Doyle & MacNeile – Das verlassene Haus (Sherlock Holmes Folge 47)

Verbrecherjagd in Leamington

Nachdem das sogenannte Hoimley-House nach jahrelangem Leerstand endlich einen Besitzer gefunden hat, wird dieser von heimtückischen Attacken und Drohungen heimgesucht, die einen Einzug unmöglich machen. Wer könnte ein Interesse daran haben, den Bezug eines leerstehenden Hauses zu verhindern? (Verlagsinfo) Klingt stark nach Berliner Verhältnissen!

Der Verlag empfiehlt das Hörbuch ab 14 Jahren.

Die Serie wurde mit dem „Blauen Karfunkel“ der Deutschen Sherlock Holmes-Gesellschaft ausgezeichnet.

Die Autoren

Sir Arthur Conan Doyle lebte von 1859 bis 1930 und gelangte mit seinen ca. 60 Erzählungen um den Meisterdetektiv Sherlock Holmes zu Weltruhm. Dabei begann der Mediziner, der eine eigene Praxis hatte, erst 1882 mit dem Schreiben, um sein Einkommen aufzubessern. Neben mystischen und parapsychologischen Themen griff er 1912 auch die Idee einer verschollenen Region (mit Dinosauriern und Urzeitmenschen) auf, die von der modernen Welt abgeschnitten ist: „The Lost World“ erwies sich enorm einflussreich und wurde schon 13 Jahre später von einem Trickspezialisten verfilmt. Schon 1913 ließ Doyle eine Fortsetzung unter dem Titel „The Poison Belt“ (dt. als „Im Giftstrom“, 1924) folgen.

Marc Gruppe ist der Autor, Produzent und Regisseur der erfolgreichen Hörspielreihe GRUSELKABINETT, die von Titania Medien produziert und von Lübbe Audio vertrieben wird.

Folge 1: Im Schatten des Rippers
2: Spuk im Pfarrhaus
3: Das entwendete Fallbeil
4: Der Engel von Hampstead
5: Die Affenfrau
6: Spurlos verschwunden
7: Der Smaragd des Todes
8: Walpurgisnacht
9: Die Elfen von Cottingley
10: Der Vampir von Sussex / Das gefleckte Band / Der Fall Milverton / Der Teufelsfuß (Neuausgabe)
11: Das Zeichen der Vier (4/2014, Neuausgabe)
12: Ein Skandal in Böhmen (4/2014)
13: Der Bund der Rotschöpfe (5/14)
14: Eine Frage der Identität (9/14)
15: Das Rätsel von Boscombe Valley (10/14)
16: Der blaue Karfunkel
17: Die fünf Orangenkerne
18: Der Mann mit der entstellten Lippe
19: Der Daumen des Ingenieurs
20. Der adlige Junggeselle
21. Die Beryll-Krone
22. Das Haus bei den Blutbuchen
23. Silberblesse (6/16)
24. Das gelbe Gesicht (6/16)
25. Der Angestellte des Börsenmaklers (7/16)
26: Die „Gloria Scott“ (11/16)
27: Das Musgrave Ritual (12/16)
28: Eine Studie in Scharlachrot (2 CDs)
29: Die Junker von Reigate
30: Der bucklige Mann
31: Der Dauer-Patient
32: Der griechische Dolmetscher
33: Das graue Haus
34: Die quietschende Tür
35: Der Hund der Baskervilles (2 CDs)
36: Das unheimliche Pfarrhaus
37: Der verschwundene Kutscher
38: Das Haus mit den Zwingern
39: Eine Frage des Teers
40: Die dritte Botschaft
41: Mayerling (2 CDs)
42: Der Tote im Extra-Waggon
43: Der Zuträger
44: Der zweite Hund
45: Harry Price und der Fall Rosalie
46: Der Mann in Gelb
47: Das verlassene Haus
48: Der Gezeitenstrom
49: Das Grauen von Old Hall
50: Ludwig II. – Der Tod im Würmsee
51: Was das Feuer übrigließ


Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher und ihre Rollen:

Joachim Tennstedt: Sherlock Holmes
Detlef Bierstedt: Dr. John Watson
Willi Röbke: Mr. Sinclair
Anita Lochner: Miss Sinclair
Nicolas König: Inspektor Crawley
Peter Weis: Makler Manfield
Bernd Kreibich: Architekt
Helmut Zierl: Vorarbeiter
Marc Gruppe: Kutscher
Jonas Minthe & Patrick Bach & Marc Gruppe: Verbrecher
Lutz Reichert: Inspektor Lestrade

Die Macher

Regie führten die Produzenten Marc Gruppe und Stephan Bosenius. Die Aufnahmen fanden bei Titania Medien Studio und den Planet Earth Studios statt. Alle Illustrationen – im Booklet, auf der CD – trugen Ertugrul Edirne und Firuz Askin bei.

