Ian McDonald – Chaga oder das Ufer der Evolution (Chaga 1)

Faszinierender Job: als Reporterin im Alien-Dschungel

Die ersten Sporen des Chaga fallen im Jahr 2004 auf den Kilimandscharo – und breiten sich von dort mit einer Geschwindigkeit von 50 Metern pro Tag in alle Richtungen aus. Ständig fallen neue Sporenpakete, überall auf der Südhalbkugel. Der Lebensraum wird knapp, und die Verdrängten finden das gar nicht witzig. Eine gigantische UNO-Hilfsmission wird weltweit gestartet, und die Reporterin Gaby McAslan berichtet darüber in Kenia. Sie wird Zeugin eines Verschwindens der Erde, einer Transformation durch das Chaga. Aber können Menschen in dieser außerirdischen Vegetation leben? Und was passiert mit den vom Chaga Infizierten?

Der Autor

Der 1960 geborene Nordire Ian McDonald schreibt seit 1982 erfolgreich Science Fiction und Fantasy. In „Rebellin des Glücks“ (Out on blue six“, 1989) ist McDonald in diesem, seinem zweiten Roman noch reichlich epigonal, ebenso wie in Roman Nr. 1 – „Straße der Verlassenheit“ (Desolation Road, 1988; dt. bei Bastei) und Nr. 4, „Herzen, Hände und Stimmen“ (Hearts, Hands and Voices, 1992; dt. bei Heyne als Nr. 06/5009, 1993).

Lediglich der Fantasyroman „King of Morning, Queen of Day“ (1991, dt. bei Bastei-Lübbe) ist völlig eigenständig gelungen, ebenso wie sein Erfolg „Chaga oder das Ufer der Evolution“ (1995) und dessen Fortsetzung „Kirinja“ (1998, dt. 2000). Seine letzten bei uns veröffentlichten Romane waren „Narrenopfer“ (Sacrifice of Foos, 1996, Heyne Nr. 06/5981, 11/1998) und „Necroville“ (1994, Heyne 1996 als Nr. 06/5461).

Der Roman „Chaga“ beruht auf McDonalds Novelle mit dem Titel „Towards Kilimanjaro“ („Zum Kilimandscharo“), die bereits 1990 erschien – bei Heyne erst in Band 06/4991, dem „SF Jahresband 1993“. Wem „Chaga“ und dessen Fortsetzung „Kirinja“ gefallen haben, der sollte auch den Kurzroman „Tendeléos Geschichte“ lesen, die in der Anthologie „Unendliche Grenzen“ von Peter Crowther enthalten ist (Bastei-Lübbe, 2002). Tendeléo erzählt vom Chaga in den Jahren 2010 bis 2015.

Ausgewählte Romane

1) Strasse der Verlassenheit (1988)
2) Rebellin des Glücks (1989)
3) König der Dämmerung, Königin des Lichts (1991)
4) Herzen, Hände und Stimmen (1992)
5) Necroville (1994)
6) Chaga oder das Ufer der Evolution (1995)
7) Narrenopfer (1996)
8) Kirinja (1998)
9) Cyberabad
10) Die LUNA-Trilogie

„Viele Romane und Geschichten sind vom Nordirlandkonflikt geprägt, sehr häufig werden Interessengegensätze und Auseinandersetzungen zwischen Volksgruppen geschildert, die sich in Herkunft oder Religion unterscheiden. Beispielsweise handelt sein Roman „Narrenopfer“ von einem Konflikt zwischen Menschen und als Flüchtlingen eingewanderten Außerirdischen. In „Herzen, Hände und Stimmen“ prallen zwei Lebensweisen aufeinander, eine biologisch verwurzelte und eine technisch orientierte, wobei es angesichts der Frage, welche besser sei, keine Antwort gibt. Ein weiteres wiederkehrendes Thema bei McDonald ist der Konflikt zwischen High-Tech-Entwicklungen und den Verhältnissen in Entwicklungsländern.

Der Chaga-Zyklus (bislang bestehend aus der Kurzgeschichte „Zum Kilimandscharo“, den Romanen „Chaga“ und „Kirinya“ sowie der Novelle „Tendeléo’s Story“) schildert, wie biologische Pakete auf der Erde einschlagen und Zonen eines wild wuchernden fremden Lebens entstehen lassen, in denen die irdische Ökologie komplett absorbiert wird. Die Art und Weise, wie Menschen und Staaten damit umgehen, ob sie die Alien-Biologie als tödliche Bedrohung sehen oder als Chance für ein AIDS-Heilmittel begreifen, interessiert den Autor sehr. Die Reaktionen verraten viel über soziale Strukturen, Macht und Diskriminierung.

