Jurjevics, Juris – Trudeau-Vektor, Der

_Eiskalter Thriller: Showdown unterm Nordlicht_

In der Eiswüste der Arktis kommen in der Nähe ihrer Forschungsstation „Trudeau“ vier Wissenschaftler unter rätselhaften Umständen ums Leben. Völlig unklar ist die Todesursache – es scheint, als habe etwas die Lungen und Augen in kürzester Zeit zerstört. Die Augen der Toten haben keine Pupille mehr.

Doch woher kam in derlebensfeindlichen Umwelt dieser todbringende Stoff? Jessie Hanley, eine weltweit anerkannte Wissenschaftlerin, wird zur Station in die Arktis eingeflogen, um vor Ort die Untersuchung zu leiten. Was sie am meisten interessiert: Was weiß die kurz vor den Todesfällen abgereiste russische Wissenschaftlerin über die Vorkommnisse in Trudeau? Dummerweise ist das Atom-U-Boot, in dem die Russin abreiste, seitdem verschollen.

|Der Autor|

Juris Jurjevics wurde während des 2. Weltkriegs in Lettland geboren. Fünf Jahre lebte seine Familie in verschiedenen Vertriebenenlagern in Deutschland, bevor sie in die USA auswandern konnte. Jurjevics wuchs in New York City auf, diente in Vietnam und begann 1968 seine Laufbahn im Verlagswesen. Seit Mitte der achtziger Jahre ist er Verleger des angesehenen und unabhängigen kleinen Verlags SOHO PRESS in New York.

|Der Sprecher|

Walter Kreye ist dem Hörer nicht nur durch zahlreiche Film- und TV-Rollen bekannt. Seine Stimme war in den verschiedensten Hörspiel- und Hörbuchproduktionen zu hören. Für |Hörbuch Hamburg| hat er beispielsweise „Der Professor“ von Amélie Nothomb gelesen.

Regie führte Gabriele Kreis.

_Handlung_

Es ist der Verwaltungsdirektor der Trudeau-Forschungsstation, der die Toten findet. In der Luft herrschen eisige 40 Grad unter Null, doch das Zelt der drei Forscher ist leer, niemand zu sehen. Die Funkstille ist ebenfalls verdächtig, und allmählich macht sich Verneaux Sorgen. Er vermisst die Engländerin Annie Bascombe, den Japaner Junzu Ogata und den Russen Minskoff. Sie werden doch nicht in die einzige eisfreie Stelle weit und breit gefallen sein, oder? Die Pulinya ist ihnen von ihren Forschungsarbeiten her viel zu vertraut. Aber wo sind sie dann?

Erst Tage später finden die Suchmannschaften einen vierten Toten. Alex Koschut liegt splitternackt auf dem Eis. Doch seinen Augen fehlen die Pupillen, seine Lungen sind nicht voller Fasern wie die der anderen. Koschut hatte sich lediglich das Rückgrat gebrochen, als er erfror.

In Los Angeles lebt Jessie Hanley, 42, nach ihrer Scheidung recht zufrieden mit ihrem achtjährigen Sohn Joey, als sie ins Institut gerufen wird. Das National Institute of Infectious Diseases wird von den kanadischen Behörden um Hilfe ersucht, um die vier Todesfälle auf der kanadischen Arktisstation Trudeau zu untersuchen. Was hat die Opfer getötet und ist es noch gefährlich?

|Ins Eis|

Mit ihren Kollegen Ishikawa, Weingart und dem Chef Lester Munson macht sich Jessie über die Obduktionsergebnisse her. Sie hat so etwas noch nie gesehen. Munson kommt zu dem Schluss, dass jemand vom Team hinfliegen und vor Ort ermitteln muss. Geschickt nutzt er Jessies Geltungsbedürfnis – auch als Frau – aus. Wenige Stunden später steigt sie im eisigen Anchorage in einen riesigen Militärflieger, der sie in die Region bringt, wo sich die Trudeau-Station auf einer Aleuten-Insel erhebt.

Ihre Ankunft ist spektakulär: Sie sitzt wie eine Kosmonautin in einer Kapsel, die abgeworfen wird und an Fallschirmen auf die Oberfläche schwebt. Vom Aufprall ist sie zu benommen, um die Fallschirme abzusprengen. Der Wind zerrt die Kapsel übers scharfkantige Eis. Bevor diese völlig zertrümmert und Jessie gefriergetrocknet wird, stoppt ein Empfangskomitee die Bewegung der Kapsel und bringt Jessie in Sicherheit.

|Die Station|

Der Aufenthalt in der modernen Station, das ist Jessie klar, dauert nicht kurz mal ein paar Tage, sondern nicht weniger als sechs Monate. Das bedeutet eine ziemlich grundlegende Umstellung der Lebensweise. Wenigstens wird sie von Direktor Felix Mackenzie und seinem Forscherteam ziemlich freundlich empfangen. Es gibt nur einen Nörgler, Simon King. Schon hier fällt ihr der Inuit Jack Nemet auf, der wie ein Mongole aussieht. Er hat ihre Kapsel gerettet.