Handlung

Mr. Sinclair ist ein anstrengender Klient, wie Holmes und Watson feststellen müssen. Als ehemaliger Herr über eine ganze Ladenkette in den Midlands ist er es gewohnt, das Schlechteste von Menschen zu erwarten und das Maximum an Autorität auszuüben. In wohlgesetzten Worten stutzt ihn Holmes zurecht. Da erst bequemt sich der Ex-Unternehmer dazu, seine Geschichte von schrecklichen Ereignissen zu erzählen, die ihn in die Baker Street 221B geführt hat.

Aus gesundheitlichen Gründen soll sich Sinclair zur Ruhe setzen. Er will ins Hoimley House in Leamington umziehen und dort mit seiner Schwester, die den Haushalt führen würde, seinen Lebensabend verbringen. Die Doppelhaushälfte muss allerdings noch renoviert werden. Da in der anderen Hälfte nur eine invalide Witwe lebt, ist sie keine Hilfe: Bauarbeiter und ein Architekt müssen her. Diese melden das Eintreffen von drei Schreiben: Es sind allesamt warnende Drohungen. Sinclair solle die Finger vom Haus lassen oder sterben. Natürlich erzählt er nichts davon seiner Schwester, selbst als das Haus unter Wasser gesetzt worden ist.

Doch dies erweist sich als unumgänglich, als eben diese Schwester von zwei finsteren Gestalten tätlich gepackt und bedroht wird. Bislang ist Sinclair auf die Polizei von Leamington nicht gut zu sprechen: Inspektor Crawley lässt sich lächerliche Ausreden zu den Drohbriefen einfallen. Doch als die Schwester angegriffen wird, ist Schluss mit lustig: Er stellt einen Polizisten ab, um Wache zu halten. Nachdem ihr Sinclair reinen Wein einschenken musste, will seine Schwester natürlich keinesfalls einziehen.

Holmes übernimmt den Auftrag – zu seinen Bedingungen, versteht sich. Am nächsten Tag fährt er mit Watson nach Leamington. Während sich Watson schlaflos den wildesten Theorien hingibt, recherchiert Holmes vor Ort – und ruft umgehend Inspektor Lestrade vom Scotland Yard her. Denn was in Hoimley House vor sich geht, verlangt nach einer bewaffneten und erfahrenen Truppe. Es kurz nach Mitternacht, als Watson und Holmes von der Waffe Gebrauch machen müssen, denn die bis dato unsichtbaren Mitbewohner des Hauses haben entschieden etwas dagegen, bei ihrer kriminellen Tätigkeit gestört zu werden…

Mein Eindruck

Unheimliche Häuser und ihr geheimnisvolles Innenleben finden sich unter den mehr oder weniger geheimen Fällen des Meisterdetektivs zuhauf. „Der gelbe Mann“, „Das gelbe Gesicht“, ganz zu schweigen von den klassischen Fällen wie „Das leere Haus“ und diverse Landhäuser aus der Kolonialzeit, etwa in „Das Musgrave-Ritual“. Aber da niemand im Hoimley House vorzufinden ist und auch keine heimlichen Postboten auftauchen, neigt der Hörer zu der Annahme, dass es sich im ein Geisterhaus handeln könnte.

Doch Geister drehen keine Wasserhähne auf, reißen Tapeten von den Wänden und verspritzen auch gewöhnlich keine Wandfarbe. Sowas tun nur Poltergeister, und gibt es nicht in Leamington. Das weiß Mr. Sinclair ganz genau, und deshalb nimmt er das Wort „Spuk“ auch nie in den Mund. Und wie könnte eine invalide alte Frau wie die Nachbarin Mrs. Burton solche Untaten begehen. Nein, Holmes ist überzeugt, dass sehr viel substantiellere Bewohner als Geister am Werk sind. Daher scheut er auch nicht, Inspektor Lestrade aus London kommen zu lassen.

