John Bude – Mord in Cornwall

In seinem Haus am Strand wird der herzlose Julius Tregarthan umgebracht. Zu den Verdächtigen gehören u. a. seine unterdrückte Nichte und ihr psychisch labiler Bräutigam. Weil die Indizienlage schwach ist, bezieht Inspector Bigswell den krimibegeisterten Pfarrer in die Ermittlungen ein … – Dieser Roman aus der „Goldenen Ära“ des britischen Rätselkrimis ist nicht so geschickt geplottet wie die Klassiker des Genres, kann das aber durch die gut charakterisierten Figuren und den eleganten Schreibstil wettmachen: eine willkommene Wiederentdeckung.

Das geschieht:

Boscawen ist ein Dorf an der Atlantikküste der südostenglischen Grafschaft Cornwall. Zum Zeitpunkt der hier geschilderten Ereignisse zählt es 400 Einwohner, die einander (viel zu) gut kennen. Zur lokalen Prominenz zählt Reverend Dodd, in dessen uralter Dorfkirche St. Michael’s-on-the-Cliff die meisten Bürger mehr oder weniger regelmäßig die Bänke drücken.

Ein deutlich weniger beliebter Zeitgenosse ist Julius Tregarthan, Großgrundbesitzer und ehemaliger Friedensrichter, der sich durch seine Herzlosigkeit und Geldgier den Hass derer zugezogen hat, die seiner Willkür ausgeliefert sind. Dazu gehört auch Nichte Ruth, deren Vormund Julius nach dem Tod der Eltern wurde. Die junge Frau hat sich bisher den Launen des Onkels unterworfen. Nun ist sie jedoch mannbar geworden und hat sich verliebt. Ronald Hardy ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der allerdings unter einem Kriegstrauma leidet und psychisch labil ist. Julius missbilligt die Verbindung und hat Hardy verboten, Ruth wiederzusehen.

Kurz darauf liegt er mit durchschossenem Schädel tot im Arbeitszimmer von „Greylings“, das Julius mit Ruth und dem Diener-Ehepaar Cowper bewohnt. Der Fall geht an Inspector Bigswell, der wenig erfreut die wenigen Indizien zur Kenntnis nimmt, während die Schar der Verdächtigen unerfreulich kopfstark ist. Dazu gehören farbenfrohe Gestalten wie der Wilderer Ned Salter, der dem alten Tregathan einen längeren Gefängnisaufenthalt ‚verdankt‘, aber auch Hardy – der zudem abgetaucht zu sein scheint – und vor allem Ruth, die sich zudem recht verdächtig benimmt.

In seiner Not akzeptiert Bigswell die Hilfe des Reverends, der seine Schäfchen nicht nur sehr gut kennt, sondern auch ein begeisterter Leser von Kriminalromanen ist. Gemeinsam lösen sie das Rätsel eines Mordes mit abgrundtiefer Vorgeschichte …

Kein Klassiker, nur alt – und unterhaltsam

„Mord in Cornwall“ gehört zu jenen ‚vergessenen‘ Kriminalromanen, die von der British Library in ihrer Reihe „Crime Classics“ neu veröffentlicht wurden. Man kann diesen Enthusiasmus sowohl verstehen als auch begrüßen, denn wie sich (einmal mehr) herausstellt, besitzt die Geschichte des (britischen) Kriminalromans weiterhin blinde Flecken, in denen Werke verstauben, die dieses Schicksal nicht verdienen.

Es handelt sich nicht um ‚echte‘ Klassiker, wie sie Agatha Christie, Dorothy L. Sayers oder John Dickson Carr schrieben, sondern ‚nur‘ um handwerklich solide gezimmerte Krimis, die ihre Leser unterhalten sollten. John Bude veröffentlichte vor allem für Verlage, die ihre Bücher an Bibliotheken schickten. Dort wurden sie verliehen und als Altpapier entsorgt, wenn sie zerlesen waren. Neuauflagen waren selten. Auf diese Weise konnte selbst ein so fleißiger Autor wie Bude in Vergessenheit geraten.

