Hohlbein, Wolfgang u. a. – Flammenflügel. Fantastische Drachengeschichten

Unter dem Titel „Flammenflügel“ hat Wolfgang Hohlbein Drachengeschichten zusammengetragen, geschrieben von den „renommiertesten und erfolgreichsten Jugendbuchautoren Deutschlands“ – so der Verlagstext. Von außen sieht das Buch ja schon mal nicht schlecht aus, mir zumindest gefällt die Darstellung eines Drachens als Schmuckstück vor dem grüngeschuppten Hintergrund.

Also schauen wir mal zwischen die Buchdeckel: Neun Geschichten finden sich da. Neun? Waren es laut Verlagstext nicht zehn Autoren? Wer fehlt denn da? Jenny May-Nuyen. Ausgerechnet die Autorin, deretwegen ich das Buch hauptsächlich lesen wollte! Sehr ärgerlich! Aus welchem Grund auch immer keine Geschichte dieses vielversprechenden Nachwuchstalents dabei ist – trotzdem mit ihrem Namen Werbung zu machen, finde ich irgendwie ein wenig irreführend! Na gut, lesen wir halt das, was da ist …

Die erste Geschichte trägt den Titel „Reyvigur“ und stammt von _Ulrike Schweikert_: Sie erzählt von zwei verschiedenen Stämmen in einem Land aus Eis und Frost. Sowohl die Einheimischen als auch die Flüchtlinge aus dem Süden sind auf ihre Drachen angewiesen, die ihre Behausungen mit ihrer Flamme wärmen. Als beider Drachen sich paaren und das Weibchen ein Ei legt, kommt es zum Konflikt, zumal der männliche Drache im Sterben liegt. Die Grundidee der Geschichte sowie der knappe Entwurf der Welt haben mir gar nicht mal schlecht gefallen. Sogar die Kampfbeschreibung zwischen den beiden menschlichen Hauptprotagonisten war recht gelungen. Der Rest der Erzählung ist allerdings ein wenig flach geraten und konnte mich nicht wirklich gefangen nehmen. Geradezu als störend empfand ich die Hinweise auf die körperliche Kondition des einheimischen Jägers; sie sind im Grunde überflüssig und wirken, als wäre es der Autorin nicht ganz gelungen, ihre heimliche Schwärmerei für den Jungen zu verbergen. Die Konfliktlösung am Ende war zwar naheliegend, ging mir aber doch ein wenig zu glatt und problemlos vonstatten. Ich fand diese Geschichte eher durchschnittlich.

Als nächstes erzählt _Kai Meyer_ „Komm, schweb mit mir, mein Amethyst“: Diese Geschichte ist mit nur fünfzehn Seiten die kürzeste der Sammlung, zum Glück, denn ich konnte nicht wirklich viel mit ihr anfangen. Es geht um das erste Mal, zugegebenermaßen für Jugendliche ein hochinteressantes Thema. Für Zwölfjährige ist der Text stellenweise allerdings schon ziemlich erotisch ausgefallen. Die Erzählung ist zwar einerseits durchaus stimmungsvoll und glaubwürdig geraten, andererseits spielen spielen die Drachen, die eigentlich in dieser Anthologie die Hauptpersonen sein sollten, lediglich eine kleine Rolle ganz am Rande, sozusagen als Dekoration. Irgendwie war mir das zu wenig.

„Tombola“ von _Nina Blazon_ ist die dritte Erzählung: Sie spielt in Ljubljana, wo alle zehn bis zwölf Jahre das Drachenfest veranstaltet wird. Was die Touristen für pittoreskes Brauchtum halten, ist in Wirklichkeit ein Kampf um Leben und Tod. Denn in dieser Nacht erwachen die vier Statuen der Drachenbrücke zum Leben und fordern von der Stadt ihren Tribut. Schon allein die Schilderung des Auswahlverfahrens auf dem Marktplatz zog mich in ihren Bann. Nicht nur der Zorn und die Angst des Protagonisten wirken überaus lebendig, auch die von ihm reflektierten Hintergründe des Festes sind interessant dargestellt. Richtig spannend wird es, als der Kampf beginnt. Das überraschende Ende allerdings setzt der Geschichte die Krone auf, es macht das gesamte Geschehen zu einem grausamen Spiel, umso mehr, als es vollkommen sinnlos scheint. Um es gleich vorweg zu sagen: Nina Blazons Beitrag zu dieser Anthologie war der mit Abstand fesselndste und intelligenteste unter den neun.

