Jack Finney – Zeitspuren

Liebe und Verbrechen in New York anno 1882 und 1970

Erst kann es der junge Grafikdesigner Simon Morley nicht glauben, dass ihm die Chance zu einer Zeitreise geboten wird. Warum wurde gerade er für dieses streng geheime Regierungsprojekt ausgewählt? Trotz aller Skepsis willigt Morley ein. Denn er hat ein persönliches Anliegen, um zum 23. Januar des Jahres 1882 in New York City zu reisen. Er erlebt das größte Abenteuer aller Zeiten… (Verlagsinfo)

Der Autor

Jack Finney, geboren 1911 als John Finney, mit drei Jahren umgetauft in Walter Braden Finney, ging von seiner Heimatstadt Milwaukee bei Chicago nach New York City, um dort in der Werbebranche zu arbeiten. Doch schon bald schrieb er Belletristik, erst eine Menge Kriminalstorys, dann einen SF-Roman mit dem reißerischen Titel „The Body Snatchers“. Dieser Roman bislang wurde nicht weniger als viermal verfilmt, zuerst in den 1950er Jahren als „Invasion der Körperfresser“, zuletzt 2008 oder 09 mit Nicole Kidman als „Invasion“. Die Version Philip Kaufmans mit Leonard Nimoy und Donald Sutherland ist wohl die gelungenste.

In den sechziger Jahren recherchierte Finney aufwändig in New Yorker Archiven, bis er 1970 mit „Tima and Again“ seinen bekanntesten und schönsten Roman vorlegen konnte, der mit zahlreichen Fotos illustriert ist. Er wurde zuerst 1981 bei Heyne unter dem Titel „Das andere Ufer der Zeit“ mit sämtlichen Fotos veröffentlicht. 1995 schloss er dieses Projekt mit „Im Strom der Zeit“ ab, der zuerst bei Bastei-Lübbe erschien. Noch im gleichen Jahr starb er 84-jährig an einer Lungenentzündung.

Handlung

Simon Morley schaut gelangweilt aus dem 57. Stockwerk seines Bürogebäudes auf die Straßen von New York City im Jahr 1970. Er soll eigentlich eine Werbegrafik zu einer Seife entwerfen, würde aber viel lieber die Stadt erkunden. Ursprünglich aus Buffalo stammend, ist er nach seiner Scheidung vor zwei Jahren in die Metropole gekommen und kämpft sich durch – durch den Job wie auch durch wechselnde Damenbekanntschaften. Aber jetzt scheint es mit Katherine Mancuso, einer jungen Antiquitätenhändlerin, etwas Ernsteres zu werden.

Ein kleiner Mann, der sich Rube Prien nennt, möchte ihn sprechen. Er unterbreitet ihm einen verlockenden Vorschlag, den Simon dennoch dubios findet: Simon soll an einem geheimen Regierungsprojekt teilnehmen, das seine Abwesenheit für ein paar Wochen erfordern würde. Es wäre mal was ganz anderes. Dass Prien über sein Privatleben völlig Bescheid weiß, findet Si beunruhigend. Aber dass man gerade ihn aus Millionen anderer Militärdienstangehöriger ausgewählt hat, schmeichelt ihm ein wenig. Was mag ihn wohl derartig qualifizieren – und für welche Aufgabe, fragt er sich, als er aus Neugier zusagt.

Das Projekt

Die Büros von Priens Agentur sind gut verborgen, doch weitläufig. Nach einem ersten Persönlichkeitstest wird er hypnotisiert und reagiert wie gewünscht. Der Direktor Dr. Danziger scheint ebenfalls, wie Prien, ein umgänglicher Mensch zu sein, jedenfalls kein CIA-Typ. Er scheint eine Art psychologisches Experiment zu leiten, bei dem sich ausgewählte Menschen wie Simon nach Hollywood-Weise in Kostüme anderer Zeiten werfen und seltsame Dinge tun, wie etwa Cancan zu tanzen oder Weltkrieg 1 zu spielen.