In einer Nacht-und-Nebel-Aktion dringt die Truppe der Gesetzeshüter – ja, auch Holmes und Watson gehören dazu – lautlos ein, wartet bis zum ersten Feindkontakt und nimmt dann das Gefecht auf. Woher der Feind kommt, dürfte sich dem scharfsinnigen Krimifreund von selbst erschließen. Denn solche Doppelhäuser haben ihre eigenen Wege. Die anschließende Actionszene entschädigt für das lange Warten, das die Spannung ins Unermessliche geschraubt hatte. Blut fließt – doch wessen, darf hier nicht verraten werden.

Die Sprecher/Die Inszenierung

Die Sprecher

Dr. Watson nimmt die Stelle des zweifelnden gesunden Menschenverstandes gegenüber Holmes ein, welcher ein getriebener Junkie der Vernunftarbeit zu sein scheint. Watson ist der Gemütsmensch, ein Jedermann mit dem Herz auf dem rechten Fleck. Holmes jedoch ist nicht nur Kopfarbeiter, sondern auch Schauspieler und Manipulator von Menschen.

Sherlock Holmes

Es gibt mehrere Hauptfiguren, die auch stimmlich herausragen. Am besten gefällt mir Joachim Tennstedt als Sherlock, denn was er in diese Figur hineinlegt, ist sehr sympathisch und humorvoll – so als würde ein strahlender John Malkovich völlig entspannt aufspielen (liegt’s am Koks?). Holmes‘ einziger Fehler ist seine Ablehnung des weiblichen Geschlechts oder vielmehr des Umgangs mit dessen Vertretern. Das soll aber weniger an latenter Homosexualität liegen, als vielmehr an seiner Abneigung gegen jede Art von emotionaler Sentimentalität.

Aber Holmes ist auch ein ausgezeichneter Schauspieler und engagierter Boxer. Ab und zu treibt er sich als aktiver Detektiv in Londons Sauwetter herum und kehrt völlig ausgehungert ins Hauptquartier zurück. Dann darf Mrs. Hudson, die auch hier moralisches Zentrum auftritt, ihm Essen kredenzen.

Dr. John H. Watson

Dr. John H(amish) Watson, 36, ist das genaue Gegenteil seines Freundes: jovial, höflich, frauenfreundlich und durchweg emotional, außerdem glücklich verheiratet. Leider sind seine logischen Schlüsse von dementsprechend unzulänglicher Qualität. Das war zu erwarten und dürfte keinen überraschen.

Nebenfiguren

Willi Röbke dominiert als Mr. Sinclair die Eingangsszene, die mehr als die Hälfte der Handlung ausmacht. Diese Szene wird durch Rückblenden aufgelockert und anschaulich gemacht. Röbke verleiht seinem Sinclair eine markante Erscheinung, die perfekt zu einem ehemaligen Unternehmer passt, der das Befehlen gewohnt ist.

Anita Lochner verleiht ihrer Miss Sinclair – ihr Ledigsein wird nie begründet – eine ebenso erinnerungswürdige Kontur, selbst wenn es nur eine einzige Szene ist. Die arme Lady ist völlig von der Rolle, denn brave Bürgerinnen werden nun mal nicht von groben Kerlen aufgemischt. Schon gar nicht einer Provinzstadt irgendwo in den Midlands. Höchstens mal in finsteren Gassen von Whitechapel im kriminellen London.

Nicolas König markiert einen trägen, abweisenden Inspektor Crawley, der den Provinzcop raushängen lässt und lästige Überstunden scheut wie der Teufel das Weihwasser.

Peter Weis ist ein erfahrener Routinier, der es versteht, seinen „Makler Manfield“ in einen zwar besorgten, aber auch profitorientierten Unternehmer zu verwandeln. Sinclair heizt ihm in einer Rückblende gehörig ein, worauf Manfield etwas verdattert reagiert.

Bernd Kreibich spielt den völlig aufgelösten Architekten, der Sinclair das verwüstete Hausinnere zeigt.

Jonas Minthe & Patrick Bach & Marc Gruppe (Regisseur) rufen die „Verbrecher“ mehr als sie zu sprechen

Lutz Reichert darf zum wiederholten Male den „Inspektor Lestrade“ darstellen und macht seine Arbeit wie immer gut. In einer zurückliegenden Episode spielte er sogar Holmes an die Wand – ein Kunststück.

Geräusche

Eine schier unglaubliche Vielfalt von Geräuschen verwöhnt das Ohr des Zuhörers. Der Eindruck einer real erlebten Szene entsteht in der Regel immer. Papierrascheln, klappernde Teetassen, Streichhölzer, knisterndes Kaminfeuer – all diese Samples aus der Baker Street setzt die Tonregie zur Genüge ein, um einer Szene eine Fülle von realistisch klingenden Geräuschen zu vermitteln. Richtig spannend wird es dann im Showdown. Doch woher stammt diese regelmäßige Stampfen im Hintergrund? Durchhalten und überraschen lassen!

