Grangé, Jean-Christophe – steinerne Kreis, Der

Als die französische Tierforscherin Diane Thiberge einen kleinen Jungen aus Indonesien adoptiert, ahnt sie noch nicht, dass ihr Leben damit zu einem tödlichen Abenteuer wird. Denn der kleine Lü-sian ist nicht irgendein Straßenkind, sondern ein Schamane: ein „Wächter“.

_Der Autor_

Grangé ist der Autor des verfilmten Thrillers [„Die purpurnen Flüsse“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=936 (1998). 1961 in Paris geboren, arbeitet er als freier Journalist für diverse Magazine, darunter Paris-Match, Gala, Sunday Times, Observer, El País, Spiegel und Stern. Seine Reportagen führten Grangé zu verschiedenen ursprünglich lebenden Völkern wie den Tuareg, den Pygmäen und den Mongolen. In der Mongolei kam er nach Verlagsangaben auch mit Schamanenstämmen in Kontakt, die im vorliegenden Buch eine Rolle spielen.

_Handlung_

|Eine interessante Frauenfigur|

Mit der Tierforscherin Diane Thiberge hat Grangé eine interessante Frauenfigur geschaffen. Weil Diane als Hippiekind ihren Vater nicht kennt, lernt sie, ihre Mutter aufgrund ihrer wechselnden, wahllosen Liebschaften abzulehnen. Den Gipfel dieser Zurückweisung erlebt Diane im Alter von 14 Jahren: Ihre Mutter, Sibylle, ist nach einem Abendessen mal wieder mit einem ihrer Männern losgezogen, ohne sich um Diane zu kümmern, die zu Fuß nach Hause geht. Dabei muss sie etwas so Schreckliches erlebt haben, dass sie die Erinnerung daran wie in eine Stahlkammer einschloss – es muss wohl eine Vergewaltigung oder etwas Ähnliches sein.

Fortan duldet Diane keinerlei Berührungen oder gar Liebkosungen mehr, lässt sich schon gar nicht auf Männer ein. Sie widmet sich der Erforschung des Jagdverhaltens der Raubtiere – besonders Löwinnen faszinieren sie. Und sie wird Europameisterin in einer Kampfsportart namens Wing Tsun, um sich künftig gegen eventuelle männliche Übergriffe schützen zu können. Man könnte Diane, benannt nach der Jagdgöttin, als moderne Amazone bezeichnen.

Doch ihre biologische Uhr tickt unbarmherzig. Als sie 30 wird und noch kein Kind hat, lehnt sie die Reproduktionsmedizin ab: Sie will nichts in sich eindringen lassen. Folglich entscheidet sie sich für die Adoption. Als sie jedoch wegen ihres Ledigseins für die Rolle der Adoptivmutter für ungeeignet gehalten und abgelehnt wird, muss sie ihren Stiefvater Charles Helikian um Hilfe bitten. Er ist ein psychologischer Berater von höchsten Kreisen der Politik, der Finanz- und Wirtschaftswelt. Ihr Antrag wird in erstaunlich kurzer Zeit bewilligt.

In einem obskuren Waisenhaus auf den Andamaneninseln im Indischen Ozean erhält sie einen Jungen, den sie Lucien nennt, weil er immer „Lü-sian“ sagt. Auch die Heimvorsteherin weiß nicht, woher er stammt. Diane erlebt in Paris mit Lucien die seit langer Zeit schönsten Tage. Er kann singen und tanzen, doch seine Sprache versteht niemand.

|Das Unheil schlägt zu, und nicht nur einmal|

Nach einem Abendessen bei ihrer verhassten Mutter ist Diane so verstört, dass sie auf der Ringautobahn von Paris einen schweren Unfall baut: Von der Gegenfahrbahn war ein riesiger Lastzug auf ihre eigene Fahrbahn durchgebrochen. Im strömenden Regen sieht sie den Lastzug zu spät … Sie findet ihren kleinen Sohn halbtot unter dem Lastzug. Im Krankenhaus stellt man fest, dass er im Koma liegt.

