Eric Van Lustbader – The Fallen (Testament, Band 2)

Der Jason Bourne der okkulten Mystik

In einer verborgenen Höhle der libanesischen Gebirge macht ein Mann eine folgenschwere Entdeckung. Er wird von einer dunklen Wesenheit beauftragt, als Bote für eines der schrecklichsten Dinge zu dienen, die man aus dem Dunkel ans Tageslicht bringen kann: das Testament Luzifers.

In Istanbul wird Bravo Shaw, Oberhaupt der gnostischen Sekte der Observatinen, von Fra Leoni vor dieser Entwicklung gewarnt: der Beginn der finalen Schlacht zwischen Gut und Böse. Denn das Gleichgewicht ist durch die Ankunft eines Gefallenen Engels gestört worden. Die Gefallenen Engel bilden die Vorhut für Luzifers Heerscharen.

Doch erst, wenn drei tödliche Gegenstände des Bösen in Luzifers Hände gelangen, ist sein Sieg gewiss. Das erste dieser Objekte ist ein uraltes Buch: Luzifers Testament.

Der Autor

Eric Van Lustbader, geboren 1946, ist der Autor zahlreicher Fernost-Thriller und Fantasyromane. Er lebt auf Long Island bei New York City und ist mit der SF- und Fantasylektorin Victoria Schochet verheiratet. Sein erster Roman „Sunset Warrior“ (1977) lässt sich als Science Fiction bezeichnen, doch gleich danach begann Lustbader, zur Fantasy umzuschwenken.

1980 begann Lustbader mit großem Erfolg seine Martial-Arts & Spionage-Thriller in Fernost anzusiedeln, zunächst mit Nicholas Linnear als Hauptfigur, später mit Detective Lieutenant Lew Croaker: The Ninja; The Miko; White Ninja; The Kaisho usw. Zur China-Maroc-Sequenz gehören: Jian und Shan; selbständige Werke sind: Black Heart; French Kiss; Angel Eyes und Black Blade. Manche dieser Geschichten umfassen auch das Auftreten von Zauberkraft, was ihnen einen angemessenen Schuss Mystik beimengt.

Die Kundala-Trilogie ist Fantasy: „Der Ring der Drachen“, „Das Tor der Tränen“ und „Der dunkle Orden“. Da diese Fantasy ebenfalls in einem orientalisch anmutenden Fantasyreich angesiedelt ist, kehrt der Autor zu seinen Wurzeln zurück, allerdings viel weiser und trickreicher. Kürzlich hat er noch einmal eine Wendung vollziehen und schreibt nun die Thriller seines verstorbenen Kollegen Robert Ludlum fort, so etwa „Die Bourne-Verschwörung“. 2007 erschien der Mystery-Thriller „Testamentum“ in der Art von Dan Browns „The Da Vinci Code“. Danach veröffentlichte Lustbader Fortsetzungen von Robert Ludlums BOURNE-Serie.

Die TESTAMENT-Trilogie

1) Testament
2) The Fallen
3) Four Dominions

Handlung

PROLOG

Ein Mann ist auf der Suche nach dem verlorenen Goldschatz König Salomos in das Tannourine-Gebirge im Libanon vorgedrungen: Valentin Kite ist ein Freund von Bravo Shaw, dem Sohn eines gleichermaßen eifrigen Schatzsuchers, den Leser aus dem ersten Band „Testament“ kennen. Zusammen mit Rebellen dringt Valentin Kite, der seine Frau Maura mit Anweisungen zurückgelassen hat, in eine hinter einem Wasserfall verborgene Höhle ein. Sie ist nicht ohne Grund berüchtigt, wie sich zeigt: Ein Begleiter nach dem anderen geht in Flammen auf und zerfällt zu Asche. Nicht so Valentin: Eine Stimme fordert ihn auf vorzutreten. Er kann sich dem Befehl nicht entziehen. Schließlich tritt die dunkle Gestalt des Beherrschers dieses Ortes hervor – und erteilt Valentin einen Auftrag…

Haupthandlung

In Istanbul bekommen Braverman „Bravo“ Shaw und seine blinde Schwester Emma, die die gnostische Sekte der Observatinen leiten, zweifachen Besuch. Valentin Kites Frau Maura hat die Anweisungen ihres seit Wochen verschollenen Gatten befolgt und sich vertrauensvoll an Bravo gewandt. Bravo muss einräumen, dass Valentins Überlebenschancen mit jedem Tag sinken. Doch Maura verbirgt etwas. Nur Emma, Bravos einfühlsamer Schwester, gelingt es, Mauras Geheimnis zu lüften.

