Kapeliuk, Amnon – Yassir Arafat – Die Biografie. Vorwort von Nelson Mandela

Arafats Leben ist nicht von der Politik zu trennen, und das vorliegende Buch stellt somit eher einen akribischen Bericht über die Nahostpolitik dar, wie man sie nur selten findet. Denn behandelt werden all die internen Querelen und Eigenheiten des palästinensischen Widerstands. Eigentlich ist es eine Biografie der Fatah, der PLO, der Palästinensischen Nationalbehörde – aber auch der Beziehungen zur gesamten arabischen Welt wie auch der internationalen Beziehungen.

Das Drama der Palästinenser, deren Gesellschaft 1948 innerhalb weniger Monate völlig zerstört wurde, ist den meisten Lesern ja weitgehend bekannt. Arafats Leben war aber schon zuvor durch die Konflikte geprägt. 1929 kam es in Jerusalem zu ersten Zusammenstößen zwischen Juden und Arabern um die Klagemauer in Jerusalem. Rechtlich gehörte diese den Arabern, und die Gebete der Juden wurden nur geduldet. Die zionistische Rechte versuchte aber, die Mauer in Besitz zu nehmen. Dieser Konflikt forderte hunderte von Opfern auf beiden Seiten, die getöteten Araber wurden allerdings größtenteils von britischen Truppen erschossen. In diese Zeit wurde Arafat hineingeboren.

Von väterlicher wie mütterlicher Seite war er ein Husseini. Die Familie Husseini stammt direkt vom Propheten Muhammed ab und wurde schon im 13. Jahrundert in Jerusalemer Stadtchroniken erwähnt. Als Sechsjähriger erlebte er die Gewalt und das Sterben mitten im Aufstand von 1936, der drei Jahre andauerte. Als 1948 die Massaker an den Palästinensern begannen, schloss Arafat sich dem bewaffneten Widerstand an und begann eine militärische Struktur aufzubauen. Bis 1957 hatte er die Keimzelle der Fedayinbewegung zusammengestellt, die 1959 zur Fatah wurde. Die neu gegründete Organisation gab sich den Namen „Bewegung für die Befreiung Palästinas“ (Harakat at-Tahrir al-Falastin). Da das Initialwort HTF aber „plötzlicher Tod“ bedeutet, las Arafat es rückwärts FTH – ausgesprochen als Fatah -, was „Eroberung“ oder „Sieg“ bedeutet.

Auf all dies und viel mehr einzugehen, ist an dieser Stelle nicht möglich und würde auch das Lesen des aufrüttelnden und überaus spannenden Buches überflüssig machen. Deswegen sollen nur einige hervorzuhebende Beispiele genannt werden. Gegenwärtig interssant ist dabei vielleicht noch die spektakuläre Aktion des „Schwarzen September“ bei den Olympischen Spielen 1972 in München, da gerade der Film „Munich“ von Stephen Spielberg in den Kinos läuft. Arafat wie auch die Fatah hatten sich immer von dieser Gruppe distanziert, aber auf wertende Verurteilungen selbst – wie in allen politischen anderen Verhältnissen – verzichtet. Es folgten von Seiten der Israelis die gewohnten kriminellen Racheaktionen, die sich willkürlich gegen Fatah und andere Palästinenser richteten.

Große Auftritte hatte Arafat, als er 1974 auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen sprechen konnte. Es war das erste Mal, dass einer Persönlichkeit, die keinen Mitgliedstaat der internationalen Organisation vertrat, gestattet wurde, vor der Vollversammlung zu sprechen, und damit verhalf er der PLO zu internationaler Anerkennung. In seiner Rede wollte er einen multikonfessionellen palästinensischen Staat als Möglichkeit präsentieren. Immer hat er versucht, den Konflikt auf politischer Ebene zu halten, und nie, das Problem auf die Ebene religiöser Konflikte zu heben. Er wandte sich nicht gegen Juden, sondern trat für deren gleiche Rechte in einem demokratischen Staat ein, „der sie vom Zionismus, der Ursache allen Übels, befreit“. Die Teilung Palästinas sah er als imperialistisch-zionistisches Komplott und verglich dies oft mit der Mutter, die nicht zulassen wollte, dass Salomon ihr Kind zweiteilte, während die falsche Mutter, die sich als echte ausgab, eine solche Aufteilung akzeptiert hätte. An die Amerikaner gewandt, appellierte er stets an die Tradition von Recht und Gerechtigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Präsidenten George Washington, Abraham Lincoln und Thomas Woodrow Wilson.

