Laura Gallego García – Finis mundi oder Die drei magischen Amulette

Michel ist um Haaresbreite der Zerstörung seines Klosters entgangen. Gerettet hat er außer seinem Leben nur eine kostbare Handschrift mit Kommentaren zur Apokalypse und, was weit wichtiger ist, ein paar lose Blätter mit der Niederschrift eines alten Einsiedlers aus Thüringen. Die Niederschrift besagt, dass zum Jahrtausendwechsel die Welt untergehe. Es sei denn … jemand finde die drei Achsen der Zeit, bringe sie zusammen und rufe den Geist der Zeit an, um der Menschheit weitere tausend Jahre Frist zu erflehen, in der sie sich zum Besseren verändern könne!

Vollkommen überzeugt, dass dies die Wahrheit sei, hat Michel sich in den Kopf gesetzt, die Achsen zu finden. Da er sich in der Welt außerhalb seines Klosters nicht auskennt, fragt er einen Bänkelsänger um Rat. Zu seinem Glück erklärt Mattius sich bereit, ihn zu begleiten. Denn schon bald stellt sich heraus, dass einige mächtige Personen mit der Rettung der Welt ganz und gar nicht einverstanden sind!

Die Charaktere

Michel kam bereits als Kind ins Kloster, insofern ist es nur logisch, dass er zu Anfang der Geschichte noch naiv und gutgläubig ist. Vieles von dem, was er auf seiner Reise sieht, kann er zunächst nicht nachvollziehen, nicht nur, weil es dem widerspricht, was man ihn im Kloster gelehrt hat, sondern auch, weil es ihm völlig sinnlos erscheint. Im Laufe der Zeit wird er allerdings erwachsen. Eines aber können ihm selbst die Erfahrungen seiner Suche nicht nehmen, und das ist sein Glaube an die Menschen und das Gute in ihnen.

Mattius ist da weit skeptischer. Auf seiner nahezu lebenslangen Wanderschaft hat er so vieles gesehen, dass ihm eben dieser Glaube längst abhanden gekommen ist. Er ist eigenbrötlerisch und begegnet Michels Überzegung lediglich mit ziemlichem Sarkasmus. Erst die Ereignisse in Aachen führen dazu, dass er zumindest die Vision des Einsiedlers ernst zu nehmen beginnt, wenn er auch nicht einsieht, warum die grausame Welt, in der sie leben, wert sein sollte, gerettet zu werden.

Lucía dagegen, der kastilische Wildfang, der sich ihnen in Santiago de Compostela anschließt, scheint über solche Dinge nicht nachzudenken. Sie will vor allem ein unabhängiges Leben führen. Dazu gehört in aller erster Linie, der unerwünschten Heirat zu entgehen, die ihr Vater für sie arrangiert hat. Außerdem liebt sie Balladen und Geschichten, und der berühmte Mattius scheint ihr genau der Rechte, um sie zur Bänkelsängerin auszubilden. Das ist allerdings der einzige Punkt, in dem sie sich dreinreden lässt …

Leider hat sich die Autorin nicht die Zeit genommen, ihren Charakteren mehr als nur eine grobe Skizzierung angedeihen zu lassen, sie wirken alle ein wenig fad. Dazu bemühen Lucía und Lady Alinor einen Typ Frau, der inzwischen so gern für Historienromane herangezogen wird, dass er bereits zum Klischee verkommt, nämlich den der intelligenten, willensstarken Frau, die um Selbstbestimmung kämpft, auf welche Weise auch immer.

Die Handlung

Auch die Handlung ließ Tiefe vermissen. Zwar macht Michel zu Beginn seiner Reise ein paar unangenehme Erfahrungen, die ihn aus seinem weltfremden Denken ein wenig herausholen. Für eine wirklich lebensnahe Darstellung der damaligen Zeit reichen die kurz angerissenen Szenen jedoch nicht aus. Der Schwerpunkt der Erzählung liegt eben doch eher auf der Suche nach den drei Achsen. Trotzdem fand ich die Ausarbeitung des geschichtlichen Hintergrunds viel zu schwach, vor allem im Hinblick darauf, dass die Autorin Historikerin ist. Da hätte ich schon einiges mehr erwartet.

Zumal auch die Handlung selbst relativ schnell abgewickelt wird. So wunderte ich mich zum Beispiel, dass die erste Achse sich tatsächlich in Aachen befand. Wie die Autorin es schon selbst ihren Charakteren in den Mund gelegt hat, hätte die Beschreibung des ersten Verstecks auch auf Rom oder Jerusalem gepasst, wahrscheinlich sogar besser als auf Aachen. Der Grund, warum die Autorin die Fundorte so gelegt hat, wie sie es tat, war wohl der zeitlich knappe Rahmen von drei Jahren, innerhalb dessen alle erreichbar sein mussten. Und selbst dann war der Zeitrahmen nur ausreichend, weil der unwahrscheinliche Fall eintrat, dass Michel sich nicht ein einziges Mal in der Wahl seines Zieles geirrt hat, obwohl er keine präzisen Angaben dazu hatte!

Dazu kamen Probleme in der Logik. Das Motiv der Jahrtausendchance, die immer wieder durch die Bitte eines Menschen und Beschwörung magischer Gegenstände neu gewährt werden muss, passt eigentlich nicht ins christliche Weltbild. Insofern wäre eine reine Fantasywelt vielleicht der bessere Hintergrund für eine solche Geschichte gewesen als das Mittelalter.

Erstaunlich ist auch, dass eine Frau in der Lage gewesen sein soll, dem Meister einer internationalen Bruderschaft Anweisungen zu erteilen, obwohl sie selbst erst vor kurzer Zeit begetreten ist. Da der Leser Informationen über die Aktivitäten der Antagonisten nur dann erhält, wenn diese mit den Hauptpersonen zusammentreffen, fehlt ihm jedes Hintergrundwissen, das diese ungewöhnliche Situation begründen könnte. Geld alleine reicht dafür nicht aus, zumal es eigentlich überhaupt nicht im Interesse der Bruderschaft gelegen hätte, die dritte Achse zu finden. Für diese Gruppe wäre es weit sinnvoller gewesen, die drei Weltenretter einfach umzubringen!

Um das Maß voll zu machen, stolperte ich gelegentlich über sprachliche Schnitzer, die eigentlich nicht vorkommen sollten. Manche saloppe Redewendung und Wortwahl klang so aktuell, dass ich sie nur als Stilbruch bezeichnen kann. So hätte ich in einem Roman, der im Mittelalter spielt, eher den Begriff „Kerl“, aber keinesfalls „Typ“ erwartet! Auch die Formulierung, dass „Flammen den Wald in Feuer tauchten“, finde ich nicht unbedingt gelungen.

Bleibt zu sagen, dass mich das Buch nicht überzeugen konnte. Den Charakteren fehlte Identifikationspotential, dem historischen Hintergrund fehlte es an Stimmung und der Handlung an Spannung. Selbst wenn ich berücksichtige, dass Zwölfjährige in dieser Hinsicht vielleicht nicht so anspruchsvoll sind, schafft es „Finis Mundi“ nicht über unteres Mittelmaß hinaus.

Laura Gallego García stammt aus Valencia. „Finis Mundi“ war ihr erster Roman. Von ihren weiteren Werken sind auf Deutsch bisher „Das Tal der Wölfe“ und der Zyklus |Die geheime Welt Idhún| erschienen. Ihr neuestes Buch „Der Fluch des Meisters“ ist für Juli dieses Jahres angekündigt.

Taschenbuch: 304 Seiten
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