Dann führt ihn Prien in eine stark gesicherte Halle, die wie ein gigantisches Filmstudio von oben aussieht: überall Szenen aus einer Reihe von Epochen, wie etwa Vermont 1926, Montana 1950, Paris 1451 usw. Doch die Abläufe, die Simon hier beobachten kann, sind die des Alltags, nicht die des Dramas. Was soll das also, fragt er den Direktor. Der tischt ihm eine Theorie von Einstein auf, wonach unsere Vorstellung von Zeit völlig falsch sei. Demnach sei die Vergangenheit gar nicht verschwunden, sondern durchaus erreichbar…

Die Zeitreise-Theorie

„Einstein sagte, wir ähnelten Leuten in einem Boot ohne Ruder, das einen mäandernden Fluss hinabtreibt. Ringsum nehmen wir die Gegenwart wahr, weiter nichts. Die Vergangenheit in den Kurven und Biegungen hinter uns vermögen wir nicht mehr zu sehen. Aber sie ist dort vorhanden. Eine winzige Erweiterung von Einsteins Theorie“, so Danziger weiter, „besteht darin, dass der Mensch irgendwie in der Lage wäre, ans Ufer zu treten und querfeldein zu einer der hinter uns liegenden Biegungen zurückzugehen.“

Als Prien ihm das Dakota House am Rande des Central Parks zeigt, versteht Si, was Danziger meint: Es ist ein Fels im Brandung der Zeit, sieht genauso aus wie zur Zeit seiner Erbauung am Ende des 19. Jahrhunderts, als es noch weit außerhalb der Stadt stand – so fern wie die Dakota-Bundesstaaten, wurde damals gefrotzelt. Si findet es wunderschön und besichtigt es. Kein Zweifel: Hierhin zieht ihn sein Herz.

Und das sagt er Danziger auch. Er beseitigt dessen Zweifel und begründet seinen persönlichen Wunsch, exakt am 23. Januar 1882 an einer bestimmten Ecke New Yorks einen ganz bestimmten Briefkasten beobachten zu wollen. Denn dort wurde jener verhängnisvolle Brief eingeworfen, der Katherine Mancusos Ziehgroßvater Andrew Carmody, also den Vater ihrer Adoptiveltern Carmody, zu seinem Selbstmord vierzig Jahre danach veranlasste.

Wer der Absender ist, will Katherine herausfinden, und was bezweckte der Mann mit dieser folgenreichen Botschaft? Und warum ließ Andrew Carmodys Witwe, die den Abschiedsbrief ihres Mannes zunächst verbrennen wollte, einen unbeschrifteten Grabstein auf sein Grab setzen, der nur eine neunstrahlige Sonne in einem Kreis zeigt? Ein Rätsel, das Ira Carmody, ihren Ziehvater, zeit seines Lebens umtrieb und nun auch Katherine keine Ruhe lässt.

Auch Danziger schickt Simon auf eine Mission: Er soll am 6. Februar 1882, am Geburtstag seiner Mutter, eine alte Familienanekdote überprüfen, wonach sie dort seinen Vater vor Wallacks Theater kennenlernte. Geht in Ordnung, meint Si, froh, dass sein Anliegen vom Vorstand der Agentur genehmigt worden ist. Dann versetzt er sich in den geistigen Zustand, um sich in das winterliche New York des Jahres 1882 zu begeben. Katherine begleitet ihn heimlich, zu seiner Überraschung und Freude. Denn auch sie hat eine Aufgabe…

Phase zwei

Doch wie das bei erfolgreichen Projekten der Regierung oftmals so ist, nimmt die zweite Phase des Projekts eine dramatische Wendung. Nachdem Simon bewiesen hat, dass die Theorie funktioniert, wird er noch einmal zurückgeschickt, allerdings ohne Katherine (deren Anwesenheit im Jahr 1882 der schlaue Danziger korrekt vermutet hat).

Diesmal begibt sich Simon gleich in die Höhle des Löwen: Am Gramercy Park wohnt Jacob Pickering, der Absender des Briefes, als Mieter in einer Pension. Er ist eine furchterregende Persönlichkeit – und wacht eifersüchtig über seine Verlobte Julia, auf die Simon wohl unwissentlich ein Auge geworfen hat.

Mittlerweile hat sich der Schock, sich in der Realität einer anderen Zeit zu befinden, in Simon gelegt. Als er und Katherine das erste Mal aus dem Dakota House, ihrem gemeinsamen Versteck, auf die Straße traten, erlitten sie einen physischen Schock, als hätten sie einen Faustschlag in die Magengrube erhalten: Alles ist so ECHT. Während der Fahrt zur Hauptpost am Broadway erleidet Katherine eine Nervenüberlastung: zu viele neue Eindrücke auf einmal. Die Geräusche, die Gerüche, die Menschen und Fahrzeuge, all die vielen Objekte, noch dazu eine völlig veränderte Skyline – es ist echt zu viel auf einmal.

Verwicklung

Im Haus am Gramercy Park wird Simon eine weitere Wahrheit klar: Es ist unmöglich, sich als reiner Beobachter mit anderen Menschen zu befassen. Man wird unweigerlich in ihre Angelegenheiten hineingezogen – und hinterlässt seine mehr oder weniger großen Spuren. Zugleich macht man sich verdächtig und wird misstrauisch angeschaut, etwa wenn man von einem noch nicht gegründeten Staat namens Tschechoslowakei redet. Aber Europa ist ja weit weg.