1976 sah sich Arafat in der paradoxen Situation, dass Syrien und Israel gegen ihn und die PLO vereint dastanden, und seine PLO-Leute legten die Waffen nieder. Trotz des Abkommens, dass alle durch das Rote Kreuz evakuiert werden sollten, kam es im Libanon zum berüchtigten Massaker durch die christlichen Phalangisten, die mit Syrien verbündet waren, was zweitausend palästinensiche Menschenleben kostete. Kein arabisches Land half den Palästinensern und erst der saudische Kronprinz Fahd konnte den syrischen Assad bewegen, die Militäraktionen einzustellen.

Als 1979 im Iran der Schah durch die islamische Revolution entmachtet wurde, feierte man Arafat dort gleichermaßen neben Khomeini, und Arafat nahm in den folgenden Jahren auch an den dortigen Revolutionsfeiern teil. Als es 1980 zum Iran-Irak-Krieg kam, versuchte Arafat vergeblich, zwischen seinen zwei Verbündeten zu schlichten. Er versuchte Sadam Hussein wie Ayatollah Khomeini klarzumachen, dass der Konflikt vor allem den Feinden, den Imperialisten und Zionisten, nutze. Der islamische Kongress richtete einen Vermittlungsausschuss ein, wofür Saddam Hussein allerdings nur nichtarabische muslimische Staaten wie Pakistan, die Türkei und Guinea zuließ, mit Ausnahme von Arafat als einzigem arabischem Führer. Für Arafat war der Schah hauptverantwortlich für diesen Krieg, denn dieser hatte das Blutvergießen in Gang gesetzt, indem er die kurdischen Rebellen im Nordirak von den 60ern bis Mitte 70er Jahre aktiv unterstützte.

Immer hatte die PLO auch in Ägypten große Unterstützung durch den Präsidenten Nasser. Erst als der nachfolgende Präsident Sadat den Friedensvertrag mit Israel schloss, änderte sich die Unterstützungshaltung für die Palästinenser. Arafat begann auf Europa zu schauen und holte sich Unterstützung beim österreichischen Kanzler Bruno Kreisky, dem deutschen Bundeskanzler Willy Brand und dem griechischen Ministerpräsidenten Andreas Papandreou. Danach erkannten auch Spanien, Portugal und die Türkei die PLO offiziell an. Arafat reiste nunmehr um die ganze Welt – nach Moskau, nach Indien zu Indira Ghandi, zur Sandinistischen Revolution in Nicaragua. Wie wir aus der Geschichte wissen, änderte das nie etwas am Kurs Israels.

Die Palästinenser flohen von einem Land in das andere, wurden in Jordanien von König Hussein betrogen, mussten nach Tunesien. Niemand half ihnen bei den Verfolgungen, die Israelis waren erbarmungslos in ihrer Brutalität bis hin zu Vergewaltigungen junger Mädchen. Frauen und Mütter wurden getötet, weil diese „Kinder in die Welt setzen, die zu Terroristen werden“. Ariel Scharon war derjenige, der für die schlimmsten Massaker verantwortlich war, und langsam begann sich auch der Unmut dagegen in der israelischen Bevölkerung zu zeigen, der dazu führte, dass Scharon 1983 als Außenminister zurücktreten musste. Der PLO gehörten längst auch Juden an und die israelische Friedensbewegung wurde bis heute ein wichtiger Verbündeter für die Palästinenser.

Arafat genoss mittlerweile so viel Vertrauen bei all den zersplitterten palästinensischen Gruppen, dass er bis zu seinem Tod Vorsitzender der PLO und Führer aller Palästinenser blieb. Ständig war er im Visier von Attentaten – vornehmlich von israelischer Seite –, aber immer konnte er diesen wie durch ein Wunder entgehen. Andere Palästinenser dagegen teilten dieses Glück nicht, die Opfer der von Israel liquidierten palästinensischen Politiker sind kaum zählbar.

