeckt. In besagter Serie konnte er nur einen Teil dieser Erkenntnisse präsentieren. So entstand der Plan eines Buches, das einen ausführlichen Gesamtüberblick ermöglichte. Allerdings litt Dederichs an einer schweren Krebserkrankung, der er bereits im November 2003 erlag. Sein Werk blieb zunächst unvollendet, bis die Journalistenkollegen Teja Fiedler und Angelika Franz das Manuskript fertig stellten.

Ein wenig schlicht kommt „Heydrich“ daher. Der Verkaufspreis ist deshalb moderat, was begrüßenswert für ein Buch ist, das eine weite Verbreitung verdient. Doch die ca. 40 (zeitbedingt schwarzweißen) Fotos leiden unter der Wiedergabe auf simplem Buchpapier sowie unter ihrer geringen Größe. Details verschwimmen oft zu abstrakten Mustern. Ein oder zwei Fotostrecken auf hochwertigem Papier wären hier ratsamer gewesen.

„Heydrich – Das Gesicht des Bösen“ bietet Zeitgeschichte im heute so beliebten „Knopp-Stil“, d. h. als Mischung aus harten Fakten, sachlicher Analyse und alltäglichem Klatsch: Auch Nazis waren halt Menschen. Die Rechnung geht auf, weil die Mischung stimmt und der Autor mit offenen Karten spielt. Er trägt die bekannten Tatsachen zusammen, sortiert sie, wählt aus, kombiniert sie mit den Ergebnissen journalistischer Grundlagenarbeit: dem kundigen Befragen von Zeugen. Nur sehr bedingt ist „Heydrich“ ein Werk der wissenschaftlichen Analyse. Stattdessen bietet es dem historischen Laien einen guten Einstieg in eine Phase der (deutschen) Geschichte, der vor allem die Jüngeren oftmals überdrüssig sind. Nicht lautes Klagen über die Ignoranz der Spaßgesellschaft kann die Lösung sein, sondern die Veröffentlichung zeitgemäßer Sachbücher, welche die Fakten wahren und sie trotzdem spannend vermitteln. Das ist eine Kunst, aber eine nützliche – Dederich gelingt es jedenfalls darzustellen, was eine Kreatur wie Heydrich möglich machte.

Und ohne theatralisch werden zu wollen, lässt sich durchaus feststellen, dass die Mechanismen an sich weiterhin existieren, auch wenn sich die unglücklichen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konstellationen der Jahre vor und nach 1933 als Dünger einer Diktatur glücklicherweise (noch) nicht wiederholten; darüber darf man froh sein, da auf ein Lernen aus der Geschichte besser keine Wetten abgeschlossen werden sollten …