Maurice Procter – Verdammte Juwelen

Procter Juwelen Cover kleinDrei kleinen Gaunern gelingt unverhofft ein Riesencoup, doch dann stirbt ihr Opfer, ein brutaler Gangsterboss will ihnen die Beute abjagen und im Hintergrund wartet die Polizei: Der Kampf um Geld wird zum Wettlauf mit dem Tod … – Zwar dräut deutlich der moralische Zeigefinger, doch dieser Krimi um drei Kriminelle wider Willen erzählt seine Geschichte spannend und mit erstaunlich fatalistischem Unterton. Am Ende siegt zwar die Moral, aber dieser Sieg schmeckt bitter, denn er unterscheidet nicht zwischen Tätern und Gestrauchelten.

Das geschieht:

Lou Fingerhut, Goldie Duggan, China Cribb: Drei erfolglose Boxer aus The Angel, einem Stadtteil im Londoner Bezirk Islington, stehen vor dem Nichts. Die Not lässt sie zu Verbrechern werden. Lou hat von einer reichen Witwe gehört, die ihren Schmuckschatz stets bei sich zu tragen pflegt. Er weiß, wo sie derzeit residiert, und plant sie mit seinen Kumpanen auszurauben.

Der Überfall gelingt, doch das unerfahrene Trio hat sein Opfer zu gründlich gefesselt: Die Witwe erstickt an ihrem Knebel. Zum Raub kommt nun Mord, die Polizei fahndet mit einer Entschlossenheit, die unseren Möchtegern-Kriminellen zu Recht Todesangst einjagt. An Flucht ist nicht zu denken, denn die erbeuteten Juwelen sind ‚heiß‘ und müssen von einem Hehler erst neu geschliffen werden, um verkauft werden zu können.

Dieses Problem kann gelöst werden, doch unterdessen protzt der unbedarfte China vor einer Ex-Freundin mit einem der Ringe aus der Beute. Lola hat sich freilich längst einen anderen Galan geangelt: Mike King ist ein gefürchteter Gangsterboss, der interessiert aufhorcht, als ihm seine Geliebte von Chinas Prahlereien erzählt. King reimt sich rasch zusammen, dass China in den spektakulären Juwelenraub, von dem die Zeitungen berichten, verwickelt ist. Er will dem Boxer die Beute abnehmen und hetzt seine Bande auf China.

Lou und Goldie haben eigene Sorgen. Der Hehler wird nervös, Lous Frau allzu neugierig. Das Wissen um den Verbleib der Juwelen verbreitet sich ungeachtet aller Schweigegelöbnisse weiter. Die Polizei kommt dem Trio langsam aber sicher auf die Spur. Panik macht sich breit, die Spannung wächst bis zum Siedepunkt, an dem sie sich gewaltsam und blutig entlädt …

Verbrechen ist ein Job für Profis

Drei Männer am Ende. Sie sind keine ‚echten‘ Verbrechen, sondern nur kleine Gauner, die sich auf eine Sache einlassen, die viel zu groß für sie ist. Zur mangelnden Erfahrung kommt unterdurchschnittliche Intelligenz, woran die eingesteckten Kopftreffer nicht unschuldig sein dürften. Da das Glück manchmal mit den Dummen ist, wie das Sprichwort sagt, gelingt ihnen der dilettantische Raub-Streich. Doch der Preis, den sie für die erbeuteten Juwelen erzielen können, ist nicht annähernd hoch genug für das Unheil, das sie erwartet. Plötzlich sind sie Mörder. Ein Verbrechen führt zum nächsten. Verrat und Intrigen schwächen den Zusammenhalt der Gruppe, Fehler und die Tücke des Objekts schwächen ihre Deckung zusätzlich.

Darüber bemerken sie zu lange nicht, dass die Polizei das geringere Problem darstellt. Denn an anderer Stelle lauern jene, denen die Lous, Goldies und Chinas dieser Welt als Handlanger und Opfer dienen. Sie beherrschen, was den drei Verlierern abgeht: die Fähigkeit sich ihrer Mitmenschen zu bedienen und das Wissen, wie Spuren zu verwischen sind. Mike King muss sich nicht einmal selbst die Finger schmutzig machen; für die Drecksarbeit hat er seine Leute. Lou und seine beiden Spießgesellen verfügen nicht über den Rückhalt einer Bande oder verlässliche Verbindungen zur Unterwelt. Sie stehen allein, und das nicht nur gegen die Polizei, sondern auch gegen Kings Strolche.

Sie haben keine Chance, das ahnen sie sogar selbst, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Deshalb nehmen Lou, Goldie und China den Kampf auf. Wiederum fehlt ihnen die Einsicht zu begreifen, wie weit King gehen wird. Stück für Stück geht ihre kleine Welt in die Brüche. Bald sehen wir sie nur mehr laufen oder besser: flüchten. Sie sind – auch das gehört zum Genre – unfähig den Kampf aufzugeben, denn allzu nahe scheint die Chance, endlich die Verliererstraße verlassen zu können. Dabei laufen sie nur im Kreis, das Schicksal hat sie fest im Griff: „Verdammte Juwelen“ ist sehr offensichtlich ein „Noir“-Krimi.