1983 versuchte Syrien, die Fatah zu spalten und die Macht mit Waffengewalt an sich zu reißen, was es zuvor in der Geschichte der PLO noch nie gegeben hatte. Mit einer „Fatah“-Reform versuchte man zum gewaltsamen Kampf zurückzukehren, dem Arafat längst abgeschworen hatte. Aber auch hierbei gelang es ihm, seine Machtposition zu stärken, auch wenn er von Syrien deswegen zur „persona non grata“ verurteilt wurde. In Ägypten kam Mubarak an die Macht, der wieder im Gegensatz zu Sadat eine ähnliche Politik wie Nasser verfolgte, und Arafat verbündete sich mit ihm, was auf große Kritik in der arabischen Welt stieß, da Ägypten ja den Friedensvertrag mit Israel geschlossen hatte. Arafat verstieß damit gegen die Beschlüsse der Arabischen Liga.

Er dachte ohnehin immer anders als das Gros der arabischen Gesellschaft, denn er leugnete auch nicht den Holocaust an den Juden und besuchte immer Gedenkstätten der jüdischen Nazi-Opfer. Ihm war bewusst, dass die Ursachen für einen großen Teil des Leidens der palästinensischen Bevölkerung in der deutschen Geschichte zu suchen sind. Ihn beschäftigte immer die Frage, wie Menschen, die so sehr unterdrückt wurden, ihrerseits zu Unterdrückern werden konnten. Zum Gedenken des 50. Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Ausschwitz, wozu er als Friedensnobelpreisträger eingeladen war, wurde er allerdings wieder ausgeladen, genauso vom Besuch des Shoa-Museums in Washington, wohin ihn Bill Clinton eingeladen hatte. Rechte israelische Kreise setzten die Ausladung durch.

Im Golfkrieg um die Besetzung Kuwaits durch den Irak stellte er sich – wie alle Palästinenser in Kuweit – auf die Seite Sadam Husseins. Auch wenn er die Besetzung zwar als legitimiert, aber als politischen Fehler einstufte: „Der Fehler eines schlauen Fuchses ist tausendmal schlimmer als jeder andere“. Hussein befolgte leider nicht Arafats Ratschläge. Arafat konnte international aber unangefochten bleiben, die Intifada führte dazu, dass die PLO endlich ihren Sitz in Palästina selbst einnehmen konnte – Arafat war der Präsident eines nicht ausgewiesenen Staates. Er hatte im Osloer Friedensvertrag auf den größten Teil Palästinas verzichtet und damit die 1948 erfolgte Aneignung der Gebiete durch den israelischen Dieb legitimiert.

In Palästina baute er nun eine Ordnungsmacht auf und steckte viel Geld, das auch aus Europa kam, in den Aufbau der Infrastruktur des Landes. Die Verhältnisse waren ja erbärmlich, z. B. verbrauchten fünftausend jüdische Siedler vierzig Prozent des vorhandenen Wassers und eine Million Palästinenser teilten sich den Rest. Das Land lebte im Elend, die Geburtenrate war sehr hoch und achtzig Prozent der Bevölkerung waren jünger als fünfzehn Jahre. Die Israelis hielten sich nie an die ausgehandelten Verträge, und als 1996 Peres in Israel abgewählt wurde und die israelische Rechte an die Macht kam, waren der Friedensprozess und die Verträge beendet.

Das stärkte in Palästina die Hamas, die von Israel paradoxerweise aufgebaut worden war, um eine Destabilisierung der PLO und der linksgerichteten palästinensischen Organisationen herbeizuführen. Durch darauf folgende finanzielle Unterstützung der arabischen Staaten entwickelte sich die Hamas weiter, die konsequent gegen einen zusätzlichen palästinensischen Staat neben Israel waren und für die Vertreibung des „zionistischen Besatzers“ aus ganz Palästina eintraten, um einen islamischen Staat zu errichten. Israel hat sie dann zähneknirschend für illegal erklärt. Der Golem hatte sich gegen seinen Schöpfer erhoben. Die Kämpfe und Attentate von palästinensischer Seite gegen Israel und die erbarmungslose Antwort von Israel gegen Palästina hörten nicht mehr auf und spitzten sich immer mehr zu.