_Peter Schwindt_ hat „Drachenwinter“ geschrieben: Auch diese Geschichte ist mit nur siebzehn Seiten ziemlich kurz geraten, enthält aber – zusammen mit „Tombola“ – die ungewöhnlichste Idee. Ein Junge liegt im Krankenhaus und hofft, dass er seine schwere Krankheit überwunden hat. Doch die Krankheit ist unheilbar … Peter Schwindts Drache ist eine allegorische Figur, sie steht zum einen für Zerstörung, für die Krankheit und letzten Endes für den Tod. Im Laufe der Geschichte wandelt sich der Drache jedoch vom Feind zum Freund, obwohl er noch immer für den Tod steht. Eigentlich könnte man meinen, dass diese Erzählung eigentlich viel zu kurz geraten ist, um den Übergang von einem verzweifelten Überlebenskampf hin zur Akzeptanz des Unvermeidlichen zu beschreiben. Das Thema scheint viel zu umfangreich und vielschichtig dafür. Andererseits bin ich mir da gar nicht so sicher. Und dass ich mich diesbezüglich nicht wirklich entscheiden kann, sondern immer noch darüber nachdenke, spricht eigentlich nur für den Autor.

„DragonLand“ stammt von _Peter_ und _Florian Freund_: Ein Teenager fährt in den Ferien zum wiederholten Mal mit seinen Eltern in die Berge. Einziger Lichtblick scheint eine Einladung ins nahe DragonLand, einen Vergnügungspark kurz vor der Neueröffnung. Wenn da nur nicht kurz vorher das Treffen mit diesem merkwürdigen Mädchen gewesen wäre und das deutliche Gefühl, dass irgendetwas an diesem Park nicht stimmt … Zur Abwechslung spielt diese Geschichte mal in der Zukunft, ist aber trotzdem Fantasy. Die Grundidee ist zwar nicht ganz neu, sie erinnert deutlich an „Westworld“, die Figur des skrupellosen Geschäftemachers klingt dafür äußerst realistisch, und der Handlungsverlauf an sich ist auch recht lebendig gestaltet. Der Schluss allerdings ist etwas abrupt geraten und auch die Rahmenhandlung – kursiv gedruckt – glitt gegen Ende etwas ins Unglaubwürdige ab. Abgesehen davon hatte ich mit ein paar logischen Problemen zu kämpfen, zum Beispiel dem der unbekannten Insel, die der Oberbösewicht überraschend entdeckt hat, und das im Zeitalter von Google Earth. Auch sprachlich wirkt die Geschichte stellenweise etwas unausgegoren. Ankleiden statt anziehen klingt vielleicht in einem Historienroman gut, hier klingt es eher geschwollen. Damit fällt dieser Beitrag wieder eher ins Mittelfeld.

Der nächste Beitrag heißt „Silberschatten“ und stammt aus der Feder von _Katja Brandis_: Hier haben wir es mit Fantasy in ihrer klassischen Form zu tun. Der junge Held ist zu Hause ein Außenseiter, den niemand wirklich ernst nimmt. Als er den Thronfolger des Reiches daran hindert, einen schlafenden Drachen zu erschlagen, muss er fliehen. Kein leichtes Unterfangen, so ganz ohne Ausrüstung, in den Wäldern lauern gefährliche Geschöpfe und außerdem Räuber, und er wird überall gesucht. Trotzdem schafft er es beinahe, die Grenze zum Nachbarland zu erreichen. Aber nur beinahe … Diese Geschichte hat nicht gerade das Genre neu erfunden, aber immerhin ist sie nett erzählt. Der Kronprinz ist ein wenig trocken geraten, die Mitglieder der Räuberbande dagegen sind ganz gut getroffen, und die sich anbahnende Freundschaft zwischen dem Jungen und dem Drachen ist elegant eingeflochten. Nur dass der Drache Stahlseile durchgebissen hat, fand ich ein wenig übertrieben.