Die schier untröstliche Diane bekommt mitgeteilt, dass ihr Sohn bald sterben wird, und so gewährt sie einem fremden Arzt, der sich als Rolf van Kaen aus Deutschland vorstellt, die Erlaubnis, mit Akupunktur zu arbeiten. Wundersamerweise erholt sich Lucien daraufhin, während niemand den Arzt aus Deutschland zu kennen scheint. Wenig später findet man seine Leiche, auf bizarre Weise getötet: Sein Herz war explodiert, weil ihm jemand die Halsschlagader abgedrückt hatte – von innen …

Der Polizeiinspektor sagt, dass ein Rolf van Kaen 1969 bis 1972 an einem geheimen Kernfusionsprojekt der Russen, einem sogenannten „Tokamak“, in der nördlichen Mongolei beteiligt gewesen war. Ist es Zufall, dass Lucien als ein „Türkmongole im Alter von fünf Jahren“ und seine Sprache als die eines „Mongolen vom Stamme der Tsewenen“ identifiziert wird? Die Tsewenen sind vom Aussterben bedroht. Haben der Tokamak und die Tsewenen etwas miteinander zu tun?

Das, was Lucien singt, ist der Trancegesang eines Tsewenen-Schamanen. Dessen Funktion besteht darin, bei der Herbstjagd den Scout zu spielen, der die Jagdtiere mit Hilfe des Zweiten Gesichts aufspürt. Dianes Sohn, der nun Lüü-Si-An (Wächter) genannt wird, ist ein ganz besonderes Kind. Aber nicht das einzige seiner Art. Und auf seinen Fingerkuppen steht seitenverkehrt eingebrannt das Datum „20. Oktober 1999“.

|Zum Showdown|

Diane – und dem Rest der Welt – bleiben also offenbar nur noch wenige Tage Zeit, bis etwas Entscheidendes passiert – das womöglich mit Kernfusion zu tun hat. Und deshalb muss sie dringend in die Äußere Mongolei fliegen, bevor noch mehr Menschen sterben, und herausfinden, was es mit dem Tokamak auf sich hatte. Von dem Polizeiinspektor erfährt sie per Mail, dass alle Ermordeten mit parapsychologischen Experimenten der Russen in Zusammenhang standen. Das entsprechende Forschungslabor lag direkt unter dem „steinernen Kreis“ des Kernfusionsreaktors.

Nach langer, anstrengender Reise muss Diane erkennen, wer letzten Endes hinter den Morden, den Wächtern und den parapsychologischen Experimenten an den Schamanen der Tsewenen steckt. Die Erkenntnis erklärt die Tragödie ihres Lebens und zwingt sie zu einem verzweifelten Kampf auf Leben und Tod.

_Mein Eindruck_

Grangés Roman ist sehr schwer zu definieren; keine Schublade will auf das passen, was da auf den Leser zukommt. Was zunächst wie eine eigenartige Biografie beginnt und sich zu einer Mordserie ausweitet, wird unversehens zu einem ethnografischen Abenteuer, das in einen wissenschaftlichen Albtraum zurückführt und als Konsequenz zu einem Zweikampf Mensch gegen Tier zwingt.

Was die Handlung nicht nur enorm spannend, sondern unter anderem auch so interessant macht, ist der Umstand, dass die Amazone Diane eine streng logisch denkende Wissenschaftlerin ist, die kaum Gefühle zulässt, geschweige irgendwelchen esoterischen Humbug wie etwa Hellseherei, Telepathie oder gar Psychokinese.

Doch im Zuge ihrer eigenen Nachforschungen, die sich als gefahrvoll und leichenträchtig herausstellen, muss sie das Unvorstellbare akzeptieren: Dass der verhängnisvolle Unfall durch Telekinese von dritter Seite herbeigeführt wurde. Als sie weiteren Schamanen wie ihrem Adoptivsohn begegnet, ist sie gezwungen, noch weitere Phänomene als existent anzuerkennen, die sie zuvor radikal abgelehnt hatte. Phänomene aus der Parapsychologie, aber noch viel mehr, als die westliche Wissenschaft sich je träumen lassen würde.

