Cormac McCarthy – Die Abendröte im Westen

Der „Wilde Westen“, die Zeit des Aufbaus und der Entwicklung der nordamerikanischen Staaten, so wie wir sie aus Film und Fernsehen, aber nicht zuletzt auch durch Erzählungen berühmter Autoren kennen, ist eine Illusion. Es gibt nur wenige Quellen, die mit diesen Vorurteilen aufräumen und uns wirklich in allen Einzelheiten schildern und aufzeigen, wie brutal und blutig, wie unmenschlich und egoistisch die Politik der Besatzer und die Unterdrückung der Indianer durch die Siedler und Pioniere waren.

Unzählige Menschen aus allen Herren Länder wanderten in das Land, welches ein verheißungsvolles und großzügiges Leben in Freiheit und Würde versprach. Doch auch dies war in vielen Fällen nur eine Illusion, und oftmals fanden die Menschen nicht ihre Freiheit, sondern vielmehr Entbehrungen und Qual, oftmals den Tod. In diesem weiten Land gab es in Zeiten der Kolonialisierung keine greifbaren Gesetze, und wenn, dann wurden diese ignoriert. Die Einwanderer mussten um ihre Existenz kämpfen, um jeden Meter, an jedem Tag, sei es gegen die derzeitigen Kolonialherrscher, die Indianer oder die eigenen Reihen neidischer Menschen.

„Die Abendröte im Westen“ von Cormac McCarthy schildert die Ereignisse Mitte des 19. Jahrhunderts, beginnend mit den Indianerkriegen und dem nicht immer friedvollen Umgang mit Siedlern und Abenteuern. McCarthy räumt mit den irrigen Vorstellungen, dem Mythos von Freiheit und Abenteuer im Westen Amerikas auf.

Die Geschichte

Es gibt den Tod, einige harte Männer und die scheinbar leere der Wildnis. Mehr gibt es nicht. Am Firmament leuchten die Sterne und am Morgen des beginnenden Tages zieht die Sonne ihre Bahn. Dem Universum ist es egal, was geschieht. Mord ist im Alltag allgegenwärtig und es gibt keine Moral, denn niemand kann sie sich leisten.

Cormac McCarthy erzählt die Geschichte eines namenlosen Burschen, der nur als der „Junge“ bezeichnet wird. Mit vierzehn Jahren läuft er davon und stößt sich damit selbst in eine brutale Welt ohne Mitleid und Ethik, ohne Gesetz und Recht. Das Einzige, was jetzt zählt, ist das Recht des Stärkeren, der ohne Gnade das tut, was er tun muss, ohne Rücksicht auf andere.

Der Junge lernt schnell zu überleben, es bleibt ihm auch nichts anderes übrig. In einer Kneipe der mexikanischen Kleinstadt schlägt er dem Barkeeper, nachdem gutes Zureden nicht geholfen hat, zwei Flaschen Whisky über den Schädel und verschwindet mit einer dritten. Was er sonst noch vom Leben will, bleibt unklar. Er reist durch die Prärie von Texas, ein armseliges Menschenkind, ein heruntergekommener Dieb. Ohne Ziel reist er durchs Land und schließt sich verzweifelt einer Gruppe marodierender Desperados und Abenteuer an, Strandgut des Krieges zwischen den USA und Mexiko. Menschen, die wie er kein Ziel haben und deren Gegenwart und Zukunft nur aus dem heutigen Tag besteht.

Am Abend sitzen die Männer am Feuer und sprechen über Gott. Der Junge meint, dass ein gnädiger Gott nicht an ihn denkt, ihn vergessen hat. Aus heiterem Himmel werden sie von einem Hagelschlag überrascht, die Pferde scheuen und ihre Reiter stöhnen, sie steigen ab und hocken sich, die Sättel über den Köpfen, auf den kargen Boden. Wenig später legen die Männer den Pferden die Sättel wieder auf und reiten weiter durch die Wildnis. Nachts passieren sie die Lichter eines Dorfes, aber sie ändern deswegen nicht ihren Kurs, wo immer dieser sie auch hinführen mag.