„Das versteinerte Herz“ hat _Ralf Isau_ geschrieben: Die Geschichte spielt in China zum ungewöhnlichen Zeitpunkt der Kulturrevolution. Eine junge Frau, deren Mutter eine berühmte Geschichtenerzählerin ist, träumt davon, das Rätsel der Drachen zu lösen, was in dieser Zeit allerdings ziemlich suspekt und damit gefährlich ist. Trotzdem lässt sie sich nicht davon abhalten und geht als Ausgrabungshelferin ins Gebirge, wo versteinerte Drachenskelette ausgegraben werden. Dort macht sie durch reinen Zufall einen erstaunlichen Fund … Als Erstes fiel mir die stellenweise recht saloppe Ausdrucksweise auf. Nicht, dass sie gestört hätte, sie bildete nur einen deutlichen Kontrast zu den bisherigen Schreibstilen und erzeugte einen Effekt, als hätte mir jemand auf die Schulter getippt, um meine Aufmerksamkeit zu erringen. Im weiteren Verlauf fällt der lockere Ton dann weg. Übrig bleibt eine sehr warmherzige Geschichte über Freundschaft und wahre Berufung, auch wenn das Verhalten der beiden Parteifunktionäre Chen und Sun stellenweise doch ein klein wenig weit hergeholt wirkte.

_Monika Felten_ hat „Die Legende der weißen Drachen“ beigesteuert: Ein junges Mädchen kämpft um das Leben seines Bruders, der im Kampf mit einem Drachen vergiftet wurde. Doch keiner der vielen Ärzte und Heiler weiß Rat. Da taucht eine schwer bewaffnete Frau im Palast auf und erklärt, nur ein weißer Drache könne ihren Bruder retten. Mit neu erwachter Hoffnung folgt die junge Prinzessin der Frau in die Berge … Auch diese Erzählung wirkt zunächst wie klassische Fantasy in Reinform. Gut gefallen haben mir der Schöpfungsmythos, den die Fremde der Prinzessin erzählt, sowie die Kehrtwendung am Schluss, die der Sache etwas Pfiff verleiht. Ansonsten tut sich innerhalb der Handlung nicht allzu viel, das Intermezzo mit dem Bären ist zu kurz geraten, um echte Spannung zu erzeugen. Übrig bleibt am Ende die Erkenntnis, dass die besten Lügen zu 98 Prozent aus Wahrheit bestehen.

Den Schluss macht _Wolfgang Hohlbein_ mit „Drachenträume“: Der Sohn des Khan hat nicht den besten Ruf, die meisten halten ihn für einen Feigling. Der Schwurbruder seines Vaters allerdings scheint irgendetwas an ihm zu finden, er bietet ihm seine Tochter zur Frau. Der Junge ist sich allerdings zunächst einmal gar nicht sicher, ob er dieses Mädchen mit dem scharfen Verstand und der spitzen Zunge wirklich will! Gut, dass er einen Drachen zum Freund hat, der ihn in seinen Träumen besucht, auch wenn Drachenweisheiten manchmal etwas unverständlich daherkommen. Diese Erzählung ist mit achtzig Seiten mit Abstand die längste des Buches. Es geht darum, was genau eigentlich feige und was mutig ist. Am Ende stellt sich heraus, dass der sogenannte Feigling den meisten Mumm hat, und das ganz ohne Kampf oder heldenhafte Rettungsaktion oder Ähnliches, sondern auf fast alltägliche und doch dramatische Weise. Angenehm ist auch, dass der Text zu keiner Zeit schulmeisterlich wirkt, sondern immer nahe am Protagonisten und deshalb ehrlich bleibt. Ich muss zugeben, mit dieser Geschichte hat Herr Hohlbein, von dessen Büchern ich bisher nicht viel hielt, mich sehr positiv überrascht.

Wenn ich jetzt für jede Geschichte Sterne von 1 bis 5 vergeben müsste, dann käme für die Anthologie insgesamt eine Bewertung von 3,7 heraus. Zwar haben mich nur zwei Geschichten wirklich begeistert, die meisten anderen waren aber immerhin nett zu lesen, wenn auch nicht gerade mitreißend. Die verschiedenen Szenarien waren vielfältig und abwechslungsreich, und die sprachliche Gestaltung größtenteils flüssig und gut lesbar. Nicht so gut war das Lektorat, vor allem Zeitfehler sind mir begegnet. Kurz gesagt: Das Buch ist durchaus eine nette Lektüre, das Prädikat „Extra-Klasse“ allerdings ist meiner Meinung nach ein wenig übertrieben.

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