Luisa Sarah Blum – Soya

Soya ist behütet bei ihrem Großvater in Bakul aufgewachsen. Und obwohl ihr immer bewußt war, dass sie in mancherlei Hinsicht anders ist als ihre Freunde, war ihr nie klar, was genau diese Unterschiede bedeuten. Doch eines Tages fällt ihr ein ungewöhnlicher grüner Stein in die Hände, der ihr Leben vollkommen über den Haufen wirft …!

Soya ist eine recht sympathische Heldin, treu, mutig und von freundlichem Wesen. Sie ist auch nicht dumm, dafür aber manchmal ziemlich stur. Das führt gelegentlich zu unklugen Entscheidungen.

Im Grunde ist Soyas Darstellung recht ordentlich geraten. Ihre Gedanken und Gefühle werden eindringlich geschildert, und ihr Verhalten paßt zu ihrem Alter.

Leider hat die Autorin diese Darstellungsweise allein auf Soya beschränkt. Durch die starke Konzentration des Blickwinkels auf Soya sind die übrigen Charaktere ziemlich blass geblieben, was unter anderem die romantische Seite der Geschichte beeinträchtigt. Selbst die Feenkönigin, deren Hass so deutlich herausgearbeitet ist, hat sonst keinerlei Eigenschaften und bleibt damit recht eindimensional.

Ich nehme an, Luisa Sarah Blum hat sich bewusst darauf beschränkt, die Geschichte allein aus Soyas Blickwinkel zu erzählen. Denn dadurch, dass die Charakterzeichnung von Figuren wie Ramon, Merlan und Zindabor allein durch Soyas Wahrnehmung erfolgt, ist ihr Verhalten interpretierbar. Das ermöglicht der Autorin, alle Personen außer Soya immer wieder verdächtig zu machen, sodass der Leser nie weiß, wer der wahre Gegner ist.

Das erhöht durchaus die Spannung, wenn es denn funktioniert. Leider hat es bei mir nicht geklappt. In Ramons Fall hat es mich einfach nur verwirrt, weil ich sein widersprüchliches Verhalten nicht nachvollziehen konnte. Soya übrigens auch nicht, sie versucht sogar, mit ihm zu reden, stellt aber nicht die richtigen Fragen und besteht auch nicht auf Antworten. Im Fall des Herrschers der Shirkan war der Widerspruch so groß, dass ich die Figur als unglaubwürdig empfand.

Überhaupt, die Shirkan. Ich hatte erwartet, hier auf eine interessante neue Rasse zu treffen, mit besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten, einer eigenen Kultur. Leider bot das Buch in dieser Hinsicht kaum etwas. Außer, dass die Shirkan in Höhlen leben und Familienbande ihnen über alles gehen, erfährt man überhaupt nichts über sie. Sie werden als das Gegenteil der Elfen bezeichnet, aber da man über die elfische Kultur und Mentalität ebenfalls so gut wie nichts erfährt, ist das nicht gerade hilfreich. Zusätzlich dazu ist die Darstellung der Elfen auch insofern einseitig geraten, weil sie vorwiegend aus Soyas Erfahrungen besteht, und Soya als Mischling grundsätzlich abgelehnt wird. Dafür, dass die Autorin laut Klappentext ausdrücklich durch Reisen und fremde Kulturen zu diesem Buch inspiriert wurde, ist das eine enttäuschend magere Ausarbeitung.

Dass auch das Setting eher stiefmütterlich behandelt wurde, ist nicht unüblich und muss auch kein Manko sein, Wenn allerdings in einer mittelalterlichen Welt – mit Pferden als Fortbewegungsmittel und Schwertern als Waffen – Bilder erwähnt werden, die mit einem Apparat aufgenommen wurden, wirkt das ausgesprochen störend.

Bleibt die Handlung. Insgesamt fand ich den Plot recht gut, mir gefielen die zugrunde liegende Idee und auch der zeitliche und inhaltliche Aufbau. An der Umsetzung allerdings hapert es noch.

So lässt Frau Blum sich zum Beispiel etwas zu viel Zeit damit, Soyas Andersartigkeit genau herauszuarbeiten. Bereits nach ihrem zweiten Schwächeanfall dürfte auch einem jugendlichen Leser klar sein, dass sie keine Sonne verträgt, und ihre Höhenangst wird im Sportunterricht schon deutlich genug. Auch an anderer Stelle ist die Autorin unglaublich ausführlich, ohne tatsächlich etwas zu verraten, zum Beispiel bei Soyas letztem Gespräch mit ihrem Großvater. Diese Stellen ziehen sich wie Kaugummi und bremsen den Erzählverlauf.

