Mosse, Kate – verlorene Labyrinth, Das

Um den Heiligen Gral ranken sich vielen Geschichten. Alles Mythen und Legenden, die zu den vielfältigsten Spekulationen einladen. War der Heilige Gral der Kelch, aus dem Jesus beim letzten Abendmahl getrunken hat? Ist er ein greifbarer, real existierender sakraler Gegenstand oder verbirgt sich dahinter eine tiefere Symbolik, die für etwas ganz anderes steht? Ist der Heilige Gral gar der Stein der Weisen, der ewiges Leben und Glückseligkeit verspricht? Der Heilige Gral ist noch immer ein großes Rätsel, das auf seine Entschlüsselung wartet.

Dass dieser Themenkomplex mit seinen vielen offenen Fragen und Legenden einen ausgezeichneten Stoff für spannende Romane hergibt, wird sich spätestens seit dem durchschlagenden Erfolg von Dan Browns Verschwörungsthriller [„Sakrileg“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=184 herumgesprochen haben. Monatelang Platz 1 der Bestsellerlisten – das weckt vermutlich sowohl bei Autoren als auch bei Verlagen das Bedürfnis, Herrn Brown als Nummer 1 im lukrativen Verschwörungsthrillersektor zu beerben. Kein Wunder also, dass mittlerweile immer mehr Spannungsromane, die Historie, Mythos und Thriller verknüpfen, auf den Markt drängen.
So auch die Engländerin Kate Mosse, die mit ihrem Roman „Das verlorene Labyrinth“ ein vielversprechendes Debüt abgeliefert hat. Welche Hoffnungen man im Hause |Droemer| an dieses Werk hängt, zeigt nicht nur die liebevolle Aufmachung des Buches, sondern auch die aufwendig gestaltete und äußerst informative Website zum Buch: [http://www.das-verlorene-labyrinth.de.]http://www.das-verlorene-labyrinth.de

Alles beginnt damit, dass Alice Tanner, die aufgrund ihrer Freundschaft zu der Archäologin Shelagh O’Donnell für ein paar Tage an einer Ausgrabung im Languedoc mitarbeitet, einen spektakulären Fund macht. In einer versteckten Höhle findet sie zwei Skelette und einen steinernen Ring mit einer Labyrinthgravur. Das gleiche Labyrinth entdeckt sie in der Höhle auch als Wandmalerei. Alice hat gleich ein ungutes Gefühl dabei. Sie ahnt, dass sie etwas gefunden hat, das besser im Verborgenen geblieben wäre, doch dazu ist es nun zu spät.

Die Polizei riegelt die Ausgrabungsstätte ab, und als dann auch noch Paul Authié auftaucht und alles auf etwas ruppige Art in die Hand nimmt, so dass selbst der diensthabende Inspektor Noubel machtlos ist, ist sich Alice sicher, dass hinter der Höhle und dem Ring ein großes Geheimnis schlummert. Auf eigene Faust stellt sie ein paar Nachforschungen an und begibt sich damit in große Gefahr …

Dies ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Im zweiten Erzählstrang betrachtet der Leser den gleichen Ort, aber zu einer anderen Zeit. Es ist das Jahr 1209, ein Jahr, nachdem Papst Innozenz III. zum Kreuzzug gegen die [Katharer]http://de.wikipedia.org/wiki/Katharer im Languedoc aufgerufen hat. Zu dieser Zeit lebt die junge Alaïs in Carcassonne. Sie ist die Tochter von Bertrand Pelletier, der als Intendant im Dienste von Vicomte Trencavel steht, der im Frühjahr 1209 mit letzter Kraft einen Angriff der Kreuzritter durch Verhandlungen abzuwenden versucht.

In dieser heiklen Situation wird Bertrand Pelletier an eine weitere Pflicht erinnert, auf die er vor Jahren einen Eid geschworen hat. Er hütet ein Buch mit fremdartigen Zeichen, dessen Geheimnis um jeden Preis gewahrt werden muss. Es ist eines von drei Büchern der Labyrinth-Trilogie. Als Pelletier zu befürchten hat, dass ihm seine Loyalität zu Vicomte Trencavel keine Gelegenheit geben wird, seine zweite Pflicht zu erfüllen, zieht er Alaïs ins Vertrauen. Für sie beginnt ein Leben voller Intrigen, Gewalt und Leidenschaft, und sie versucht standhaft, das ihr anvertraute Geheimnis zu bewahren, in dessen Kern sich alles um den [Heiligen Gral]http://de.wikipedia.org/wiki/Heiliger__Gral dreht …