Ich dachte, Grangé würde dort aufhören, wo Robert Holdstocks Romane „Mythago Wood“ und „Lavondyss“ beginnen: die Auferstehung der Geisterwelt. Auf den letzten Seiten des Grangé-Buches wurde ich eines Besseren belehrt: Die Grenzlinie, wo Mensch und Tier, Menschenwelt und wilde Natur aufeinandertreffen, verschwindet und das eine geht in das andere über. Natürlich wird nicht jeder Leser bereit sein, diese Grenzlinie zu überschreiten. Man betrachte den Rest dann eben als Fantasy.

Auch wenn man so manches als dichterische Freiheit akzeptieren kann, so steht doch fest, dass der Autor selbst die mongolischen Schamanen besucht hat. Und dass Schamanen von Jakuten, Samojeden und anderen ihre Weltsicht und ihr Wissen mit ihren nordamerikanischen Vettern teilen. Denn diese Indianer sind ja lediglich während der Eiszeit ausgewanderte Stämme, die die Beringstraße überquerten. Der Exodus wird u. a. in dem Ethno-Roman „Die Zeit des Wolfs“ von Gear & Gear packend und lebendig geschildert.

|Der politische Hintergrund|

Meines Wissens bringt der Autor das erste Mal die Verbrechen der Roten Armee gegen die mongolische Zivilbevölkerung zur Sprache. Der Aufstand von 1932 wurde niedergeschlagen; es gab 40.000 Tote auf mongolischer Seite. 1960 folgte die Welle der Zwangskollektivierung, die den Nomaden ihre Lebensgrundlage entzog und sie, wie einst die Prärieindianer, zu entwurzelten Abhängigen und Bettlern machte. Außerdem unterzogen skrupellose sowjetische Wissenschaftler zahllose Schamanen, also die Vertreter von Heilkunde und Stammesgedächtnis der sibirischen und mongolischen Völker, illegalen und grausamen Experimenten.

Vielleicht sagt dem einen oder anderen Leser „Der Archipel Gulag“ etwas – er wurde in Alexander Solschenitzyns Romanen zur Sprache gebracht: eine Reihe von Konzentrationslagern, in denen Dissidenten und andere unliebsame Zeitgenossen unter unmenschlichen Bedingungen zusammengepfercht wurden. Die meisten dieser Insassen starben. Und wie Grangé behauptet, bestand diese menschenfeindliche Praxis auch noch während der Tauwetterphase der sechziger Jahre und später. Das sind relativ schwere Anklagen, die der Autor hier erhebt. Man kann nur hoffen, dass sie begründet sind.

_Unterm Strich_

Ich habe den Roman in drei Tagen geschafft. Er ist einfach und jederzeit verständlich erzählt, gibt unendlich viele Rätsel auf und spart nicht mit Überraschungen und Enthüllungen. Außerdem mag ich solche Ethnothriller, die vor einem wissenschaftlichen Hintergrund spielen. Die Hauptfigur Diane sorgt für Interesse und ist beinahe frei von Klischees.

Natürlich gehört das Buch zur Unterhaltungsliteratur. Daher wird man tief schürfende Nabelschauen der Protagonisten vergeblich suchen, wie man das von deutschen Autoren so gewöhnt ist. Vielmehr setzt der Autor einen bewährten Trick ein: Die Außenwelt spiegelt die Innenwelt. Beschreibungen der Natur und die Reaktion auf Naturphänomene reflektieren metaphorisch das Befinden des jeweiligen Betrachters – der meist die Hauptfigur Diane ist. Und so weiß der Leser ausreichend Bescheid darüber, wie sie sich fühlt.

Die Übersetzung ist geradezu makellos, und es gibt kaum einen Druckfehler im ganzen Buch. Beinahe ein Wunder in unserer Zeit.

|Originaltitel: Le Concile de Pierre, 2000
Aus dem Französischen übersetzt von Barbara Schaden|