Flynn, Vince – Kommando, Das

Leinwand, Pinsel, Tusche. Farben: Schwarz und weiß – das reicht vollkommen. Und los geht’s! Eine Gruppe US-amerikanischer Cowboys gerät im Land der korrupten Bösartigkeit in einen Hinterhalt. Ergebnis Nummer Eins: Zwei tote Cowboys. Ergebnis Nummer Zwei: Ein aufgebrachter Obercowboy, für den Politik mit einer durchgeladenen Beretta gleichzusetzen ist – das Universalheilmittel schlechthin für alle Probleme menschlicher Provenienz. Folge: Einigen impertinenten Schwarzen Männern, welche die 9mm-Regeln partout nicht verstehen wollen, gehören ordentlich die Leviten gelesen. Denn: Im Land der himmelschreienden korrupten Bösartigkeit befindet sich noch immer eine Familie des Auserwählten Volkes in Geiselhaft der Finsternis. Zur gleichen Zeit in und am Rande des alten Europas: Ein böser Indianer mit königlichem Namen und über alle Maßen degenerierten Freunden plant, das eigentliche auserwählte Volk in einen Krieg zu zwingen, um so seinen beschränkten Indianerfreunden die Freiheit zu bringen. Zum Glück wandelt der böse Indianer in Gefilden, die von noch böseren Indianern auf Kriegspfad nur so wimmeln – ist ja auch kein Wunder, in Indianerland muss man schließlich notgedrungen böse, böse, böse werden –, weswegen unser königlicher Indianer am Ende nicht ganz so schlecht wegkommt. Ja, ein wenig grau, das schafft sogar ein ehemaliger Kraft-Mann – und das ganz ohne die locker-würzige Salatcreme aus dem Jahre 1933.

In „Das Kommando“ erzählt Vince Flynn, wenn man Dan Brown – Autor von Bestsellern wie „Illuminati“ und „Sakrileg“ – glauben will, die Geschichte einer groß angelegten politischen Verschwörung: Seit geraumer Zeit halten Terroristen der Abu Sayyaf auf den Philippinen eine amerikanische Familie gefangen. Als schließlich eine Spezialeinheit der SEALs bei einem Befreiungsversuch in einen Hinterhalt gerät, zwei Männer sterben und die Familie immer noch nicht freikommt, beginnt man in Washington zu rotieren. Irgendwo an hoher Stelle muss es ein Informationsleck geben und obendrein scheint es, als würde die philippinische Armee mit den Terroristen kooperieren. Mitch Rapp, Special Agent der CIA, bekommt den Auftrag, sich der Lage anzunehmen und im Land von Charlies Neffen für Recht und Ordnung zu sorgen. Währenddessen plant der palästinensische Attentäter David ohne Nachnamen einen Anschlag mit der Größenordnung, den gesamten Friedensprozess im Nahen Osten aus dem Gleichgewicht zu bringen, um so am Ende die USA ins Schach zu setzen. Es gibt also allerhand zu tun für unseren weiß gepinselten Protagonisten Rapp. Ein Mann wie ein Faustschlag: direkt, impulsiv, offen, pragmatisch, gleichzeitig liebevoll (zumindest was das Verhältnis zu seiner frisch Anvertrauten Anna betrifft) und natürlich absolut freiheitsliebend™. Ein richtiger Held eben. Da macht es auch nichts, dass die „groß angelegte politische Verschwörung“ auch jenseits der Mitte des Buches noch nicht ihre grauslige Fratze emporgereckt hat. Mehr noch, der Leser wird ja ausreichend damit belohnt, dass er im Detail das streng dualistische Cowboy&Indianer-Weltbild eines ehemaligen Buchführungsspezialisten und Grundstücksmaklers kennen lernt. Und wer freut sich nicht über Rambo-Gehabe im Oval Office, durch und durch bösartige irakische Geheimdienstchefs, sinnentleerte Gespräche auf Abendveranstaltungen im Weißen Haus, masochistische Palästinenser und gestählte Marines, die sich durch den tropischen Urwald wühlen, während sie hie und da einem Schurken den Kopf wegpusten? Zwar ist die Geschichte überaus langatmig geschrieben, und über hunderte von Seiten schieben sich die beiden Handlungsstränge scheinbar ohne Zusammenhang nebeneinander her, doch wer die Welt gerne in Schubladen – und zwei genügen da voll und ganz – verpackt präsentiert bekommt und militärischem Tam-Tam den Vorzug gibt, der ist bei „Das Kommando“ garantiert an der richtigen Adresse.

Inzwischen gehen die Geschichten über Superagent Mitch Rapp in den Staaten in die fünfte Runde: „Memorial Day“ widmet sich dem aktuellen Angstthema eines über schlecht gesicherte Hafenanlagen durchgeführten Terroranschlags. Selbstverständlich muss auch hier hart durchgegriffen werden, um Herr der Situation zu werden: Please call 911-Rapp-blow-’em-up! Obgleich „Memorial Day“ es nur auf Platz 7 der Bestsellerliste der New York Times schaffte, ließe sich der große Erfolg der Rapp-Serie doch als rote Karte in Richtung einer US-amerikanischen Laissez-faire-Politik verstehen. Eine Absage an ein als durch und durch verfilzt wahrgenommenes Staatswesen, kombiniert mit dem Aufruf: Schützt uns, koste es was es wolle und lasst politisches Brimborium wie Diplomatie und Internationale Beziehungen links liegen! Nicht umsonst räumt Vince Flynn dem „Enthüllungsbericht“ von Martin L. Gross, „The Government Racket: Washington Waste from A to Z“, besondere Bedeutung für sein eigenes Weltverständnis ein – „without a doubt the most disheartening and enlightening book about politics that I’ve ever read.“ Doch sollte inzwischen klar sein, dass, wer stur (und meist fälschlich) auf 2 Mose 21,24 pocht, am Ende mit leeren Händen dastehen wird – so er überhaupt noch etwas hat, um zu greifen. Vielleicht hätte man Flynn doch besser zum US Marine Corps Aviation Program zulassen sollen, dann hätte er zumindest nicht mit dem Schreiben begonnen.

_Michel Bernhardt_
|Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins [X-Zine]http://www.x-zine.de/ veröffentlicht.|

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