China Miéville – Der Krake

Mittlerweile schreibt der britische Schriftsteller produktive und ambitionierte phantastische Literatur, die in schöner Regelmäßigkeit mit Preisen gewürdigt wird. Sein erst 2010 in Deutsch erschienener Roman „Die Stadt und die Stadt“ wurde mit den wichtigsten Preisen ausgezeichnet wie Locus Award, Hugo Award und World Fantasy Award sowie in Deutschland dem Kurd Laßwitz Preis – wobei sich bei diesem Rundumschlag die Frage stellen könnte, ob es im entsprechenden Jahr keine Konkurrenz gab …

China Miéville hat einen bewegten Lebenslauf, so lebte er in jungen Erwachsenenjahren in Ägypten und unterrichtete dort Englisch, kehrte nach England zum Studium zurück und kandidierte für die sozialistische Partei im Unterhaus. Seine Schriftstellerei bezeichnet er überwiegend als Weird Fiction und tritt damit in Fußstapfen großer Vorbilder wie Lovecraft oder C. A. Smith. Seine Passion ist die Spielwiese des Molochs, der Großstadt mit allen undenkbaren Eigenschaften, die meist mehr als nur der Schauplatz seiner Erzählungen sind. Im vorliegenden Band widmet er sich der Persönlichkeit Londons.

Billy Harrow, Kurator im Naturkundemuseum Londons, ist Entdecker eines ungeheuerlichen Raubs: Der nahezu perfekt erhaltene Riesenkalmar, Sensation und Besuchermagnet des Museums, ist mitsamt seines Behältnisses spurlos aus dem Zentrum des Komplexes verschwunden. Die beginnenden Ermittlungen, die ungewöhnlich drastisch geführt werden, werden schnell von einer Sondereinheit übernommen und konfrontieren Harrow alsbald mit albtraumhaften Geschöpfen aus Mythen, Religion und Verbrechen. Dabei weiß er die Zeichen lange nicht zu deuten und scheut sich gleichsam vor Polizei wie anderen Gruppierungen, die ein erstaunliches Interesse an ihm als Präparator des Kraken haben und in ihm den Schlüssel zu den Ereignissen sehen.

Immer tiefer strudelt Harrow in die zweite Schicht der Londoner Welt hinab, zwischen übersinnliche Fähigkeiten und absurde Brutalität, mit der um die Vorherrschaft in dieser Welt gerungen wird – und zu der der Krake einen mehr als mythischen Bezug zu haben scheint, denn immer stärker werden die Anzeichen, dass ewige Prophezeiungen, die in dieser Verbindung von dem allumfassenden Ende der Welt sprechen, weit mehr sind als die obskuren Äußerungen von Endzeitpropheten.

Sein normales Leben liegt in unerreichbarer Ferne, sein Wesen und seine Fähigkeiten ändern sich im Umgang mit den neuen Bereichen und Erkenntnissen, und mit Hilfe weniger Vertrauter und einer Gruppe fanatischer Religiöser, die sich als Diener der Kirche des Kraken oder auch als Krakenisten bezeichnen, gelingt ihm die Verfolgung und Aufdeckung einer (für diese Welt) plausiblen Spur zu den Hintergründen und den Möglichkeiten, die Apokalypse zu verhindern.

Als ihm schließlich klar wird, dass er gerade durch sein wohlmeinendes Handeln die prophezeite Zukunft immer näher bringt, immer wahrscheinlicher und stärker macht, ist es schon zu spät: Finstere Mächte, die nach Unsterblichkeit und Allmacht durch die lovecraftsche uralte Macht der Kraken lechzen, bedienen sich seiner zum Erreichen ihrer Ziele. Das Universum allein kann die Veränderung im Machtgefüge verhindern, und so ist es an Harrow, dem Universum einen Denkanstoß zu geben …