Seine Fähigkeiten als ehemaliger Militärzeichner kommen Simon sehr zustatten und beeindruckt damit nicht nur eine Dame, beispielsweise Julia in der Pension ihrer Tante Ada. Es kann nicht ausbleiben, dass sich seine Emotionen für Julia erwärmen und er in eine romantische Dreieckssituation schliddert. Nachdem er belauscht hat, wie Pickering den Unternehmer Andrew Carmody, der mit Katherine verbunden, erpresst, versucht er Julia davon abzubringen, Jake Pickering zu ehelichen. Dafür muss er aber handfeste Beweise beibringen. In der Nacht, als Pickering seinem Opfer Carmody die Erpresserbeweise zeigen will, folgen die beiden dem Gauner…

Der Brand der Stadt

Als das in Pickerings Brief angekündigte Feuer wirklich ausbricht, entkommen Simon und Julia den Flammen nur um Haaresbreite. Aber was wurde aus Pickering und seinem Erpressungsopfer Carmody? Inspektor Byrne von der Kripo New York City lasst das Pärchen erst einmal fotografieren, dann Carmody gegenüber stellen und schließlich auf freien Fuß – doch nur zum Schein, denn sogleich erklärt er sie zu Flüchtenden. Julia und Simon versuchen ihren tückischen Verfolgern zu entkommen…

Mein Eindruck

Der Roman erweist sich in seiner vollständigen Textform (mehr dazu unter „Übersetzung“) als eine vielschichtige Architektur mit mehreren Bedeutungsebenen. Zunächst einmal ist dies ein Buch über die große Stadt New York City, damals und heute. Das Damals wird so ungeheuer akribisch genau beschrieben, dass der Leser genau wie Simon Morley in die Vergangenheit „transportiert“ wird. Der Höhepunkt sind die Weihnachtsszenen, mit Schlittenfahrten im Central Park als unbeschwerter Erfahrung. Wie anders dagegen das New York City im Jahr 1970: bedrückend, hektisch, anonym. Anhand dieses Vergleichs kann der Leser seine eigene Zeit, ja, seine Existenzform als amerikanischer Bürger kritischer betrachten.

Zeitreise

Zweitens scheint es sich um eine simple Zeitreisegeschichte zu handeln. Doch schon hier gibt es Schwierigkeiten mit der Definition: Es gibt keine Maschine als Vehikel – der Übergang ist für jeden normalen Menschen mit hoher Einbildungs- und Vorstellungskraft zu bewerkstelligen. Der Beweis: Sowohl Katherine als auch Julia schaffen den Übergang zwischen den Zeiten.

Krimi

Dann wiederum scheint es sich um eine Kriminalgeschichte zu handeln. Diesbezüglich werden die Erwartungen schon eher erfüllt: eine Erpressung, eine Brandstiftung, ein überraschender Identitätswechsel und eine rasante Flucht. Was will man mehr? Zudem die Lösung eines Rätsels präsentiert wird, dem Katherine nachgeht: Was hat der neunzackige Stern auf Andrew Carmodys „Grabstein“ zu bedeuten? Die Bedeutung darf hier nicht verraten werden, aber sie ist offensichtlich – und hat direkt mit dem Ausgang der großen Brandkatastrophe zu tun.

Desaster

Der Roman ist auch eine Desastergeschichte. Der große Brand von Anfang 1882 wird durch die Faksimiles im Buch zu einer historischen Tatsache, also keine Erfindung. Dennoch dient diese große, ungeheuer packend und anschaulich geschilderte Katastrophe als Folie für zwei folgenreiche Entwicklungen: Pickering verschwindet spurlos, Carmody überlebt auf wunderbare Weise – und aus Si und Julia wird ein durch die Erfahrung zusammengeschweißtes Paar. Sie wäre nun frei, mit Simon ein Leben anzufangen – in seiner Zeit. Doch ein Tag im Jahr 1970 reichen aus, um sie eines Besseren zu belehren. Sie kehrt zurück ins Jahr 1882.