Zunächst kommt ihre Ermittlung überhaupt nicht voran, denn die Obduktionsergebnisse sind weiterhin rätselhaft und die Aufzeichnungen geben wenig her. Wer war der Überträger des Agens, der Vektor? Sie will mit der russischen Forscherin Likia Tarakanova sprechen, doch diese reiste kurz vor den vier Todesfällen mit einem russischen U-Boot ab, das in der Pulinya aufgetaucht war. Seitdem ist es den Kanadiern nicht gelungen, von den Russen Auskunft über den Verbleib des U-Bootes zu erhalten.

|Die Russen|

Das hat einen guten Grund: Das U-Boot „Wladiwostok“ ist verschollen. Zuletzt bekamen die russische Marineführung und Admiral Tschernawin Meldung aus dem norwegischen Sognefjord. Das ist der längste und tiefsten Fjord überhaupt, eine Suche und Bergung also mit großem Risiko verbunden.

Tschernawin, der stellvertretende Verteidigungsminister, setzt den pensionsreifen Admiral Rudenko auf die Sache an. Rudenkos Freund Panov warnt ihn: Die Sache stinkt von vorn bis hinten. Mit dem alten U-Boot „Rus“ unter Kapitän Nemerov sucht und findet Rudenko die „Wladiwostok“. Natürlich darf niemand in der NATO oder in Norwegen auch nur ahnen, dass die Russen sich hier herumtreiben. Ein amerikanisches Beschatter-U-Boot konnte Rudenko mit einem Täuschkörper abwimmeln.

Die Taucher untersuchen das Atom-U-Boot und auch dessen kleines Arbeits-Tauchboot. Sie stoßen auf Lidia Tarakanova. Sie ist tot, ihr fehlen aber nicht nur die Kleider – sie hat auch keine Pupillen mehr. Ebenso wie alle anderen 98 Besatzungsmitglieder der „Wladiwostok“.

|Acht Tage später|

Jessie hat den Überträger, den Vektor, für das Gift, was immer es ist, immer noch nicht gefunden. Online-Konferenzen mit ihren Kollegen in L.A. helfen ihr aber, zahlreiche Möglichkeiten auszuschließen. Aber könnte es sich um einen biologischen Kampfstoff handeln? Die Arktis ist so abgelegen, dass Terroristen oder geheime Spezialtruppen versuchen könnten, hier „Demonstrations-Angriffe“ auszuführen, bevor sie ein Ziel mit Symbolwert angreifen. Sie lässt sich ein Hochsicherheitslabor einrichten, in dem sie ihre Analysen anstellt. Kopfzerbrechen bereitet ihr Tagebucheintrag: „ignis fatuus“ – Irrlicht, Nordlicht auf Latein. Aber ein Irrlicht gibt es nur im Sumpf – gibt es hier irgendwo Sumpfgas, Methan? Jessie ist verblüfft: Jack Nemet sagt ja, und auch Dr. Skudra, der Soziobiologe. Endlich eine Spur!

|Die Russen|

Während ihr Kollege Ishikawa vergeblich nach dem Verbleib der toten Lidia Tarakanova forscht und sogar bis zu Tschernawin vordringt, hat dieser Schlaufuchs bereits Rudenko auf eine zweite, noch zwielichtigere Mission geschickt. Was auch immer Lidia Tarakanova getötet hat, hat auch den Russen Minskoff erledigt. Und den soll er zurückbringen, damit man ihn untersuchen kann. Und damit dafür gesorgt ist, dass dies um jeden Preis gelingt, reist Rudenko mit dem ehemaligen KGB-Mitarbeiter Kohit mit. Der Virologe Kohit stellt sich als skrupelloser Typ heraus, der an geheimen Waffen geforscht hat.

