Lehane, Dennis – Kein Kinderspiel

_Spannender Thriller, der an die Nieren geht_

Ein vierjähriges Mädchen wurde entführt, doch es gibt weder Botschaften noch Forderungen der Entführer. Die Detektive Kenzie und Gennaro stoßen zunächst auf einen Drogendealer-Hintergrund, doch der Fall nimmt eine unerwartete und für viele Beteiligte unangenehme Wendung.

Dieser exzellente Thriller wurde mit dem Deutschen Krimipreis 2001 ausgezeichnet.

_Der Autor_

Seit 1994 veröffentlicht der Bostoner Autor einen exzellenten Krimi nach dem anderen. „Streng vertraulich!“ war sein erster. „Spur der Wölfe“ wurde 2003 als „Mystic River“ von Clint Eastwood verfilmt. Alle deutschen Übersetzungen erscheinen bei |Ullstein| und werden von Andrea Fischer besorgt.

|Seine Helden|

Zumeist stehen in den Romanen die zwei Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro im Mittelpunkt. (Gennaro hieß auch John McClanes Gattin in den Bruce-Willis-Actionkrachern „Stirb langsam“, und genau wie Bonnie Bedelia stelle ich sie mir auch vor. Allerdings hat Angela den fiesen Charakter und die freche Klappe von Linda Fiorentino.) Angie hat zwölf Jahre Ehe-Hölle hinter sich, als sie ihren Mann verlässt, um bei Kenzie einzuziehen: eine taffe Frau. Sie kennt Kenzie noch aus dem Sandkasten.

Patrick Kenzie hingegen stammt aus der rein irisch-katholischen Arbeiterklasse von Boston (die Lehane eingehend in „Spur der Wölfe“ untersucht). Er hat seine Lehre bei einer der feinsten Privatdetekteien von Boston gemacht, wie wir in „In tiefer Trauer“ erfahren. Er zögert nicht, kräftig hinzulangen, wenn ihm einer blöd kommt, und trägt ständig eine Wumme bei sich. Beide Partner wissen ihre Knarren auch einzusetzen, wenn’s drauf ankommt.

_Handlung_

In ihrem vierten Fall werden Kenzie und Gennaro von einem ungleichen Ehepaar beauftragt, ein vierjähriges Mädchen wiederzufinden: Amanda McCready. Zunächst lehnen die beiden Bostoner Detektive den Fall als absolut hoffnungslos ab, denn es wurden bereits alle Suchmaßnahmen ausgeführt. Amandas Mutter Helene ist psychisch unfähig, sich um den Fall zu kümmern, und Amandas Vater ist über alle Berge. Helene betäubt sich mit Alkohol und ab und zu auch mit Härterem.

Als sich der Fall als Kidnapping herausstellt, arbeitet das Duo mit zwei Polizisten zusammen, die in einer Sondereinheit für vermisste Kinder tätig sind. Bouchard und Poole sind zwei wirkliche Originale, die ursprünglich bei Sitte und Rauschgift arbeiteten, bevor sie in John Doyles Abteilung gesteckt wurden. Wie sich zeigt, sind die alten Verbindungen zu der Drogenszene immer noch aktiv. Und Helene war einmal Drogenkurierin, deren Partner Ray Likanski seiner Auftraggeberin 200.000 Dollar unterschlagen hat. Es geht offenbar um eine große Summe.

Der erste große Höhepunkt der Handlung: Als bei einer groß angelegten, aber dennoch gescheiterten Übergabe dieses Geldes mehrere Personen getötet werden, wird Patrick und Angie allmählich klar, dass hinter der Entführung noch erheblich mehr steckt als anfangs vermutet. Sie entdecken, dass Bouchard eine weitaus engere Beziehung zu Likanski hatte als angegeben.

Je länger sich die Ermittlungen hinziehen, desto undurchsichtiger wird der Fall. Das stellt die Beziehung zwischen Patrick und Angie auf eine harte Zerreißprobe. Und schließlich kommt der Punkt, an dem ihre Zusammenarbeit auf die schwerste Probe gestellt wird: Kenzie muss sich zwischen Gesetzestreue und Kinderliebe entscheiden.

_Mein Eindruck_

Aufgrund dieser Beschreibung könnte man glauben, dass sich der Fall zäh und ereignislos dahinzieht. Das Gegenteil ist der Fall. Eine spannend inszenierter Höhepunkt folgt dem nächsten, ohne dabei jedoch in Aktionismus zu verfallen. Action und Spannung sind fein dosiert, dazwischen findet Lehane Zeit für menschlich anrührende Szene mit Helene McCready und ähnlichen Kidnappingopfern.

Dieser Wechsel ist notwendig, um erstens die Ermittlungen voranzubringen und zweitens die Problematik von Kindesentführungen vor Augen zu führen. Schließlich gibt es einen echten Showdown und ein Finale. Der Epilog rundet den Prolog ab und formt auf diese Weise eine Klammer um die Haupthandlung.

|Warnung!|

Zartbesaitete Gemüter seien eindringlich vor durchaus brutalen und ekelerregenden Szenen gewarnt. In einer besonderen Szene stürmen die Polizisten und Detektive das Haus einer Bande von Kinderschändern. Die rasch abfolgenden Ereignisse sind schlicht grauenerregend: ein regelrechter Shootout wie einst in Tombstone am O.K. Corral! Auch eine andere Verbrechensszene wird in allen Details als Ort des Grauens geschildert – „Das Schweigen der Lämmer“ lässt grüßen.

_Unterm Strich_

Unter den Thrillern, die ich bislang von Dennis Lehane gelesen habe, ist „Kein Kinderspiel“ einer der herausragenden, weit besser als „Streng vertraulich“ oder „In tiefer Trauer“. Er liegt auf einem Qualitätsniveau mit „Regenzauber“. „Mystic River“ spielt hingegen in einer anderen Liga, daher wäre ein Vergleich nicht angebracht.

Fälle mit Kindesentführungen sind immer die schlimmsten, das weiß jeder Polizist. Sie gehen total an die Nieren. Und dieser Fall bildet keine Ausnahme. Der Schluss ist besonders bitter. Nicht nur muss Kenzie zwischen Gesetzestreue und Kinderliebe wählen und damit seine Partnerschaft mit Gennaro aufs Spiel setzen. Nein, selbst dann, wenn das entführte Kind wieder seinen Eltern zurückgegeben wird, heißt das nicht, dass es dort eine angemessene und liebevolle Erziehung erhält. In den USA dürfen Eltern alles und Kinder nichts, wie Lehane anhand mehrerer Fälle illustriert. Hoffentlich ist das hierzulande anders.

|Originaltitel: Gone, baby, gone; 1998
Aus dem US-Englischen übersetzt von Andrea Fischer|

|Dennis Lehane bei Buchwurm.info:|
[Regenzauber]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1346
[Mystic River]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1340
[Shutter Island]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=1150