Verschwörung

Ist dies das Ende von Simons Ambitionen? Mitnichten. Simon ist ja durch Danziger in einen Zirkel von „Experten“ eingebunden worden. Es handelt sich zum geringsten Teil um vernünftige Wissenschaftler, sondern vielmehr um Militärs und sogar Regierungsbeamte. Wie sich zeigt, können letztere der Versuchung nicht widerstehen, Simon zum Instrument ihrer politischen Ambitionen machen zu wollen. Er soll, kurz gesagt, die bekannte Geschichte verändern. Das Ziel: Die Besetzung Kubas anno 1890, so dass es niemals zu einem Revoluzzer namens Fidel Castro kommt…

Die Übersetzung

Im Jahr 2008 hat der Heyne-Verlag eine Gesamtausgabe unter dem Titel „Zeitspuren“ veröffentlicht, die diesen Roman plus seine Fortsetzung „Im Strom der Zeit“ umfasst. Dabei wurden die zwei Übersetzungen komplett überarbeitet und dem heutigen Sprachgebrauch angepasst.

Es wäre witzlos, einer Kritik die alte Übersetzung zugrunde zu legen, die inzwischen völlig obsolet geworden ist. Daher beruht mein Bericht auf der neuen Übersetzung beider Romane. Sie trägt interessanterweise die Urheberschaft von Karl-Heinz Ebnet, statt von Thomas Schlück.

Überarbeitet wurden beiden Übersetzungen von Angela Hermann. Ihre Fassung enthält keinen Fehler aus der Schlück-Fassung. Das Vorwort schrieb der ehemalige Herausgeber der Heyne-SF-Reihe und SF-Autor Wolfgang Jeschke. Dies ist die einzige empfehlenswerte Fassung des Textes.

Die Illustrationen

Selten hat es einen so reich illustrierten Roman über eine andere Zeit gegeben. Der Autor und seine Mitarbeiter haben zahlreiche Bildquellen – sie werden im Nachwort genannt – für zeitgenössische Fotos ausgewertet. So bietet sich dem Leser die Gelegenheit, das alte New York City vor dem Jahr 1890 zu entdecken.

Weitere Zeichnungen werden der Figur Simon Morley zugeschrieben und zeigen Alltagssituationen, aber auch die verblüffende Tatsache, dass sich vor dem hochaufragenden Dakota House der sehr ländliche Central Park sechs Häuserblocks weit erstreckt. Außerdem steht auf dem Madison Square der emporragende Arm der Freiheitsstatue. Dieser Arm spielt eine wesentliche Rolle in Julias und Simons Flucht vor Inspektor Byrne.

Unterm Strich

Der Roman „Von Zeit zu Zeit“ ist in seiner endgültigen Übersetzung von 2008 ein Leseerlebnis der Extraklasse. Wer genügend Geduld aufbringt, der wird mit einer anrührenden und erstaunlichen Zeitreise ins New York City vor dem Jahr 1890 belohnt. Eine Liebesgeschichte wird mit einem Kriminal-Plot verknüpft, der wiederum in eine Zeitreise mündet. Wird Julia im Jahr 1970 bleiben oder zurückgehen in ihre eigene Zeit? Der Leser kann zahlreiche Vergleiche zwischen den beiden Epochen anstellen und darf selbst entscheiden, welche ihm besser gefiele. Wenn er Simon Morley wäre, in welcher würde er lieber leben? Simons Wahl soll hier nicht verraten werden.

Krimi & Lovestory

Die Wirkung des Romans entfaltet nur dann in vollem Maße, wenn der Leser bereit ist, sich allen Details, die der Autor auf ihn einprasseln lässt, völlig auszuliefern. Dann wird der Leser selbst zum Zeitreisenden. Höhepunkt dieser Erfahrung ist das Mit-Erleben der Brandkatastrophe vom 31. Januar 1882. Dennoch erfordert dieses Eintauchen nicht, den Grips abzugeben: Schließlich gilt es, einer Kriminalgeschichte zu folgen und ein Identitätsrätsel zu lösen. Die Lösung wird selbstverständlich erst am Schluss geliefert. Der Spannungsbogen bleibt bis zum Buchende erhalten.

Korruption

Man würde es auf den ersten Blick nicht glauben: Auch das Gremium, das über Simons Reisen bestimmen will, will ein Verbrechen begehen – am Verlauf der bekannten Geschichte. Das ist nicht weniger verwerflich als Pickerings Erpressung, macht Simon klar. Die Korruption in der Gegenwart ist der Korruption eines Inspektor Byrne und eines Andrew Carmody völlig ebenbürtig. So ganz nebenbei gibt der Autor einen Kommentar über Richard Nixons Herrschaft ab – die ja nur ein, zwei Jahre danach dazu führte, dass Nixon gegen die Pressefreiheit zu Felde zog, von der Watergate-Affäre ganz zu schweigen. Eine feine amerikanische Tradition also, die hier seit (mindestens) 1882 weitergeführt wird.

Taschenbuch: 528 Seiten
Originaltitel: Time and again, 1970/1995
Aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Angela Herrmann
ISBN-13: 9783453524316

www.heyne.de

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