Den langen Abschnitten, in denen im Grunde nichts Wichtiges passiert, stehen kurze Sequenzen gegenüber, in denen sich die Ereignisse geradezu überschlagen. Das wäre nicht unbedingt ein Problem, wenn der Leser an den ausführlichen Stellen Antworten erhielte, die für das Verständnis der temporeichen wichtig sind, dort aber keinen Platz finden. So fragte ich mich zum Beispiel, warum Soyas Großvater sie zwar mit dem Verschwindezauber vom Schlosshof in Elindor wegholen, sie aber nicht unmittelbar an der Grenze zum Mandoriawald absetzen konnte. Stattdessen hat er sie lediglich aus der Stadt geholt und dann per Pferd und zu Fuß durch den halben Kontinent geschleift. Falls es dafür eine Erklärung gibt, – außer der, dass es so vielleicht spannender sein sollte –, wird sie nicht erwähnt.

Was den Erzählverlauf ebenfalls stört, sind die häufigen, unvermittelten Zeitsprünge. dass die Autorin die vielen Reisen Soyas kreuz und quer über den Kontinent komplett ausspart, ist noch nachvollziehbar, doch manchmal brechen auch ohne Ortswechsel ganz Brocken aus der Zeit. Im einen Augenblick sitzt Soya mit Zindabor auf der Veranda und unterhält sich mit ihm, und im nächsten Absatz ist sie plötzlich irgendwo im Wald unterwegs. Man kann der Handlung zwar trotzdem folgen, aber eine flüssige Erzählweise sieht anders aus.

Womit wir beim sprachlichen Aspekt wären. Im Großen und Ganzen fand ich die sprachliche Gestaltung in Ordnung. Allerdings tauchen immer wieder Schnitzer auf, die eigentlich so grob nicht passieren sollten. „Ein Knall erzitterte die Höhle“ geht gar nicht, er „erschütterte“. Auch Satzbau- und Grammatikfehler fanden sich, die bei einem professionell verlegten Buch nicht vorkommen dürfen, vor allem nicht in Jugendbüchern. Hier hat das Lektorat ziemlich geschlampt.

Diverse logische Unstimmigkeiten im Detail tun ihr Übriges.

Wir kommen an dieser Stelle der Bitte des Verlages nach, keine Beispiele zu nennen und haben diese aus der ursprünglichen Fassung der Rezension gelöscht.

Unterm Strich bleibt zu sagen, dass das Buch – trotz all der negativen Punkte – nicht wirklich schlecht ist. Dass ich eine etwas bildhaftere Darstellung auch äußerlicher Dinge wie Örtlichkeiten und Setting vermisste, liegt an meinen persönlichen Präferenzen und betrifft nicht nur dieses Buch, sondern auch viele andere erfolgreiche Bücher, die ich gelesen habe. Allerdings finde ich, dass Frau Blum hier Potenzial verschenkt hat, denn die Figur der Feenkönigin zeigt deutlich, dass sie in der Lage ist, sehr eindringliche Darstellungen abzuliefern.

Als gravierender empfand ich zum einen die vielen oft recht bemüht wirkenden Versuche, den Leser auf falsche Fährten zu führen, vor allem, weil sie teilweise zu Unstimmigkeiten in der Charakterzeichnung führten.

Zum anderen störte mich das unausgewogene Erzähltempo mit den vielen Zeitsprüngen. Es wollte sich einfach kein glatter Lesefluss einstellen. Die einzelnen Ereignisse, oft unterbrochen durch ausführliche Beschreibungen von Soyas aktuellem Zustand, wirkten lose und unverbunden. Das hat die Geschichte Spannung und Leben gekostet.

Da das Buch als Jugendbuch eingestuft ist, geht der Verlag möglicherweise davon aus, dass die meisten meiner Kritikpunkte Kindern und Jugendlichen vielleicht nicht auffallen. Andererseits denke ich, man sollte die junge Generation nicht unterschätzen. Vor allem nicht, wenn man der Meinung ist, dass ein Buch über eine Heldin, die so oft eigenhändig tötet, bereits für Zwölfjährige geeignet ist.

Luisa Sarah Blum lebt mit ihrer Familie in der Schweiz und ist von Beruf eigentlich Shiatsu-Therapeutin. „Soya“ ist ihr Debütroman.

Gebundene Ausgabe 736 Seiten
ISBN-13: 978-3952490631
http://www.riverfield-verlag.ch

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