Sie ist bereits von einem unheimlichen, grauen, hageren Rebellen besucht und informiert worden, dass Valentin tot sei. Das Gesicht dieses Mannes sei jedoch das eines Totenschädels gewesen, wie eine Gestalt aus einem Alptraum. Emma ist erleichtert, als Maura verneint, mit Abgesandten des Vatikans gesprochen zu haben. Dessen Orden der Ritter von Sankt Clemens bekämpft die gnostischen „Ketzer“ der Observatinen, wo es nur geht. Maura trägt inzwischen das goldene Kreuz, das ihr der Totenschädelmann von Val gegeben hat. Da erfühlen Emmas empfindliche Fingerspitzen ein merkwürdiges Symbol auf der Rückseite des Kreuzes: ein Dreieck, das einen Kreis umfasst, in dem sich ein Quadrat befindet. Es ist, wie sie später erfährt, das Symbol der unheiligen Dreifaltigkeit.

Die unheilige Dreifaltigkeit

Der zweite Besuch, den Bravo bekommt, ist der unsterbliche Mönch Frau Leoni. Er wurde im 15. Jahrhundert unfreiwillig der Quintessenz ausgesetzt, die Unsterblichkeit verleiht. Die Quintessenz ist im Besitz von Bravo Shaw, doch damit ist keinerlei Freude verbunden, sondern nur bittere Trauer: Hätte Bravo seiner geliebten Jenny, die damals dem Tode geweiht schien (siehe Band 1), die Essenz rechtzeitig geben können, wäre sie noch am Leben. Doch Frau Leoni fragt: Was für eine Art von Leben wäre das gewesen? Jenny hätte im laufe der Jahre alle ihre Lieben sterben gesehen und nie wieder lieben können. Bravo ist sehr erleichtert, als seine vermeintliche Schuld von ihm genommen worden ist.

Die Warnung

Doch nun warnt ihn Fra Leoni vor einer weit größeren Gefahr. Valentin Kite ist möglicherweise in der libanesischen Höhle auf eines der drei teuflischen Objekte gestoßen, die Gott ihm bei seiner Verstoßung aus dem Himmel weggenommen und versteckt hat. Ohne diese drei Objekte kann Luzifer keine Macht mehr erlangen. Das erste Objekt ist Luzifers Testament, niedergelegt in einem uralten Buch. Sein Symbol ist ein Viereck. Die Symbole der anderen beiden Objekte sind ein Kreis und ein Dreieck, doch keiner wisse mehr, worum es sich bei diesen Gegenständen handle. Die drei zusammen bilden die „unheilige Dreifaltigkeit“. Nur eines sei sicher: Bevor der verstoßene Erzengel erscheine, würden sei elf Mitverschwörer, die Gefallenen Engel, auf Erden erscheinen. Sie wollen die Menschen versklaven, damit Luzifer über sie herrsche.

Der Anschlag

Bravo Shaw, seine Schwester Emma und Fra Leoni sind die erste und letzte Verteidigungslinie gegen das Vordringen des Bösen. Zusammen mit ihrem Vertrauten Antonio Bazan, der eine genehmigte Verbindung zu Kardinal Reichmann hat, planen sie die Suche, um im Libanon die Spur von Valentin Kite zu finden. Doch durch die List seines Freundes Omar Tusik sieht sich Bravo veranlasst, eine weitere Begleiterin mitzunehmen, die türkische Anwältin Ayla, dessen einzige Tochter. Sie sagt ihm voraus, er werde ohne sie nicht lebendig aus dem Libanon zurückkehren, denn dort würden die islamistischen Rebellen jeden Christen töten. Sie sei mit ihrer Mutter Dilara vor 20 Jahren einmal im Libanon gewesen, der damals ein völlig anderes Land gewesen war.

