Kitty Fitzgerald – Pigtopia

Jack Plum wird mit einer Entstellung geboren, die ihn ähnlich aussehen lässt wie ein Schwein. Sein Kopf ist deformiert, er hat Sprachschwierigkeiten und für seine Mutter, die nach der schweren Geburt bleibende Schäden zurückbehielt und inzwischen im Rollstuhl sitzt, ist er ein Monster. Jacks Vater, ein Metzger, schützt seinen Sohn dagegen und weiht ihn in die Grundlagen der Schweinezüchtung ein. Doch nach Jacks zwölften Geburtstag verschwindet Daniel Plum spurlos und kehrt nicht zurück. Von nun an lebt Jack allein mit seiner depressiven Mutter, abgesperrt von der Außenwelt.

Jack entwickelt sich zu einem naiven Einzelgänger, einem Mann mit kindlichem Gemüt. Nur selten wagt er sich ins Dorf, um Besorgungen für seine Mutter zu erledigen. Die Schweine auf dem Hof sind seine einzigen Freunde, denen er sich verbunden fühlt. Kurz bevor sein Vater verschwand, begann er den Bau eines Stalls im Keller, bei dem Jack ihm half und den er anschließend alleine fertigstellte. Der Schweinestall wird zu seinem neuen Zuhause, zu seinem „Pigtopia“, seiner Zuflucht, während seine Mutter sich dem Alkohol hingibt und das Haus nicht verlässt.

Eines Tages freundet sich Jack mit der vierzehnjährigen Holly an, die er schon länger heimlich beobachtete. Holly ist ein burschikoses Mädchen, das sich mehr für Botanik als für Jungs interessiert und in ihrer Klasse selber als Außenseiter gilt. Zunächst fürchtet sie sich vor dem „Schweinemann“, doch dann erkennt sie schnell, dass sich hinter seinem erschreckenden Äußeren ein gutmütiges und intelligentes Wesen verbirgt. Fast täglich kommt sie ihren neuen Freund und die Schweine besuchen. Aber die Idylle droht zu platzen, als Holly bei ihren Besuchen verfolgt wird …

Die Assoziation zur Geschichte des „Elefantenmenschen“ liegt nah, wenn man den Inhalt des Romans hört, und tatsächlich hat man es hier mit einer sehr ähnlich gestrickten, gleichfalls mitreißenden Handlung zu tun, die vom schweren Leben eines entstellten Außenseiters erzählt.

Die Schöne und das Biest

Gleicht John Merrick einem Elefanten, wird Jack Plums Aussehen mit Schweinen in Verbindung gebracht. Tatsächlich ist sein Kopf merkwürdig verformt, seine Ohren hängen herunter, sein Mund erinnert an eine Schnauze. Vor allem aber lebt Jack zufällig auf einem Schweinehof und sieht diese Tiere als seine besten Freunde. Sein Vater war ein rechtschaffener Mann, der seinen Sohn trotz dessen Aussehen und seiner Sprachschwierigkeiten liebte. Jacks Mutter dagegen hat nie verwunden, dass die schwere Geburt bei ihr Verletzungen hervorrief. Mit den Jahren verfällt sie immer tiefer in Depressionen, tröstet sich mit Alkohol, beschimpft ihren Sohn und ihre Mann gleichermaßen und schiebt Jack die Schuld dafür zu, dass sie im Rollstuhl gelandet ist. Als Daniel Plum eines Tages verschwindet, fürchtet der Junge, er könne den Vater aus dem Haus vertrieben haben. Die Wahrheit kommt erst viel später ans Licht und bis dahin teilt er sein Leben mit seiner immer aggressiveren Mutter, die oft mit dem Stock nach ihrer „Missgeburt“ schlägt, wie sie ihn nennt, und nur noch im Vollrausch ab und zu liebevolle Worte für ihn übrig hat. Den Dorfbewohnren erscheint der missgestaltete Jack wie ein Monster; im Glauben an eine geistige Behinderung behandeln sie ihn wie ein Kleindkind. Niemand ahnt, dass Jack in Wahrheit regelmäßig Zeitschriften über Schweinezüchtung liest und fast alles über die geliebten Tiere weiß.