Die Mischung, die ein grober Handlungsabriss von „Das verlorene Labyrinth“ offenbart, erscheint auf den ersten Blick recht vielversprechend und schon der Handlungsrahmen, den Kate Mosse als Grundlage ihres Romans nimmt, ist relativ komplex. Es erscheinen unheimlich viele Figuren auf die Bildfläche, und so braucht der Roman eine ganze Weile, bis die Atmosphäre sich so richtig entfaltet und die Bühne für das große Stück bereitet ist. Versteht sich von selbst, dass man für eine Geschichte, die in zwei so unterschiedlichen Epochen spielt und so viele Figuren und Ereignisse vereint, eine gewisse Aufbauphase benötigt. Doch auch die hat durchaus schon ihren Reiz, wenngleich sie nicht frei von Makel ist.

Mosse springt stetig zwischen den beiden Zeitebenen hin und her, wobei die Häufigkeit der Sprünge mit wachsender Seitenzahl zunimmt. Anfangs ist man noch geneigt zu vergessen, dass es noch einen anderen Erzählstrang gibt, wenn sich Mosse über hundert Seiten der Geschichte der jungen Alaïs widmet. Zum Ende hin gehen die Sprünge dann so schnell, dass man nägelkauend weiterblättert und vor Spannung fast platzt. Mosse baut die Spannung ganz langsam und kontinuierlich auf, ohne dass es zwischendurch langweilig wird, denn bis die Spannung so richtig prickelnd und unerträglich wird, bekommt man stückchenweise einen historischen Roman vorgesetzt, der durchaus zu unterhalten weiß.

Mosse legt ein recht großes Gewicht auf die Atmosphäre. Sie widmet sich ausgiebigen Beschreibungen des mittelalterlichen Lebens in [Carcassonne,]http://de.wikipedia.org/wiki/Carcassonne__%28Frankreich%29 stets Alaïs als Mittelpunkt der Handlung im Auge behaltend. Einzige Schwäche, die insbesondere im mittelalterlichen Handlungsstrang auffällt, ist die Figurenzeichnung. Je weniger Gewicht Mosse auf den Spannungsbogen legt, desto mehr Raum bleibt den Figuren, und was sie in diesem Punkt auftischt, mag hier und da einfach nicht so recht schmecken. Teilweise sind die Figuren einfach zu klischeehaft skizziert. So fehlt die Tiefe, und die Handelnden zu durchschauen, gelingt recht schnell.

Der Gipfel der Klischeehaftigkeit sind Alaïs und ihre ältere Schwester Oriane. Die beiden sind in ihrer Gegensätzlichkeit ganz plump schwarz-weiß gezeichnet. Alaïs ist die gutherzige, edle, mutige Tochter, die den Vater ehrt, aus Kräutern Tinkturen braut, um den Kranken zu helfen und sich nicht zu schade ist, sich auch mal unter das gemeine Volk zu mischen. Oriane ist das Gegenteil. Eine durchtriebene Schlange, die stets nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist und sich beim Spinnen ihrer Intrigen ihrerseits nicht zu schade ist, dies auch mal auf Kosten der eigenen Familie zu tun.

So eine klischeehafte Gut/Böse-Skizzierung hätte vielleicht nicht unbedingt sein müssen. Sie bleibt in jedem Fall als unschöner Makel in einem ansonsten recht atmosphärisch und überzeugend inszenierten Mittelalterplot zurück. Die Spannung und Ungewissheit, die der Kreuzzug gegen die Katharer in das Leben in Carcassonne bringt, wird sehr schön greifbar. Mosses Beschreibungen sind sehr plastisch, ihr Stil hin und wieder ausschmückend, aber nicht hochtrabend. Alles in allem sehr flüssig lesbar, trotz Dialogen, die in einzelnen Worten hier und da mal auf Französisch und Okzitanisch wiedergegeben werden.