Bravo trinkt mit Dilara gerade oben auf der Dachterrasse ein Glas Raki, als eine schwere Explosion das Haus in seinen Grundfesten erschüttert. „Unsere Wohnung!“, ruft Dilara und eilt sofort die Treppe hinunter. Doch aus der Wohnung schlagen ihnen Flammen entgegen, in deren Mitte eine verbrannte Leiche liegt: Omar. Sie eilen die Treppe hinab, denn das Dach droht einzustürzen. Da werden sie von einer hageren grauen Gestalt beschossen: Es ist Mauras unheimlicher Besucher. Kaum ist Dilara getroffen zusammengebrochen, zückt der Attentäter ein Kurzschwert, um auch Bravo ins Jenseits zu befördern…

Mein Eindruck

Braverman Shaw ist der Jason Bourne des Okkulten und Übernatürlichen. Er muss sich nicht nur mit Agenten fremder Regierungen herumschlagen, sondern auch mit Gefallenen Engeln, Dämonen und deren Schergen. Das Perfide an der Gegensatz ist der Umstand, dass Engeln nicht fix und fertig mit Flügeln und wallendem Kleid auftreten, sondern als entstofflichte Kreaturen, die sich einen Wirtskörper schnappen müssen, um hienieden wirken zu können. Man stelle sich vor, der Sauron von Dol Guldur, der Burg des Totenbeschwörers, würde auf Gandalf treffen und der würde sich mit Zaubersprüchen gegen den Dunklen Herrscher wehren. Das kommt der Sache ziemlich nahe.

Schizophren

Wie also kann sich Bravo in seinem Kampf der Identität seines jeweiligen Gegenübers sicher sein? Bei Fra Leoni ist er sich sehr sicher, denn der Unsterbliche hat nichts mehr zu gewinnen, wenn er sich der Gegenseite anschließt. Anders liegt die Sache jedoch bei Emma, Bravos Schwester. Sie fällt der Gattin von Valentin Kite, Maura, zum Opfer. Das Symbol der Übertragung und feindlichen Übernahme ist jenes unheilige Symbol aus drei geometrischen Figuren. Emma wird nun von Mauras Geist in ihrem eigenen Körper unterdrückt. Wie kann sie ihren Bruder vor der drohenden Gefahr warnen? Dieser Spannungsbogen bleibt bis zum Finale aufrechterhalten.

Zwielichtig

Neben Maura Kite stellt Ayla Tusik eine weitere zwielichtige Gestalt dar. Bravo muss herausfinden, ob Dilaras Tochter Freund oder Feind ist, wenn sie ihn zur Höhle der Dämonen im Tannourine-Gebirge führt. Ayla war schon einmal hier. Zusammen mit ihrer Mutter, der Seherin Dilara, wohnte sie als kleines Mädchen einem okkulten Ritual bei. Was genau geschah dabei, versucht Bravo auf subtile Weise herauszubekommen. Es ist nicht gerade hilfreich, dass sowohl ein Gesandter des Vatikans als auch libanesische Dschihadisten das Gebirge unsicher machen. Schließlich kommt es zu einem ersten Showdown. Das Ergebnis der Libanon-Episode ist jedoch überaus positiv: Ayla erweist sich als Halbschwester. Und in den Roman dieses Autors erweisen sich Familienbande immer als verlässlicher als Lug und Trug: Blut ist immer dicker als Wasser.

Horror im Kloster

Ständig versucht Bravo an das Testament Luzifers heranzukommen, das sein Großvater entdeckt und irgendwo in Ägypten versteckt haben muss. Wo sein Vater Dexter schmachvoll scheiterte, muss Bravo Erfolg haben – oder die gefallenen Engel werden die Menschheit unterjochen. Er muss anhand des Manuskripts herausfinden, was Luzifer wirklich vorhat und welcher Gefallene Engel ihm als Anführer vorausgeht. Letzteres lässt sich ganz handfest in einem Nonnenkloster nahe Rom herausfinden, wo es erst zu verbotenem Sex mit einer Nonne und dann zu einem weiteren Showdown kommt. Dabei kommt der oben genannte Sauron-Effekt zum Tragen.