Die Vielschichtigkeit des Romans erweckt mehr Protagonisten zum Leben, als in diesem insgesamt nicht zu dicken Buch detailgetreu entworfen und entwickelt werden können. So bleibt Miéville nur die Möglichkeit, mit knappen und präzisen Schwüngen die Eigenheiten hervorzuheben und Persönlichkeit zu erzeugen, und dieser Aufgabe ist der Brite in höchstem Maße gewachsen. Denn obwohl im Gegensatz zu der offensichtlichen Liebe des Schriftstellers zu düsteren und brutalen Städten auch in diesem Roman wieder die Menschen zu Kreuze kriechen, ist es mehr als der vielbeschworene menschliche Aspekt, der auch in Science-Fiction-Romanen im Vordergrund zu stehen hat, um den volksmündigen Makel der Schundliteratur mit jedem einzelnen Roman aufs Neue als nichtexistent zu beweisen, der diesen Roman bewegt. Neben dem Universum selbst hat auch die See eine – wenn auch weitgehend gleichgültige – Persönlichkeit, mächtiger noch als die Stadt, die mehr als einmal unerwartete Bewegungen macht, um Harrow und seine Begleiter zu tarnen. Es ist eine miévillsche Gratwanderung zwischen den Abstrusitäten (komisch eigentlich, dass ein großer Publikumsverlag sich mit solch innovativem Stoff behängt), ja, London erreicht hier eine ähnliche Qualität wie das ferne New Crobuzon oder besser, es erinnert an die Vielfältigkeit an der „Narbe“.

Billy Harrow ist eigentlich ein typischer Protagonist, der über seine Flucht an die wichtigsten Informationen gerät und schließlich zur Schlüsselfigur der Krise wird, die er mit Geist und Glück zu lösen versucht. Anders erhält das infernalische Duo aus Goss und Subby seine Sympathien. Diese uralten Geschöpfe, dem Aussehen nach Mann und Junge, vereinen die stärksten magischen Fähigkeiten in sich, über die dieses London zu verfügen scheint. Und in grenzenloser Brutalität und erschreckender Beiläufigkeit lässt der Autor dieses Paar agieren, ohne die Bilder ihrer Taten detailliert zu beschreiben. Es sind eher die indirekten Zeugen oder Beobachtungen, die aus diesen Szenen intensivstes Miterleben machen, dass sich die Nackenhaare (so vorhanden) aufstellen. Man denke nur daran, wie der Mann die Kunst des Faltens erlernt und an seinem Lehrer ausprobiert, wo man die Knochen splittern hört und bestialische Schreie vor dem geistigen Ohr des Lesers hallen … „Kunsten“ nennt die Population diese Kräfte in Ermanglung oder Ablehnung der typischen Begrifflichkeit. Die Polizei unterhält eine eigene Spezialeinheit, deren Mitglieder sich auf Kunsterei verstehen: Collingswood, die schlampige, hübsche junge Koryphäe, kommt eigentlich viel zu kurz und darf nicht einmal ihren zu Beginn in Erwartung gestellten Showdown mit Goss austragen.

Es gibt noch weitaus mehr tragende Rollen in dieser Erzählung, wie Dane, den Spezialagenten der Kirche des Kraken, mit dem Harrow einen Großteil seiner Odyssee erlebt, oder die Londonmantiker, die sich mit der Stadt selbst verständigen können, oder die großen Gangsterbosse, wie das „Tattoo“, ein tätowiertes Bildnis aus beweglicher Farbe. Oder eben Grisamentum, den lange verborgenen, den großen Unbekannten, der seine Essenz mit der Tinte des Kraken vermischen will …

Nach „Die Stadt und die Stadt“ erwartet man mit „Der Krake“ fast eine ähnlich bodenständig scheinende Erzählung, und so enttäuscht die weltliche Ebene bis zum Auftreten Collingswoods vorerst nicht. Umso überraschender dann Goss und Subbys Auftauchen aus dem Postkarton, mit dem Miéville den aggressiven Bruch einläutet und unsere Realitätsschicht verlässt. In dem Autor angemessenem Wahnsinn entwickelt sich die Geschichte und hinterlässt ein – … – großartiges, – Gefühl. China Miéville schreibt einzigartig und intelligent.

Taschenbuch: 736 Seiten
Originaltitel: Kraken
ISBN-13: 978-3404205608
http://www.luebbe.de

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