Erst die junge Holly entdeckt, was für ein sensibler Mensch hinter dem erschreckenden Äußeren steckt. Holly wird Jacks Freundin und einzige menschliche Vertraute. Ein ruhiges Mädchen, das von ihren Klassenkameraden manchmal gehänselt wird, weil sie lieber zuhause bleibt als Alkohol zu trinken oder gar mit Jungs auszugehen. Holly schämt sich für ihren mageren, kindlichen Körper und liebt dafür Pflanzen aller Art. Auch Holly lebt allein mit ihrer Mutter, zu der sie aber ein sehr freundschaftliches Verhältnis pflegt. Das ändert sich, als ihre Mutter einen neuen Freund nach Hause bringt. In dieser Zeit zieht es sie mehr denn je zu Jack Plum und seinen verspielten Schweinen. Die ungewöhnliche Freundschaft entwickelt sich zu einem tiefen Vertrauensverhältnis. Holly darf auf der Muttersau Freya reiten und mit den Ferkeln spielen, sie bewundert Jacks handwerkliches Geschick und stellt tausend Fragen zu seinem Schweinewissen. Im Gegenzug gibt sie ihm als erster Mensch seit seinem Vater menschliche Wärme und das Gefühl, kein Monster zu sein.

Schon bald ist dem Leser klar, dass diese Idylle nicht ewig währen wird, die Charakterzeichnungen sind dafür zu eindeutig angelegt: Jack ist der missverstandene Außenseiter, der von allen Menschen außer Holly gehasst und gefürchtet wird. Holly ist das liebevolle Mädchen, das hinter die Fassade schaut und sich mit allen Kräften für ihren Freund einsetzt. Und dann ist da die feindselige Außenwelt, Hollys neugierige Klassenkameraden, die misstrauisch ihre Streifzüge durch den Wald beobachten und Jacks Leben in Gefahr bringen. Trotz dieser recht ausgeprägten Schwarz-Weiß-Zeichnung der Charaktere verstehen die Figuren zu fesseln. Den Leser erfasst Mitleid und Sympathie für Jack Plum, er identifiziert sich mit der hilfsbereiten Holly und verachtet ihre Feinde, die voller Vorurteile sind.

Spannung und Schockmomente

Trotz der recht geradlinigen Handlung ist für Spannung gesorgt. Ständig tun sich neue Probleme für Jack und Holly auf, die ihre Freundschaft gefährden. Jacks Mutter wird immer kränker, die Tobsuchtsanfälle häufen sich. Ein Arztbesuch ist fällig, damit sie neue Rezepte erhält, doch Jack ahnt, dass die Behörden ihn wegschaffen werden, wenn sie die verwahrloste Situation durchschauen. Auch Holly hat Probleme und zwar gleich doppelter Art. Sie hasst den neuen Freund ihrer Mutter, Anthony, weil er von heute auf morgen die traute Zweisamkeit zwischen Mutter und Tochter zerstört. Obwohl er sich um ihre Freundschaft bemüht, lehnt Holly jeden Kontakt mit ihm ab, gerät dafür aber ständig in Streit mit ihrer Mutter. Ihre Schulfreundin Samantha, ein frühreifes, intrigantes Ding, das immer nur phasenweise auf Hollys Freundschaft zurückgreift, spioniert ihr hinterher und droht, das Geheimnis um ihre Bekanntschaft mit Jack Plum auszuplaudern. Schließlich schwänzt Holly öfters die Schule, um sich ungestört mit Jack treffen zu können, was ihre Lehrerin wiederum ihrer Mutter meldet. Die Konflikte spitzen sich zu, und auch wenn man die Problematiken bereits vor ihrem Entstehen ahnt, kann man nicht absehen, wie die Geschichte um Holly und Jack enden wird.

