Thomas Ligotti – Das Alptraum-Netzwerk (Edgar Allan Poes Phantastische Bibliothek Band 2)

Wirtschafts-Horrorstorys?? Gut, der Job ist für viele Menschen oft Horror oder schlicht die Hölle, aber trotzdem lässt der Untertitel aufmerken: ein neues Subgenre? Oder muss es Wirtschaftshorror-Storys gelesen werden – das alltägliche Grauen in Geschichten dargestellt?

Oder kündigt die Etikettierung dunkle Ironie an?

Alles trifft zu. Die Wirtschaftsabläufe, deren Abbild den äußeren Rahmen für das Schicksal der Protagonisten Ligottis und zugleich für die philosophischen Betrachtungen des Autors liefert, sind eine der Manifestationen des absolut … Bösen(??). Bei aller Düsternis dieser Darstellung vermisst man aber auch den sprichwörtlichen schwarzen Humor nicht; und, ja, Ligotti zeigt Menschen, die unter ihrem Büro-Alltag leiden, Angehörige der Mittelklasse, die aufgefressen werden von Status- und Karrieredenken, vom täglichen Konkurrenzkampf und der täglichen Sinnlosigkeit.

Diese stellt sich besonders krass in der Titelgeschichte „Geschäftsauflösung – Das Alptraum-Netzwerk“ dar, einer Collage aus kurzen Erzählungen, Traumprotokollen, Memos und Kleinanzeigen, die abbilden, wie die riesige Firma OneiriCon den Kampf mit dem seltsamen Alptraum-Netzwerk verliert und sich Chaos auf Erden ausbreitet. Die Erzählung ist sowohl dystopisch als auch enigmatisch; Thomas Wagner nennt in seinem fundierten, analytisch präzisen Nachwort mit Recht sowohl Orwell als auch Kafka als Vorbilder für diese groteske Montage, die ebenso Paranoia wie grimmige Ironie ausströmt. Wirtschaft, so wie sie heute angelegt ist, expansiv und exploitativ, muss zum Untergang der Zivilisation führen, liest man da heraus. (Was ein gewisses Trostpotenzial beinhaltet, denn vielleicht hat, wenn der Mensch eine Episode geworden ist, der Planet noch eine Chance.)

Grotesk wird es auch in der zweiten Geschichte des Buches, „Die Wiederkunft der Toten – Ich habe einen speziellen Plan für diese Welt“. Ein Ich-Erzähler reflektiert beunruhigende Vorgänge, die sich nach dem Umzug seiner Firma in eine „Mordstadt“ abspielen. Angestellte verschwinden und werden durch Wesen mit zombiehaften Zügen ersetzt. Ironisch wird die Werbung persifliert, die es nicht schafft, per Kampagne diesen düsteren Ort in „Die Goldene Stadt“ zu verwandeln. Gelber Nebel und Verfall nehmen überhand. Wie in einer klassischen Horrorgeschichte sieht am Ende alles etwas anders aus als zu Anfang (wobei der Titel das Umschlagen der Handlung in ihr Gegenteil bereits suggeriert). Fazit jedoch bleibt auch hier: Es geht zu Ende, Totentanz, Fin de Siècle, Dekadenz. Keiner denkt an Umkehr, und wer es dennoch tut, stirbt. Kündigung führt zum Tod; doch auch wer in der Firma verbleibt, muss über kurz oder lang sterben – Chaplins Räderwerk aus „Modern Times“ hat sich endgültig zur Höllenmaschine gewandelt.

Im besten Fall haben die Frauen und Männer der bürofüllenden Middleclass nur eines im Sinn und nur eine Chance – in einer Nische nicht aufzufallen und in Ruhe gelassen zu werden, denn: „Was wir auch immer auf dieser unsicheren und – in aller Offenheit gesagt – erbärmlichen Welt zu erreichen versuchten, wir versuchten es außerhalb der Firma.“

So denkt Frank Dominio, der Protagonist der längsten Geschichte „Der Lohn des Lebens – Meine Arbeit ist noch nicht erledigt“, und er weiß, dass er sich damit außerhalb der Gruppe der „firmentreuen“ Mitglieder des mittleren Managements wiederfindet; ja quasi ein Verbrechen an der Firma begeht. Dementsprechend versucht er seinen Status durch vorgetäuschte Aktivität aufzupolieren, schlägt ein neues Produkt vor, erleidet eine Abfuhr und wird danach von seinen sechs Mit-Fachbereichsleitern und seinem unmittelbaren Chef Richard systematisch aus der Stellung gemobbt, wobei sie ihm auch noch seine Idee stehlen wollen. Der Status quo, den er für sich und seinen Fachbereich bisher aufrecht erhalten konnte, zerbricht, ihm werden Stellung und Mitarbeiter genommen. Also tut er, was Verzweifelte in solcher Lage unter anderem auch tun können: Er leert sein Konto, kauft sich schwarze Kleidung und einige ordentliche Waffen und beschließt, es „Den Sieben“ (man vergleiche Tolkiens „Die Neun“) heimzuzahlen. Dann fällt ihm ein, er müsse noch sein finales Statement schreiben (die vorliegende Geschichte), das alles richtig erklärt. Doch auf dem Weg zum Bürobedarfsladen geschieht etwas mit ihm, und danach ist nichts mehr wie früher …