„Mord in Cornwall“ war Budes Erstling – allerdings nur als Krimi, was die stilistische Eleganz erklärt: Hier schrieb kein Anfänger. Unter seinem Geburtsnamen Ernest Elmore hatte der Verfasser bereits mehrere Werke veröffentlicht, bevor er sich als „John Bude“ auf den Krimi konzentrierte. Als solcher hat er trotz seiner Schreiblust relativ wenige Spuren im Genre hinterlassen, weshalb man dankbar ist, dass Martin Edwards – selbst Autor zahlreicher Kriminalromane – in einem Nachwort Hintergrundinformationen liefert.

Wie? Wer? Warum?

Bude war nach Ansicht vieler Kritiker vor allem bzw. allzu sehr auf den Plot fixiert. Man verglich ihn u. a. mit R. Austin Freeman und anderen Autoren, die das Gebot des „fairen“ Krimis auf die Spitze trieben: Sie wollten den Lesern gewissenhaft gemeinsam mit dem Ermittler den beschriebenen Fall lösen lassen und boten ihnen sämtliche Informationen über Tatort, Indizien und Verdächtige. Das ließen sich diese gern gefallen, wenn dem eine raffinierte und überraschende Auflösung folgte. Wichtig war dabei die Beschränkung auf den Kreis derjenigen Personen, die bis zu diesem Zeitpunkt die Handlung bestimmt hatten. Last-Minute-Kandidaten, die als Schurken entlarvt wurden, waren verpönt.

Schlechte Karten für Bude, der gleich beides ignoriert. Wir lernen Greylings, den Tatort, und seine Umgebung buchstäblich Zentimeter für Zentimeter kennen. Bude ködert uns mit einem Mord, der faktisch unmöglich ist, was er uns nachdrücklich ‚beweist‘ – um plötzlich durch eine Hintertür ein völlig neues Szenario zu präsentieren! Auch die Identität des Täters ist vorab unmöglich zu erraten. Zu beiläufig und unbeteiligt lässt Bude ihn auftreten, bevor er final demaskiert wird.

Doch Bude scheibt eben keinen der für seine Ära typischen Rätsel-Krimis. Er orientiert sich stärker an der Realität und verfolgt einen anderen Ansatz. Ihm geht es zunächst darum, die Bluttat selbst zu erklären. Wie wurde Julius Tregathan umgebracht? Die Spuren sind vage und missverständlich, weshalb die Handlung lange um entsprechende Lösungsbemühungen – und Irrtümer – kreist. Die schließlich ermittelte Methode ist trickreich, wenn auch wenig plausibel, aber sie stellt zufrieden.

Ermittlung als Spiel mit Folgen

Nun intensiviert Bude die Suche nach dem Täter (oder der Täterin). Wieder ist er im Grunde zu gründlich und weist die Schuld mehrfach so eindeutig nach, dass nur die schon erwähnte Hintertür einen Ausweg bietet: Ohne überraschendes Auftreten des wahren Übeltäters wäre sicherlich ein/e Unschuldige/r an den Galgen gekommen.

Budes Absicht enthüllt sich, wenn er abschließend den Grund für das Verbrechen offenbart. Erst jetzt erkennen wir, wie der Autor mit uns bzw. unterer Erwartungshaltung gespielt hat. Aus dem Opfer wird erst ein zwielichtiger Charakter und letztlich ein Drecksack, der sein Ende selbst heraufbeschworen hat. Der ins Geschehen ‚geworfene‘ Mörder gehört durchaus zum Kreis der Verdächtigen – ein Kreis, den vornehmlich der Ermittler lange nicht weit genug gezogen hat.