Die Zugehörigkeit zur „Hardcore“-Reihe von Heyne besagt, dass es sich um einen ungewöhnlich schockierenden Roman handelt. Im Gegensatz zu manchem Horrorwerk aus der Reihe liegt der Fokus hier allerdings weniger auf körperlicher Gewalt als vielmehr auf psychischem Grauen. Der Protagonist erlebt eine seelische Folter, sowohl in der Ablehnung von der Außenwelt als auch in den Beschimpfungen seiner Mutter, die in einer besonders dramatischen Szene ihrem Sohn verbietet, ihn mit „Mami“ anzusprechen. Auch Ekeldetails tauchen auf, wenn sich Jack um den verwahrlosten Körper seiner Mutter kümmern und Gestank wie Verunreinigungen beseitigen muss, und erst recht in der Mitte des Buches, als die Beseitigung einer Leiche thematisiert wird. Vor allem steht aber die Beklemmung im Vordergrund, das Mitleid, das beim Leser hervorgerufen wird, und die düstere Atmosphäre, die nur wenig Raum für Hoffnung lässt.

Ungewöhnlicher Stil

„Pigtopia“ wird aus zwei verschiedenen Perspektiven erzählt, kapitelweise abwechselnd jeweils von Jack und Holly. Während Hollys Erzählung keine Probleme bereitet, muss man sich an Jacks Sichtweise erst gewöhnen. Zur erhöhten Authentizität wird bei ihm eine sehr kindliche, mit grammatischen Fehlern gespickte Sprache verwendet. Jack benutzt den Wortschatz eines Kindes, komplizierte Worte wandelt er leicht ab und bei unbekannten Begriffen erfindet er eigene Bezeichnungen. Dazu gesellen sich ein holpriger Satzbau und der häufige Verzicht auf Artikel. Aber schon nach etwa dreißig Seiten hat man sich in diesen Stil eingelesen und wird im Fluss nicht mehr gebremst. Jack charakterisiert sich selbst durch seine naive Sprache, besser noch, als es Hollys Betrachtungen von außen leisten können. Man sieht ihn vor sich, den gar nicht so dummen Außenseiter, der weit mehr durchschaut, als Fremde ihm zugestehen. In seiner unbeholfenen Sprache klingen die ehrlichen Komplimente, die er Holly macht, mal rührend und manchmal sogar lustig, etwa wenn er ihr mit großem Ernst versichert, sie sei noch intelligenter als ein Schwein, was auch Holly zum Lachen bringt, oder wenn er über den „extra gemeinen Whiskysuppenblick“ seiner Mutter spricht, der so viel unfreundlicher schaut als der „Gefährtenblick der Schweine“. In einnehmender Naivität sprechen Jack und Holly auch über philosophische Dinge, Jack erläutert seiner Freundin seine Gedanken zu Themen wie Gott und ein Leben nach dem Tod. Es sind kurze Momente des Glücks für beide, abgeschieden von der Außenwelt, nur zwei missverstandene Menschen in Gesellschaft der grunzenden Schweine; Momente, die ihnen die Welt bedeuten, auch oder gerade weil sie nicht ewig währen werden.

Unterm Strich liegt ein mitreißender Roman über das traurige Leben eines Außenseiters vor, der bis zum Schluss den Leser in den Bann zieht. Trotz der leicht klischeehaften Charaktere versteht die Handlung zu fesseln, zu bewegen und mit Jack Plum leiden zu lassen. Die beklemmende Atmosphäre wird hin und wieder durch humorvolle und rührende Augenblicke gelockert, besticht ansonsten aber durch eine deprimierende Intensität. Wer Romane im Stil von Goldings „Herr der Fliegen“ oder Geschichten wie über den „Elefantenmensch“ mag, sollte hier unbedingt zugreifen.

Die Autorin Kitty Fitzgerald, geboren in Irland, arbeitete vor ihrer Karriere als Schriftstellerin in einer Molkerei. Dort entdeckte sie ihre Begeisterung für Schweine, die in ihrem Roman „Pigtopia“ eine wichtige Rolle spielen. Darüberhinaus verfasste sie weitere Romane, Theaterstücke und Gedichte.

Taschenbuch: 304 Seiten
www.heyne-hardcore.de

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