Menschen im moralischen Zwielicht

Verbrechen lohnt nicht: Schön wäre es aber so ist es nur dort, wo die Moralisten dieser Welt den Daumen auf die Realität halten können. Das gelang ihnen nie perfekt. Dennoch gab es Zeiten, in denen ein Kriminalroman, der nicht als „Schund“ verteufelt werden wollte, mit der Überführung des Täters durch eine übermächtige Polizei und seiner gerechten Bestrafung enden musste. Der II. Weltkrieg sorgte zumindest im angelsächsischen Raum für den Bruch mit dieser Regel. Die Wirklichkeit hatte das Wunschdenken zumindest vorläufig gründlich entlarvt.

Der „Film Noir“ ist eines der Ergebnisse dieses Umdenkens. Die Grenzen zwischen ‚Gut‘ und ‚Böse‘ verschwimmen in einem moralischen Grau. Was ist eigentlich Verbrechen? Offensichtlich etwas, das auch die Vertreter von Recht und Ordnung infizieren kann. Doch auch wenn sie redlich bleiben, sind die Polizisten des „schwarzen“ Krimis desillusioniert, ausgebrannt, brutal. Wenig erfreut dürften die Leserinnen von Procters Frauenbild sein, obwohl es dem „schwarzen“ Krimi entspricht. Frauen sind hier stets Ursache oder Auslöser gefährlicher Uneinigkeit dort, wo Zusammenhalt und Unterstützung von Nöten wären. Vier Frauenfiguren gibt es in „Verdammte Juwelen“: eine dumme, ehebrecherische Gattin, eine egoistische Schlampe, eine geistig derangierte Säuferin und ein infantiles Gänslein. Sie sind ‚ihren‘ Männern nie Stütze, sondern Mühlstein am Hals. Ihr geistiger Horizont ist auf ihre kleine, egoistische Welt beschränkt; sie fordern ständige Aufmerksamkeit, finanzielle Sicherheit, gesellschaftlichen Status. Als Katalysator für das Verhängnis taugen Procters Frauen allemal!

Perfekte Verbrechen scheitern an Banalitäten aber eigentlich haben die Beteiligten nie eine Chance. Sie sind verdammt und tragen den Keim ihres Untergangs in sich. Glanzvoll und in ihrer Kriminalität faszinierend wirken sie nicht. Lou, Goldie und China sind perfekte „Noir“-Protagonisten: Sie machen sich selbst etwas vor, sie werden betrogen und belügen einander. Geschickt setzt Autor Procter Stein auf Stein und errichtet eine Mauer, die seine drei tragischen Helden immer weiter von der ersehnten Freiheit trennt und schließlich über ihnen zusammenbricht. Lou Fingerhut fasst es im Schlusssatz desillusioniert aber präzise in Worte: „Es war alles umsonst gewesen. Die ganze Unruhe, die Gefahren und die Anstrengungen umsonst – gänzlich umsonst.“ (S. 172) Dies in seiner unerbittlich konsequenten Abfolge zu beobachten ist bedrückend aber spannend.

Autor

Maurice Procter wurde am 4. Februar 1906 in Nelson, einem Städtchen in der mittelenglischen Grafschaft Lancashire, geboren. 1927 ging er zur Polizei. In seiner Freizeit schrieb Procter mehrere Kriminalromane aber erst 1947 fand er einen Verleger.

Procter verließ die Polizei und wurde freiberuflicher Schriftsteller. Er gehört nicht zu den ‚großen Namen‘ des Kriminalromans, doch zur intimen Kenntnis der Polizeiarbeit gesellten sich eine Vorliebe für die Darstellung ‚realistischer‘ Verbrechen, die Fähigkeit zur Schaffung glaubwürdiger Figuren und ein unprätentiöser, fast nüchterner Schreibstil.

Neben Einzelromanen verfasste Proctor eine Serie um Detective Chief Inspector Harry Martineau von der „Granchester City Police“; Granchester ist eine fiktive Industriestadt in Nordengland, für die Manchester Modell stand. Der erste Band dieser Reihe („Hell Is a City“) wurde 1960 als grob geschliffenes, eindringlich gespieltes B-Movie verfilmt.

In den späten 1960er Jahren verfiel Procters Gesundheit. Schon 1959 hatte er einen Herzanfall erlitten, sich jedoch wieder erholt und seine Arbeit fortsetzen können. In Halifax ist Maurice Proctor 1973 gestorben.

Taschenbuch: 172 Seiten
Originaltitel: Three at the Angel (London : Hutchinson 1958)
Übersetzung: Max Beutler

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