Während der mittelalterliche Handlungsstrang den Eindruck eines packend inszenierten historischen Romans vermittelt, setzt der Gegenwartsplot in erster Linie auf Thrillerelemente. Dass an Alices Leichenfund in der Höhle etwas merkwürdig ist, wird sofort klar, und so zieht Mosse in diesem Handlungsstrang den Spannungsbogen sinnigerweise gleich etwas straffer auf und heizt die Spannung durch immer wieder eingestreute Cliffhanger und Perspektivenwechsel an. Verfolgungen, anonym zugeschobene Hinweise und ein Mord – Mosse spickt die Thrillerhandlung mit allerhand spannungssteigernden Elementen. Alice fühlt sich verständlicherweise verfolgt, und die Suche nach der Wahrheit hinter dem Fund in der Höhle entwickelt sich mehr und mehr zu einem Katz-und-Maus-Spiel, bei dem Alice nicht weiß, wem sie vertrauen kann und wem nicht. So ein Stoff hat „Pageturner“-Potenzial.

Doch auch der Gegenwartsplot kommt nicht ganz ohne Schelte aus. Was die Freude trübt, ist der etwas überstrapazierte Faktor Zufall. Es passiert nicht nur einmal, dass man über die Art und Weise, wie Mosse Verknüpfungen zwischen den Figuren herstellt, die Stirn runzeln mag. Manche Zufälligkeiten erscheinen einfach zu groß, fast schon wie mit der Brechstange herbeigeführt, als dass die Konstruktion der Geschichte bis ins Detail überzeugen könnte.

All das ist in der Praxis allerdings schnell vergessen, wenn Mosse im letzten Buchdrittel die Spannungsschraube dann so richtig anzieht. Die Ereignisse beginnen sich zu überschlagen und man hat als Leser allerhand zu tun, alle Ereignisse auf die Schnelle zu sortieren. Dennoch bleibt der Roman trotz der zahlreichen Figuren und Handlungsebenen gut überschaubar. Gewisse Dinge erscheinen für den kritischen Betrachter obendrein nicht wirklich unvorhersehbar. Mich persönlich hat die Auflösung somit auch nicht wirklich überrascht, wenngleich das Ende hochgradig spannend ist und man kaum eine Chance hat, das Buch zur Seite zu legen. Etwas kitschig mutet dann allerdings der Epilog an, der dem Finale die Krone aufsetzt. Was Mosse hier an Kitsch aus der Kiste zaubert, hätte auf den letzten Seiten dann vielleicht doch nicht mehr sein müssen.

Was sicherlich zwiespältige Meinungen hervorrufen wird, sind die eingestreuten mystischen Elemente. Immer wieder hat Alice Visionen, immer wieder gehen ihr fremde Erinnerungen durch den Kopf. Mosse setzt bei ihren beiden Hauptfiguren sehr stark auf Gemeinsamkeiten, die über die Zeit hinweg bestehen und eine Zusammengehörigkeit andeuten, die darin gipfelt, dass am Ende in beiden Handlungssträngen der Showdown am gleichen Ort stattfindet. Gerade diese Erinnerungsfetzen und Visionen mit ihrem übersinnlichen Touch werden nicht jedem gefallen – mir auch nicht unbedingt. Bei einer Thematik, die sich im Kern aber ebenfalls um einen Mythos wie den Heiligen Gral dreht, kann man solche mystischen Elemente dennoch halbwegs verzeihen.

Bleibt am Ende ein etwas durchwachsener Eindruck zurück. Dan Brown wird durch seine debütierende Kollegin Kate Mosse ganz sicher nicht vom Sockel gestoßen. „Sakrileg“ bleibt innerhalb des Genres und gerade auch mit Blick auf die artverwandte Thematik unerreicht. „Das verlorene Labyrinth“ liest sich zwar durchweg spannend, kann einige Schwächen aber nicht verbergen.

Dennoch lässt einen die nervenaufreibende Spannung während der Lektüre einige Schwächen erst einmal im Geiste beiseite schieben. Die Mischung aus historischem Roman und modernem Mysterythriller ist temporeich und macht trotz der Schwächen die ganze Zeit über Spaß. Die Thematik rund um den Heiligen Gral ist sicherlich nicht die Neuerfindung des Rades, aber dennoch interessant genug, damit sich daraus lesefreundliche Unterhaltungslektüre wie „Das verlorene Labyrinth“ zaubern lässt. Bleibt zu hoffen, dass Kate Mosse die Schwachstellen ihres Debütromans für die Zukunft ausmerzt. Vielleicht kratzt sie dann ja etwas erfolgreicher am Denkmal des Genreaushängeschilds Dan Brown. Potenzial wäre noch da.