Gegen Morgen sind am Horizont Feuer zu sehen. Der Anführer Glanton schickt die Kundschafter, die Delawaren, vor. Im Osten beginnt es schon zu dämmern. Als die Indianer zurückkommen, hocken sie sich mit Glanton, dem merkwürdigen Mann, den alle den „Richter“ nennen, und den Gebrüdern Brown zusammen. Als sie die Wagenkolonne erreichen, sehen sie fünf Planwagen, die noch brennen. Die Goldsucher sind alle tot, namenlos liegen sie mit entsetzlichen Wunden zwischen den schwelenden Wagen, die Gedärme sind ihnen herausgequollen, die nackten Körper starren von Pfeilen. Abgetrennte Gliedmaßen, die Toten liegen in Pfützen getrockneten Blutes, die Augen auf die aufgehende Sonne gerichtet.

Der Junge inmitten der Truppe um Glanton zieht stumm weiter. Solche Massaker sind ohne Frage die Regel. Und sie begehen einige; als Skalpjäger privilegiert, unterscheiden sie nicht zwischen Indianern und ahnungslosen Siedlern oder Mexikanern. Bezahlt werden sie nach der Stückzahl der Skalps. Die Blutspur, die sie durch die Wildnis ziehen, ist erbarmungslos und gleichgültig wie das Weltall. Die Welt dreht sich weiter. Die Weite ist unbegrenzt, die Sonne gnadenlos, sie brennt den Männern die Haut vom Leib.

Captain Glanton lehnt sich zurück und verschränkt die Arme. Wir haben es da, sagte er, mit einer entarteten Rasse zu tun. Mit einer Rasse aus Bastarden, kaum besser als Nigger. Vielleicht sogar genauso minderwertig. In Mexiko gibt es keine Regierung. Das ist die Sichtweise, das Credo, das diese Gruppe antreibt. Man jagt die Indianer, wo man sie findet, und schleppt die Skalpe für klingendes Gold zum Gouverneur.

Der Junge verblasst unter den Männern, seine Moral, sein Menschsein beginnt er zu verlieren. Starrend von Schweiß und Blut, die Pferde erschöpft, aber mit blutigen Skalpen der Indianer behängt, ziehen sie in die Stadt ein, umjubelt und willkommen geheißen von Mexikanern. Wenig später sind sie frisch gebadet, neu eingekleidet und erscheinen zum Festmahl des Gouverneurs. Es wird zu einem einzigen Gelage. Die Mörder versaufen, verfressen und verhuren das Geld, das sie unter Todesgefahr „verdient“ haben. Ihr Besuch verheert die Stadt, es geschehen Morde und Vergewaltigungen, am Ende ziehen sie weiter, neuen Morden entgegen.

Irgendwann scheren sich Glanton und seine Leute um keine Abmachung mehr und schießen die Mexikaner nieder, zu deren Schutz sie bestellt sind. Der Boden rationalen Handelns ist längst verlassen, nie wieder erreichbar. Damit werden diese selbst zu Gejagten, nicht nur von Indianern …

Kritik

Cormac McCarthy ersetzt in seinem Roman „Die Abendröte im Westen“ die Unendlichkeit des Ozeans durch eine vernichtende Weite. Die Landschaft, die Wildnis ist hier nicht die kultiviert und erschlossen, hier existiert nur feinselige Gewalt in allen Formen. Mit einer unglaublichen Besessenheit, die nichts mehr erschüttern kann, durchmisst McCarthy seine Geschichte. Er schildert, wie er es in seinen Romanen oft tut, die Bestialität des Menschen, deren Menschsein auf den kleinsten Nenner zurückgeschraubt wurde. Ihr Elend, ihre beherrschte Wut wirken auf den Leser trotzdem berauschend und spannend.

Im Original heißt der Roman „Blood Meridian Or The Evening Redness in the West“. Die Geschichte spielt kurz nach dem Ende des Amerikanisch-Mexikanischen Krieges. Wie nach vielen Kriegen, gab es auch hier versprengte Reste der amerikanischen Truppen, die ihren Krieg auf ihre ganz eigene Art fortsetzen. Die Grenzen zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten sind verworren. Gouverneure der Staaten setzen ein Kopfgeld zur Ermordung von Indianern aus und finanzieren damit einen Völkermord. Es gibt keine gültigen Gesetze und Verträge gehören der Fiktion an. Zwischen und in den Ländern gilt nichts weiter als die Korruption des Verderbens.

Das gelobte Land Amerika zerfällt in seinen Träumen und Vorstellungen. Was bleibt, ist nichts. Cormac McCarthy lässt seine Geschichte hauptsächlich in Mexiko spielen. Hier ist es ein Land der Verdammnis, aber die Mörderbande besteht aus Amerikanern, einem Schwarzen und Überläufern – Indianern, die als Kundschafter dienen.