Dass „Mord in Cornwall“ trotz solcher (scheinbaren) Mankos für (nicht unbedingt spannende, aber) gute Unterhaltung sorgt, hängt mit Budes Talent zusammen, glaubhafte Figuren zu zeichnen – ein Talent, dass auch die Klassiker-Größen keineswegs automatisch auszeichnete. Aus heutiger Sicht sind die Protagonisten Klischees: der übereifrige, krimibelesene Pastor, sein Freund, der zynische Arzt, die verdächtige Schöne und ihr neurotischer Liebhaber, die treuherzig-beschränkte Dienerschaft etc. Nach und nach tun sich aber Abgründe auf, die dem Geschehen unerwartete Wendungen bescheren.

Während Reverend Dodd sehr profilstark gezeichnet wird, bleibt Inspector Bigswell relativ blass. Dies ist vom Verfasser beabsichtigt. Einerseits steht der Fall mit seinen Beteiligten im Vordergrund, andererseits ist Bigswell auf seine zurückhaltende Art ein guter Ermittler, der deshalb keine Schwierigkeiten damit hat, die Hilfe des Pastors in Anspruch zu nehmen: Die im Krimi oft bemühte Rivalität zwischen Profi und Amateur erspart Bude seinen Figuren – und seinen Lesern.

Mit sicherem Blick fürs dramatische Ambiente

Erfreulich handlungsförderlich ist Budes Blick für eine Landschaft, die er für seinen Plot gestaltet. Cornwall war in den 1930er Jahren noch kein Urlaubsort, weshalb der Autor in lokalen = ‚echten‘ Eigentümlichkeiten schwelgen konnte. Die eher schroffe als idyllische Küste nimmt unter Budes Feder Gestalt an; heute würde diesem Roman wahrscheinlich eine ganze Serie weiterer Cornwall-Krimis folgen. Bude wechselte die Umgebung (und den Ermittler) und sorgte weiterhin für nahrhaftes Krimi-Futter.

Hoffentlich können wir uns selbst davon überzeugen! In England wurden bereits weitere Bude-Krimis neu aufgelegt. Hierzulande würde man sich eine Fortsetzung jenes Engagements wünschen, das der Verlag Klett-Cotta beweist, der hierzulande unbekannte bzw. bisher nur gekürzt erschienene Alt-Krimis herausgibt: vollständig, gut übersetzt und trotz des günstigen Kaufpreises schön aufgemacht.

Autor

Als Ernest Carpenter Elmore wurde John Bude 1901 in Maidstone, einer Stadt im südostenglischen Kent, geboren. Während eines Studium begann sich Elmore für die Bühne zu interessieren. Als Inspizient („stage manager“) tourte er in den 1920er Jahren mit den Lena Ashwell Players.

Bereits in dieser Zeit begann Elmore zu schreiben. „The Steel Grubs“, ein humoristischer Mystery-Roman, erschien 1928. Bis zu seiner Heirat 1933 blieb Elmore dem Theater treu. Der Umzug nach Beckley in Sussex markierte die Geburt von „John Bude“, denn Elmore wurde ein Vollzeit-Schriftsteller, der unter dem genannten Pseudonym ab 1935 dreißig Kriminalromane verfasste; in den meisten ermittelte Superintendent William Meredith, ein Polizist in Nordengland. Parallel dazu veröffentlichte Elmore unter seinem Geburtsnamen Bücher, die nicht dem Krimi-Genre angehörten. 1953 gehörte er zu den Mitbegründern der bis heute überaus aktiven „(British) Crime Writers‘ Association“ (CWA).

Nach einer überaus produktiven Laufbahn starb Ernest Elmore am 8 November 1957 in Hastings, Sussex. Seine zahlreichen Kriminalromane gerieten rasch in Vergessenheit; in England sind sie selbst antiquarisch kaum noch greifbar. Erst im 21. Jahrhundert wurde „John Bude“ wiederentdeckt und die formalen wie inhaltlichen Qualität seiner Werke gewürdigt.

Gebunden: 304 Seiten
Originaltitel: The Cornish Coast Murder (London : Skeffington & Son 1935)
Übersetzung: Barbara Heller
https://www.klett-cotta.de

E-Book: 1295 KB (Kindle)
ISBN-13: 978-3-608-11029-6
https://www.klett-cotta.de

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