Arafat, der politisch in den Friedensverträgen betrogen worden war, hielt immer einseitigen Waffenstillstand aufrecht, gab auch seinen Kommandanten die Botschaft auf den Weg, der israelischen Aggression mit größtmöglicher Zurückhaltung zu begegnen, und empfahl ihnen, die Angriffe auch im Selbstverteidigungsfall nicht zu erwidern. Die Anschläge vom 11. September 2001 aufs World Trade Center verurteilte er ebenso entschieden, spendete symbolisch Blut, forderte zu Blutspenden auf und befahl in Palästina, alle Jubelkundgebungen zur Feier des Vorfalls zu verbieten. Er warf Osama Bin Laden auch vor, die palästinensische Sache für seine Zwecke zu missbrauchen. Plötzlich sprach Bin Laden von Palästina, zuvor hatte er die Palästinenser nie unterstützt. Bin Laden war auf ganz anderem Terrain tätig und hatte gegen die Interessen der Palästinenser gehandelt. Arafat war der erste Führer aus der arabischen Welt, der Bin Laden die Stirn geboten hat. Scharon und Bush setzten ihn dennoch unverändert mit den Terroristen gleich.

Was den zweiten Krieg gegen den Irak anging, stand Arafat wie alle arabischen Staaten auf der Seite des Irak und verurteilte diesen völkerrechtswidrigen Krieg. Je brutaler Israel vorging, desto mehr Selbstmordattentate riefen diese Handlungen hervor. Israel und USA machten jedes Mal Arafat für diese Anschläge verantwortlich; schließlich wurde sein Hauptquartier abgeriegelt und er saß mit 72 Jahren erstmals in seinem Leben bewegungslos fest, unter Demütigungen der Israelis. Im Jahr 2000 wurde zwar in Israel bekannt, dass Scharon rechtswidrig und illegal durch Finanzierung aus dem Ausland an die Macht gekommen war, aber das änderte nichts an der verfahrenen politischen Situation. Geplant war eigentlich, Arafat zu eliminieren, wie man es auch nach seinem Tod mit dem Hamas-Führer Scheich Jassin und auch dessen Nachfolger vollführte.

Am Ende des Buches werden aber sehr viele Ungereimtheiten zu Arafats Tod aufgeführt, wo sogar auf der Sterbeurkunde der französischen Ärzte steht: „Todesursache unbekannt“ – es spricht vieles für einen Giftanschlag des israelischen Geheimdienstes. Arafats Wunsch, auf dem Haram esh-Sharif in Jerusalem beerdigt zu werden, wurde verweigert, die palästinensische Führung beschloss, ihn dann dort zu begraben, wo er drei Jahre eingesperrt gewesen war. Leider konnte er seine Vision eines eigenständigen Staates nicht mehr erleben, wenngleich es doch jahrzehntelang so aussah, als wäre dieser nicht mehr fern. Die Biografie zeigt Arafat als toleranten – zu Recht mit dem Friedensnobelpreis geehrten – Menschen, der alle Religionen achtete; ganz besonders auch die jüdische und christliche Religion als neben dem Islam gleichberechtigt stehendes gemeinsames Erbe ansah. Bewundernswert sind auch seine stetigen Bemühungen um Dialog und zur Einheit, denn trotz vieler Diskrepanzen – bis hin zur blutigen Verfolgung – hat er sich immer bemüht zu verzeihen, mit niemanden zu brechen und notfalls von vorne zu beginnen.

Das Buch ist ein Dokument des palästinensischen Widerstandes und besonders jetzt durch die Wahl der Hamas an die palästinensische Regierung (Januar 2006), die das Existenzrecht Israels ablehnt und auch nicht von der Gewalt abkehrt, unverzichtbares Material, um die eigentliche Nahostproblematik aus palästinensischer Sicht von innen heraus überhaupt beurteilen und verstehen zu können.

Informationen bei |wikipedia| mit weiterführendem Hypertext: [Jassir Arafat]http://de.wikipedia.org/wiki/Jassir__Arafat

548 Seiten Hardcover mit Schwarzweiß-Fotos