In dem Roman „River of Gods“ schildert McDonald ein in Einzelstaaten zersplittertes Indien des Jahres 2047, in dem Künstliche Intelligenzen auf Techno-Hinduismus treffen. Auch die Texte des Erzählungsbandes „Cyberabad Days“ spielen in dieser Welt.“ (Wikipedia.de)

Handlung

Unsere Frau bei den Aliens heißt Gaby McAslan und stammt – wie der Autor dieses Buches – aus Nordirland. – Das Problem in diesem Satz sind die Aliens: Es gibt sie nicht, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Aber etwas Alien-Mäßiges existiert da in der Gegend um den Kilimandscharo ganz bestimmt. Wie ein paar deutsche Drachenflieger zu ihrem Leidwesen erfahren mussten, schlug dort in der Nähe ein Meteor ein, der seltsame Lebensformen mit sich brachte. Das Chaga, wie sie bald danach genannt wird (warum, wird nicht klar, da sie doch mit der Hungerkrankheit gleichen Namens nichts zu tun hat), breitet sich mit rasender Geschwindigkeit Richtung Nairobi aus, alle Lebensformen, die nicht fliehen, transformierend – so auch den einen oder anderen deutschen Drachenflieger.

Gaby, vom Nachrichtendienst SkyNet Satellite News an die „Front“ geschickt, schafft es mit einigen Tricks einen der überlebenden Drachenflieger, der aus der Chaga kam, zu interviewen. Das Interview schockt die Welt. Er wurde von der Alien-Chaga nicht nur ernährt und gewärmt, er verwandelt sich selbst allmählich in eine Chaga-Lebensform! Die Leute fragen sich, ob das Chaga eine Bedrohung oder am Ende gar ein Geschenk ist – die erste Transformation der Menschheit oder ihr Tod? Es wird spannend, je mehr weite Teile Zentralafrikas das Chaga verschlingt. Auf ironische Weise wird hier die Terraformung eines Planeten auf die Erde angewandt – kein angenehmes Gefühl für die Betroffenen.

Gaby wird von den Truppen der UNO in das Chaga gejagt – eine Expedition in die Surrealität folgt, die jedoch so realistisch geschildert wird, dass es schon wieder gut ist. McDonald ist ja bekannt für die sonderbar verformten Realitäten, die er entwirft – etwa in „Desolation Road“ (9783404241415) oder „Necroville“ (ISBN 9783453109148) – aber in „Chaga“ hat diese Verformung eine bedeutsame Aussage und ist kein Showeffekt. Erinnerungen an Lems „Solaris“ werden wach.

Die Welt ist nicht nur über weitere Chaga-Meteore beunruhigt, sondern auch über das mysteriöse Verschwinden des Saturnmondes Hyperion. Wie große Teleskope entdecken, wird er ebenfalls transformiert – ähnlich wie der Jupiter in Clarke’s „2010“. Schließlich nähert sich aus dem Saturngebiet ein unbekanntes, aber ziemlich großes Objekt der Erde und parkt im Orbit. Ende. Dieser Schluss schreit nach einer Fortsetzung, und in der Tat folgte sie im Frühjahr 1998 unter dem Titel „Kirinja„. Das Buch erschien bei Heyne im August 2000.

Mein Eindruck

Die Hauptfiguren sind realistisch und vielseitig gezeichnet, allen voran Gaby, die jägerhafte Reporterin, die bis zur Spitze ihres Senders aufsteigt, um dann fallengelassen zu werden. Sie verliebt sich in den Erforscher der Chaga, Shepard, und entdeckt unter der Erde Kenias ein sehr hässliches Geheimnis – dort werden Chaga-Opfer getestet, Telepathen, Schnell-Alternde usw. Erst ihr Geliebter Shepard holt sie aus dieser wissenschaftlichen Hölle raus – und hinterlässt ihr ein süßes Andenken: Sie ist schwanger.

Eine sibirische Flugzeugpilotin namens Oksana Teljanina ist ebenfalls sehr interessant – sie hat Schamanen als Vorfahren und ist ziemlich verrückt, außerdem lesbisch. Auch die kleineren Figuren unter der einheimischen Bevölkerung Kenias sind auffallend und mit Sorgfalt gezeichnet. Hier ersteht vor dem geistigen Auge eine umfassende und vielschichtige Kultur der nahen Zukunft, uns Westeuropäern fast ebenso „alien“ wie das Chaga.

In „Chaga“ hat McDonald erstmals gute Action-Szenen geschrieben, so etwa die Flucht vor den UNO-Truppen, bis Gaby und ihr Kamerateam in das Chaga flüchten müssen. Das macht die Lektüre absolut mühelos und sehr unterhaltsam.

Hinweis

In der Erstauflage der Hardcover-Ausgabe fehlen Seiten!

Hardcover: 649 Seiten
Originaltitel: Chaga (GB); Evolution’s Shore (US), 1995
Aus dem Englischen von Irene Bonhorst
ISBN-13: 9783453126343

www.heyne.de

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