Labyrinth in der Bibliothek

Sehr an Lovecraft erinnert hat mich die Episode, als Bravo in den nicht ganz verbrannten Teilen der berühmten Bibliothek nach Luzifers Testament sucht – und dabei von einem vermeintlich loyalen Wächter in eine Falle gelockt wird. Im Labyrinth der Bibliothek, in den Grüften und Geheimkammern muss das verbotene Manuskript zu finden sein, ebenso wie die vier heiligen Objekte von Bravos Orden. Lovecraft hat eine wunderbar stimmungsvolle Erzählung über einen Besuch in der Großen Pyramide von Gizeh geschriebene (und sie an Harry Houdini verkauft). Ähnlich okkult, schaurig und verrätselt geht es auch hier zu. Der Leser darf sich über eine erstaunliche Wendung nach der anderen freuen.

Unterm Strich

Mit Bravo Shaw kommt Jason Bourne ins Reich des Okkulten und Übernatürlichen. Die Handlung pendelt zwischen Istanbul, Malta, dem Libanon und Alexandria. Hier sucht Bravo nach Hinweisen, was ihm bzw. der christlichen Menschheit bevorsteht. Der Tod seiner Freunde in Istanbul ist nur ein Vorspiel und kein gutes Vorzeichen. Ob der einzigen Überlebenden Ayla Tusik trauen kann, muss sich erst noch erweisen.

Besessene Körper

Dass Gefallene Engel nicht mit putzigen Flügeln und wallenden Gewändern daherkommen, geht voll in Ordnung: Als insubstanzielle Wesen haben sie mehr Ähnlichkeit mit Sauron in Dol Guldur – und genau dies macht sie so scharf auf wohlgerundete weibliche Körper: Maura Kite ist ihr erstes Opfer, Emma Shaw ihr zweites, Nonnen die weiteren. Dass der Showdown im Nonnenkloster stattfindet, fand ich ebenfalls passend – hier kann es zu einer Menge Kollateralschaden kommen. Ist Shaw bereit, diesen Schaden in kauf zu nehmen, lautet die Frage.

Schwarze Romantik

Schauplätze wie das Kloster gemahnten mich an die Schwarze Romantik eines E.T.A. Hoffmann, etwa in seinem Roman um Bruder Medardus, der einen Doppelgänger hat. Alexandrias labyrinthische Bibliothek ähnelt eher dem Innern der Großen Pyramide, wie es H.P. Lovecraft beschrieb. Der Leser sollte also nicht bloß eine Vorliebe für das Mystische und Okkulte mitbringen, sondern auch für das Morbide. Dass Frauen eine herausragende, romantische und durchaus ambivalente Rolle spielen, dürfte die weibliche Leserschaft des Autors ansprechen.

The Second Coming

Der ideologische Überbau der ganzen Handlung manifestiert sich in dem berühmten Gedicht „The Second Coming“ des irischen Dichterphilosophen William Butler Yeats. Die berühmten Verse „Things fall apart, the centre cannot hold / Mere anarchy is loosed upon the world…“ (S. 350/51), die immer wieder zitiert werden, klingen insofern prophetisch, weil sie den Untergang der irdischen ordnung beschreiben, der die Wiedererrichtung einer himmlischen Ordnung auf Erden notwendig macht.

Das „Second Coming“ meint die Wiederkehr des Heilands Jesus Christus. Im vorliegenden Roman könnte es sich aber auch um die Wiederkehr des Antichristen handeln, welche wiederum die des Heilands notwendig macht. Und auch Shakespeare zu zitieren, kann sich der Autor nicht verkneifen, denn der ist für alles gut: „Sound and fury, signifying nothing“ (https://en.wikipedia.org/wiki/Tomorrow_and_tomorrow_and_tomorrow) aus dem 5. Akt von „Macbeth“ klingt an passender Stelle mindestens so unheilvoll prophetisch wie Yeats.

Fazit: 4 von 5 Sternen.

Michael Matzer © 2018ff

Taschenbuch: 387 Seiten
Originaltitel: The Fallen, 2017
ISBN-13: 9781784973070

www.tor-forge.com

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