Die Musik

Das Intro, eine Art flott-dezente Teemusik, bildet den heiter-beschwingten Auftakt des Hörspiels und deutet die häusliche Idylle von Baker Street 221B an. Von einem Score im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Hintergrundmusik dient nur dazu, eine düstere oder angespannte Stimmung zu erzeugen, und zwar nur dort, wo sie gebraucht wird. Hier steigert sich die Spannung sehr dezent in der Eingangsszene und den zugehörigen Rückblenden. Die Spannung gipfelt im Showdown.

Bemerkenswert ist der Einsatz eines neuen, beunruhigenden Geräuschs: Es klingt metallisch, sehr tief und fast wie eine Heavy-Metal-Gitarre. Gruselig, um das Mindeste zu sagen. Und in einer Soundbar kommt es bestens zur Geltung.

Das Booklet

Das Titelmotiv zeigt die Szene, in der Mr. Sinclair seine Hälfte des titelgebenden Doppelhauses betreten will und von Miss Burton, der angeblich invaliden Witwe beobachtet wird. Ihre Hälfte ist erleuchtet. Natürlich ist sie keine Witwe und Mr. Sinclairs Haushälfte ist alles andere als leer…

Im Booklet sind die Titel des GRUSELKABINETTS verzeichnet sowie Werbung für den verstorbenen Illustrator Firuz Askin zu finden. Die letzte Seite zählt sämtliche Mitwirkenden auf. Die CD und der Einleger sind mit den Sherlock-Holmes-Motiven versehen, die die Reihe von Anfang an begleitet haben.

Unterm Strich

Traum schau wem – in diesem Fall darf keiner dem Anschein trauen. Das titelgebende Haus ist keineswegs leer, die Witwe nebenan alles andere als invalide und wer da nächtens Verwüstungen anrichtet, ist bestimmt kein Poltergeist. Geister? Die gibt’s in Leamington nicht. Und Mr. Sinclair hat recht. Holmes weiß auf den ersten Blick, den er auf den „Butler“ von Witwe Burton wirft: Hier sind harte Burschen am Werk. Aber wie gelangen sie in Mr. Sinclairs Doppelhaushälfte? Der Krimifan weiß den Weg…

Das Hörspiel

Ganz langsam wird die Schraube der Spannung angezogen. Dieses gemächliche Tempo ist vielleicht dem einen oder anderen Hörer etwas zu tiefenentspannt, aber das war ja schon bei den meisten Holmes-Fällen der Fall. Die Reihe der Warnungen, die in handfesten Körperkontakten gipfeln – das hat der gewiefte Holmes-Fan schon viele Male geboten bekommen und weiß schon lange im Voraus: Es kommt auf den Showdown an! Und der ist auch diesmal wirklich das Warten wert.

Die professionelle Inszenierung, die filmreife Musik und bekannte Stimmen von Synchronsprechern und Theaterschauspielern einsetzt, bietet dem Hörer ein akustisches Kinoerlebnis, das man sich mehrmals anhören sollte, um auch die Feinheiten mitzubekommen.

Die Sprecherriege für dieser Reihe ist höchst kompetent und renommiert zu nennen, handelt es sich doch um die deutschen Stimmen von Hollywoodstars wie John Malkovich (Tennstedt) und George Clooney (Bierstedt). Willi Röbke gestaltet seinen Mr. Sinclair wirklich markant und erinnerungswürdig, und darauf kommt es an.

Anita Lochner verleiht ihrer Miss Sinclair das flatternde Nervenkostüm einer älteren Jungfer. Das muss eine unverheiratete Schwester ja wohl sein, die ihrem Bruder auf seine alten Tage noch den Haushalt führen soll (was in jenen fernen Tagen selbstverständlich war)

Auch jungen Menschen, die sich einfach nur für spannende Audiokost interessieren, die gut gemacht ist, lässt sich das Hörspiel empfehlen. Es ist leicht verständlich, wirkungsvoll inszeniert, und die Stimmen der Hollywoodstars Clooney und Malkovich vermitteln das richtige Kino-Feeling. Wie immer ist dem jungen Hörer anfangs viel Geduld zu empfehlen, das Finale rechtfertigt die Mühe.

CD über 63 Minuten
ISBN-13: 9783785783917

www.titania-medien.de

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