Thomas Ligotti, The Prince of Dark Fantasy, zelebriert mit diesem 120-Seiten-Kurzroman sein Meisterstück. Er stellt den Existenzkampf des Menschen in kosmische Dimensionen und philosophiert über den Sinn des Lebens und des Sterbens. Deutlich zu erkennen ist der Einfluss seines Inspirators Lovecraft; wie bei diesem schlagen sich im Grunde wehrlose Protagonisten mit einer feindlichen Welt herum, die Spielball ebenso blindwütiger wie gleichgültiger Mächte ist – Mächte, die Ligotti darstellt im Bild des „Großen Schwarzen Schweins Welches Sich In Einem Großen Strom Der Schwärze Suhlt“. Der Mensch hat Teil an dieser Schwein-Heit, ist selbst „schweinisch“; es „fließt ein Maß Tierblut in jedem, der danach strebt, seinen Platz in der Welt zu behaupten“. Doch nichtig, „kleingeschrieben“ ist der Wille des Einzelnen, „einer Küchenschabe, erhoben zu menschlicher Gestalt, eines kleinen Wirbels in dieser strömenden Schwärze, die von derselben Größe und Dauer war wie die Welt selbst; der Schatten innerhalb allen Lebens, das Ding, das immer weiter- und weiterleben würde, während jeder von uns seinen Tod allein starb“. Frank, der auch in der Schwärze, die ihn seit dem Ausflug zum Papierladen umgibt, seine Pläne weiter verfolgt, erkennt, dass er weiter manipuliert und missbraucht wird. Es gibt Arbeit, die noch nicht getan ist, aber es gibt keine Hoffnung; der Titel meint, dass alles Leben unfertiger Entwurf bleibt. Die Arbeit eines Menschen wird nie getan sein; es gibt keine Erlösung, nur Schwärze und blindwütige, animalische Energie. Völlig fremd ist diesem Universum das Konzept eines guten Gottes. Hier artikuliert ein Autor offen seine tief pessimistische Weltsicht, gegen die Just-for-Fun-Gesellschaft und auch gegen den fröhlichen Trivialhorror Marke King und Hollywood, der alles ja doch gut ausgehen lässt. Tier bleibt jeder Mensch, „dem es an dem finalen Anstand mangelt, sich selbst aus der Herde zu entfernen, sei es durch Gewaltanwendung gegen sich selbst oder durch totale Kapitulation in die Furcht“. Da wird nebenbei auch Nietzsche negiert und jeder andere Philosoph, der als Mittel gegen die „Herde“ die vornehme Haltung des Einzelnen predigt. So weit ich sehe, hebt dieser schwarze Entwurf überhaupt alle europäische und östliche Philosophie auf; der Leser muss einiges aushalten können. Andererseits erzählt Ligotti die Geschichte Dominios so mit-leidvoll, dass dieser von Anfang an Identifikationsfigur ist. Ob man die durch ihn artikulierte Weltsicht gutheißt, möge jeder nach Bilanz seines (Wirtschafts-)Lebens selbst entscheiden.

Ich halte dieses Werk für Ligottis bestes; und da er ohnehin einer der großen Autoren der Dunklen Phantastik ist – wenn nicht der große überhaupt -, legt [BLITZ]http://www.blitz-verlag.de hier ein Buch vor, an dem man nur als Ignorant vorbeikommt. Herausgeber Markus K. Korb und Übersetzerin Monika Angerhuber muss man gratulieren, dem einen für seine Idee und Initiative, dieses Buch erscheinen zu lassen, der anderen für ihre hoch künstlerische Sprache, deren Ton die inneren Kämpfe der Protagonisten (und des Autors) exzellent im Deutschen zur Geltung bringt.

Dies ist nun der zweite Band von „Edgar Allan Poes Phantastische Bibliothek“, und ich kann nur hoffen, dass sich genügend Leser finden, dieses Projekt zu unterstützen, denn wenn die Reihe in der Qualität fortgesetzt werden kann, die Band 1 und 2 zeigen, können nachdenkliche Menschen hierzulande, die interessiert sind an guter Literatur, nur gewinnen.

Taschenbuch: 176 Seiten
Orginaltitel: My work is not yet done
Uübersetzt von Monika Angerhuber

Peter Schünemann
Diese Rezension wurde mit freundlicher Genehmigung unseres Partnermagazins buchrezicenter.de veröffentlicht.