Ein Treffen zwischen Jessie Hanley und Kohit, das ahnt Rudenko, ist unausweichlich. Er weiß noch nicht, dass es in Trudeau inzwischen ein weiteres Opfer gegeben hat …

_Mein Eindruck_

Der Autor verbindet zwei Thrillerthemen miteinander, um eine wirkungsvolle Geschichte mit warnender Botschaft zu erzählen.

|Tom Clancy|

Von Tom Clancy könnten die Szenen stammen, die bei den Russen spielen. Einst stolze Atom-U-Boote, die Opfer von Geldmangel, politischen Machenschaften und einem unbekannten Killerorganismus werden. Ihre Besatzungen und Kapitäne sind zwar immer noch so fähig (oder unfähig) wie zu Reagans Zeiten, doch gegen die unsichtbare Gefahr, die sie an Bord geholt haben – Lidia Tarakanova war natürlich eine Agentin – können auch sie nichts ausrichten. Diese Sache wird Rudenko und Nemerov, aufrechte Marineleute, garantiert mit dem Ex-KGBler Kohit aneinanderrasseln lassen.

|Michael Crichton|

Michael Crichton hat in seinem Thriller „Beute“ eine eingehende Beschäftigung mit Zukunftstechnologie und Killerorganismen belegt. Und natürlich seine Fähigkeit, eine spannende Story zu schreiben. Unsere Ermittlerin vor Ort ist Jessie Hanley, und das ist eine sehr sympathische Person. Als nicht ganz perfekte Mutter versucht sie dennoch ihr Möglichstes, auch im Job.

Zunehmend merkt sie, dass in Trudeau nicht nur kriminalistische und epidemiologische Fähigkeiten gefragt sind. Zunehmend spielt das eng verknüpfte zwischenmenschliche Miteinander der Stationsbewohner eine Rolle. Ihre Menschenkenntnis ist gefragt, ihr Mut und feinfühliger Umgang mit menschlicher Psychologie. Ihre Liebe zu Jack Nemmet, dem Inuit, hilft ihr sehr, in die Geheimnisse der Station, aber auch der Region einzudringen. Es ist sehr spannend zu verfolgen, wie sich ihr die Arktis durch Jack immer mehr erschließt.

|Juris Jurjevics|

Aber die richtige Aktualität und Relevanz ist dadurch immer noch nicht hergestellt. Das ist die Leistung des Autors selbst. Denn er bringt neueste Forschungsergebnisse ein. Die Aktis, so berichtet Direktor Mackenzie, ist einem rasanten Klimawandel unterworfen. Das Packeis schmilzt rapide ab, so dass es heute nur noch halb so dick ist wie vor 20 Jahren. Die Fauna hat sich ebenso daran anpassen müssen wie die Vegetation, die selbst an den unwahrscheinlichsten Orten existiert.

Für den unerfahrenen Leser ist es vielleicht nicht einfach, mit neuen Begriffen wie „Pulinya“ – eisfreie Stelle – oder „Pongo“ – vereister Algeneinschluss – zurecht zu kommen. Aber es handelt sich lediglich um ein paar wenige Vokabeln, die man sich schnell einprägt. Die eindrucksvollste Begegnung mit der Arktis dürfte für Jessie, unsere Hauptfigur, sicherlich die gewesen sein, als ein riesiger Eisbar, der gut getarnt einer Robbe aufgelauert hat, plötzlich neben ihr aus seiner Schneetarnung aufsteht und sich einen Happen Menschenfrau zum Frühstück schnappen will.

Die Arktis ist kein toter, unbewohnter Ort, nie gewesen. Die Lebewesen hier sind nur recht eigentümlich. Das erlebt Jessie eindrucksvoll, als Jack sie in die museale alte Station Little Trudeau führt. Es handelt sich um die gruselige Ausstellung einer Sippe von Aleutenbewohnern – alle mumifiziert. Jack erzählt ein paar sehr interessante Details über den geköpften Schamanen, und als Jack nicht hinschaut, schnappt sich Jessie dessen Medizinbeutel …

Doch über der Arktis hängt ein tödlicher Schatten, und Annie Bascombe, eines der ersten Opfer, hat ihn als erste entdeckt. In der Tiefe der Pulinya lauert ein Überbleibsel des Kalten Krieges, das die Russen als Antwort auf Reagans SDI-Programm hier platziert haben. Der informierte Leser erinnere sich daran, dass die Russen im Nordmeer ständig Atommüll und verrostende Atom-U-Boote entsorgen. Irgendwann wird sich diese Praxis rächen. Was Annie entdeckt hat, gehört in diesen Bereich, bedroht die Arktis aber viel direkter.

|Spannung|

Sowohl die Elemente des Biotech-Thrillers, die von Crichton stammen könnten, als auch die Geheimdienst- & Militärstory, die Clancys Schreibcomputer entsprungen sein könnte, verbinden sich an zahlreichen Stellen, um Spannungseffekte zu erzeugen. Wenn es zum Beispiel so aussieht, als wäre Ishikawa, Jessies Kollege in L.A., völlig überflüssig, so stimmt das nicht. Ishi spürt dem Verbleib von Lidia Tarakanova nach, lässt sich auch von den Russkis nicht hinters Licht führen und erlaubt so Jessie, die Russen in Trudeau mit der bitteren Wahrheit zu konfrontieren.