Eine der Hauptpersonen im Roman, ein äußerst vielschichtiger und interessanter Charakter, ist der „Richter“. Er gilt als ein Prophet der Geschichte. Ein Mann von großer Gestalt, der aber ebenso brutal wie gebildet agiert. Eine Karikatur des Übermenschen, unverletzbar, unsterblich, unbeschreiblich. In der Wildnis fertigt er Skizzen und wirtschaftliche Notizen an. Er erforscht die Geschichte der Ureinwohner, die er anderntags ohne Erbarmen mordet. Am Lagerfeuer philosophiert er über Gott und den Sinn des Lebens.

Die anderen Männern lauschen erstaunt dem bizarren Richter. Noch sind sie nicht ganz tot, und manchmal, aber selten werden Gefühle in den Männern wachgerufen. McCarthy schildert eine Welt ohne Beziehungen und Verpflichtungen untereinander. Ohne Frauen, ohne Erotik oder Liebe und ganz sicher ohne Moral, Recht und Ethik. Was bleibt, ist eine kümmerliche Nähe zwischen dem Richter und dem Jungen. Gegen Ende des Romans verrät sich dies in einem Kampf gegeneinander. Der Junge, in der bessern Position, gibt den tödlichen Schuss nicht ab. Sie begegnen sich Jahre später, eine letzte schicksalhafte Begegnung … Am Ende gibt es kein erreichtes Ziel. So sind eben der Tod und das Sterben eine ganz eigene Gewissheit.

Der Roman weist eine Ähnlichkeit mit dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ auf. Doch McCarthy beginnt dort, wo der Film aufhört. Die Dialoge sind sparsam gestreut, aber wenn, dann sind sie in ihrer Deutlichkeit nicht zu übertreffen. Still und grausam, aber auch quälend eindrucksvoll wie auf einer Harmonika gespielt werden die Massaker geschildert, bis die rasende Bewegung eins wird mit einer vollkommenden Ruhe.

„Die Abendröte im Westen“ wechselt von Panorama zu Panorama, von Mord zu Mord, von Untat zu Untat, und das mit einer Sprachgewalt, die ihresgleichen sucht. Wie entsteht eine Zivilisation, eine Gemeinschaft, ein Staat? Wie geradlinig ist solch ein Prozess? Es gibt immer Rückschläge und Abstürze und daraus immer wieder Rückbesinnungen auf die Fehler der Menschen, von denen diese dann lernen. Aber was reizt uns an solchen finsteren Werken? Ist es die Tatsache, dass der Schrecken in Bild und Text nicht die Wirklichkeit ist? Wird der Schrecken dadurch genießbarer? McCarthy paart in seinem Roman auch diese Gewalt mit der Schönheit und Einzigartiges jeden Lebens. Er zeigt uns in seinen Begründungen trotz der grundlosen und ungerechtfertigten Gewalt das verzerrte Spiegelbild einer sozialen Moral, die sich durch diese Zeit entwickelt hat.

Fazit

Wie auch „Die Straße“ kann ich diesen Roman nur empfehlen. „Die Abendröte im Westen“ ist provokativ und erklärt uns die Sinnlosigkeit de Gewalt. Ein Motiv ist eher nachrangig, denn man läuft nur Gefahr, dass psychologische Erklärungen immer Entschuldigungen sein können. McCarthy schildert und beweist, dass das Böse nicht ohne das Gute existieren und bestehen kann, dass alles immer zwei Seiten hat, und vielleicht war es auch das Motiv des Autors aufzuzeigen, dass niemand als „böse“ geboren wird, sondern sich erst dazu entwickeln muss – und dann auch nicht unverletzlich ist, sondern abschließend durch das „Gute“ besiegt und bezwungen werden kann. Die Brutalität des Romans hat mich dabei erschreckt und abgeschreckt, aber die Realität in dieser Zeit war grausamer, als es ein Roman oder ein Film zeigen können.

Spannend ist das Buch jedoch allemal, und ganz besonders gilt es für den Leser, über das Geschriebene nachzudenken – die Essenz des Lebens, die Wichtigkeit der Botschaften findet sich immer zwischen den Zeilen. „Die Abendröte im Westen“ ist Literatur, die zwar erschreckt, aber authentisch beschreibt und mit dem Mythos des edlen Mannes im „Western“ aufräumt. Was übrig bleibt, ist das Leben, um das sich alles dreht.

Taschenbuch: 384 Seiten
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