Dies wiederum führt zu einer wahren Explosion an Aktivität, in deren Mittelpunkt, wie zu erwarten, der zwielichtige Kohit steht. Es kommt zu einem dramatischen Showdown auf dem Eis, wie man ihn nicht besser inszenieren könnte. Jack Nemmet, der James Bond der Ureinwohner.

|Der Vektor|

Wer nun der „Vektor“ ist? Das ist, wie sich im letzten der drei Finales herausstellt, ein recht vieldeutiges Wort. In der Geometrie bedeutet es „gerichteter Pfeil“, in der Epidemiologie aber Überträger. Was wie von wem übertragen wird, nimmt in diesem Roman mehrere Bedeutungen an – eine sehr gute Leistung des Autors. Nicht nur der Killerorganismus wird übertragen, auch die Gefahr unter dem Eis – und auch die Angst innerhalb der Trudeau-Station. Des Rätsels Lösung darf hier natürlich nicht verraten werden.

|Der Sprecher|

Walter Kreye verfügt über eine sehr angenehme, tiefe Stimme, die er facettenreich zu modulieren versteht. Er verändert das Tempo seines Vortrags, macht Kunstpausen, wo er Erstaunen oder Zögern ausdrücken möchte. Da seine Stimme immer etwa gleich tief ist, verändert er die Lautstärke, um anzudeuten, dass eine Frau (wie etwa Jessie) spricht. Jessie klingt immer ziemlich leise und zurückgenommen, manchmal zu leise – das klingt sehr einfühlsam, aber auch ein wenig ängstlich (merke: Sie ist keine Superspionin!). Das trifft aber nicht zu, wenn sie begeistert mit ihrem Sohn Joey spricht. Dann klingt sie richtig ausgelassen. Ansonsten sind die Stimmen fast aller anderen Figuren die von Männern und entsprechend tief und von „normaler“ Lautstärke.

Insgesamt eignet sich Kreyes Vortrag ausgezeichnet dazu, die Figuren zu charakterisieren und einer Szene die spezifische Stimmung zu verleihen. Das ist auch dringend vonnöten, denn wie in so vielen modernen Thrillern wechselt der Schauplatz in schneller Folge. Gerade waren wir noch am Polarkreis, da versetzt uns der Autor schon wieder nach Moskau oder Norwegen, und in der nächsten Szene taucht Ishikawa irgendwo zwischen Ottawa und Moskau auf. (Ishi hat ein unglaublich zynisches Gespräch mit einem kanadischen Geheimdienstler zu ertragen.) Da tut es zuweilen gut, wenn der Sprecher Tempo rausnimmt.

|Die Übersetzung|

… stammt vom Übersetzer des „Otherland“-Zyklus von Tad Williams. Dieses Mammutwerk ist einfach eine epochale Leistung. Könnte man von dessen Übersetzer irgendwelche Unsicherheiten oder Stilblüten erwarten? Natürlich nicht. Und sachliche Fehler erst recht nicht. Wenn Wörter nicht hundertprozentig richtig ausgesprochen klingen, so geht dies aufs Konto des Sprechers. Und das kann wirklich jedem passieren.

_Unterm Strich_

Ich habe die Handlung des Thrillers mit wachsender Spannung verfolgt. Obwohl einige Elemente durchaus vertraut sind, so ist es doch die neue Kombination, die dem Buch einen gewissen Vorsprung hinsichtlich Spannung, Aktualität und Relevanz vor der nicht geräde spärlichen Konkurrenz verleiht. Wer sich für aktuelle Action- und Polit-Thriller interessiert, wird mit „Der Trudeau-Vektor“ nicht das Gefühl haben, seine Zeit zu verschwenden. Und die Arktis wird mit jedem Jahr, in dem das Eis weiter schmilzt, interessanter – wer weiß, was da noch ans Tageslicht kommen wird.

Walter Kreyes Vortrag ist vom Feinsten, und es fällt schwer, irgendeinen Kritikpunkt zu finden. Manchmal fiel mir der Übergang zur nächsten Szene etwas schwer, weil die Pause dazwischen so kurz war. Deswegen ist es ratsam, sowohl Notizen zu machen als auch einmal beim Anhören eine Unterbrechung einzulegen und das Gehörte wirken zu lassen.

Ein Wermutstropfen ist der hohe Preis von rund 30 Euro, den der Verlag für die fünf CDs verlangt. Da fällt es fast leichter, zum Buch zu greifen, auch wenn dies ein Mehrfaches an Zeitinvestition kostet: time is money. (Die Formel könnte von Einstein sein, ist aber älter.)

|388 Minuten auf 5 CDs
Originaltitel: The Trudeau Vector, 2005
Aus dem Englischen von Hans-Ulrich Möhring|
[Buchfassung]http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/389903189X/powermetalde-21 von |Ullstein|, Februar 2005